An einer Utopie arbeiten

Es ist nun definitiv Zeit umzudenken. Was unsere Väter und Großväter als Fortschritt bezeichneten, zerstört unseren Planeten. Wissenschaft ist kein Selbstzweck, nicht alles was technisch machbar ist gut, nicht alles was Spaß macht und unsere Sinne befriedigt ist sinnvoll. Jetzt hören wir von vielen Seiten immer wieder, uns auf die kleinen Schritte vor uns zu konzentrieren, nur so kämen wir gemeinsam voran. Dies mag hier und da auch richtig sein, lenkt aber vom Wesentlichen ab. Wo wollen wir eigentlich hin?

Macht es Sinn ins Weltall zu fliegen und dabei unsere Erde verbrennen? Ist es wirklich eine gute Idee unsere extrem komplexe Biodiversität hier aufs Spiel zu setzten, um auf einem Wüstenplaneten Wasser zu suchen und darüber nachzudenken, wie wir dort die elementarsten Bedingungen für Leben künstlich erzeugen können? Wieso glauben so viele, dass das sinnvoll sei?

Wissensstrukturen

Es gibt Urvölker, die seit Jahrtausenden mit der Natur im Einklang leben. Der Erfahrungsschatz wächst sehr langsam, wird mündlich von einer Generation an die nächste weitergegeben. Diese mündliche Tradition ist ein Nadelöhr. Zum einen braucht man für die mündliche Überlieferung Narrative. Zum anderen ist der Informationsfluss begrenzt. Das Wissen stirbt mit dem Wissensträger. Nur das, was weitererzählt wurde, und im Gedächtnis behalten wurde, überlebt. Es gibt keine wesentliche Wissensakkumulation. Veraltetes Wissen stirbt aus und wird durch neues ersetzt. Es gibt eine Wissenskonzentration und Selektion.

In den ‚fortschrittlichen Zivilisationen‘ wird Wissen hingegen archiviert. In Wissensspeichern, wie Bibliotheken oder Netzwerken, wird alles gespeichert. Es ist für sehr viele Menschen zugänglich und erlaubt eine extreme Spezialisierung. Diese Spezialisierung verliert den Kontext aus den Augen. Arbiträre Maximen werden zu Leitmotiven: Wohlstand, Macht, Genuss. Wissen wird instrumentalisiert, um diesen Maximen zu dienen. Wir nennen dies Freiheit der Wissenschaft. Wissen wurde aus den großen Narrativen herausgelöst und befreit. Wir sagen säkularisiert oder modernisiert (Galileo).

Nun haben wir diesen Turm von angehäuften Wissen. In einer babylonischen Sprachverwirrung wissen wir nicht mehr, wohin wir wollen. Wir brechen das Masternarrativ und setzen Mikronarrative frei. Wir nennen das Pluralität oder postmodern (Lyotard).

Über all diese wurde viel geschrieben. Wir haben eine Welt erzeugt, die wundervoll komplex ist. An vielen Orten gibt es eine schillernde Toleranz, unsere Kreativität wurde entfesselt und unser Geist beflügelt. Wir haben Technologie, die es uns ermöglicht unser Wissen, unsere Kommunikation, unsere Körper, Raum und Zeit zu transformieren. Es macht sicherlich keinen Sinn, die Zeit zurückdrehen zu wollen. Früher war nicht alles besser.

Biologische und geistige Wissensspeicher

Was mir wichtig erscheint, ist die Blickrichtung. In den Industrienationen fokussieren wir auf Technik. Was im Internet ist, ist real. Wir sind schon seit langem im Hyperrealen (Baudrillard) angekommen. Erst langsam erkennen wir die Komplexität von biologischen und geistigen Wissensspeichern (wieder) an. Wenn Wissen in lebenden ‚Archiven‘ gespeichert ist, so ist es Teil des Lebens. Das heißt nicht, dass es immer gut ist, im Gegenteil, es ist wahrscheinlich wertneutral. Es ist aber eben Teil in eines komplexen Systems. Dieses ‚System‘ sollten wir jedoch nicht kybernetisch verstehen. Ziel ist nicht die Entschlüsselung und Nachahmung bzw. Simulation (Biomimikry). Ziel sollte es vielmehr sein, uns zu reintegrieren, wieder Teil von Natur und Bewusstsein zu werden.

Ich denke nicht, dass dies ein Rückschritt sein muss. Ich zweifele nur an dem Glauben an eine technische Singularität. Die Ideologie des Silicon Valleys, dass der nächste große Schritt die Überspielung des Bewusstseins auf eine Festplatte, eine Integration im Netz oder in der Hyperrealität uns wirklich hilft. Den biologischen Menschen würde es eher ein Alptraum werden. Die Frage bleibt doch zu sein, warum wir das erstreben. Der Traum der Unsterblichkeit ist der Motor, im Kern der Erhalt des Selbst. Genau jene Illusion gilt es aber zu überwinden. Wenn uns dies gelingt, als wessen Teil wollen wir uns dann verstehen? Computerprozessoren, Natur und/oder Bewusstsein?

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