Fokuspunkt

Wie sähe eine Welt aus, ohne den Fokuspunkt einer Linse? Unsere Augen haben eine Linse, die das Licht bündelt, auf einer Ebene fokussiert, damit die Retina dieses fokussierte Bild aufnehmen kann – als Bild in einer Eben. Die Lichtstrahlen werden von Rezeptoren eingefangen und an das Gehirn weitergeleitet. Diese Vibration der Nervenzellen wird in eine andere Vibration, die des Bewusstseins, transkribiert. Dieses Prinzip wurde in der Camera Obskura und dem Cinematografen kopiert und bildet die Grundlage klassischer Fotografie und Film bzw. Videoaufzeichnungen.

Wie sähe also eine Welt aus, die wahrgenommen wird von einem Bewusstsein, das keine Linse in der visuellen Wahrnehmung dazwischengeschaltet hat? Der Raum wäre lichtdurchflutet, Farben währen wohl sichtbar, es gäbe aber keine räumliche Tiefe, keine Objekte. Wie würde sich ein Bewusstsein darin orientieren?

Sinne

Ein Neugeborenes hat die ersten Tage die Augen noch geschlossen. Zuerst muss der eigene Körper wahrgenommen werden, Grob- und Feinmotorik, Hunger, Schmerz, Müdigkeit. All das kommt wohl zuerst. Erst später kommen Seh-, Tast-, Hörsinn. Die Grenzen zwischen dem eigenen Körper und der Außenwelt müssen erkundet werden. Ist der Gegenstand in der Hand Teil des eigenen Körpers oder nicht? Wie verhält sich das Hungergefühl zur Milchflasche? All diese Wahrnehmungen kommen ohne die visuelle Repräsentation aus. Die Objekterkennung läuft zu großen Teilen über die Motorik, den Geschmack und Tastsinn. Also sehr direkt.

Die Wahrnehmung dessen, was nicht in direkter Körperkontaktebene ist, kommt später über Geruch, Sehsinn und Hörsinn. Das, was weit weg ist, muss sich mir irgendwie darstellen. Der Kontakt ist ein physikalischer, Lichtwelle, Schallwellen, Geruchsstoffe. Sie kommen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit an den Sinnesorganen an und hinterlassen dort einen Eindruck, sie schreiben sich in den Sinnen ein, eine Resonanz, ein Rhythmus, eine Verschmelzung oder Intermission findet statt. Beim Geruch und Hörsinn sind die Sinne den Vibrationen direkt ausgesetzt. Zwar ist das Gehörorgan, das Riechorgan, das Geschmacksorgan ziemlich komplex, denn die wahrgenommenen Vibrationen müssen so umgesetzt werden, dass das Gehirn sie verarbeiten kann, doch ist keines dieser Organe so kompliziert wie das Auge.

Sind die Probleme der westlichen Philosophie retinal?

Das Auge erzeugt also ein Abbild. Hier ist die Wurzel der Repräsentation. Welche diese Abbilder sind physische Realität, Lebenswelt, Kunst? Mir scheint, dass die meisten Fragen der Philosophie aus diesem retinalen Prozess heraus entstehen. Im Zentrum westliche Ästhetik steht daher die Frage nach der Repräsentation. Die Versuche, Repräsentation als Grundlage ästhetischer und epistemologischer Philosophie zu verstehen, führt auf alle möglichen Irrwege. Sie führen in eine Philosophie die die Welt als Objekte versteht, die sich uns darbieten. Das hat Konsequenzen nicht nur für die Kunst, sondern für die Ökonomie, Politik, Gesellschaft, Naturwissenschaft…

In der indischen Ästhetik ist es Rasa, ein völlig anderer Zugang. Es geht hier um einen Bewusstseinszustand, der durch die Sinnesreize erleichtert wird. Sich in diesen Zustand zu begeben und dort zu verweilen, ist Ziel von Kunst. Kunst öffnet ein Tor zu höherem Bewusstsein – Satchitananda. Der Ursprung liegt in den Vedas. Rasa ist der Geschmack, Rasa ist nicht retinal. Rasa ist die Essenz.

Literatur:

Goswamy, B. N., und Vrinda Agrawal. 2018. Oxford Readings in Indian Art. Oxford University Press.
Seturaman, V. S. 2000. Indian Aesthetics:An Introduction. Macmillan Publishers India Limited.

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