Leere

Seit vielen Jahren schon ist mein Geist die meiste Zeit von Leer erfüllt. Auch mein Gedächtnis ist nicht gut und oft wiederhole ich Wörter oder Sätze in meinem Geist, ohne zu wissen warum. Oftmals sind es einfach Erfahrung in einem Wort in einer Endlosschleife, gewissermaßen wie ein Mantra.

Mich hat das lange Zeit sehr beunruhigt. Ich habe versucht, Entschuldigungen und Rechtfertigungen dafür zu finden. Z.B., dass ich viel geistig gearbeitet habe und mein Geist einfach erschöpft ist, bis hin zu einem Burn-out. Ich habe mir gesagt, dass mein Gedächtnis nicht richtig oder anders funktioniert, weil ich in drei Sprachen lebe, denke, fühle, erfahre. Wie speichern wir Erfahrungen, Gedanke, Wissen in unseren Geist? Wenn ich etwas in einer Sprach erfahre, lerne, erkenne, kann ich es dann in einer anderen Sprache abrufen – ohne Unterschied? Und wenn mein Geist ein Wort wiederholt, 20, 30 mal, weil er quasi über etwas stolpert, es nicht ganz einordnen oder begreifen kann, ist es dann, weil der Geist langsamer wird, verwirrt ist?

Vor allem aber wusste ich nicht, wie ich die Leere in meinem Geist einordnen sollte. Ich dachte immer, es wäre erstrebenswert, wenn der Geist ständig aktiv wäre, produktiv, umtriebig. In die Welt zu schauen und sie als solche wahrzunehmen, erschien mir unproduktiv, faul. Ich habe das als Pausen gerechtfertigt, als Kräfte sammeln und zur Ruhe kommen, um dann wieder produktiv zu sein. Lässt sich das irgendwie steigern, fragte ich mich.

Unbehagen

Ich fühle also seit vielen Jahren ein Unbehagen in meinem Geist. Diese Leere und das mantrahafte Wiederholen von Wörtern, das Suchen von Informationen im sprachverwirrten Gedächtnis, all das scheint mir nun ein Hinweis gewesen zu sein, dass die gesellschaftlich geforderte Produktivität mir Unbehagen bereitet. Es ist, als ob sich in meinem Geist etwas regt, das sich diesem falschen Bewusstsein entzieht. Lange fühlte es sich wie eine Schwäche an, wie ein Versagen. Mein gesellschaftlich konditioniertes Selbst verurteile diese Momente. Etwas schien nicht auf Maximalperformance zu laufen.

Jetzt wird mir klar, dass hier etwas zu Vorschein kommt, das sich nicht unterdrücken lässt. Es ist ein anderes Bewusstsein. Ein Bewusstsein eines anderen Zusammenhangs, kontemplativ, meditativ, spirituell, sehend. Es ist ein Bewusstsein, das sich dem Alltag entzieht, das Selbst hinter sich lässt, die konstruierte Biografie als solche abstreift. Es ist ganz natürlich, dass die Zugriffsmechanismen des Geistes auf die eigene Erinnerung dann nicht mehr funktioniert. Der Geist will ja genau dies nicht mehr tun, und wenn ich ihn zwingen will, sträubt er sich und ermüdet. Dieses andere Bewusstsein, ein wacheres, selbstloses, sehendes möchte in meinem Fall seit vielen Jahren nach Indien. Es möchte nach Hause.

Heimweh

Etwas in mir hatte Heimweh. Nun es ist hier in Indien. Alles fühlt sich eigenartig vertraut an. Die Klänge und Gerüche an sich fremd, die Tatsache ihrer Existenz nicht. Die Menschen um mich herum (nicht die Touristen) tun, was sie tun müssen, mit einer großen Gelassenheit, alles scheint sich in einem organischen Fluss zu befinden. Namaste.

Synthese

Ich habe lang gebraucht, diesen Schritt zu tun, mir all dies einzugestehen. Dies geschieht hier auf einer anderen Ebene, nicht durch eine intellektuelle kritische Haltung gegenüber der Gesellschaft – das habe ich Jahrzehnte lang kultiviert – sondern um eine geistig spirituelle Einsicht, um Heimkehr.

Gestern habe ich ein Seminar besucht zur Rezitation und Interpretation von Rigveda Mantras. Vom Sanskrit Original ausgehend, wurden verschieden Übersetzungen von Sri Aurobindo verglichen. Ich hatte diese intellektuelle Strenge nicht erwartet, und es hat mir die Augen geöffnet, wie wichtig es ist, in die Quelltexte einzusteigen. Diese Mantras fühlen sich an, als ob ich sie vor sehr langer Zeit oft gesungen hätte. Mir geht das bei einiger gregorianischer und byzantinischer Musik auch so, ebenso wie bei Ragas, jüdischen Chansons, und Simon and Garfunkel…

Blickrichtung

Ich frage mich natürlich, ob diese Rückschau wirklich die Antwort ist auf die globalen Herausforderungen. Ich denke in vielerlei Hinsicht schon. Wenn wir wirklich etwas ändern wollen, so ist ein Nachdenken über einen Status quo falsch. Klimaziele an einem Jahr in der Vergangenheit festzumachen ist falsch (obgleich das ein richtiger und pragmatischer erster Schritt ist), ebenso lässt sich Frieden nicht am Aufrechterhalten von Landesgrenzen festmachen (wenngleich ein aggressiv Überschreiten natürlich falsch ist).

Viel grundlegender, und eigentlich wichtiger, ist doch das warum. Wie sehen wir die Zukunft der Menschheit? Und das kann doch eigentlich nur heißen, dass wir die Pluralität und Buntheit der Menschen sich entfalten lassen, im Einklang mit unserer Umwelt. Und diese Antriebskraft, die uns uns selbst entfalten lässt, ist doch nicht ein Status quo, das kann kein Wohlstand sein und auch nicht das Kapital.

Wir müssen weg von der materialistischen und ökonomischen Denkweise, die wir seit der Aufklärung missverstehen. Ich habe Jahre damit verbracht, mir selbst beizubringen, dass mein Geist nicht existiert und nur ein illusorisches Nebenprodukt eines neurochemischen Prozesses ist, den ich nicht verstehe. Ich habe Jahrzehnte damit verbracht, Kunst als einen theoretischen Diskurs zu verstehen, der die Prinzipien der Wahrnehmung reflektiert, und ich habe viel Zeit damit verbracht, soziale Prozesse als System zu verstehen, das der Logik von Informationsprozessen folgt. Ich frage wirklich, warum ich das getan habe?

Was war der Sinn und Zweck dahinter? Das einzige, was mir dazu einfällt, ist der Fortschritt der Wissenschaft und der Aufstieg des Informationszeitalters. Wir haben auf diesen reduktionistischen Denkprinzipien eine Welt aufgebaut, deren Resultat wir nun sehen. Es hat eine globale Elite erzeugt, die sich jedem Genuss hingeben kann und einen Großteil der Weltbevölkerung in bittere Armut gestürzt hat. Bezahlt hat das alles die Natur, die auf dem letzten Loch pfeift. Ich denke wirklich nicht, dass Diskussionen über Engeriespaarlampen uns hier herausbringen.

Globales Bewusstsein

Wir müssen anfangen, darüber nachzudenken, was wir hier tun. Es steht eine gewaltige Aufgabe vor uns, an einem globalen Bewusstsein zu arbeiten. Wir müssen alle Ressourcen, die wir haben, dafür aktivieren. Ich denke, das ist vielleicht ein Grund, warum fundamentalistische Positionen wieder erstarken. Sie werden reaktiviert, um ihren Kern zu verstehen. Dass dies von Macht missbraucht wird, überrascht dabei nicht sehr. Wir können das aber nur durch Dialog synthetisieren. Mauern zu bauen, um einen Status quo zu festigen, ist der völlig falsche Ansatz.

Es ist die Leere im Geist, die Raum schafft dem anderen zu begegnen, wenn wir das Selbst hinter uns lassen, wird Vielfalt in Einheit möglich.

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