Die Radikalität des Jetzt

Wir leben ja nur im Moment. Oftmals klingt das wie ein Vorwurf. Du sollst nicht nur im Moment leben, denk an die Zukunft, sei dir deiner Verantwortung bewusst. Das Leben im Moment gilt in vielen modernen Gesellschaften als eine Träumerei, als unproduktiv und eskapistisch.

Für diejenigen, die Zeit haben, über das bloße Überleben in einer kapitalistischen oder sozialistischen oder wie auch immer gearteten Ökonomie hinaus noch etwas Zeit für sich aufzubringen, scheint die große Antriebsfeder zu sein, etwas zu hinterlassen: Dokumente des Erfolges, Einträge in Bibliotheken oder Eingravierungen auf öffentlichen Oberflächen. Doch wenn wir ehrlich sind, ist selbst von den sieben Weltwundern nicht viel übrig geblieben. Dieses Verlangen, eine Spur in der Geschichte zu hinterlassen, dient nicht der Entfaltung des eigenen Lebens, sondern der Produktivität eines Systems, das wir als politisch oder kulturell begreifen können. Es dient einem Fortschritt, der das individuelle Selbst, seine Seele, seine Lebensenergie und spirituelle Tiefe auf seine Arbeitskraft oder Kreativität reduziert.

Das Leben im Moment, dem Jetzt, eröffnet Räume der Existenz, die sich der Produktivität widersetzen, und ist somit radikal. Diese Radikalität erfahren viele in Glücksmomenten, wenn die Zeit stillsteht, das Gegenüber zum Zentrum der Aufmerksamkeit wird oder die erhabene Natur unsere eigene Existenz zur Resonanz bringt. Diese Radikalität, die oftmals das Potenzial zur Transformation hat und uns dazu bewegt, etwas zu ändern, legt eine Energie frei, die die Systeme unserer Gesellschaften entweder als Bedrohung verstehen oder zu kapitalisieren versuchen.

Ich sitze in einem Meditationszentrum und frage mich einige Male am Tage, was ich hier tue. Ich bin nicht produktiv … Ich helfe ein bisschen im Alltag, so wie alle hier, und in meiner freien Zeit arbeite ich wenig, d. h., ich tue Dinge für andere Menschen. In der Zeit hingegen, die ich mir nehme, bin ich bei mir selbst, bei jener Stille und Leere, in der das Nichts und das Sein im ständigen Spiel sind. Jenes Spiel, das unsere Existenz bestimmt, dessen Genuss der Seele vorbehalten ist und das im Ganzen als Schöpfung erfahren wird.

Und doch ist es ja gerade diese Schöpfung, die nur im Moment existiert. Nur dadurch, dass ich sie erfahre, existiert sie überhaupt. Ich möchte hier nicht in die Falle des Solipsismus treten. Vieles, was außerhalb meiner Wahrnehmung in diesem Moment existiert, ist schlüssig. Die Welt des Makrokosmos spiegelt jedoch nur den Mikrokosmos. Die tiefe Einsicht großer Lehren ist, dass beide Kosmen, der Mikro- und der Makrokosmos, das Draußen und Drinnen, identisch sind.

Wir haben das vergessen. Wir denken, dass es so viel da draußen gibt, das ich nicht weiß, und dass so viel von dem, was ich erfahre, nicht real ist. Dieser Zwiespalt, dieser Missklang definiert unsere globale Situation als Menschheit, und es wird wenig getan, das zu harmonisieren. Leibniz sprach von einer prästabilisierten Harmonie, Spinoza von Immanenz. In der Meditation geht es manchmal auch um die Erfahrung dessen: nicht als philosophische Einsicht, sondern als echtes Sein im Moment.

Denn nur in der Erfahrung des Moments, der Erfahrung der eigenen Existenz als innere Erfahrung und als Existenz im Jetzt, werden diese tiefen Widersprüche des Seins harmonisiert. Das Leben im Moment wird zur Erfahrung der Existenz; ein Eintrag in die Geschichtsbücher ist dafür nicht notwendig.

„The nonexistent did not exist, nor did the existent exist at that time. There existed neither the airy space nor heaven beyond.

What moved back and forth? From where and in whose protection? Did water exist, a deep depth?

Death did not exist nor deathlessness then. There existed no sign of night nor of day.

That One breathed without wind by its independent will. There existed nothing else beyond that.“

Rigveda X.129, Creation

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