Leben – New Spirits – Reading Deleuze in India https://readingdeleuzeinindia.org/de Bewusstsein existiert nur in Verbindung mit anderem Bewusstsein Thu, 25 Dec 2025 05:30:30 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.1 https://readingdeleuzeinindia.org/wp-content/uploads/2022/06/cropped-small_IMG_6014-32x32.jpeg Leben – New Spirits – Reading Deleuze in India https://readingdeleuzeinindia.org/de 32 32 Verteidigen – Reagieren – Vereinigen https://readingdeleuzeinindia.org/de/verteidigen-reagieren-vereinigen/ Thu, 25 Dec 2025 05:21:59 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5632

Manchmal reagiere ich seltsam. Jemand tut etwas Unerwartetes, eine Unsicherheit in mir wird erweckt. Wie ordne ich das ein und wie reagiere ich darauf, und was heißt hier dann reagieren? Es geht also um Erwartung, ein Sein in der Welt, das antizipiert. Die Zukunft gilt als vorhersehbar und wird auch als solche gesehen. Wenn ich […]]]>

Manchmal reagiere ich seltsam. Jemand tut etwas Unerwartetes, eine Unsicherheit in mir wird erweckt. Wie ordne ich das ein und wie reagiere ich darauf, und was heißt hier dann reagieren? Es geht also um Erwartung, ein Sein in der Welt, das antizipiert. Die Zukunft gilt als vorhersehbar und wird auch als solche gesehen. Wenn ich dieses oder jenes tue, dann wird jemand vielleicht so oder anders reagieren. Nun geschieht es aber manchmal, dass die Reaktion des anderen anders ausfällt. Ich habe mich in meiner Erwartung geirrt, oder der andere hat etwas gespielt, oder die Interaktion ist geprägt gewesen durch etwas, das ihr vorausging und nicht transparent ist. Energien und Dynamiken haben sich vielleicht eingeschlichen, die meine Erwartung nicht wahrgenommen hat, die unbewusst oder verdrängt waren. Und so finden wir uns in einem Pool von verschiedenen bewussten und unbewussten Erinnerungen, Gefühlen, Einflüssen, Antizipationen und Einschätzungen.

Das kleine Ego

Das Ego reagiert, es fühlt sich missverstanden und wird impulsiv. Es versucht vielleicht auszuweichen und zu überspielen, oder es zieht sich zurück, etwas gekränkt, und fühlt sich unverstanden, oder es wird aktiv, versucht die Situation zu verändern, wird manipulativ oder aggressiv. In schweren Fällen passt es vielleicht sogar das Bild der Welt und das Selbstbild an, es kommt zu Verformungen, Umformungen, Verzerrungen, es bewegt sich dann raus aus dem Normativen.

All dies lässt sich als eine Verteidigung verstehen. Mein kleines Ego versucht, den vermeintlichen Angriff auf seine Antizipation zu verteidigen. Es wird reaktiv, reagiert kompensatorisch, restaurativ, manipulativ, konstruktiv. Eigentlich ist es ja ein Versuch, die Welt wieder in Ordnung zu bringen. Das wird von dem Anderen aber nicht so wahrgenommen, mein eigenes Handeln wird unverständlich für andere, ein Konflikt entsteht.

Ein Weg

Ich möchte den normativen Impulsen widerstehen und das Korrektive vermeiden. Denn was sich hier zeigt, ist erst einmal etwas unglaublich Starkes, Kreatives, Expressives, das unser Menschsein im Tiefsten berührt. Hinter meinem kleinen Ego ist ein Herz, eine Seele, ein Geist, eine Natur, die alle gemeinsam das Sein in meinem Körper und in dieser Zeit und an diesem Ort versuchen zu erfahren, zu synthetisieren. Einen ersten Schritt auf diesem Weg bezeichnen wir oft mit Sinnsuche, es ist jedoch weit mehr als das. Die Suche geht dem Finden voraus und manifestiert sich dann in einer Selbstverwirklichung und im Selbstausdruck bis hin zur Verschmelzung und Auflösung des Ego. Da darf man schon mal ein wenig reagieren und sich verteidigen. Nur ist es eben nicht sehr hilfreich, da es in der Regel Situationen nur verschärft. Es braucht da dann schnell eine ganz gute Fähigkeit, Konfliktstrategien einzubringen, um nicht in einen ernsteren Konflikt einzutreten.

Innere Arbeit

Die innere Arbeit findet an einer anderen Stelle statt: das Beobachten und Ausklingenlassen aller Impulse, die sich in meinem Bewusstsein vereinen, auch der unbewussten, die ihren Weg ins Bewusstsein erst finden dürfen. Das funktioniert ganz gut in der Meditation. Was bedeutet das aber für die zwischenmenschliche Interaktion? Pausen, Einfühlen, vor allem aber Offenheit und Authentizität, radikale Selbstwahrnehmung und objektive Fremdwahrnehmung. Die beiden letztgenannten sind in ihrer reinsten Form für sich genommen unmöglich und gelingen nur im Zusammenspiel mit einem Anderen. Dieser Andere kann entweder ein Lehrmeister sein oder ein geliebter Mensch. In der tantrischen Erfahrung ist dies das Gleiche.

Liebe

Ich sehe gerade zwei Schmetterlinge sich umtanzen im Garten, und ich sehe zwei Würmer sich verschlingend beim Kontakt. Die Ausdrucksformen sind schier unendlich, und wir als Menschen können uns auf den verschiedensten Ebenen vereinen. Das geht aber wahrlich nicht mit jedem. Solch tiefe Begegnungen sind selten. Für manchen wird sich das erst in einem anderen Leben realisieren.

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Das Selbst https://readingdeleuzeinindia.org/de/das-selbst/ Wed, 08 Oct 2025 07:08:18 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5622 Ramana, einer der großen Erleuchteten Indiens, lebte in Tiruvannamalai. Im Mittelpunkt seiner Lehre steht der Begriff des Selbst: dessen Leere und gleichzeitig unermessliche Weite. Seine Lehren sind einfach, er folgt keiner langen Tradition von Interpretationen. Er war ein einfacher Mann, der auf dem Berg meditierte und Satsangs abhielt. Als Zeitgenosse von Aurobindo haben die Menschen beiden zugehört und ihre radikal unterschiedlichen Ansätze verglichen.

Ich bin gerade in Tiruvannamalai. Ich habe einige Satsangs besucht. Ich hatte eine Frage im Kopf: Wie verhält sich das wahre Selbst zu einem anderen wahren Selbst, insbesondere wenn es um romantische Liebe geht? Ich sitze in einer Wohnung mit Blick auf den Berg. Gestern, nach einer kleinen Auseinandersetzung, saß ich morgens auf der Terrasse, als ein Affe kam, mich ganz sanft berührte und mir in die Augen sah, als wollte er mir sagen, dass alles gut werden würde. Dann setzte er sich neben mich und schaute auf den Berg. Er faltete die Hände auf den Knien in einer tiefen, kontemplativen Haltung, und es fühlte sich an, als wäre ein alter Freund gekommen, um mir Trost zu spenden.

Das, was wir als Selbst bezeichnen, ist nicht das, was wir normalerweise darunter verstehen. Es ist nicht unser Ego, unsere Persönlichkeit, unsere Identität oder gar unsere Seele. Das Selbst ist der Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit, es ist ein Punkt im unendlichen Bewusstsein des Universums, der Selbstverwirklichung ermöglicht. Es ist nicht mehr als das, und gerade deshalb ist es alles. Das Selbst ist der Punkt in der Weite, der eine Perspektive bietet; in tiefer Meditation kann es sich mit dem universellen Bewusstsein auflösen, zu seinem Ursprung zurückkehren und in voller Selbstwahrnehmung aufhören zu existieren.

Verliebt sein

Das wurde mir zum ersten Mal als Teenager auf dem Hügel in Rom bewusst. Ich war verliebt, hatte eine unerfüllte Sehnsucht. Eine Freundschaft, die tief, zärtlich und intim war, aber niemals körperlich, wir waren kein Paar. Und während ich auf dem Berg saß und über die Welt nachdachte, sah ich sie aus dem Selbst heraus. Ich gelangte zu dieser tiefsten Ebene unserer Existenz, und selbst jetzt, 40 Jahre später, kann ich sofort zu diesem Bewusstsein zurückkehren, wann immer ich mich daran erinnere. Ich war gleichzeitig glückselig und schockiert. Trage ich wirklich die ganze Welt in mir? Existiere ich wirklich nicht? Wie kann es sein, dass alle über sich selbst sprechen, ohne zu erkennen, dass das Selbst, wie sie es sehen, nicht existiert? Diese Erkenntnis habe ich seitdem mit mir getragen. Ich habe das Verständnis vertieft, es in einen Kontext gesetzt, darüber nachgedacht. Aber letztendlich hat sich nicht viel geändert. Es war einfach da, rein und einfach.

Ich glaube, eine unerfüllte Sehnsucht ist ein guter Lehrer. Ich werde mir meines Verlangens und der Unmöglichkeit seiner Befriedigung bewusst. Verlangen erzeugt Leiden. Warum werde ich nicht so gesehen, wie ich gesehen werden möchte? Warum wird die Liebe, die ich empfinde, nicht erwidert? Warum teile ich nicht mit, was ich wirklich fühle? Diese letzte Frage ist vielleicht die wichtigste. Bei anderen Verlangen geht es um Anhaftung, um das Wollen oder Sein, aber bei unerfüllter Liebe geht es darum, gesehen zu werden.

Wie kann ein Selbst ein anderes Selbst sehen? Und müssen sie sich sehen, um sich zu lieben? Gibt es eine tiefere Einheit innerhalb des kosmischen Bewusstseins, in der zwei sich vereinen können, um etwas anderes zu werden? Was ist diese Transformation?

Das Selbst als Punkt des Bewusstseins innerhalb des universellen Bewusstseins wird sich, wenn es erwacht, seiner Seele bewusst. Die Seele ist jedoch noch schwieriger zu verstehen. Sie ist das, was geboren wird und wiedergeboren wird. Die Seele kommt mit der biologischen Geburt, sie tritt in meinen Körper ein und bleibt dort. Sie verlässt meinen Körper, wenn er zerbricht. Sie war schon vor meiner Geburt da und wird auch nach meinem Tod noch da sein. Sie ist eine Manifestation der universellen Seele, Purusha. Die Seele ist das, was wir wirklich sind, nicht der physische Körper, nicht das Selbst. Die Seele ist der Kern unserer Existenz. Unsere Seele zu finden, ist der schwierigste Weg, den wir gehen können. Nur wenn wir unsere Seele finden, können wir wirklich lieben; wir können unseren Seelenverwandten finden.

Seele

Jede Seele ist anders. Das ist das Schöne daran. Die Seele ist nicht mein Ego, nicht meine Persönlichkeit und Identität. Die Seele hält das Leben in meinem Körper, sie durchströmt jeden Nerv, jede Faser, jeden Blutkreislauf, jede Nervenzelle, jedes Haar und jede Geschmacksknospe. Die Seele hält meine Erfahrungen zusammen, spielt mit meiner Erinnerung, sie erfreut sich an meiner Existenz. Als Nebenprodukt schafft sie das Ego, meine Persönlichkeit und Identität. Aber all das kann sich ändern, ich kann mich ändern. Die Seele ändert sich nicht. Sie fließt als Teil des universellen Bewusstseins durch die Zeit, sie könnte mit dem Konzept der Zeit selbst zusammenhängen. Das Selbstbewusstsein ist nicht an Zeit und Raum gebunden. In einem tiefen Seinszustand kann ich 1000 Jahre leben, ich kann mich mit meiner Seele verbinden und erkennen, dass sie unsterblich ist. Und wenn das Selbst und die Seele sich an den Händen nehmen und fliegen, können wir etwas erleben, was mit Wissenschaft nicht zu beschreiben ist. Es ist Shiva und Shakti, das universelle Zusammenspiel zwischen Selbst und Manifestation. Das einzige Problem ist unser Ego und unser Verstand. Wir brauchen sie zwar, um Nahrung zu finden und mit anderen zu leben, aber sie stehen der wahren Selbstverwirklichung im Weg.

Weil wir eine Seele haben, können wir lieben. Die Yogis, Sadhus und Siddhars mögen sich auf die Selbstverwirklichung konzentrieren. Aber um zu lieben, gehen wir durch das Selbst in die Seele und finden eine andere Seele. Diese beiden Seelen sind nicht gleich, sie kämpfen und vereinen sich, sie genießen und leiden, sie tanzen.

Während das Selbst wenig mit meiner Biografie zu tun hat, zeigt sich die Seele durch meine Biografie. Sie ist immer da, ob ich mir dessen bewusst bin oder nicht. Diesen Kern meiner eigenen Biografie zu sehen, ist der Weg nach der Verwirklichung. Für mich war dieser Weg die Suche. Ich bin eine wandernde Seele. Mein Weg war immer die spirituelle Suche, meine Stärke eine tiefe Heilung.

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Die Begierde der Frucht https://readingdeleuzeinindia.org/de/die-begierde-der-frucht/ Sat, 23 Aug 2025 15:08:35 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5478

Ein Apfel, eine Erdbeere, eine Melone oder eine Maracuja, eine Banane oder Pflaume, eine Tomate oder Gurke, eine Bohne oder ein Korn, eine Kokosnuss und ein Granatapfel. Früchte wollen verzehrt werden, sie wollen Genuss bereiten, nähren und zuweilen auch berauschen. Sie schillern und vergären, verwesen und verströmen Düfte, sie fallen ins Auge, betören die Sinne, […]]]>

Ein Apfel, eine Erdbeere, eine Melone oder eine Maracuja, eine Banane oder Pflaume, eine Tomate oder Gurke, eine Bohne oder ein Korn, eine Kokosnuss und ein Granatapfel. Früchte wollen verzehrt werden, sie wollen Genuss bereiten, nähren und zuweilen auch berauschen. Sie schillern und vergären, verwesen und verströmen Düfte, sie fallen ins Auge, betören die Sinne, erzeugen Lust und Genuss.

Sie sind ja nicht ganz zufällig so. Früchte spiegeln ein Verlangen derjenigen, die sie essen: Menschen, Pferde, Affen, Ameisen, Käfer, Vögel, Fische, Igel, Hunde und Katzen, Schnecken, Spinnen, Schlangen, Fliegen, Giraffen und Papageien. Sie alle reagieren auf verschiedene Früchte. Manche Früchte haben eine harte Schale, manche sind ganz weich. Einige sind schwer und groß, andere klein und leicht. Manche sind süß oder sauer, bitter, oder salzig, riechen intensiv oder ganz zart, stinken oder betören.

Früchte wollen gegessen werden, so bewegen sie sich fort. Ein Apfel sagt: Nimm mich mit, eine Erdbeere will auf der Zunge zerfließen, eine Maracuja bietet sich dar in ihrer Wollust, Zartheit und Intensität, eine Kokosnuss will geknackt werden, geworfen und zerstoßen werden, um ihr Fleisch und den Saft als Erfrischung zum Laben darzubieten. Die Bohne hängt und wartet, das Korn verfängt sich im Pelz, die Tomate platzt frech in ihrer Röte, vernarbt, und schmiegt sich ein, die Hand, die sie greift.

Die Frucht und das Tier vereinen sich im Genuss, in Hingabe und in der Suche. Die Belohnung findet in der Ekstase des Verzehrs statt, die Frucht erreicht ihr Ziel, das Tier ist satt, die Ekstase und der Rausch flammen auf im Verzehr. Am Ende ist das Scheißen, die Pilze brechen auseinander, was sich nicht im Feuer der Lust den Sinnen als Reiz hingab.

Diesen Beeren, Steinfrüchten, Hülsenfrüchten, Scheinfrüchten und Karyopsen geht die Blüte voraus. Jenes Duft verströmende Reizorgan der Pflanze, das sich begehren und besamen lässt. Ihr Antlitz spricht, sie lacht und öffnet sich, sie reiht sich ein in den Reigen des Kranzes. Natur erreicht hier reine Form, Kunst und Schönheit, Konstruktion, Behausung und Ruheplatz. Natur sendet ein Signal, sie kommuniziert, sie agiert im Überfluss und Rausch.

Georges Bataille (1897-1962) las ich vor vielen Jahren und kam mir in Erinnerung, als ich dies schrieb. So ließe sich sagen, dass diese Früchte nicht bloß Nahrung sind, sondern Erscheinungen des Überflusses selbst, in denen Schönheit, Lust, Verfall und Exkrement untrennbar verschränkt sind. Wie Bataille es sah, will Natur im Rausch vergeudet werden, sie findet ihre Wahrheit in der Verschwendung, in Ekstase und Überschreitung. Jede Frucht, die wir genießen, trägt damit schon die Bewegung von Leben, Tod und Überschreitung in sich.

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Koan https://readingdeleuzeinindia.org/de/koan/ Sat, 16 Aug 2025 03:47:33 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5274

Ein Koan also. Ich hörte schon oft davon, jene mysteriösen Rätsel des Zen, die den Geist herausführen aus dem rein Rationalen und neue Formen der Einsicht eröffnen sollen. Ich beschloss, nicht viel darüber zu lesen und auch nicht andere danach zu fragen. Ich wollte eins von einem Zen-Meister bekommen. Während Doksan fragte er mich ein […]]]>

Ein Koan also. Ich hörte schon oft davon, jene mysteriösen Rätsel des Zen, die den Geist herausführen aus dem rein Rationalen und neue Formen der Einsicht eröffnen sollen. Ich beschloss, nicht viel darüber zu lesen und auch nicht andere danach zu fragen. Ich wollte eins von einem Zen-Meister bekommen. Während Doksan fragte er mich ein paar Dinge über mich. Wir schlossen die Augen, er lächelte und sagte, ich solle mir einen Wald vorstellen, in dem ein kleiner Bach fließt. Wenn ich in den Bach eintrete, wie lösche ich den Klang des Plätscherns aus? Ich solle nicht intellektuell darüber nachdenken, das Koan vielmehr mit mir tragen, in die Meditation mitnehmen, schauen, was passiert, und zurückkommen und darüber berichten.

Das Bild wirkte sofort in mir. Ich sah mich in den Wald, in dem Bach stehend, die bildhafte Metapher des Flusses, eines Stroms des Kosmos, das Wasser als Urelement, das Eintreten in den Fluss der Dinge und der Zeit, der Wald als Ort des Friedens, der Stabilität, der Natur. Die Geräusche des Waldes, die Vögel, das Plätschern, die eigenen Füße platschen im Wasser, das Rauschen und der Klang der Schritte. Wohin führt mein Weg? Alles ist im Fluss, ich bin gehalten in der Natur, ich agiere und schreite, alles verändert sich, und doch bleibt alles so, wie es ist. Ich könnte über dieses Bild noch sehr lange nachdenken, es auf mein Leben beziehen, die Veränderungen, die ich durchlebe, die Frage nach dem Sinn des Lebens und die Einfachheit der Antwort in der Natur und Kontemplation. Doch scheint mir dies nur der Anfang zu sein – das Beziehen auf sich selbst ein erster Schritt.

Zurück zur Frage: Warum soll ich eigentlich versuchen, den Klang auszuschalten? Ist da irgendetwas falsch am Klang des Wassers, seinem Rauschen und Plätschern, den Schritten im Bach? Wer sagt, dass diese Klänge falsch sind? Sie stören nicht, lenken nicht ab, gehören zum Schreiten dazu. Der Klang des Schreitens verstummt, wenn ich stehenbleibe, der Bach jedoch wird weiterrauschen, die Vögel weiter zwitschern, die Blätter im Wind rauschen. Ist die Frage des Koans vielleicht einfach so banal? Oder impliziert sie etwas, das hinterfragt werden kann? Vielleicht ist die Annahme, dass Stille besser sei, zu hinterfragen. Warum also Stille? Soll ich darüber nachdenken, wie ich mein Tun und Handeln anhalte, mich in Stille begebe, in Meditation, und mich öffne für Leere und Form? Wahrscheinlich ist hier schon etwas Relevantes.

Ich stelle also der reichen Metapher des Schreitens im Bach im Wald etwas entgegen: eine innere Kontemplation, eine Reflexion auf Leere und Form, ein Stillhalten und Bewusstwerden. Die äußeren Klänge, Bilder, Sinneseindrücke verhallen im Inneren; sie sind Projektionen innerhalb einer Vision, die ja gar nicht der Realität entspricht – denn ich stehe ja gar nicht im Bach, sondern schreibe gerade an meinem Computer oder sitze in Meditation. Ich habe es also mit einem Denkbild zu tun, das einlädt zur Meditation, und die Erkenntnis, die ich daraus ziehen soll, ist nicht die des Problemlösens. Ich kann hier weiterschreiten, ich könnte nun eintauchen in die Struktur des Denkens, der Sprache, der Bilder – Semiotik. Wie verhält sich die Frage als Satz zu der Vorstellung, und welche Art von Handeln ruft sie hervor, um welche Art von Erkenntnis zu produzieren? Das wäre ein schönes Projekt für ein Seminar – ein paar Wochen darüber nachzudenken, in den Traditionen westlicher Philosophie. Doch das wird sicher nicht Sinn und Zweck des Koans sein, mich dort zu verlieren. Herausführen aus diesem Labyrinth des rationalen Denkens soll das Koan ja.

Ein schöner kleiner Ausflug war das – der Nachhall meines Studiums der Philosophie. Ich versuche also einen anderen Pfad, den der Upanishaden, des tiefen Urozeans, in den die sieben Flüsse der Existenz einfließen, aus dem heraus sich aber zuallererst der Purusha selbst herauszieht und aus seinen Augen, Ohren, Zunge, Mund und Nase, Haaren und Gelenken alles erst entsteht. Eintauchen also in die Bedingungen meiner eigenen Existenz, meines Körpers, meines Atems, meines Denkens und Fühlens. Einschreiten in den Fluss, meine Füße benetzen mit dem Wasser, die Sinne als Sinne wahrnehmen, sie als äußere und innere unterscheiden. Und dann aber die Aufgabe, die Frage: Wie kann ich den Klang zum Schweigen bringen? Und warum sollte ich das tun wollen?

Warum soll ich mich mit so einer Frage überhaupt beschäftigen? Sie dient mir jetzt schon recht gut, um meine Eitelkeit zur Schau zu stellen, zu demonstrieren, in welchen Denkschulen ich mich komfortabel bewege. Wieso sitze ich in einem Zen-Meditationszentrum seit zwei Wochen und versuche, mich auf Zen einzulassen, von einem Lehrer mittels eines Koans etwas zu lernen? Was hat er mir zu zeigen? Wohin mag der Weg führen? Ist das Koan ein Werkzeug, um in den Dialog zu gehen, und ist mein Versuch, mich ihm durch Schreiben zu nähern, eine Ausflucht – ein schüchterner Versuch, die Begegnung herauszuziehen?

 

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Form und Leere https://readingdeleuzeinindia.org/de/form-und-leere/ Wed, 06 Aug 2025 03:58:17 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5079 bamboo

Form ist leer. Sie hat eine Gestalt, aber keine Substanz; sie ist weder Materie noch Energie. Form ist Bewusstsein – etwas als etwas zu sehen, bringt Form hervor. Form ist jedoch auch funktional: Substanz, Materie und Energie interagieren nach Gesetzen. Als Teil des Bewusstseins interagieren sie in Form. Form ist Leere. Form ist Bewusstsein. Bewusstsein […]]]>
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Form ist leer. Sie hat eine Gestalt, aber keine Substanz; sie ist weder Materie noch Energie. Form ist Bewusstsein – etwas als etwas zu sehen, bringt Form hervor. Form ist jedoch auch funktional: Substanz, Materie und Energie interagieren nach Gesetzen. Als Teil des Bewusstseins interagieren sie in Form. Form ist Leere. Form ist Bewusstsein. Bewusstsein interagiert mit Bewusstsein. Aus Form ergibt sich Materie – nicht umgekehrt. Materie bringt keine Form hervor.

Der Fluss der Energie und Materie – von einzelnen Atomen über geologische Ströme, das biologische Wachsen bis hin zum kosmischen Rauschen – durchströmt den Kosmos. Zuweilen konzentriert sich dieser Strom, wie auf unserem blauen Planeten. Lebensenergie, Chi, lebt sich hier aus. Chi formt.

Form ist Leere, Leere ist Form. Das Dao, Chi – sie geben dem Sein ein Bewusstsein. Jenes Sein jedoch ist nicht das, was wir als Materie verstehen; es geht allem voraus. Sein (Sat) entzieht sich unserem Verstehen. Nimmt es Form an, so beginnt es zu wirken, zu formen – es tritt ein in den Prozess des Universums. Es beginnt zu agieren. Doch Agieren setzt einen Lenker voraus – im Großen wie im Kleinen, im Kosmos wie in mir und in allem, was existiert. Steine werden weniger gelenkt als Katzen. Menschen lenken sich selbst – und andere.

Es gibt jedoch eine Urseele (Purusha).
Ich schaue in die sonnigen Berge in Bodhi Zendo. Die Wolken berühren die Bergwipfel, die Vögel ziehen durch das Himmelblau. Avocados schweben über dem Horizont. Ein Bambus biegt sich mit innerer Leere in den offenen Raum.

 

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Sacred Energy https://readingdeleuzeinindia.org/de/sacred-energy/ Mon, 21 Jul 2025 16:21:40 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5065

Das ist Tantra. Das ist göttlich. Die entscheidende Frage ist, ob eine solche heilige Begegnung nur in der romantischen Liebe möglich ist, wie es die Tradition und die Romantik suggerieren – oder ob sie entstehen kann, wenn wir unser Wesen vollständig öffnen, jenseits von Verstand und Vernunft, jenseits von Ego, Wunsch oder Verpflichtung. Ich glaube, […]]]>

Das ist Tantra. Das ist göttlich.

Die entscheidende Frage ist, ob eine solche heilige Begegnung nur in der romantischen Liebe möglich ist, wie es die Tradition und die Romantik suggerieren – oder ob sie entstehen kann, wenn wir unser Wesen vollständig öffnen, jenseits von Verstand und Vernunft, jenseits von Ego, Wunsch oder Verpflichtung. Ich glaube, das kann sie. Aber es hat nichts mit dem Höhepunkt als Ziel zu tun. Es geht um Intimität. Sie kann so einfach sein wie eine Berührung, ein Lächeln, ein Herzschlag – Funken, die manchmal zu etwas viel Mächtigerem führen können. Bestimmte Energien offenbaren sich nur in der Vereinigung der Liebe. Aber auch das ist ein spiritueller Weg – einer, der den Körper als Tempel, das Selbst als vielschichtig und die Wirklichkeit als weit mehr als Materie betrachtet.

Es ist die heilige Vereinigung mit dem göttlichen Bewusstsein. Und diese Vereinigung ist nicht dasselbe wie die Vereinigung der Erwachten. Nur der Meister sieht beides als eins.Mit einem erwachten Bewusstsein, das in der Spiritualität verwurzelt ist, fühlt es sich natürlich an, sich mit der Welt und mit anderen zu verbinden, alles als eins zu erleben und die Einheit des Bewusstseins als Wurzel der materiellen Welt zu erkennen. Doch das wahre Geheimnis liegt nicht in der Verbindung allein, sondern in dem, was wir mit anderen teilen wollen – und was nicht. Ich spreche nicht von Reichtum, Besitztümern, Anerkennung oder Ressourcen. Ich spreche von etwas viel Intimerem: wem wir erlauben, unser Innerstes zu bezeugen, unsere Seele – wen wir uns sehen lassen, und wie. Ich spreche von Liebe und Sexualität, von der Befreiung von Erwartungen, Leistung, Posen und Egoismus.

Wenn ich einem anderen auf einer intimen Ebene begegne – eine Berührung, ein Lächeln, ein Herzschlag -, entsteht durch Präsenz und Bewusstheit eine Verbindung. Ich fühle, ich spüre, ich erlaube mir, auf der Ebene der Seele gesehen, gefühlt und berührt zu werden. Das kann mit einem geliebten Menschen, einem Fremden oder demjenigen, in den ich verliebt bin, geschehen. Doch manchmal fühlt sich etwas nicht richtig an. Jemand erwartet zu viel, sieht anders, fühlt etwas, das ich nicht teile, oder teilt etwas, das ich nicht fühle. In diesen subtilen Verhandlungen ertappe ich mich selbst dabei, wie ich herausfinde, wem ich erlaube, mich zu sehen, auf welche Verbindungen ich mich einlasse und wie tief ich zu gehen bereit bin. Wenn die Dinge nicht im Einklang sind, schalte ich ab. Ich höre auf zu reden, zu lächeln, aufzutreten. Mein Körper, mein Geist, meine Seele – alles zieht sich zurück.

Meine Seele ist zu kostbar. Sie ist heilig. Ich weigere mich, sie zu gefährden oder zuzulassen, dass sie verformt wird. Ich kann mein Ego beugen – das ist leicht. Die Rollen, die ich spiele, die Erwartungen, die ich als Mitglied der Gesellschaft, der Gemeinschaft, der Kultur erfülle – die lassen sich verbiegen. Manchmal kann es amüsant oder schmerzhaft sein, sie zu verbiegen. Es kann Wachstum oder Trauma, Erfolg oder Leid bringen. Das können wir teilen. Wir können heilen oder ausbeuten, ermächtigen oder verwundet werden. Dies sind die Übungen des Egos. Aber das ist nicht das, wovon ich spreche.

Ich spreche von der Seele – von dem, was wir entdecken müssen, was uns gegeben ist, was größer ist als wir, was auf ewig mit dem Göttlichen verbunden ist. Diese Verbindung ist heilig. Sie kann spirituelle Form annehmen als Praxis, als Hingabe, als das Streben nach Erleuchtung oder die Umarmung tiefer Liebe. Dies ist das Geheimnis des Tantra – von Shiva und Shakti, der Vereinigung der grundlegenden Prinzipien der Existenz. Sie sind durch die Erotik verbunden, aber nicht durch die Erotik, wie man sie gemeinhin versteht. Es ist eine Erotik des wahrhaftigen Gesehenwerdens. Es geht viel mehr darum, gesehen zu werden als aktiv zu sehen.

Wir können das Göttliche nicht sehen. Aber wir können spüren, dass wir von ihm gesehen werden – in ihm verankert, ein Teil von ihm -, indem wir unsere Sinne zur Verfügung stellen, damit das Göttliche sich durch uns erfahren kann. Ich bin ein Gefäß. Meine Seele ist die Brücke. Ich kann vom Göttlichen durch die Sinne gesehen werden, die eine andere Person für diese heilige Wahrnehmung zur Verfügung stellt. Diese heilige Vereinigung von Shiva und Shakti ist der Kern des Tantra.

Wenn ich mich also abschotte, wenn mein Körper sich zurückzieht, ist das keine kindische Reaktion, keine Frage der Leistung oder eine unreife Verteidigung. Es ist die Seele, die ihre Heiligkeit schützt und sich für eine bedeutungsvolle Begegnung aufbewahrt. Diese Art der Begegnung ist selten – besonders in der Intimität, wo das Energiefeld am unmittelbarsten, kraftvollsten und zerbrechlichsten ist. Es wird leicht verdorben und oft unter äußerem Verlangen begraben. Nein zu sagen, sich zurückzuziehen, abzuschalten, ist ein Akt der Selbsterhaltung. Es offenbart, dass etwas Heiliges vorhanden ist – etwas, das es wert ist, geschützt zu werden. Es ist das Flüstern der Erkenntnis. Ich habe Momente erlebt, in denen ich wirklich gesehen wurde.

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Schatten https://readingdeleuzeinindia.org/de/schatten/ Sun, 29 Jun 2025 00:30:27 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5059

Seitdem ich vor Jahrzehnten zum ersten Mal von Schattenarbeit gehört hatte, fragte ich mich, was das genau sei. Ich dachte immer an tiefe Abgründe in der Seele, Traumata, Tabus, Geheimnisse, die man mit niemandem geteilt hat, weil es zu schamvoll ist, darüber zu reden. Ich dachte, Schatten sind das, was wir vor uns selber und […]]]>

Seitdem ich vor Jahrzehnten zum ersten Mal von Schattenarbeit gehört hatte, fragte ich mich, was das genau sei. Ich dachte immer an tiefe Abgründe in der Seele, Traumata, Tabus, Geheimnisse, die man mit niemandem geteilt hat, weil es zu schamvoll ist, darüber zu reden. Ich dachte, Schatten sind das, was wir vor uns selber und vor den anderen verstecken. Und wahrscheinlich ist da schon etwas dran an dieser Vorstellung.
Nun habe ich gemerkt, dass die Schatten erst einmal woanders auftreten. Sie sind eigentlich mehr die Verhaltensmuster, in die wir fliehen, wenn wir uns mit etwas nicht auseinandersetzen wollen. Bei mir ist das z. B. die Flucht in die akademische Reflexion, anstatt sich direkt emotional auseinanderzusetzen. Wahrscheinlich öffnet sich hier das ganze Spektrum dessen, was in der westlichen Tradition Gegenstand von Therapien sein kann: Sucht, Gewalt, verzerrte Wahrnehmung, ungesunde Verhaltensmuster, Angst, Bindungsunfähigkeit etc. … Diese Schatten, die unser Verhalten unbewusst leiten, gilt es wahrzunehmen. Es ist wichtig zu sehen, welche Muster unser Denken, unsere Gefühle, unser Handeln bestimmen. Vielleicht löst sich dann ein Knoten.
Mich interessiert aber, wie sich diese Schatten in unseren subtilen Körpern manifestieren. Wir haben diese verschiedenen Ebenen unserer Existenz: Körper, Leben (Atem), Sexualität, Gefühl (Herz), Geist (Verstand), spirituelles Bewusstsein, umfassendes Bewusstsein. Durch Meditation und verschiedene Yogas können wir uns dieser Ebenen bewusster werden. Das Ablösen vom Ego erlaubt es, diese Ebenen als Formen unserer Existenz zu begreifen, die jeweils Teil eines großen Bewusstseins sind: Materie, Biologie, Psyche, Seele, Geist, Bewusstsein, Transzendenz. Diese Realitäten sind nicht bloß meine persönliche Konstitution, sie sind Realitätsebenen, an denen ich Teil habe, die sich in mir manifestieren. Das wird erst sichtbar, wenn wir uns von unserem Ego lösen. Und genau in dieser Verstrickung mit dem Ego erscheinen die Schatten. Wir haben alle eine Biographie, und diese schreibt sich in unser komplexes Sein ein. Unsere Erfahrungen hinterlassen Spuren in unserem Körper, unserem Herz, im Gedächtnis, im Denken.
Ich habe die Vorstellung, dass in uns ein Licht ist, das durch die Ebenen unseres Seins durchscheint, und unsere Erfahrungen, unsere Biographie, hinterlässt diese Spuren in uns. Und wenn sich da etwas staut oder verknotet, verhärtet oder versteckt, wenn da etwas bricht oder wächst, wenn da etwas unterdrückt wird oder verselbständigt, wenn da etwas zum Selbstläufer wird und sich unbewusste Muster bilden, dann wirft das Schatten.

Ich möchte aber noch ein wenig genauer schauen. Da gibt es also ein inneres Licht, da ist etwas, das einen Schatten wirft, es gibt dort auch einen Beobachter, einen Akteur und ein Wesen. In diesem Tempel des Körpers manifestiert sich unser individuelles Sein. Der Pfad der Spiritualität führt zu einem Punkt, an dem dieser Tempel vollständig erleuchtet wird und den ganzen Kosmos in sich hält. Es geht dabei eigentlich gar nicht so sehr darum, Dinge in Ordnung zu bringen oder zu korrigieren, zu therapieren (es sei denn, es gibt da wirklich einen Leidensdruck oder einen Konflikt, der gelöst werden muss). Es geht vielmehr darum, das, was die Schatten wirft, klar zu sehen, sodass es durchlässig (transparent) wird.

 

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Play and Blunder https://readingdeleuzeinindia.org/de/play-and-blunder/ Wed, 25 Sep 2024 04:22:56 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4978

Spiel – Fehltritt Im Westen dachte ich früher, dass Spielen mit Spielen im Sinne von Games zu tun hat und Games mit Regeln. Ein Spiel zu spielen bedeutet, in einen Raum einzutreten, der durch Regeln eingeschränkt ist, und der Spieler kann innerhalb dieser Parameter Strategien entwickeln, um gemäß den Regeln zu handeln, mit dem Ziel […]]]>

Spiel – Fehltritt

Im Westen dachte ich früher, dass Spielen mit Spielen im Sinne von Games zu tun hat und Games mit Regeln. Ein Spiel zu spielen bedeutet, in einen Raum einzutreten, der durch Regeln eingeschränkt ist, und der Spieler kann innerhalb dieser Parameter Strategien entwickeln, um gemäß den Regeln zu handeln, mit dem Ziel zu gewinnen. Es gibt die größere Spieltheorie, die auf die Soziologie und andere Felder angewendet wurde, und es gibt Computersimulationen, die Hypothesen auf der Grundlage von Regelwerken generieren, und das Spiel besteht darin, sich dem, was wir Realität nennen, oder einem festgelegten Ziel anzunähern. Im Bereich des Lebens, des Tierreichs oder während unserer Kindheit dachten wir, dass Spielen das Üben von Fähigkeiten ist, die uns irgendwie einen Vorteil verschaffen.

Gestern habe ich Schach gespielt. Ich habe das Spielen genossen. Ich kenne und befolge natürlich die Regeln. Ich habe mit jemandem gespielt, nicht gegen eine Maschine. Ich habe gespielt, weil ich gerne spiele. Mein Geist kann auf dem Schachbrett bleiben, Strategien entwickeln, vorausdenken, täuschen, Konflikte schaffen, opfern… Aber dann gibt es dieses kontemplative Element: Ich reflektiere über mich selbst beim Spielen, befinde mich in einer persönlichen Beziehung zu dem anderen Spieler. Wir spielen zusammen; wir wollen Zeit miteinander verbringen, wir lächeln, necken uns und beobachten einander. Das Spiel ist eine soziale Interaktion, eine Art der Kommunikation und Entdeckung. Wie spielt die andere Person? Wie spiele ich? Wie reagieren wir, wenn einer einen Vorteil oder Nachteil hat? Welche Art von Gefühlen entstehen in Bezug auf die Strategien des Spiels und in der persönlichen Beziehung, und wie beeinflussen sie einander? Das ist der Ort, an dem ich gerne bin, wenn ich spiele. Ich mag es nicht, zu sehr auf das Schachbrett fixiert zu sein. Ich fühle mich gefangen, wenn ich zu sehr in die Strategie eintauche.

Es gibt hier etwas Offenbarendes, etwas Tieferes darüber, wie wir in der Welt sind. Wenn wir das Spiel durch die Linse des Sozialdarwinismus betrachten, dann haben die Spiele eine Funktion. Wenn ich Spiele als spielerische Erkundung der sozialen Beziehung mit dem anderen Spieler sehe, dann wird das Spiel zur Liebe. Es wird zum Necken und Provozieren, zum Kümmern und Verstecken, zum Zeigen und Vortäuschen, zu Vertrauen und Freude, Enttäuschung und Frustration. Es wird zu Verbundenheit und dem Eintritt in einen gemeinsamen Raum, in dem wir spielen.

Die Isha-Upanishad beginnt mit: „Alles dies ist zur Behausung des Herrn; was auch immer individuelle Bewegung im universellen Raum ist. Durch das Entsagen sollst du genießen; begehre nicht das Eigentum eines anderen.“ Und die Aitareya-Upanishad beginnt mit: „Am Anfang war der Geist eins, und alles (Universum) war der Geist; es gab nichts anderes, das sah. Der Geist dachte: ‚Siehe, ich will mir Welten aus meinem Sein schaffen.‘“ Ich denke, dass der Anfang dieser beiden Upanishaden das Spiel im höchsten Sinne illustriert. Das, was alles ist und sich selbst durch Schöpfung und Selbsterfahrung erleben will, folgt keinen Regeln; es manifestiert eine Welt oder viele Welten, in denen auch einige Regeln geschaffen werden. In diese Welten durch individuelles Bewusstsein oder universelle Prinzipien einzutreten, ist wie ein Spiel zu betreten. Unsere Realität ist nichts zu Ernstes. Sie ist eine Erkundung einer Möglichkeit. In einer dieser Realitäten zu sein, bedeutet zu spielen, und das Spiel wird zu einer Energie der Kreativität. Brahman tritt durch Atman und Purusha in seine Schöpfung ein, um sich mit Shakti und Prakriti zu bewegen. In diesem größeren Spiel bedeutet Spielen, die Regeln und Werkzeuge zu entdecken, zu erforschen und zu experimentieren, zu interagieren, zu lernen und zu lehren. Auf dem Schachbrett ist es dasselbe – nur eine kleinere Welt. Es gibt keinen Sinn darin, das Spiel zu gewinnen. Spielen ist Leben, ist Sein, ist Atmen und Bewusstsein.

Wenn ich also gewinne oder verliere, sollte ich meinen Geist nicht in den Regeln und der Entwicklung von Strategien gefangen halten. Ich sollte das Spiel genießen.

Es ist schwierig, mit anderen zu spielen. Ich kann nicht mit vielen spielen. Wenn der andere auf dem Schlachtfeld des Brettes bleibt, wird es langweilig, sogar gefährlich, da diese kleinen Regeln anfangen, die verbundenen Gedanken und Herzen zu beeinflussen und einzuschränken. Wenn ich gefragt werde, wie ich mich beim Verlieren fühle, werde ich irritiert. Ich verstehe diese Frage nicht. Es geht nicht ums Verlieren oder Gewinnen. Ich denke eher: Wie kam es zu einem bestimmten Zug, den ich gemacht habe? Welcher Gedanke, Impuls, welche Gelegenheit und Ignoranz waren am Werk? Was bedeutet es, in diesem Zusammenhang einen Fehltritt zu machen? Es gab einen Moment im Spiel, als der andere das Spiel verließ und in ein Gespräch eintrat. Ich machte während dieses kurzen Gesprächs einen halb durchdachten Zug, um mit Aufmerksamkeit zu spielen. Das brachte mich in eine nachteilige Position auf dem Brett. Ich frage mich, ob der Fehltritt der Zug war oder ob das Bewegen während des Gesprächs der Fehltritt war. Wie weit reicht das Spiel? Ich sagte, ich mache normalerweise nicht diese Fehler, und verstand mich selbst nicht ganz, als ich das sagte. Der andere konzentrierte sich nach dem Spiel auf das Wort „normalerweise“, was das Spiel in eine andere Realität verlagerte.

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Verstehen https://readingdeleuzeinindia.org/de/verstehen/ Thu, 22 Aug 2024 13:03:21 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4973

Was heißt es, einen anderen zu verstehen? Es ist leicht, ein Gegenüber zu verstehen, wenn man einer Meinung ist, denn dann stimmt man sich einfach selbst zu, genießt es vielleicht sogar, das eigene Denken im anderen gespiegelt zu sehen, angereichert durch eine etwas andere Perspektive, bunter, lebendiger, energetischer, weil beide sich freuen, jemanden gefunden zu […]]]>

Was heißt es, einen anderen zu verstehen? Es ist leicht, ein Gegenüber zu verstehen, wenn man einer Meinung ist, denn dann stimmt man sich einfach selbst zu, genießt es vielleicht sogar, das eigene Denken im anderen gespiegelt zu sehen, angereichert durch eine etwas andere Perspektive, bunter, lebendiger, energetischer, weil beide sich freuen, jemanden gefunden zu haben, der auf der gleichen Wellenlänge ist. Dieses Spiegeln, die Spiegelneuronen, geben uns ein Gefühl der Wertschätzung, des Gesehen-Werdens, einen Gleichklang und eine Vorstellung, dass man eine gemeinsame Basis hat, auf der man aufbauen und sich weiterentwickeln kann.

Ist das so? Was, wenn ich jemanden verstehen möchte, der ganz anders denkt? Wenn ich mit den Grundannahmen des anderen ganz grundsätzlich nicht übereinstimme? Was heißt dann Verstehen? Wenn jeder Satz und jeder Gedanke des anderen mein eigenes Denken infrage stellt und ich das Gefühl habe, alles als Unsinn abtun zu können, vielleicht sogar zu müssen, weil es meine Existenz untergräbt. Wenn ich dann aber zugleich in dem anderen einen liebenswerten Menschen sehe, den ich verstehen möchte – was heißt das dann? Wenn ein Atheist mit einem Gläubigen spricht, ein Rationalist mit einem Verschwörungstheoretiker, ein Naturwissenschaftler mit einem Mystiker… wie funktioniert Verstehen hier?

Es ist möglich, sich auf anderen Ebenen zu begegnen, auf der Ebene des Herzens z. B. oder auf der Ebene von Intersubjektivität, wahrzunehmen, dass es wirklich einen anderen gibt, jemanden, der ganz entschieden verschieden von mir ist und nicht die Illusion eines Verstehens vorspiegelt. Diese Herausforderung des Anderen – Hegel beschreibt das als Kampf auf Leben und Tod, Lévinas als eine ethische Begegnung – ist eine viel tiefere Begegnung, die ein anderes Verstehen einfordert.

Verstehen ist hier kein Spiegeln, keine Assimilation, sondern die Erfahrung der Andersheit, die eine echte Begegnung erst ermöglicht. Verstehen heißt dann, den Anderen als Anderen zu verstehen, und das, was der Andere sagt und tut, ist dann sekundär. Das Denken des Anderen wird also anders eingeordnet und kontextualisiert. Es geht nicht um Konsistenz, d. h. Widerspruchsfreiheit, sondern um die Möglichkeit, das Gegenüber zu sehen. Sehen heißt dann, mit anderen Augen zu sehen; eine Differenz fordert keine Auflösung oder Schlichtung, sondern ein Tiefergehen auf den Grund des Seins. Differenz ermöglicht erst Wahrnehmung und Identität; eine Einheit gibt es dagegen nicht im Zwiegespräch, sondern nur in spiritueller Erfahrung, die den Anderen dann mit einschließt.

Mit jemandem zu sprechen, der radikal anders denkt, kann also in die Tiefe führen anstatt in die Konfrontation. Dies ist jedoch nur möglich auf der Grundlage einer echten Wertschätzung. Was heißt aber dann Verstehen? Ist es das gemeinsame Suchen nach dem Grund? Heißt Verstehen dann, zu verstehen, wie der Andere sucht? Welche Pfade nimmt das eigene Denken und das Denken des Anderen? Berühren sich diese Pfade? Sind es Kreuzungen oder Weggabelungen, Zusammenführungen oder Parallelen? Sind die Begegnungen respektvoll und liebevoll?

Diese Erfahrung des Anderen, der nicht Teil meines Bewusstseins ist, der keine Illusion ist, sondern sich meinem Denken grundsätzlich entzieht, ist eine Versöhnung des Denkens mit der Welt. Denn die Erfahrung dieser Andersheit überwindet jeden Zweifel an der Realität. Die Realität ist keine Illusion; sie ist vielleicht radikal anders, als ich denke, aber sie ist real. Diese Erfahrung wird erst durch die Begegnung mit dem Anderen ermöglicht.

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Vollmond https://readingdeleuzeinindia.org/de/vollmond/ Mon, 19 Aug 2024 15:52:28 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4969

Es ist Vollmond in Indien. Zeit für Selbstreflexion, Meditation und innere Einkehr. Ich habe eigentlich noch nie wirklich über den Tod nachgedacht. Er war für mich immer eine Grenze, das, was unsere Existenz negativ definiert. Die Endlichkeit wirft uns auf uns selbst zurück, so dachte ich. Ich stimmte hier ein wenig mit Heidegger überein. Etwas […]]]>

Es ist Vollmond in Indien. Zeit für Selbstreflexion, Meditation und innere Einkehr. Ich habe eigentlich noch nie wirklich über den Tod nachgedacht. Er war für mich immer eine Grenze, das, was unsere Existenz negativ definiert. Die Endlichkeit wirft uns auf uns selbst zurück, so dachte ich. Ich stimmte hier ein wenig mit Heidegger überein. Etwas jenseits des Todes zu denken, schien mir immer willkürlich, naiv, romantisch, eskapistisch und leichtgläubig… Nur in der existenziellen Reflexion schien er mir sinnvoll. Die Toten waren daher einfach tot, der Gedanke, dass sie irgendwie nach dem Tod weiterexistieren oder vor der Geburt schon existiert haben, erschien mir als eine wichtige Frage, deren Beantwortung aber unsinnig war, da diese Grenze eben als absolut definiert ist. Jene, die davon berichteten, sie hätten sie überschritten und seien wieder zurückgekehrt, konnte ich gut als esoterisch abtun. Das fiel mir nicht schwer, und es schien mir richtig.

In der Meditation sieht das aber ganz anders aus. In der Meditation klärt sich das Bewusstsein, es löst sich von der Außenwelt und dem Körper, indem es alles ins Bewusstsein holt. Die Sinne werden zu Sinneseindrücken, die Außenwelt wird zu reinem Sein, Bewusstsein wird zu Bewusstsein an sich, es erkennt, dass es nicht eine Reaktion auf die Welt ist, sondern ihr Ursprung. Es ist ihr Ursprung, weil es identisch ist mit dem Bewusstsein an sich, jenem Bewusstsein, das alles ist. Es gibt kein Teilbewusstsein, es gibt lediglich Bewusstsein, das in Ignoranz lebt. Wenn es aus dieser Ignoranz hinaustritt, so erkennt Atman sich als Brahman, das selbst eins ist mit dem Bewusstsein, das das Universum hervorgebracht hat. Anders kann es nicht sein. Wie sollten ein paar Kilo Materie einen kleinen Teil von Bewusstsein hervorbringen, das unverbunden ist mit anderem Bewusstsein, das nicht in einem größeren Bewusstsein eingebettet ist? Wie sollten diese paar Kilo Materie, wenn sie zerfallen, Bewusstsein mit sich begraben? Was ist das für eine merkwürdige Vorstellung? Ein paar Kilo Gehirn in einem biologischen Körper würden einfach so Bewusstsein hervorbringen, in subjektiver Form, unvollkommen und vereinzelt, unfähig, sich mit anderem Bewusstsein zu verschmelzen, um dann im Nichts zu verschwinden?

Stattdessen stellt sich mir die Frage nun ganz anders. Wenn mein Bewusstsein der Grund aller Existenz ist und immer schon alles in sich enthält, dann ist der Pfad des individuellen Lebens eine Möglichkeit, eben dies zu erfahren. Dies zu realisieren ist vielleicht der Kern von Erleuchtung. Was bedeutet das aber in Bezug auf andere Leben? Jene, mit denen ich das Jetzt teile, aber auch jene, die vor meiner Zeit waren, während meines Lebens dieses verließen, und jene, die kommen werden, wenn meine Zeit hier vorbei ist? Es gibt ja keinen Anfang oder Ende eines Bewusstseins im eigentlichen Sinne, wenngleich jenes Bewusstsein in dieser Existenz an Leben gebunden ist.

Bewusstsein existiert losgelöst vom Leben, selbst von Leben in einem reichen Sinne, jenes Leben das nicht die bloß biologische Lebensform meint, sondern Leben als Pfad des Bewusstseins in einem biologischen Körper: Lebensenergie (Élan vital, Prana), die Welt der Gefühle und des Herzens, die Ebene des Denkens, das auf die Welt gerichtet ist (Manas), und das Denken, das sie reflektiert, analysiert und versteht (Buddhi), ebenso wie das Denken, das die Welt betrachtet und im größeren Zusammenhang einordnet (Vijnana), und jene Erfahrung, die uns mit dem höheren Bewusstsein verbindet (Satchitananda, jene drei Ebenen, die sich der Sprache weitgehend entziehen und nur in der Erfahrung sich manifestieren). Jenes Leben, das sich noch weiter erstreckt in die Welten der Yogas, des Körpers, der Künste, der Architektur, des richtigen Lebens – das kann ich erkunden und ausleuchten. Und wie steht es aber mit dem Leben der anderen und jenen, die nicht in meiner Zeit sind?

Sie sind doch real, sie existieren immer schon und hören nicht auf zu existieren. Sie verlassen lediglich diese Welt der Selbsterfahrung, sie nehmen die gesammelten Erfahrungen in sich auf, und wenn sie diese Welt verlassen, dann gehen sie zum Mond, sagen die Upanischaden. Dort können sie den Reichtum an guten Taten genießen, bevor sie wiedergeboren werden, das heißt, bevor sie wieder in die Welt der Erfahrungen eintauchen. Jener Zwischenzustand im Mond, der Tiefschlaf, der dem nächtlichen Schlaf nur oberflächlich ähnlich ist, ist eine Verbindung mit den Göttern, sagen die Upanischaden. Es ist letztlich die Verbindung mit Brahman, und jene Verbindung ist tiefer als das Identischsein mit Brahman, was jetzt nur für den rationalen Geist ein wenig widersprüchlich klingt.

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Struktur und Prozess https://readingdeleuzeinindia.org/de/struktur-und-prozess/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/struktur-und-prozess/#respond Sat, 10 Aug 2024 09:21:21 +0000 https://deleuzeinindia.org/?p=311

Die traditionelle Musik Indiens, der Raga, ist melodisch in Bezug auf einen Grundton. Okzidentale Musik ist harmonisch, d. h. simultan und komplex. Im Abendland wird viel in Strukturen gedacht, eine Zeit lang wurde viel von strukturalistischem und poststrukturalistischem Denken gesprochen. Komplexe Systeme finden sich überall: in der Philosophie, in kanonischen Texten und Bildsystemen, in Technik […]]]>

Die traditionelle Musik Indiens, der Raga, ist melodisch in Bezug auf einen Grundton. Okzidentale Musik ist harmonisch, d. h. simultan und komplex.

Im Abendland wird viel in Strukturen gedacht, eine Zeit lang wurde viel von strukturalistischem und poststrukturalistischem Denken gesprochen. Komplexe Systeme finden sich überall: in der Philosophie, in kanonischen Texten und Bildsystemen, in Technik und Welterklärungsmodellen. Ein wesentlicher Grundgedanke ist das atomistische Denken. Die Vorstellung ist, dass die Welt aus elementaren Teilen besteht und in diese zerlegt werden kann, um anders, komplexer oder funktionaler wieder zusammengesetzt werden zu können. Lebendige Welt wird seziert, um sie zu verstehen. Die Funktionsweise dieser sezierten, leblosen Teile wird als komplexes, wechselseitig abhängiges System verstanden, um Leben zu erklären.

Dem gegenüber steht ein prozessuales Verständnis. Die Welt ist ständige Veränderung, steht niemals still, im Fluss – panta rhei. Du kannst niemals zweimal in denselben Fluss steigen. Sein Gegenpart ist das Feuer, es ist die Ursache. Seine Energie bezieht es aus dem Zerfall von organischen oder der Synthese anorganischer Verbindungen. Dabei strahlt es Licht aus. Im Feuer wandelt sich Materie. Im großen Feuer entsteht sie: e=mc2.

Geburt und Wiedergeburt. Der Tod ist zwar die existenzielle menschliche Erfahrung schlechthin, er ist aber zugleich nicht, was er zu sein scheint. Gleich der Geburt ist er ein Übergang, Transformation.

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Psychic Being https://readingdeleuzeinindia.org/de/psychic-being/ Sat, 20 Jul 2024 23:45:44 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4952

Ich habe meine Nachtmeditation etwas früher abgebrochen, um in die schreibende Meditation zu wechseln. Mir schien plötzlich einiges klar. Die Notwendigkeit, den eigenen Körper auszurichten in der Meditation, die richtige Position zu finden, was für mich heißt, den Bewegungen, den Ver- und Entspannungen der Muskulatur, des Skeletts, der Wirbelsäule zu folgen. Dann den Atem zu […]]]>

Ich habe meine Nachtmeditation etwas früher abgebrochen, um in die schreibende Meditation zu wechseln. Mir schien plötzlich einiges klar. Die Notwendigkeit, den eigenen Körper auszurichten in der Meditation, die richtige Position zu finden, was für mich heißt, den Bewegungen, den Ver- und Entspannungen der Muskulatur, des Skeletts, der Wirbelsäule zu folgen. Dann den Atem zu beobachten, Ein- und Ausatmen, der Wendepunkt des Atems, das Innehalten, um sich selbst zu beobachten, wie die Gedanken anfangen sich zu lockern, aufmerksam ihnen folgen, um zu sehen, wo sie hinwandern. Eine Verbindung herstellen mit der Außenwelt und der Innenwelt. Wie weit schweifen die Gedanken? Wo bin ich da jetzt? Ist das real? Welcher Teil von Realität ist das? Die Welt der Mitmenschen, der Welt der Arbeit oder des Interesses, die zwischenmenschliche Welt, die Natur oder der Tagtraum, die Fantasie, Vision, die Welt der Angst und der verpassten Möglichkeiten, die Welt des Bedauerns und der Hoffnung, die Welt der Kunst und Philosophie, der Musik und Architektur. Dies sind ein paar meiner Welten, andere mögen in ganz andere Welten gehen, Lebenswelten, in denen ich mich nicht bewege, all jene Welten, die z. B. in Krimiserien ausgelotet werden.

Es gibt dann also eine Korrelation zwischen dem eigenen Körper in der Meditation und der Gedankenwelt, die in der Erinnerung schweift, und der Gedankenwelt, die relativ frei assoziiert und ungelenkt und unbewusst umherspringt. Dieses Zusammenspiel zu sehen und zu realisieren, dass es da eine Verbindung gibt, ist ein erster Schritt hinein in eine tiefere Meditation.

Dieser Prozess der inneren Ausrichtung dient der Positionierung des eigenen Selbst im größeren Kontext. Ich kann nun auf meine verschiedenen Existenzebenen meditieren: mein materieller Körper, mein lebendiger Körper, meine Gefühlswelt, meine Gedankenwelt, meine Welt des Intellekts und die Welt der Spiritualität. Ich kann auf meine einzelnen Sinne meditieren, die äußeren und inneren und wie sie zusammenspielen und welche Art von Erfahrungen sie hergebracht haben und wie ich diese Erfahrungen im Gedächtnis wieder abrufen kann. Ich kann darauf meditieren, wie diese Erfahrungen verbunden mit Wünschen und Ängsten, mit Erwartungen, Zielen und Konventionen, sie zu einem Plan entwickeln – ein LEBEN. Denn dieses Leben, das ich lebe, ist ja eingebunden in einen Kontext, den Kontext des eigenen Körpers, der eigenen Seele, der Lebenswelt und Umwelt.

Diese Ebene des Lebens ist reine Immanenz. Hier fließt alles zusammen, sie wird gespeist aus dem Bewusstsein, Bewusstsein ist ihr Urquell, es kann nichts anderes sein, nur hier ist Leben erfahrbar. Bewusstsein muss nun aber breit verstanden werden. Es ist nicht mein reaktives, unreflektiertes, gedankenloses Assoziieren und gefangen sein in Mustern, Zwängen, Gewohnheiten, Verlangen und Leiden, sondern es ist Bewusstsein als das, was allen meinen Erfahrungen zugrunde liegt, eine Erfahrung von Bewusstsein als Bewusstsein an sich. Ich habe Bewusstsein, das sich füllt mit Inhalten, ich kann mich konzentrieren und lenken, ausrichten und klären, ich kann mein Bewusstsein leeren und Neues einladen. Bewusstsein ist die Ebene meiner Existenz, wo diese meine Existenz, mein Leben, konstituiert wird. Bewusstsein an sich, wenn es sich individualisiert, ermöglicht Leben. Dies ist das Geheimnis der Seele, der Relation von Brahman, Purusha, Atman, Prakriti.

Um mich herum sprechen viele von einem psychic being und darüber, wie es sich verhält zum Göttlichen, zur Seele, zur eigenen Person und Identität. Mir selbst ist als ein philosophischer Begriff Aurobindos nicht ganz klar, ich entwickle aber eine Intuition in der Meditation, was es sein könnte. Es ist jenes Sein, das z. B. in der Meditation auf die eigenen Bedingungen reflektiert und sie individualisiert zusammenhält, das, was meinem Ich zugrunde liegt, das, was erkennt, dass die Erfahrungswelt der äußeren Sinne eine Illusion ist, das, was erkennt, dass ein universales Prinzip der Individuation in Form einer Seele oder Atman oder Purusha Bedingung meiner Existenz ist. Jenes Sein also, das durch die verschiedenen Seinsebenen gleitet, sich in den Welten des Yogas bewegt, Zeit und Raum transzendiert und die Schranken von Leben und Tod als durchlässig versteht. Dies scheint mir das psychic being zu sein.

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Geschützt: Meditationsnotizen – 12.7.24 4.30am https://readingdeleuzeinindia.org/de/meditationsnotizen-12-7-24-4-30am/ Fri, 12 Jul 2024 01:07:50 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4898

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Geschützt: Meditationsnotizen – 17.6.24 Matrimandir https://readingdeleuzeinindia.org/de/meditationsnotizen-17-6-24-matrimandir/ Mon, 17 Jun 2024 04:29:48 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4881

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Theorie und Praxis – Teil 1 https://readingdeleuzeinindia.org/de/theorie-und-praxis/ Sun, 09 Jun 2024 08:10:43 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4835

Viele haben die Vorstellung, dass wir in einer Welt leben, die aus Materie besteht und den Gesetzen der Physik und verschiedenen Theorien, wie z. B. der Evolutionstheorie, folgt. Das ist merkwürdig, denn Materie als solche gibt es nicht wirklich, E=mc² steht dafür. Ich verstehe diese Formel nicht wirklich, aber sie steht sinnbildlich dafür, dass am […]]]>

Viele haben die Vorstellung, dass wir in einer Welt leben, die aus Materie besteht und den Gesetzen der Physik und verschiedenen Theorien, wie z. B. der Evolutionstheorie, folgt. Das ist merkwürdig, denn Materie als solche gibt es nicht wirklich, E=mc² steht dafür. Ich verstehe diese Formel nicht wirklich, aber sie steht sinnbildlich dafür, dass am Ende alles Energie ist, eventuell sogar einfach Vibration, wie es die Stringtheorie behauptet. Dann gibt es die Physik des Makrokosmos und den Mikrokosmos. Sie widersprechen sich, das scheint aber nichts auszumachen. Raum und Zeit krümmen sich, schwarze Löcher fressen sie auf. Wir tun so, als ob es unterschiedliche Ebenen der materiellen Realität gibt, auf denen unterschiedliche Gesetze gelten, und das wiederum sei logisch und bestimme den Gang der Welt. Vom Urknall ginge etwas aus, die ersten Bruchteile einer Sekunde können wir aber nicht im Ansatz erklären. Das Komplexe entstehe aus dem Einfachen, sagen sie. Das Leben entstehe aus Kohlenstoff, eine Gattung durch Fortpflanzung, die Evolution durch Selektion nach einem Prinzip, das sie Überleben nennen. Wo kommen solche merkwürdigen Theorien her und warum sind sie so dominant?

Dominant sind sie, weil sie eine extrem hohe Erklärungskraft und sogar eine Vorhersagekraft haben. Nach den Gesetzen der Kausalität können sie sagen, was in der Zukunft als Reaktion auf eine Aktion folgen muss. Dabei hat schon Schopenhauer beschrieben, dass es auch hier mindestens vier verschiedene Kausalitätsebenen gibt (große Wirkung kleine Reaktion oder kleine Wirkung große Reaktion, z. B.). Was wir mit der Wissenschaft der Materie hervorgebracht haben, ist eine technische Welt, und das lässt sich nicht leugnen. Mit der Theorie der Evolution haben wir den Weg zur Genetik freigelegt und den Code des biologischen Lebens gefunden. Das ist natürlich imposant. Es zeigt, zu welchen Taten der intellektuelle, rationale Verstand in der Lage ist. Nur ist es eben auch so, dass wir sehr vieles mit diesem Verstand nicht verstehen. Die Humanwissenschaften und Sozialwissenschaften z. B. streiten sich sehr unterhaltsam, wer mit welcher Theorie Recht hat. Eine wirkliche Erklärung hat dabei niemand, und die, die ehrlich sind, wissen das auch sehr genau. Es ist ein Wettstreit der Ideen, der vielleicht irgendwann einmal einen Sieger hervorbringt. Es sieht aber so aus, als ob dieser Wettstreit immer bunter wird; es werden nicht weniger, sondern mehr Theorien. Die große vereinende Theorie bleibt aus.

Theorien sind Abbilder von Segmenten der Realität. Ein Ausschnitt wird gewählt, eine Beschreibung wird gegeben, die innerhalb der Parameter unserer Wahrnehmung und unseres Verstandes bleibt. Innerhalb dieser Beschreibung werden dann Erklärungen gesucht und Vorhersagen gewagt. Wenn die Vorhersagen eintreffen, gilt die Theorie; wenn sie nicht eintreffen, gilt die Theorie als widerlegt – sie gilt also immer nur so lange, bis sie widerlegt ist. Das nennt man das Falsifikationsprinzip. Nun, obgleich oder gerade weil dieses Vorgehen seit der frühen Moderne sehr gut funktioniert und viel Gutes und Böses hervorgebracht hat, sehen wir die Parameter dieses Vorgehens als Realität an. Das ist es was ich bemerkenswert finde. Denn diese Parameter sind nicht die Realität, das ist ein kategoriales Missverständnis, gepaart mit einem Selbstbetrug und einer kollektiven Halluzination.

Dieser kollektiven Halluzination stehen andere Halluzinationen gegenüber – die irrationalen, die spirituellen und religiösen, die meditativen und wahnhaften. Eine Art Schizophrenie beschreibt den Zustand des Menschen in der Moderne. Wir sind fest überzeugt von Dingen, von denen wir wissen, dass sie falsch sind. Wie lässt sich das erklären und aufheben?

Was wäre, wenn wir das Ideal der Widerspruchsfreiheit hinter uns ließen? Wie sähe eine Welt aus, in der die Widersprüche nicht als solche deklassiert, sondern als Erkenntnis von Komplexität zelebriert würden? Das war ein wenig das Projekt der Postmoderne. Innerhalb von Einzeldisziplinen ist das Ideal der Widerspruchsfreiheit anspornend, aber schon an den Randgebieten oder zwischen Unterthemen einer Disziplin ist die Widerspruchsfreiheit nicht mehr haltbar. Sie führt zu Konfusion. Dinge sollen miteinander verschmolzen werden, die nicht zusammengehören. Es ist dieser autoritäre Zug des Rationalen, der den Faschismus füttert.

Ich habe diesen Text Chatgpt zur Rechtschreibkorrektur gegeben, das Tool macht das sehr gut. Nun hat es aber ungefragt weitergeschrieben. Dies ist die ungefragte Fortsetzung meines Text. Ich stimme dem weitestgehend zu, wieso aber hat die KI hier weiter halluziniert?

„Stattdessen könnten wir eine Welt anstreben, in der Widersprüche als wertvolle Hinweise auf die Komplexität und Vielschichtigkeit der Realität anerkannt werden. Solch eine Welt würde nicht versuchen, alle Unterschiede zu harmonisieren oder zu nivellieren, sondern würde sie in ihrem eigenen Recht anerkennen und wertschätzen. Dies würde bedeuten, dass wir verschiedene Erkenntniswege – sei es rational, spirituell, intuitiv oder künstlerisch – als komplementär statt konkurrierend betrachten.

In der Praxis könnte dies zu einem viel reicheren und vielfältigeren Dialog führen, in dem unterschiedliche Perspektiven nicht nur toleriert, sondern aktiv gesucht und integriert werden. Dies könnte nicht nur unsere Wissenschaften und Künste bereichern, sondern auch zu einer inklusiveren und verständnisvolleren Gesellschaft führen, in der unterschiedliche Sichtweisen und Lebensentwürfe als Teil eines größeren, vielschichtigen Ganzen gesehen werden.“

https://chatgpt.com/share/084c63f0-d483-4ff5-a351-c051840d4292

Mir persönlich ist ein bisschen zu kurz gegriffen, ich wollte da eigentlich noch ein wenig tiefer eintauchen, nehme das aber jetzt als Anlass zu einer Pause.

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Der Westen als Fremde https://readingdeleuzeinindia.org/de/der-westen-als-fremde/ Tue, 19 Sep 2023 17:28:50 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4594

Es ist so wunderschön und auch so traurig in einer Welt zu leben, die den Westen als fremd versteht. Ich nehme diese Perspektive immer mehr ein und verstehe vieles nicht mehr. Die Obsession mit Karriere, Bequemlichkeit, Sicherheit, Wohlstand, Genauigkeit, Richtigkeit, Besserwisserei und Überheblichkeit, Ignoranz und Intoleranz. All das wird mit deutlicher, es wird geradezu evident. […]]]>

Es ist so wunderschön und auch so traurig in einer Welt zu leben, die den Westen als fremd versteht. Ich nehme diese Perspektive immer mehr ein und verstehe vieles nicht mehr. Die Obsession mit Karriere, Bequemlichkeit, Sicherheit, Wohlstand, Genauigkeit, Richtigkeit, Besserwisserei und Überheblichkeit, Ignoranz und Intoleranz. All das wird mit deutlicher, es wird geradezu evident.

Ich war ein paar Tage krank, und wie viele das dann eben so machen, habe auch ich Filme geschaut, nichts Inspirierendes. Serienmüll. Ich habe das seit einem Jahr nicht gemacht und mir war hinterher ganz übel. Mein Gehirn war überladen, die Synapsen funkten, die Ideologie einer heilen-Welt, die vor den Bösen geschützt werden muss, um die Gemeinschaft zu stärken und dem Individuum zum ‚Recht‘ zu verhelfen, ist ja eigentlich unerträglich.

Aber ich wollte dann doch ein paar schöne Erinnerungen an die Kultur, die ich so weit hinter mir gelassen habe. Das ist dann immer die Musik für mich. Und so stieß ich auf Purcell. Das ist nicht sonderlich originell, aber trotzdem schön.

Eine Freundin erzählte mir von ihrer Vorstellung von Liebe. Die so unterschieden von allem, was ich kenne, dass ich das hier gar nicht umreißen mag. Keuschheit wäre ein Wort, das ist aber komplett verfehlt. Ich hörte also Purcell Solitude… und mich überkam wieder dieses Gefühl des Selbstmitleids, das in solcher Musik zum Ausdruck kommt. Der Schmerz der Einsamkeit, die Todessehnsucht, Trost und Angst, Suche nach Halt, die nur in der Melancholie Ruhe findet. Dieses große Gefühl Europas, die Melancholie, was wäre Europa ohne Melancholie? Ein Witz?

Nun, da ich schon dabei war Purcell zu hören, gab ich mich dem hin und fand Jessie Norman. Ich war es leid schöne junge weiße Frauen zu sehen. Und da erschien sie majestätisch, in einem Universum von Spiegeln, nach Erinnerung flehend. Und so wurde dieses Bild ein Sinnbild für die schöne Traurigkeit des Subjekts, das sich selbst erforscht, weitestgehend ohne Rücksicht auf andere und anderes. Eine narzisstische Störung. Selbstmitleid, Melancholie und Selbstgerechtigkeit und so wunderschön. Das Haupt der Medusa. Diese ganze Kultur baut auf Missverständnissen.

Und bevor der Muskalgorithmus zu französischem Pop wechselt, beende ich das hier.

Om

 

 

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Kulturschock und die Wohnorte der Götter: Meine Erfahrungen in Indien https://readingdeleuzeinindia.org/de/aitareya/ Thu, 01 Jun 2023 14:36:48 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4237

Erfahre in diesem Artikel mehr über den Kulturschock und die Verbindung zwischen Bewusstsein und Körper in Indien. Die Vedas spielen dabei eine bedeutende Rolle.]]>

Ich hatte einen Kulturschock erwartet. Und der kommt jetzt auch. Mein Geist mag sich gar nicht so richtig einfinden. Die Zeitverschiebung ist fast 12 Stunden, also upside-down, mein Bewusstsein brennt, anders kann ich das nicht beschreiben. Ich bin wach, aber irgendwie nicht hier. Ich bin in Chicago und weiß das auch, bin vollständig präsent, aber mein Geist fühlt sich noch nicht zu Hause.

Es ist wie bei der Aitereya Upanishad. „These were the Gods that He created; they fell into this great Ocean, and Hunger and Thirst leaped upon them. Then they said to Him, “Command unto us an habitation that we may dwell secure and eat of food.”“ Aber was ist ein gutes Habitat für die Götter, jene Wesen, die Brahman erschuf, um sich selbst zu erfahren. Brahman zog Purusha aus den tiefen Wassern, aus ihm, dem Gegenpart zu Prakriti (Natur), manifestiert sich Purusha als Seele, als Bewusstein, als universales Individuum: „The eyes brake forth and from the eyes Sight and of Sight the Sun was born. The ears brake forth and from the ears Hearing and of Hearing the regions were born. The skin brake forth and from the skin hairs and from the hairs herbs of healing and all trees and plants were born…„

Als Pursha sich so – als ausdifferenzierte universale Kräfte, als Götter – manifestierte, stellte sich die Frage, wo die Kräfte wohnen können. Die Ozeane eigneten sich dazu nicht, ebenso wenig die Kühe. Als die Götter aber die Menschen sahen, sagten sie: „“O well fashoned truly! Man indeed is well and beautifully made.” Then the Spirit said unto them, “Enter ye in each according to his habitation.“ Gesagt, getan, doch eine Frage blieb: „The Spirit thought, “Without Me how should all this be?” and He thought, “By what way shall I enter in?” He thought also, “If utterance is by Speech, if breathing is by the Breath, if sight is by the Eye, if hearing is by the Ear, if thought is by the Mind, if the lower workings are by Apana, if emission is by the organ, who then am I?”“

Kulturschock

Ich fühle mich in Indien so lebendig, die Welt der Vedas ist dort noch aktiv. Mir geht es aber gar nicht darum, die Lehre der Vedas zu vertreten, dazu verstehe ich die viel zu wenig, die Sprache der Götter ist so kompliziert, so facettenreich, die Weisheit so tief. Es scheint aber etwas durch, durch diese alten Schriften, etwas, das überall in Indien spürbar ist. Bewusstsein ist dort nicht durch Materie bestimmt. Denn Materie ist unserem Bewusstsein nicht zugänglich. Das Bewusstsein sucht sich einen materiellen Wohnort. Etwas altmodisch würde man sagen, die Seele sucht sich einen Körper.

Dieses Bewusstsein, das sich einen Ort sucht, z. B. meinen Körper, ist nicht vollständig an diesen gebunden. Das ist das große Mysterium der Wiedergeburt. Die Verbindung ist nicht beliebig, aber doch lose. Wir sehen das im Schlaf, wenn unser Bewusstsein sich entfernt aus der materiellen Welt, der Kausalwelt, und sich in die Traumwelt begibt.

Die Götter also suchten sich den Menschen aus, um in ihnen zu wohnen. Das heißt aber etwas trivialisiert, dass das Bewusstsein, die Emotionen, der Intellekt, die Sinneswahrnehmung, das Gedächtnis, einen Ort benötigen, wo sie wirken können. Dieser Ort ist in unserer Erfahrung der menschliche Körper. „It was this bound that He cleft, it was by this door that He entered in. ’Tis this that is called the gate of the cleaving; this is the door of His coming and here is the place of His delight. He hath three mansions in His city, three dreams wherein He dwelleth, and of each in turn He saith, “Lo, this is my habitation” and “This is my habitation” and “This is my habitation.”“

Chicago

Nun bin auch also aus Indien nach Chicago geflogen und ich komme mir ein wenig vor, wie ein Geist (Spirit) der ein neues Haus sucht. Der Kulturschock ist maximal. Ich komme mir vor wie der Truman Show, jenem Film von 1998, wo eine perfekte Welt inszeniert wird, in der ein Mensch, der nicht weiß, dass diese Welt eine Inszenierung ist, 24/7 gefilmt und live im Fernsehen übertragen wird. Es ist natürlich eine Variation von Platos Höhlengleichnis, ebenso wie die Matrix (1999) oder andere dystopische SciFi Klassiker.

Hier in den USA findet man vieles zu seinem Extrem zugespitzt. Die Werte der Moderne werden hier verhandelt: Freiheit, Kapital, Wissenschaft, Krieg, Demokratie, Kunst, Materialismus, Individualität… Hier werden die Grenzen getestet und die Schranken gesetzt. Diese Moderne hat aber ihre Wurzeln verloren und das ist die Tragik der USA, denn dass ein Fortschritt notwendig ist, liegt in der Struktur der Welt. Alles ist im Fließen, alles im Werden, Stagnation und Konservatismus sind nur als Kräfte gerechtfertigt, nicht als absolute Werte. Und so treffen für mich hier die ältesten zusammenhängenden Schriften – die indischen Vedas – auf die Kraft des modernen Fortschritts, und ich frage mich, wo sind hier die Götter? Welches Spiel spielen sie?

Wenn ich die Menschen hier sehe, den Verkehr, die Supermärkte, die klimatisierten Häuser, dann ist das eine wirklich andere Welt. Brahman erfährt sich auch hier. Die Frage ist jedoch, wie wach die Menschen hier sind, sie arbeiten viel und hart, aber das Bewusstsein ist auf der Oberfläche in der Konsumwelt verankert. Etwas wird hier ausprobiert, das Experiment bedroht den Planeten, aber es wird irgendwie weitergehen.

Ich werde mich hier zurechtfinden. Die Götter leben hier nicht in Tempeln, es gibt keine Kühe auf den Straßen, aber es gibt einen Willen eine neue schöne Welt zu bauen. Wie ein kleines Kind, das sich nicht viel Böses denkt, wird hier diese moderne Welt gebaut. Manchmal wundert sich das Kind, dass das Haus zusammenfällt, dann gibt ein Geweine und Geschreie und einen neuen Versuch, bis das Lernziel erreicht wurde.


„The Aitereya Upanishad – CWSA – Kena and Other Upanishads – Upanishads“. o. J. Zugegriffen 1. Juni 2023. https://upanishads.org.in/upanishads/sa/kenaupanishad/the-aitereya-upanishad.
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Warum sind wir eigentlich hier? – Die Bedeutung von Sinn und Gemeinschaft in der Stadt https://readingdeleuzeinindia.org/de/warum-bist-du-hier/ Sat, 27 May 2023 16:27:17 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4125

In diesem Text geht es um die Frage nach dem Sinn des Lebens und wie eine Stadt organisiert sein sollte, um den Bedürfnissen ihrer Bewohner gerecht zu werden.]]>

Vor einigen Jahren hatte ich in meinem Seminar einen Gastkünstler. Ein junger, erfolgreicher, sozial engagierter Künstler, der etwas verändern wollte. Er kam in unser Seminar, wir saßen alle in einem Kreis, und er fragte jede Student:in warum er/sie hier sei. Es war ein Seminar auf einem Campus einer Kunstuniversität für ein Auslandssemester, und so erzählten die Student:innen sie seien hier wegen der Kultur, oder der Erfahrung, um Frankreich kennenzulernen etc… aber er, der Gastkünstler, lies diese Antworten nicht gelten, fragte weiter: Sei ehrlich, warum bist DU hier? oder: Mach dir nichts vor warum bist du HIER? oder: geh ein bisschen tiefer: WARUM bist du hier? Jeder musste sich dieser Frage stellen. Ich lernte vor allen, wie schwierig es ist, diese Frage ernsthaft zu stellen. Dass es nicht leicht ist, die Frage zu beantworten ist, ist ja eh klar.

Wir alle sollten uns immer wieder mal diese Frage stellen. Warum sind wir eigentlich hier? Je nach Kontext gewinnt die Frage natürlich andere Dimensionen: politisch, sozial, ökonomisch, persönlich, perspektivisch, kollektiv etc…. Am Ende aller kontextuellen Fragen bleibt aber die nackte Frage. Es ist Frage nach dem Sinn des Lebens.

Nun rennen viele Menschen – gefangen in Alltagszwängen, aus denen es sehr schwierig zu entkommen zu sein scheint – einem Leben hinterher, das durch Konventionen oder medial vermittelte Konsumwelten bestimmt ist. Ich möchte das an sich gar nicht bewerten, das steht niemanden zu. Letztlich muss das jede für sich entscheiden, solange … und hier kommt nun die Frage, auf die ich hinaus möchte, solange die Gemeinschaft nicht leidet. Gemeinschaft ist nun etwas salopp gesagt, das kann vieles heißen, und das ist auch gut so. Es gibt aber eine Struktur, die seit der Antike immer wieder als Model herangezogen wird, das ist die Stadt.

Stadt

Wie soll eine Stadt aussehen, wie soll sie organisiert sein, wer übernimmt welche Aufgabe, gibt es dort Regeln, wenn ja, wie werden die von wem gemacht für wen und warum? Denn in einer Stadt leben Menschen zusammen, in einer Arbeitsteilung, die nicht entfremdet sein soll. Jede soll dort ihren Platz finden, der ihren Fähigkeiten und Erwartungen an ein gutes Leben gerecht wird.

Die Lekture von A. K. Coomaraswamy hat mich heute wieder mit diesem Gedanken konfrontiert, er fragt in einem Essay nach der Zivilisation. Platon kam zu dem Schluss, dass letztlich nur ein Philosophenkönig wisse, was für die Gemeinschaft und die Stadt gut sei, denn nur er oder sie, die Philosophenkönigin würde sich losgelöst von Machtinteressen und persönlichem Vorteil um die Bewohnerinnen kümmern können. Nur sie könnte sicherstellen, dass die inneren Werte eines jeden sich frei entfalten können. Das klingt sehr verkopft, und auch ziemlich autoritär, selbst wenn der Philosophenkönig Autorität verbieten würde.

Im Kapitalismus wird das alles über das Einkommen gesteuert. Angebot und Nachfrage bestimmen, wer wie viel bekommt und wer wo einen Platz findet. Aber ist das dann auch der Platz, der bei der Frage danach, warum Du hier bist, auch der richtige ist? Ist die Frage nach dem Platz überhaupt so wichtig? Dabei geht es in der Welt der Werbung nur darum, wie Du Deinen Platz durch mehr Konsum verbessern kannst. Das nervt inzwischen sehr viele und es ist auch klar, dass der Planet das nicht mehr lange mitmacht, und die KI das wahrscheinlich auch nicht lösen wird.

Die Demokratie, das kleinste Übel, hat auch keine wirklich Antwort, es ist ein ewiger Verhandlungsprozess, der sich nach Mehrheiten richtet. Das ist gut für die Mehrheit, und das ist schon mal nicht wenig. Moderne Demokratien sind zudem von Prinzipien geleitet. Die stehen in der Verfassung, und können nur von Supermehrheiten, oder gar nicht mehr verändert werden. Es mag dafür gute Gründe aus den Lehren der Geschichte geben. Eine echte Antwort darauf, warum Du hier bist, ist das aber auch nicht.

Auroville

Nun könnte der Einwand gemacht werden, dass das ja eigentlich eine recht persönliche Frage ist, die politisch oder gesellschaftlich gar nicht geklärt werden muss. Dass die Stadt ja nur die Rahmenbedingungen liefern muss, damit sich jede dann dort ganz privat dieser Frage stellen kann, sich sein eigenes Haus bauen oder suchen kann. Das ist pragmatisch, aber keine Antwort. Es wird deutlich, die Frage ist alles andere als trivial. Und als, derjenige, der diese Zeilen schreibt, also ich, der Autor, möchte eigentlich auch nicht, dass irgendjemand diese Frage für mich beantwortet. Ich möchte aber in einer Stadt leben, wo diese Frage im Zentrum steht. Wo jede sich diese Frage stellen darf, kann und soll. Diese Stadt heißt Auroville, und ist alles andere als perfekt, gerade jetzt im Jahr 2023.

Diese Stadt ist für alle da, hat als Ideal keine Gesetzte oder Kapital und kommt auch ohne Werbung aus. Die einzige Bedingung, die diese Stadt stellt, ist, dass sich jede Bewohnerin als Dienerin des göttlichen Bewusstseins versteht. Für Einsteiger kann man da bei Mirra Alfassa oder Sri Aurobindo nachlesen, was das heißen könnte. Muss man aber nicht. Jede kann das für sich entscheiden, solange es keine organisierte Religion ist. Diese Einschränkung ist wichtig, und verweist auf die Ausgangsfrage: warum bist Du hier? Warum bist Du in diesem Leben? Die ganze Stadt existiert eigentlich nur, um diese Frage zu beantworten. Sie ist ein riesiges Labor, eine lebendige Universität ohne Verwaltungsstrukturen. Alles wird aus dieser Frage motiviert. Das eigene Leben ist in einem Akt der Hingabe als Voluntariat an eine große Idee ausgerichtet. Denn die Frage: Warum bist du hier? beinhaltet ganz wesentliche Begriffe. 1.) Ein Du oder impliziertes ich, das 2.) existiert, 3.) einen physikalischen Ort hat, 4.) als Frage eine Antwort einfordert und damit einen Akt der Reflexion, 5.) schließlich in Sprache formuliert ist. All dies verweist auf ein Bewusstsein, das über sich selbst hinauswächst. Ein Selbstbewusstsein, das sich auf seine eigene Existenz hin befragt, und wenn es das authentisch, aufrichtig, und mit Ausdauer tut, dann führt das auf einen spirituellen Pfad. Das ist der Sinn hinter der Einschränkung, dass jeder sich als Deiner des göttlichen Bewusstseins verstehen soll. Und deshalb gibt es auch keinen Platz für Religion. Es gibt einen Raum für Meditation, der ist offen und frei, und jeder mag da tun, was er/sie will. Meditation, oder Konzentration, ist immer und überall möglich, hat aber auch einen besonderen Raum in Auroville, nämlich das Zentrum. Dieser Raum ist weitestgehend leer, soweit es Leere überhaupt gibt. Der Raum ist schlicht und ist im Matrimandir.

Ich höre manchmal die Idee Auroville zu exportieren, auf der ganzen Welt viele kleine Aurovilles, also Communitys zu gründen und so etwas in der Welt beizutragen, das versucht solche wichtigen Freiräume zu schaffen. Geht das? Wie unterscheidet sich das von Künstlerdörfern, selbstverwalteten Bauernhöfen, Kibbuz oder revolutionären Kommunen? Auroville ist eines der ganz wenigen Experimente, das es über die erste Generation hinaus geschafft hat. Auroville steht im Moment aber vor seiner größten Herausforderung und Bedrohung. Alte gewachsene verkrustete Strukturen werden brutal durch neue äußere Strukturen aufgebrochen. Das ist unglaublich schmerzhaft. Diversität in Einheit, das Motto Auroville’s, scheint zentrifugalen Fliehkräften ausgesetzt zu sein. Mögen nicht mehr fehlgeleiteten Interessen die Gunst der Stunde dafür nutzen.

 

 

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Die Macht der Musik: Eine Meditation über Bewusstsein und innere Räume https://readingdeleuzeinindia.org/de/die-macht-der-musik-eine-meditation-ueber-bewusstsein-und-innere-raeume/ Tue, 23 May 2023 04:11:37 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4104 Trichy-Amma Mandapam

erfahren wir die Kraft des Bewusstseins durch die Vermischung verschiedener Vibrationen. Dieser Text erforscht die Konstitution des Bewusstseins in einem meditativen Zustand.]]>
Trichy-Amma Mandapam

Soweit mein Gedächtnis zurückreicht, erinnere ich mich, dass ich immer gerne Musik gehört habe. Es ist eine Sache der Konzentration, des Genusses, der Hingabe, der Selbstauflösung. Es war mir immer ein Rätsel, was diese Kraft der Musik ist, denn sie ist ja sehr flüchtig, ephemere, sie kommt meist aus einem Lautsprecher. Ein technischer Apparat produziert Schallwellen und die Zuhörer versinken in inneren Landschaften. Was passiert da? Es ist die Vibration. In der Kenaupanischade wurde deutlich, dass die Vermischung verschiedener Vibrationen Bewusstsein konstituiert.

Ich möchte das heute versuchen, etwas zu differenzieren. Ausgehend von einem meditativen Zustand stellt sich die Frag nach der qualitativen Konstitution dieses Bewusstseins. Im Zustand hoher Konzentration werden die Sinneseindrücke von außen reduziert. Es ist nicht wirklich möglich, die Außenwelt stumm zuschalten, aber es ist eben möglich, sich so zu konzentrieren, dass die Sinneseindrücke in einer ersten Stufe eben als solche wahrgenommen werden und in einer zweiten Stufe aus dem Bewusstsein ‚entlassen‘ werden. Es ist weniger eine phänomenologische Epoche, in der die Existenz der Außenwelt in eine epistemische Klammer gesetzt wird, also die Frage nach deren Existenz offen gehalten wird, sondern eher ein Entzug der Aufmerksamkeit. Es ist eine teilnahmslose Beobachtung: Ah dieser Eindruck ist nun präsent, oder dieser Gedanke kommt, oder jene Erinnerung erscheint… All diese als das, was sie sind, vorbeiziehen zu lassen, ist eine erste Stufe der Meditation. In einer inneren Schau wird dann deutlich, wie sich Bewusstsein konstituiert.

Innere Räume

Ein Raum, der erfüllt ist von Bewusstsein, eröffnet sich. Das reagiert jedoch nicht auf Sinnesreize, sondern rein und klar ist. Hier zeigen sich die Kräfte des Bewusstseins: mein Körper (Materie), mein Atem (die Lebensenergie/Prana), mein Geist (der analysiert und visualisiert), die Erfahrung von Dasein (Entzücken/Annanda), reines Bewusstsein (Chit). In diesem Bewusstsein, das sich seiner verschiedenen Ebenen bewusst ist, bewegt sich das selbst frei. Hier begegnet sich das Selbst (Atman) mit der Seele (Puruscha) und erahnt, dass Bewusstsein an sich, das alles umfasst (Brahman) der Schöpfer ist (Sat). Hier werden dann auch die Kräfte unserer Welt als solche sichtbar: Liebe, Krieg, Mitgefühl, Genuß, Schönheit, Leid in all ihren Ausformungen. Sie sind real in unserem Bewusstsein und es ergibt wenig Sinn, sie zu leugnen. Wir erfahren sie, und wir benennen sie und wir kommunizieren und teilen sie, wir leben sie aus und verwirklichen sie, sie werden zu ganz realen Kräften der Welt, wirken in ihnen. All das ist unbestreitbar. Es ist ein wenig schwer erklärbar und deshalb tut die Wissenschaft oft so, als ob sie epiphenomenal seien, also bloß unbedeutende Begleiterscheinungen physikalischer Prozesse. Aber das ist nicht sehr klug, da es uns unserer eigenen Essenz beraubt.

Musik

Ich habe hier ein wenig ausgeholt, weil ich denke, dass dieser innere Raum einige Vorzimmer hat, und die Kunst belegt ganz viele dieser Vorzimmer. In der Musik z. B. trete ich ein in einen inneren Raum, der durch Vibrationen erzeugt wird. In ihm kann ich mich frei bewegen, denn die Musik hilft mir, alles was nicht Musik ist, vorbeiziehen zu lassen. In diesem Raum also kann ich dann innere Reisen vollziehen, deshalb gehen wir immer wieder in musikalische Räume, wenn wir glücklich oder traurig sind. Wir durchleben vergangene Erfahrungen erneut und verarbeiten sie. Dies sind grundlegende psychologische Prinzipien. Aber auch hier können wir die Leiter des Bewusstseins klettern. Unser Körper und unser Atem kann im Tanz erkundet werden, unser Geist kann die Musik visualisieren, ihre Struktur verdeutlichen, ihre Komposition, Durchführung, Interpretation vor das innere Auge bringen. Wenn ich mich aber wirklich konzentriert und kontemplativ der Musik hingeben, wie ich das am besten inzwischen bei Dhrupa von Bahauddin Dagar tue, dann wird die Musik zu reiner Sinnlichkeit (Rasa). Und plötzlich ist die Frage nicht mehr, wie ein technischer Apparat Schallwellen produzieren kann, die solch ein Bewusstsein erzeugen können. Diese Frage gehört der Welt des rationalen Geistes an. Die Musik selbst, also die Vibration, mit der sich mein Bewusstsein verschmelzt, eröffnet einen anderen Raum, einen Raum der Simulation, Kontemplation, Erkenntnis und des Lichts. Aktives Hören von Musik ist sehr nah an tiefer Meditation.

Worum es mir geht, ist der Erfahrung ihren Raum zu lassen und sie nicht in reduktionistischen Widersprüchen zu zerreiben. Musik findet in den Vorzimmern des meditativen Raumes statt. Und das ist fast identisch für Malerei, Skulptur, Tanz, Architektur, Literatur und Poesie etc… wenn ich mich auf ihre Kernqualitäten einlasse. Sie hat hier ihren Sinn. Die Frage, was Musik sei, ist zwar nicht vollständig beantwortet, aber mir ist ihre Funktion, ihr Sinn, ihre Wirkung nun etwas klarer. Es ist kein mysteriöses Geheimnis mehr, sondern ein wunderschönes Werkzeug. Sie gehört zu Saraswati.

Kunst, so scheint es mir inzwischen, wird in Indien von hier aus verstanden. Und von hier aus wird dann auch Ananda Coomaraswamy’s Kritik an westlicher Kunst als ‚retinal‚ klar.

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Manifestation latenter Bilder https://readingdeleuzeinindia.org/de/manifestation-latenter-bilder/ Thu, 30 Mar 2023 15:20:05 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=3684

Exhibition „Roots From the Sky“ by Cedric Bregnard at Centre d’Art, Auroville März 2023 Cedric Bregnard ist Artist in Residence at the Centre d’Art in Auroville. Er wird in den nächsten 2 Monaten ein Foto vom Banyan Baum im Matrimandirgarten machen. Dieses Foto wird dann auf die Größe einer Wand (ca.3x7m) in der Galerie skaliert. […]]]>

Exhibition „Roots From the Sky“ by Cedric Bregnard at Centre d’Art, Auroville März 2023

Cedric Bregnard ist Artist in Residence at the Centre d’Art in Auroville. Er wird in den nächsten 2 Monaten ein Foto vom Banyan Baum im Matrimandirgarten machen. Dieses Foto wird dann auf die Größe einer Wand (ca.3x7m) in der Galerie skaliert. Bewohner von Auroville sind eingeladen, Licht und Schatten auf der Rinde, den Blättern, den Wurzeln, mit Tusche auf der Wand nachzuzeichnen. Was hinter diesem Prozess steckt, ist komplex und berührt das Wesen der Fotografie, die Materialität von Bäumen und die Kraft des Lebens. Der Baum selbst ist das geografische Zentrum von Auroville und stellt für viele Menschen einen ganz besonderen Ort dar, ein Ort der Kontemplation, Konzentration und Meditation. Dieser Baum ist für viele mehr als nur en Sinnbild von Natur, Mensch und Kosmos. Er manifestiert etwas.

Worum geht es also? Fangen wir mit der Fotografie an, denn Cedric Bregnard ist Fotograf. 1998, als Abschlussarbeit seines Studiums an der Ecole de Photographie de Vevey fotografierte Bregnard Verstorbene. Er nahm sich mehrere Monate Zeit, vier Menschen in einer Palliativklinik in der Schweiz auf der letzten Etappe zu begleiten. Sie willigten ein, dass Cedric Bregnard ein Foto von ihnen macht. Nachdem das Leben den Körper verlassen hatte, nahm er sich 3 Stunden Zeit allein mit dem Verstorben zu verbringen, eine Art Totenwache, um dann genau ein Foto, das einzige Foto, von dem Körper zu machen – ein Porträt. Der Bogen, der hier aufgespannt wird, ist existenziell: Was ist der Übergang von  Leben zum Tod? Was ist ein Porträt? Was kann Fotografie darstellen? Was passiert eigentlich genau, wenn ein Foto einen Moment festhält – technisch, zeitlich, metaphysisch?

Fotografien sind technische Bilder. 1826 gelang Joseph Nicéphore Niépce da erste Lichtbild. Louis Daguerre entwickelte den fotochemischen Prozess 1839 bis zur Patentreife weiter, und es waren die Brüder Louis und Auguste Lumière, die 1895 den Kinematografen erfanden. Dieser Apparat erlaubte es, Filme sowohl zu drehen, also auch zu projizieren. Die lebensgroßen laufenden Bildprojektionen verdrängten die Laterna Magica und die Phantasmagorien.

1907 kritisierte Henri Bergson in seinem Buch Creative Evolution den Kinematografen als einen Apparat, der Trugbilder erzeugt. Die Abfolge von Einzelbildern, die die Illusion von Bewegung erzeugen, seien letztlich eine Lüge. Ähnlich argumentierte schon Platon: Malerei sei Lüge, denn einen gemalten Apfel könne man ja nicht essen. 1985 ‚rettete‘ Deleuze das Kino vor dem Vorwurf der Lüge, indem er argumentierte, dass die Kritik zwar richtig sei, aber kurzsichtig. Der Filmstreifen enthielte doch mehr als nur Einzelbilder, er sei nicht die Illusion von Bewegung, sondern reines Denken, sei materielle Philosophie. Die Schnitte und Kollagen ließen Gedankenströme zu, die nur dem Film möglich sei. Film sei nicht ‚Wahrheit 24-mal pro Sekunde‘ (Godard), sondern reine Philosophie. Der Elan Vital (Bergson), d. h. die Lebenskraft, die dem Kinematografen fehle, wird durch die Kraft des Denkens erweitert.

Latente Bilder

Cedric Bregnard Performances verhalten sich implizit zu dieser Diskussion, wenn auch mit deutlich anderer Tonlage. Denn es geht darum, wie Fotografie das technische Bild transzendieren kann.

Also noch einmal zurück zum Anfang der Lichtbilder. Mithilfe von fotochemischen Verfahren werden Lichtstrahlen eingefangen. Ein latentes Bild entsteht, d. h. es gibt einen Lichtabdruck in einem chemischen Film, der sich auf einem Trägermaterial befindet. Sichtbar wird das latente Bild dann, wenn die durch das Licht veränderten durchsichtigen chemischen Verbindungen durch farbige chemische Verbindungen ersetzt werden. Bei Daguerre war das noch Silber auf eine Glasplatte. Durch den Kodakfilm wurde aber das Arbeiten mit Negativen populär und kostengünstig. Die Negative konnten im großen Labor effizient vergrößert werden. Diese Abzüge bezeichnen wir als allgemein als Fotografien. Es ist also die Natur, die hier ‚malt‘, das Licht wird mithilfe eines Apparates eingefangen und durch Chemie sichtbar gemacht. Der Fotograf wählt lediglich den Ort, die Zeit und den Ausschnitt.

Bei Bregnard’s Prozess und seine Leistungen gibt es eine ganz wesentliche Verschiebung innerhalb dieses ‚Malen der Natur‘. Auch er wählt einen Ort, die Zeit und den Ausschnitt – d. h. ein Objekt – konkret einen Baum – den er mit einer Kamera fotografiert. Anstatt jedoch einen fotochemischen Prozess zu verwenden, verwendet er einen sehr hochauflösende digitalen Prozess. Die Pixel, die ein wenig wie ein latentes Bild fungieren, werden durch einen Ausdruck auf Papier sichtbar gemacht. Die mathematische Beschreibung jedes einzelnen Pixels wird mithilfe eines Algorithmus und eines Druckers in eine grafische Darstellung transformiert. Die meisten Fotografen, die digital arbeiten, nehmen diese Ausdrucke als Endresultate. Sie sind das Äquivalent zu analogen Abzügen, d. h. Fotografien.

Gemeinsam sichtbar machen

Bregnard arbeitet etwas feiner. Für ihn sind die Ausdrücke quasi Negative. Eine Zwischenstufe zum endgültigen Bild. Der Abzug dieses Negatives entsteht in der Performance. Und hier wird es ein wenig magisch.

Das ‚Negativ‘ das Bregnard ausdruckt, ist schwarz-weiß ohne Grauwerte. D.h. jeder durch die Kamera eingefangen Lichtreflex wird auf entweder Schwarz oder Weiß, ‚Licht oder Schatten‘ festgelegt. Dieses Negativ dient als Grundlage für die Performance. Jeder kann nun teilnehmen und die Spuren von Licht und Schatten nachzeichnen. Das Bild des Baums wird kollektiv mit Tusche nachgezeichnet. Ein schönen Detail hierbei ist, dass Tusche aus Kohle gemacht wird, die wiederum verkohltes Holz ist – abgestorbener Baum.

Das kollektive Nachzeichnen mit Tusche selbst ist ein Prozess, den Bregnard ‚laufen lässt‘. Er nimmt sich selbst da raus. Es ist wiederum Natur, die hier zeichnet. Natur im Sinne von Gegensatz zu Technik. Aber es ist eine höher Form von Natur, es ist Bewusstsein im kollektiv. Dass dieser Prozess nun hier in Auroville in Bezug auf den Banyonbaum stattfindet, ist wunderbar. Dass dies in einer Zeit geschieht, wo Auroville’s treibende Kraft ‚Diversity in Unity‘ einer Kraftprobe unterzogen ist, mag für einige nicht bloß symbolisch sein.

Bergson, Henri. Creative Evolution. New York: Henry Holt & Company, 1911.

Deleuze, Gilles. Cinema 1: The Movement-Image. 9. print. Minneapolis: University of Minnesota Press, 1986.

———. Cinema 2: The Time-Image. Minneapolis: University of Minnesota Press, 1989.

„Cedric Bregnard | Cedric Bregnard“. Zugegriffen 10. Februar 2023. https://www.cedricbregnard.ch/.

 

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Das Missverständnis der Kunst: Eine neue Perspektive ohne Repräsentation https://readingdeleuzeinindia.org/de/kunst-als-begegnung/ Tue, 28 Feb 2023 17:08:56 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=3173

In diesem Text wird das Missverständnis über Kunst aufgeklärt, dass sie eine Repräsentation sein soll. Kunst ist keine Kommunikation, sondern eine einzigartige Erfahrung.]]>

Kunst wird gerade von den Experten, den Kunsthistorikern und Kritikern, im Kern missverstanden. In der Kunst geht es ja nicht darum, was sie darstellt, oder was sie bedeutet. Kunst ist kein Rätsel, das es zu entschlüsseln gilt, und sie ist auch kein Ausdruck eines Kunstgenies, das über die Künstlerbiografie erklärt werden kann. Kunst ist auch nicht notwendig schön, oder ästhetisch, oder sublim.

Repräsentation

Kunst ist keine Repräsentation, das ist das große Missverständnis der Moderne. Erst aus diesem Missverständnis resultiert die Avantgarde. Ihr ging es darum, immer neue Formen der Repräsentation zu erfinden, neue Phänomene zum ersten Mal auszudrücken. Ich denke an das Unterbewusste, an die Konzeption vom vierdimensionalen Raum, synästhetische Wahrnehmung, Funktionalismus, Technikbegeisterung. Diese und viele andere Phänomene aus dem 20. Jahrhundert wurden ‚Gegenstand‘ von Kunst. Wenn etwas ‚Gegenstand‘ von Kunst ist, dann repräsentiert Kunst diesen ‚Gegenstand‘, sie bildet ihn ab – so die gängige Kunsttheorie. Das Kunstverständnis, das hier zugrunde liegt, ist eines, das dem Fortschrittsglauben nachhängt, eine objektive Entwicklung einer Geschichte der Kunst postuliert, auf Prinzipien einer rationalen Geschichtsschreibung beruht. All diese Ansätze haben in einem begrenzten Rahmen eine gewisse Erklärungskraft. Sie erhellen bestimmte Aspekte. Sie missverstehen aber das Wesen der Kunst.

Wenn ich mich so weit aus dem Fenster lehne und die gängigen Kunstdiskurse des Westens in einem Absatz angreife, so muss ich natürlich auch kurz sagen, was ich dem entgegensetzen möchte. Es sind einige Essays von Roland Barthes, einem großen Semiotiker bzw. Semiologen und französischen Kunstkritiker. Seine Texte zeigen die Grenzen des Repräsentierbaren in der Kunst auf. Und ich denke natürlich an Gilles Deleuze, der wesentlich weiter und radikaler gedacht hatte und Kunst als eine Begegnung (Encounter) charakterisierte. Mit ihm verbinde ich eine radikale Kritik am Dogma der Repräsentationstheorie der Kunst. Kunst hat eigentlich überhaupt nichts mit Repräsentation zu tun. Die Vorstellung, dass etwas für etwas anderes steht, ist eigentlich absurd. Sie führt in all die Probleme des Dualismus, seine Paradoxien und Scheinprobleme. Ein Text, ein Bild, eine Komposition, ein Theaterstück, eine Oper oder eine Skulptur, selbst eine Fotografie, sie alle repräsentieren nichts. Vielmehr sind sie ganz besondere Dinge in der Welt, die uns eine ganz besondere Erfahrung ermöglichen. Die Tatsache, dass sie manchmal anderen Dingen ähnlich sind, ist trivial und kaum interessant.

Begegnung

Wenn ich sage, dass Kunst eine Begegnung ist, oder sie ermöglicht, dann heißt das, dass die Kunstwerke das Resultat eines kreativen Prozesses sind. Der Unterschied zwischen dem Künstler als dem Produzenten von Werken und den Betrachtern als den Rezipienten ist dabei wesentlich kleiner als man allgemein annimmt. Kunst ist kein Objekt der Kommunikation zwischen Künstler und Betrachter. Kunst ist auch kein Medium zwischen einem Sender und einem Empfänger. Und Kunst ist auch kein Zeichen, das dekodiert werden kann.

Kunst ist Kunst. Versuchen wir einmal, sie nicht sofort auf irgendetwas zu reduzieren. Kunst wird hervorgebracht und wird Teil von Welt. Sie wirkt, wie alles andere in der Welt auch. Es gibt sehr verschiedene Wirkungsweisen, ich denke hier ein wenig an Schopenhauer’s vierfache Wurzel von Satze des zureichenden Grundes. Ich variiere frei: Es gibt mechanisch kausale Wirkung, es gibt die Dynamik lebendiger, d. h. biologischer Systeme und es gibt soziale Interaktion als Wirkung, es gibt Inspiration und Kreativität. Ihre Wirkungsweisen sind unterschiedlich. Ich möchte hier behaupten, dass sie irreduzibel sind.

Kunst ist Kunst. Sie wird hervorgebracht und steht in Wirkungszusammenhängen. Wir können ihr begegnen. Die Begegnung mit Kunst ist dabei nicht nur Menschen vorbehalten. Einige Tiere haben sie auch, wenn auch in begrenzten Umfang, und vielleicht wird die künstliche Intelligenz hier auch noch Fortschritte machen.

Bei Deleuze lernen wir, dass:

  • der Kinematograph einen Film erzeugt und abspielt, der Denken manifestiert (Deleuze ‚Cinema‘).
  • Kunst für uns nicht nur wie ein Haus ist, sondern ein Haus ist. Als Menschen stehen wir zwischen Erde und Himmel – dem Kosmos. In dieser Spannung benötigen wir eine Begrenzung, ein Zuhause. Wir benötigen ein Territorium, das wir unseres nennen, und wir müssen es verlassen können, wir deterritorialisieren und reterritorialisieren. Der Kunst kommt hier eine ganz wesentliche Rolle zu. In der Begegnung mit anderen, mit der Erde und dem Kosmos erbauen wir ein Haus, das ist das Grundprinzip der Kunst. Wir bewohnen das Haus, besuchen andere Häuser. Das ist natürlich sowohl wörtlich als auch metaphorisch gemeint (Deleuze ‚What is Philosphy‘).
  • unsere Sinne bei der Begegnung mit Kunst mit der Kunst selbst verschmelzen. Unsere Augen, Ohren, Geschmack und Tastsinne vibrieren beim Kontakt mit der vibrierenden Kunst (Deleuze ‚Logic of Sensation‘).

Was Deleuze vermeidet, und erst in seinem letzten Essay ‚Immanenz: A life‘ andeutet, ist eine spirituelle Komponente. Teil unseres In-der-Welt-Seins ist unser Verhältnis zu den großen Sinnfragen. Ein Leben, das sich seines Selbst – wenn nicht voll, so doch reich – bewusst ist, versteht sich als Teil eines Ganzen. Diese Relation wird auch in der Kunst zum Thema. Wir können der Kraft der Schöpfung begegnen. Bei Aurobindo hat die Kunst die Fähigkeit, Bhakti zu fördern, d. h., ein Medium der Hingabe zu sein – eine Begegnung mit dem Göttlichen – nicht in Form einer Repräsentation des Göttlichen wie im Christentum, sondern als Meditationsobjekt, das bei einer kontemplativen Hingabe den Pfad von Bhakti erleichtert.

Mich interessiert die Relation von Deleuze‘ Begriff von Kunst als Haus und Aurobindo‘ Konzept von Kunst als Bhakti in den Tempeln. Mir scheint hier eine Parallele zu sein. Beide führen aus der Sackgasse der Repräsentation hin zu einem Konzept, das der spirituellen Erfahrung gerechter wird.

Hier ein Link zu einer langen Präsentation (35MB) mit Material zu der Frage, warum ich als Kunsthistoriker Deleuze lese.

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Ein neues Weltbild erarbeiten https://readingdeleuzeinindia.org/de/ein-neues-weltbild-erarbeiten/ Sat, 25 Feb 2023 16:19:18 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=3153

In diesem Text geht es um die Veränderung des Weltbildes und den Prozess des Loslassens von alten Überzeugungen, um Platz für neue Ideen zu machen.]]>

Ich habe vielleicht 4 oder 5 mal in meinem Leben mein Weltbild geändert. Das ist ein aufregender, spannender und extrem anstrengender Prozess. Ich finde das sehr viel, manche haben vielleicht das Weltbild, in das sie hineingeboren wurden, nie verlassen. Ein Philosophiestudium verlangt das eigentlich. Man sollte das nicht zu oft machen, und idealerweise wächst man bei jedem neuen Wechsel.

Um sich von einem Weltbild zu verabschieden, um sich auf ein Neues einzulassen, muss man viele Ideen hinter sich lassen. Es ist nicht leicht, sich von Ideen zu verabschieden, die einen jahrelang geleitet haben. Es ist auch nicht so, dass man eines Tages aufwacht und denkt alles ist falsch, von dem man jahrelang überzeugt war. Vielmehr schleicht sich ein Gefühl ein, dass etwas nicht stimmt, dass bestimmte Fragen weiterhin nicht beantwortet sind, dass Dinge, die man interessant fand, plötzlich langweilig werden. Bei mir sind das Mantra ähnlich Zustände. Die letzten Jahre z. B. habe ich fast täglich einen Gedanken gehabt: ‚I am done with capitalism‘ Diesen Satz habe ich immer wieder im Kopf gehabt. Doch was folgt daraus?

Der Übergang

Für mich bedeutete das, dass ich bestimmte Dinge nicht mehr mittragen konnte. Ganz praktisch fühlte ich mich nicht mehr wohl für eine teure Privatuniversität zu arbeiten. Ich hatte auch kein Interesse mehr an Dingen, die rein der Logik des Kapitals folgten, das bedeutet auch, dass ich an bestimmten Themen das Interesse verlor. Ich schaute in die vielen Regale mit meine Büchern und fand nur noch sehr wenige interessant … Gleichzeitig fühlte ich mich angezogen von neuen Ideen. Ganz konkret die Bücher von Sri Aurobindo. Ich lese ihn langsam, aber dafür eigentlich nur noch ihn, seit Jahren … Seine Ideen führen in eine ganz andere Gedanken- und Erfahrungswelt. Ich bin dann sehr vorsichtig. Manche Autoren sind Verführer, haben schnelle Antworten und versuchen ein wenig missionarisch eine Gedankenwelt aufzuzwingen. Das finde ich gefährlich. Da muss man aufpassen.

Wie kann man neue Überzeugungen aufbauen, die alten Überzeugungen widersprechen? Um alte Überzeugungen loslassen zu können, simplifiziere ich sie. Ich frage mich, was ist der Kern und warum haben sie für mich an Attraktivität verloren? Ich reduziere Komplexität, vereinfache, um Klarheit zu gewinnen. Das ist die Schönheit von Simplizität. Da meine Weltbilder immer aus soliden philosophischen Systemen bestanden, konnte ich nicht einfach Flüchtigkeitsfehler im Denken finden. Vielmehr geht es mir darum, die Implikationen abzuwägen. Was bedeutet ein Weltbild für den Planeten? Oder welche Fragen kommen innerhalb eines Weltbildes zu kurz, oder werden nur ausweichend behandelt? Meine kleine Kategorie von Kiss goodbye Einträgen hier ist eine kleine Anekdotensammlung.

Heute wurde mir also etwas klar. Wie gesagt, es geht hier um radikale Vereinfachungen. Beim Lesen von Aurobindo’s Kommentaren zu der Isha Upanischad habe ich das Gefühl, dass das alles klar ist, dass hier etwas ausgedrückt wird, das eine höhere Wahrheit beinhaltet. Ich finde das fast schon unheimlich, denn die Gedankenwelt ist komplex, entspringt einem anderen Kulturkreis, setz unglaublich viel voraus, und eigentlich kann man das gar nicht richtig verstehen, wenn man kein Sanskrit kann. Ich bin daher unendlich dankbar, dass ich diese Texte hier mit einem Freund lesen darf, der nicht nur ein echter Sanskritexperte ist, sondern für mich eine Art Guru ist, der mir Orientierung gibt, in meinem Versuch mich in Aurobindo’s Gedankenwelt zurechtzufinden. Heute wurde mir also etwas klar. In den großen Denktraditionen des Westens gibt es verschiedene Grundeinstellungen. Eine Art Axiomatik, also grundlegende Annahmen, auf denen alles aufbaut. Mir vertraut sind z. B. folgende Denktraditionen:

  • Ein Weltbild, das auf Empirie beruht, also auf Dingen, die mir durch Erfahrung gegeben sind. Diese Erfahrungen sind Ausgangspunkt, die Welt zu verstehen. Alles, was in meiner Erfahrung gegeben ist, muss rational erklärbar sein. ‚Traue nur deinen Sinnen‘, ist das kurzsichtige Mantra. Dieses Weltbild ist dominierend, da es besonders außerhalb der Philosophie die treibende Kraft geworden ist. Politik, Wirtschaft, Naturwissenschaften werden durch sie angetrieben.
  • Ein anderes Weltbild beruht auf der Rationalität. Nur das, was rational erklärt werden kann, hat Gültigkeit. Das klingt erstmal fast identisch wie das Erste, hat aber radikal andere Implikationen. Hier geht es um die Strukturen unseres Denkens, um die transzendentalen Strukturen: Logik, Epistemologie, Ethik, Ästhetik, Annahmen a priori etc…. Aus dieser Art von rationalem Denken lassen sich unterschiedlichste Ideologien ableiten. Ändert man die Voraussetzungen, indem man sich eine andere Datenlage anschaut, aber zugleich die Argumentationswege im Wesentlichen unverändert lässt, so ergeben sich radikal unterschiedliche Weltbilder – Kommunismus, Kapitalismus, Fanatismus, Faschismus. Sie alle haben eine eigene Rationalität, die umgangssprachlich gar nicht rational ist. Ich denke, der Zweite Weltkrieg veranschaulicht, wo das hinführen kann.
  • Ein drittes Cluster von Weltbildern folgt der Grundannahme, dass es lokale Wissenssysteme gibt. Ein postmodernes Weltbild, das Widersprüche aushält und Veränderungen wertschätzt. Für mich ist das prozessuales Denken. Es verändert sich ständig, weil die Welt sich auch ständig ändert.

Das ist sicherlich nur eine kleine Auswahl von Möglichkeiten. Ich denke aber, dass diese drei Paradigmen hinreichend trennscharf sind, da es dazu auch viele Streitereien in der Fachliteratur gibt.

Mir scheint nun, dass in Aurobindo’s Denken all diese Denkweisen zusammenlaufen, wenn auch unter anderen Vorzeichen: Die Empirie ist gegeben durch eine tiefgreifende Analyse der Sinne, die phänomenologisch präzise ist in dem Sinne, dass sie die Konstitution unterschiedlicher Bewusstseinszustände und Ebenen abdeckt (Kena Upanischad). Es ist rational in dem Sinne, dass Aurobindo das Geheimnis der vedischen Schriften erschließt und zeigt, dass die spirituelle Erkenntnis der Rishis rational ist, aber auch über die Rationalität hinausgeht, ohne irrational zu werden (Isha Upanischad). Es schließt eben nur andere Erkenntnisformen und Bewusstseinszustände mit ein. Und sein Denken ist dem prozessualen Denken verbunden, da es die Evolution des Geistes beschreibt (The Life Divine). In Aurobindo’s Analysen kommen immer alle drei Formen des Denkens gemeinsam. Sein ‚System‘ ist verschränkt. Alles aufeinander bezogen, und das muss auch so sein, die Welt, das Bewusstsein, das volle Bewusstsein, die Natur, die Götter, das Selbst – Maya, Puruscha, Satcitananda, Prakriti, Brahman, Atman…

Mir scheint, so in etwa kann sich ein Weltbild verschieben bzw. durch ein anderes ersetzt werden. Das heißt, dass das vorherige Weltbild im persönlichen Denken transformiert wird.

 

Dabei helfen: Meditation, Leben in einem anderen Land in einer anderen Gesellschaft, spirituelles Wachstum und Mut zur Lücke für den Moment.

p.s.: Statt einer reduktionistischen Sichtweise auf das Bewusstsein, und statt einer Ausrichtung von Sinnhaftigkeit entlang von Akkumulationsbewegungen des Kapitals, findet sich in den vedischen Schriften das Grundprinzip der Vibration. Es ist das energetische Prinzip des Universums, es ist das Grundprinzip der Sinneswahrnehmung. Die Synchronizität von Vibrationen in der Wahrnehmung erlaubt eine bewusste Wahrnehmung und eine Übersetzung in Laute und Sprache. Das, was unsere Existenz als Menschen maßgeblich prägt, ist unser Bewusstsein. Es ist auf wenigstens 7 Ebenen differenziert, und der Versuch, es auf Informationsverarbeitung zu reduzieren, erscheint mir masochistisch, selbstverleugnerisch, fremdbestimmt und fehlgeleitet.

 

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Gedächtnis https://readingdeleuzeinindia.org/de/gedaechtnis/ Sun, 19 Feb 2023 17:54:48 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=3118

In Indien werden seit 3000 Jahren die Bücher der Vedas im Gedächtnis behalten. Der Rigveda (10,552 Verse), Samaveda (1549 Verse), Yajurveda (4001 Verse) und Atharvaveda (5977 Verse) sowie die Upanischaden (ca. 1800 Verse) werden von Generation zu Generation weitergegeben. Die Grammatik des Sanskrit hat sich nicht wesentlich verändert und die Aussprache ist durch exakte phonetische […]]]>

In Indien werden seit 3000 Jahren die Bücher der Vedas im Gedächtnis behalten. Der Rigveda (10,552 Verse), Samaveda (1549 Verse), Yajurveda (4001 Verse) und Atharvaveda (5977 Verse) sowie die Upanischaden (ca. 1800 Verse) werden von Generation zu Generation weitergegeben. Die Grammatik des Sanskrit hat sich nicht wesentlich verändert und die Aussprache ist durch exakte phonetische Beschreibung genaustens überliefert. So klingen diese Texte heute genauso wie vor 3000 Jahren. Sie sind in Form von Mantras geschrieben, d. h. in Versform und der Wahrheit verschrieben. Dem Rezitieren, sogar dem bloßen Zuhören werden Kräfte zugeschrieben, denn die Sprache des Sanskrit entstammt der Legende nach Shiva: Seine Trommeln erzeugen Vokale, aus ihnen entstehen die Konsonanten, daraus die Grammatik und schließlich die Sprache.

Das Pendant zur Sprache der Vedas sind in der Musik die Ragas. Des Weiteren steht Yoga in Beziehung zu den Vedas, ebenso Ayurveda und Tantra. Dieser Schatz von Weisheit wurde von den Rishis durch tiefe Meditation wahrgenommen und in Mantras festgehalten. Die strikte Codierung in Versform sicherte eine fehlerfreie Überlieferung über Jahrtausende. Auch heute noch leben tausende Menschen in Indien, die die Vedas auswendig können und regelmäßig rezitieren.

Weitergabe von Wissen

Es gibt zwei Formen der Weitergabe dieses Wissens. Die konventionelle Form des Lernens durch Übung und Wiederholung. Es ist notwendig, damit schon in früher Jugend anzufangen, und es erfordert die Hingabe eines ganzen Lebens, diese Fähigkeit zu entwickeln und am Leben zu halten. Die zweite Form ist die Weitergabe eines Sehers an seinen Schüler. Diese Form ist für den rationalen Geist schwer nachzuvollziehen. Innerhalb von Wochen wird das Wissen übertragen. Die Beziehung zwischen Guru und Schüler ist natürlich eine ganz besondere. Das ist selten. Es wird auch von noch mystischeren Transfers berichtet.

Da es sich hier um ein Wissen handelt, das in der Meditation erfahren wurde, ist das ein Wissen, das anders ist als empirisches Wissen, das wir durch unsere äußeren Sinne gewonnen haben, oder rationales Wissen, das wir durch Deduktion gewonnen haben. Die westliche Vorstellung, dass – extrem verkürzt – die äußeren Sinnesreize ins Gedächtnis eingeschrieben und durch Erinnerung abgerufen werden können, greift hier nicht. Auch die Ansätze der Transzendentalen Philosophie greifen hier zu kurz, da sie tiefen Strukturen innerhalb unseres Denkens suchen.

Das Wissen der Vedas bezeugt eine wesentlich differenziertere Beschreibung unseres Bewusstseins. Den allgemein akzeptierten drei Zuständen von Materie, Leben und Geist korrespondieren in den Vedas auf einer höheren Bewusstseinsebene Sat-Chit-Ananda (Existenz, Bewusstsein, Bliss). Eine siebte Ebene – Vijnana – ist das Bindeglied. Durch diese Form höherer Erkenntnis wird Sat-Chit-Ananda eröffnet. Das Ganze ist wundervoll komplex, reich und schön und wird unserer menschlichen Existenz viel mehr gerecht als die dominierende reduktionistische Sichtweise der sogenannten Aufklärung und wird durch die 7 Flüsse oder tiefen Wasser beschrieben. Natürlich kommen hier auch noch die Götter hinzu, aber das ist erstmal eine andere Geschichte. Mir geht es ja hier um das Gedächtnis.

Die Vedas haben diese höheren Ebenen erschlossen. Sie werden von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. Daher sind sie auch als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt. Dieses Wissen speist sich aus einer Schau und wird immateriell, wie das olympische Feuer, weitergetragen. Es zeugt von einem Ursprung in den ältesten zusammenhängenden Texten der Menschheit.

Gedächtnis und Bewusstsein

Ähnlich wie die Kunst Zeugnis gibt von einer inneren Erfahrung, oder die Erfindung oft auf einer Inspiration beruht, so ist unsere spirituelle Existenz einer Schau verbunden. Die Frage nach dem Sinn unseres Lebens beantwortet sich nicht in Kausalketten oder Deduktionen. Diese Frage verweist auf einen anderen Zusammenhang. Wie ist eine solche Schau möglich und was für eine Art von Gedächtnis ist dafür nötig? Ich meine damit nicht die Gedächtnisleistung, sich c. 25.000 Verse zu merken, sondern die Frage nach der Art von Bewusstsein, die sich hier zeigt.

Der Geist kann sich innerhalb der Bewusstseinsebenen frei bewegen, in nahezu unendlicher Geschwindigkeit kann er von einem Ort zum anderen schweifen, durch die Zeit hindurchspringen und neue Welten erschließen – all das zumindest in der Erinnerung, dem aktivierten Gedächtnis. Doch es ist mehr als nur ein Sich-in-Erinnerungen-Verlieren. Die Zustände von Sat-Chit-Ananda sind real. Indien ist von Menschen, die alles aufgegeben haben, um sich diesem Geschenk zu öffnen, um Seligkeit und Unsterblichkeit im Hier und Jetzt zu erreichen. Bergson unterscheidet zwischen einem reinen Gedächtnis und einem Gewohnheitsgedächtnis. Das reine Gedächtnis erfasst die Erinnerungen, die uns prägen, die einzigartig sind, herausstechen aus dem Alltagsbewusstsein. Das geht in die richtige Richtung….

Unser Geist, unser Bewusstsein kann teilhaben an einem größeren Bewusstsein, kann dieses aktualisieren. Mir scheint, wir missverstehen das als Gedächtnis, und vielleicht ist es auch so, dass wir erst über unser Gedächtnis hinauswachsen müssen, um wirkliches Bewusstsein zu erlangen. Erinnerung ist dann nicht die Suche im eigenen individuellen Gedächtnis der Gewohnheit, sondern spirituelle Erfahrung. Denn alles ist immer schon überall da. Es geht nur um die Zugangsrelationen.

 

 

Referenz:

Joshi, Kireet. The Portals of Vedic Knowledge

Bergson, Henri. 1990. Matter and Memory. New York: Zone Books.

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Die Ordnung der Dinge https://readingdeleuzeinindia.org/de/die-ordnung-der-dinge/ Thu, 26 Jan 2023 03:52:16 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=3033 Pondycherry

Auf der Ladefläche eines kleinen Transporters stehend, bin ich die letzten Tage durch Auroville gefahren, um verschiedene Dinge für den Pottersmarket einzusammeln. Diese kleinen Transporter sind die großen Brüder der Tuk Tuks. Manchmal sieht man auf ihnen sechs oder sieben Dutzend Menschen stehen, wenn wieder mal eines großen Festivals ansteht. Es ist ein beliebtes Transportmittel […]]]>
Pondycherry

Auf der Ladefläche eines kleinen Transporters stehend, bin ich die letzten Tage durch Auroville gefahren, um verschiedene Dinge für den Pottersmarket einzusammeln. Diese kleinen Transporter sind die großen Brüder der Tuk Tuks. Manchmal sieht man auf ihnen sechs oder sieben Dutzend Menschen stehen, wenn wieder mal eines großen Festivals ansteht. Es ist ein beliebtes Transportmittel für die Menschen in den Dörfern, wenn sie gemeinsam lange Strecken reisen, um den Göttern nahe zu sein. Es ist verwunderlich, wie sicher sich das anfühlt, denn eigentlich ist das ja extrem gefährlich, würde man im Westen denken. Mir scheint es sicher zu sein, weil sich niemand auf die Technik verlässt. Außer einem Stahlgerüst, einem Dieselmotor, Rädern, Getriebe etc. ist da nicht viel dran. Es ist ein Werkzeug, das von Menschen genutzt wird, die sehr gut gegenseitig auf sich aufpassen.

Alles ist von Rücksicht und Vorsicht, von Vorsorge und Mitgefühl getragen. Ich verlasse mich darauf lieber, als auf einen Algorithmus oder vollautomatische Systeme. Denn in dieser Zwischenmenschlichkeit wird das gemeinsame Bewusstsein spürbar. Wenn man sich so durch die Welt bewegt, gibt es ein ewiges lachendes Echo von allen Seiten. Die Welt scheint getragen zu sein, und sich in einem Einklang zu befinden. Wenn es dann doch einmal brenzlig wird, weil jemand auf dem Motorrad telefoniert und das Hupen nicht gehört hat, oder die Kuh auf der Straße sich stoisch nicht aus der Ruhe bringen lässt, dann spürt man ein wenig Mitleid mit dem, der aus der Synchronität herausgefallen war und eine Kollision von Kräften hervorgerufen hat.

Das Gleiche gilt für die Geschäfte mit Metallwaren in den engen Gassen Pondycherrys. Das Klappern der Töpfe, das gleichzeitige Reden von vielen, die Ordnung der Regale, deren Inhalt, der dann letztlich teils doch einfach nach Gewicht verkauft wird. All dies bringt eine andere Art der Kommunikation hervor. Die sprachliche Koordination in Englisch ist viel direkter. Aber die Höflichkeiten und Emotionen, die Anerkennung des anderen, das Mitgefühl und die Dankbarkeit, aber auch die Frustration und Ungeduld, dies alles ist im Gesichtsausdruck und der Kopfbewegung. Tendenziell sind die positiven Emotionen im Gesichtsausdruck und den Kopfbewegungen, die negativen in den Händen. Eine nach oben geöffnete Hand mit einem fragenden Blick z. B. scheint zu bedeuten „Warum lässt du mich diese negative Energie spüren?“

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Diese Kommunikation ist im Tanz wiederzufinden, in den Mudras, den Handbewegungen und den Körperbewegungen, die wie Jantras funktionieren, also geometrischen Figuren, die energetisch zu lesen sind. Die Klänge der Sprache hingegen sind weich und fließend, die Sprache der Tamilen ist eine der ältesten der Welt, ebenso alt wie Sanskrit, aber im Gegensatz zu Sanskrit wird sie auch auf den Dörfern und nicht nur in den Universitäten gesprochen. Der Klang ihrer Silben ist wiederzufinden in der karnatischen Musik, deren extreme rhythmisch-mathematische Komplexität das ungeübte Ohr ganz schwindelig werden lässt.

Und letztlich verweist dies natürlich alles wieder auf die kosmische Ordnung. Ich beginne immer mehr zu sehen, dass die Welt, in der wir leben, sich ableitet aus einer anderen, sie umfassenden Realität. Alles führt zurück zu den Upanishaden. In der Meditation wird dies Gewissheit. Für den rationalen Geist des Westens mag das befremdlich klingen. Möge ChatGPT diesem Geist geben, was er sucht. In Indien wird die Angst vor ChaptGPT mit einem Lachen beantwortet. Es ist ganz klar, eine unumstößliche Gewissheit, dass die Computer keine Konkurrenz für die Seele sind, sie sind kraftvolle Werkzeuge, mehr nicht.

Ich fragte ChatGPT neulich – nach einer längeren Konversation über Aurobindo, Deleuze und die Upanischaden – ob der Pfad der Upanischaden und der Meditation der KI zugänglich ist:

 

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Neues Jahr https://readingdeleuzeinindia.org/de/neues-jahr/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/neues-jahr/#respond Tue, 10 Jan 2023 15:38:02 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2864 Kerala Festival

Gestern habe ich das Jahr mit einer gemeinsamen Meditation beendet. Das war wunderschön, ruhig, konzentriert. Und gleich möchte ich ans Meer, ein wenig schwimmen, mir scheint dies ein guter Start zu sein. Ich lasse ein wenig vor meinem inneren Auge passieren, wie ich die letzten Jahre und Jahrzehnte gelebt habe. Ich habe an verschiedenen Orten […]]]>
Kerala Festival

Gestern habe ich das Jahr mit einer gemeinsamen Meditation beendet. Das war wunderschön, ruhig, konzentriert. Und gleich möchte ich ans Meer, ein wenig schwimmen, mir scheint dies ein guter Start zu sein.

Ich lasse ein wenig vor meinem inneren Auge passieren, wie ich die letzten Jahre und Jahrzehnte gelebt habe. Ich habe an verschiedenen Orten in verschiedenen Ländern gelebt. Das war spannend: andere Sitten und Gebräuche, Sprachen, Kulturen, andere Sinneseindrücke, von Natur und Küche, über Architektur, gemeinsames Feiern etc. Ich habe viele Dinge genossen, mich über vieles gewundert, habe mich inspirieren lassen und anderen Menschen Geschichten erzählt, Perspektiven gewechselt. Ich dachte, ich hätte ein interessantes Leben gehabt.

Leistung

Ich habe teilgenommen in einer Welt, die nach Fortschritt strebt, sich der Aufklärung verpflichtet fühlt. Um an einer bestimmten Form von Wohlstand teilzunehmen, die jeder, für sich individuell nach seinen Sehnsüchten und Möglichkeiten aushandelt, wird ein Preis verlangt: Leistung. Dieses technische Wort, das mich an den Physikunterricht und an Pferdestärken von Autos erinnert, ist die Einheit, in der alles verrechnet wird. Für die meisten ist Leistung an Lohn gekoppelt, für die, die es sich leisten können oder wollen, indem sie ihren Lebensstil anpassen, kann es Anerkennung sein. Es sind auf jeden Fall doch sehr äußerliche Kriterien, die wenigsten richten ihr Leben konsequent an eigenen Idealen aus. Doch selbst dieser innere Zwang, des Sich-selbst-treu-Seins folgt noch dem Leistungsprinzip.

Ich frage mich nun wirklich, ob diese Organisation von Gesellschaft wirklich alternativlos ist.

Karma Yoga ist nicht Kapitalismus

Das Experiment Auroville, an dem ich hier teilnehme, versucht da eine Alternative zu entwickeln. Und ja, um den Kritikern gleich recht zu geben: Rechnen tut sich das nicht. Es wäre aber ein Missverständnis, sich auf diesen Blickwinkel zu konzentrieren. Karma-Yoga ist nicht Kapitalismus.

Ich muss und will auch zugeben, dass ich in einer privilegierten Situation bin, mir leisten zu können, zwischen verschiedenen Lebenswelten wechseln zu können. Nachdem ich in so vielen Ländern gelebt habe, muss ich aber auch sagen, dass es wesentlich leichter ist, die Lebenswelt zu ändern, als die meisten denken. Es bedeutet eben auch Verzicht.

Nur stelle ich mir wirklich sehr ernsthaft die Frage, ob ich den Luxus der Flexibilität überhaupt noch will.

 

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Wieviele Sinne haben wir? https://readingdeleuzeinindia.org/de/wieviele-sinne-haben-wir/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/wieviele-sinne-haben-wir/#respond Thu, 22 Dec 2022 05:37:03 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2594 Sonnenuntergang Auroville

Entdecke die Bedeutung der fünf Sinne und lerne, wie die Propriozeption als möglicher sechster Sinn eine Revolution darstellt. Tauche ein in die Welt der Wahrnehmung und Bewusstsein. #Philosophie]]>
Sonnenuntergang Auroville


Manchmal frage ich mich, was ich eigentlich während meines Philosophiestudiums in Heidelberg gelernt habe (und ja, vielleicht hätte ich mehr von den Spinoza- und Bergson Seminaren besuchen sollen).

Bei all den Diskussionen über Wahrnehmung und Bewusstsein haben wir immer die fünf Sinne thematisiert: Sehen, Hören, Schmecken, Tasten, Riechen. Dies, so lernen wir in der aufgeklärten Philosophie, seien alle, die wir haben. Als ich dann in einem Seminar lernte, dass die Propriozeption, also die nach innen gerichtete Körperwahrnehmung, ein sechster Sinn sein könnte, galt das als Revolution.

Diese Sinne sind in der Theorie so angelegt, dass sie vom Bewusstsein aus bis zu dem Punkt reichen, wo die Außengrenzen des Körpers mit der Welt interagieren:
– Schallwellen treffen auf das Trommelfell
– Geruchsstoffe auf die Nasenschleimhäute
– Geschmacksstoffe auf die Zunge
– Der Tastsinn auf Objekte
– Licht auf die Retina

Was hinter den Körperschnittstellen in der Außenwelt liegt, die Welt an sich also, darüber können wir nichts anderes sagen als das, was uns mittels der Sinne zur Verfügung gestellt wird (Descartes). Sie ist konstruiert (Kant), in einer Epoché ausgeklammert (Husserl), jenseits der Sprache (Wittgenstein), falsifizierbar (Popper), Struktur (Saussure) etc….

Sprache

Jene banalisierten fünf Sinne haben wir in der kulturellen Evolution angeblich erweitert: mit Brillen und Mikroskopen oder Teleskopen, mit Roboter-Exoskeletten oder Mikrofonen bzw. Lautsprechern (ich denke an Marshall McLuhan).

Innerhalb des Bewusstseins gibt es also einen Zulieferer von Daten (die Sinne), die durch das Bewusstsein vereint werden und ein innerliches Bild ergeben, ein Abbild der Außenwelt. Diese Abbilder der Außenwelt sind einem wie auch immer gearteten Ich gegeben. Dieses ist zumindest eine selbstreferenzielle Struktur („Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können„, Kant)

Innerhalb des Bewusstseins selbst können wir dann feiner differenzieren: Wie sind die Bewusstseinsgehalte zusammengesetzt, was ist Erinnerung und Erwartung, Traum und Erkenntnis. Wie werden Bewusstseinsinhalte Sprache zugeordnet und welchen Sätzen korreliert welches Bewusstsein, und wann können wir dann von wahren Sätzen sprechen und wann von falschen? Da kann man dann schließlich tief in die Sprache eindringen oder in die Phänomenologie, oder die Neurowissenschaften etc…

Zurück zum Anfang

Ich möchte nochmal bei den fünf Sinnen ansetzen, weil hier etwas schiefgelaufen ist, und das Denken dann eben auch in die falsche Richtung läuft.

Die Upanischaden sind da viel klarer. Hier wird von 11 Sinnen gesprochen: 5 Sinne des Wissens – Nase, Zunge, Augen, Ohren, Haut – und 5 Sinne der Aktion – Hände, Füße, Anus, Geschlecht, Sprechen – und der elfte Sinn, das Wissen, das dann alles zusammenbringt.

Die Sinne sind hier nicht schon als skeptizistischer Super-GAU angelegt (als ein Gehirn im Aquarium, das trügerisch fünf Typen von Sinnesinformationen zugespielt bekommt, ich denke hier an Descartes), sondern als die realen Kontaktpunkte unseres Körpers zur Welt.

Das ist doch eine ganz andere Ausgangslage, die Welt zu beschreiben. Der Körper wird hier ernst genommen, er ist in der Welt, interagiert mit ihr, über mindestens 11 Kontaktpunkte. Das Wissen ist ein Wissen um das Sein in der Welt, um den eigenen Körper und die Möglichkeit zu agieren und zu wissen, aber auch ein Wissen um ein größeres Bewusstsein. Das Problem des Dualismus der westlichen Philosophie in der Nachfolge von Descartes wird hier gedehnt, auseinandergezogen, klarer. Es löst sich, nicht auf, sondern wir transformiert, flüssig, ineinanderfließend (intermiscence).

Zwischen den Extremitäten und Sinnesorganen und dem Denken selbst ist der Körper. Der Körper ist nicht nur materiell gedacht, sondern biologisch, als lebender Körper, der eine Lebenskraft (ich denke hier an Bergson) hat. Auch diese können wir eigentlich nicht wirklich leugnen, wir erfahren sie immerzu. Sie hat ihren Ursprung in Purusha – der Weltseele, dem reinen Bewusstsein (Chit) Purusha ist der Ausgangspunkt von allem.

Purusha entgegengesetzt ist Prakriti. Die Natur in ihrer Urmaterie, mit drei Eigenschaften ausgestattet: Trägheit (Materie?), Energie, und Harmonie. Und es wäre nun wirklich zu einfach, ein solches Schema zu öffnen, Purusha und Prakriti sind zwei Seiten von Shiva….

In den Upanischaden gibt es ein unglaublich komplexes System von 7 Ebenen:

  1. Materie
  2. Leben
  3. Geist
  4. Wissen (Vijnana)
  5. Bliss (Ananda)
  6. reines Bewusstsein (Chit)
  7. reine Existenz (Sat)

Und das ist nur der Anfang. Wieso denken wir im Westen so banal, rein in der Dualität von Geist und Materie?

Wer denkt beim Denken?

So richtig interessant wird es in Aurobindo’s Kommentaren zu der Kena Upanishad (Vol 18 Upanishads-II : Kena and Other Upanishads) und den Kommentaren in den Hymns to the Mystic Fire (Vol 16).

Mehr dazu später hinter dem Konzept der Intermiscence (ineinanderfließen).

 

p.s. Kann es wirklich sein, dass in der westlichen Philosophie über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende die Sexualorgane nicht als Sinne mitgemacht wurden?

 

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Was tun? https://readingdeleuzeinindia.org/de/was-tun/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/was-tun/#respond Fri, 25 Nov 2022 16:41:29 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2499

Das letzte Mal, dass ich mich ernsthaft gefragt habe, was ich tun soll, war während meines Studiums. Ich habe Philosophie studiert und ich wurde oft gefragt, was ich damit tun möchte. Was für eine bescheuerte Frage, dachte ich immer. Es ist ein innerer Drang, fast ein Zwang, dem man sich nicht entgegenstellen kann. Jeder solcher […]]]>

Das letzte Mal, dass ich mich ernsthaft gefragt habe, was ich tun soll, war während meines Studiums. Ich habe Philosophie studiert und ich wurde oft gefragt, was ich damit tun möchte. Was für eine bescheuerte Frage, dachte ich immer. Es ist ein innerer Drang, fast ein Zwang, dem man sich nicht entgegenstellen kann. Jeder solcher Versuch muss scheitern, es gibt nur ein Vorwärtsdenken. Es war also gar nicht wirklich die Frage, was ich tun soll, oder was zu tun sei, oder wie die Welt gerettet werden kann.

Denken

Vielmehr war es die Frage der eigenen Existenz. Was tun mit seinem Leben? Was heißt es zu leben und wofür? Wie kann man sich dieser Frage nähern? Für mich war das die Philosophie. Was tun, hieß für mich, wie denken? Nun stelle ich mir diese Frage wieder. Es ist schön, sich diese Frage stellen zu können. Für viele ist es nicht einfach, diese Frage zuzulassen.

Ich lese die Kena Upanischade. Wer sieht beim Sehen, wer hört beim Hören, wer denkt beim Denken? Das ist wirklich eine gute Frage. Ich habe lange versucht, das aus der Tradition der Aufklärung zu betrachten – und bin immer wieder an die Grenzen des Denkens gestoßen. Wie sollte das auch anders sein? Die Kena Upanischade hat da auch nur bedingt eine philosophische Antwort.

Anstatt jedoch erklären zu wollen, wie es sein kann, dass mein materieller Körper denken kann, und dann die Frage des Warum betrachten zu können, ist die Denkrichtung in den Upanischaden eine andere. Wie kann es sein, dass das universelle Bewusstsein sich in einer solchen Mannigfaltigkeit präsentiert?

Die Frage, die sich für den einzelnen dann stellt, bleibt: Was tun? Es ist aber eine andere Denkrichtung: Statt sich selbst funktional und aufgeklärt zu begreifen, geht es in der indischen Weisheit um das Getragensein. Welcher Gedanke, welches Bewusstsein, welche Einsicht, welches Leben wird durch mich verwirklicht. Ich treffe hier viele Menschen, die die Frage für sich entdeckt haben, und einige von ihnen haben sie auch für sich beantwortet – Sadhana.

Ich höre zu, ohne zu werten. Menschen öffnen sich hier schnell, sehr tief und ehrlich. Ich lache viel, bin verzaubert und gerührt von den Geschichten, tief bewegt… Ich höre Geschichten und Einsichten von Menschen, die sich ganz hingegeben haben. Oft ist das nicht leicht, manche sind privilegiert, andere gar nicht, es hat nichts damit zu tun.

Sinne

Ich frage mich also nun wieder, wie denken? Wer denkt beim Denken? Wer hört beim Hören? Wer sieht beim Sehen? Es gibt nur ein Denken, ein Hören, ein Sehen. Wenn ich denke und du denkst und wir gemeinsam denken und andere uns beim Denken zuhören, was passiert da eigentlich? Wenn ich und du gemeinsam einem Konzert zuhören, oder wenn du und ich und andere in einer Ausstellung uns anschauen, was die Künstlerin gesehen hat und uns zeigen will, was geschieht da? Was ist im Wort, der Musik, dem Gemälde, in der Architektur manifestiert? Warum können wir aus der Geschichte (nicht) lernen? Wer hat das Wissen einer Bibliothek?

Diese Fragen sind doch so offensichtlich, und wir haben ebenso offensichtlich nicht den Ansatzpunkt einer Erklärung. Wir sagen dann, das sei Kultur.

Leben

Das Leben war immer schon da, noch vor den Atomen. Der Urknall war ein in die Existenz treten von was? Elektronen? Wohl kaum…. Materie denkt (KI), sie hat Gedächtnis (DNA), in ihrer Wechselwirkung setzt sie die Gesetze von Raum und Zeit außer Kraft. Wenn die Wissenschaft so etwas sagt, dann immer in dem Sinn: das klingt komisch, aber keine Sorge, das erklären wir noch weg. The Grand Unified Theory, aber eben ohne Bewusstsein, ohne Leben in einem lebenswerten Sinn. Mir scheint, je mehr Wissen wir ansammeln, desto weniger verstehen wir. Wir verstehen nicht einmal mehr die Fragen.

Und mein Sadhana? Zuhören. Es ist eine der schwierigsten Künste. Das geht nur mit einem reduzierten Selbst und einem erweiterten, aber so gut wie gar nicht mit einem Ego.

OM MANI PADME HUM

 

Wer ein bisschen tiefer in die Kena Upanischad einsteigen möchte, sei hierauf verwiesen: Sri Aurobindo Vol 18

„For, if there were no such necessity of Mind in Matter, if the stuff of mentality were not there already and the will to mentalise, Mind could not possibly have come into being out of inconscient substance.“ (p.35)

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Holistische Yoga https://readingdeleuzeinindia.org/de/holistische-yoga/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/holistische-yoga/#respond Wed, 16 Nov 2022 02:24:05 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2423

Seit sehr vielen Jahren weiß ich, dass ich ‚Yoga‘ praktizieren möchte, habe es aber nie getan. Ähnlich wie bei der Meditation, fühlte ich mich nicht reif dafür, bzw. war abgeschreckt von westlichen esoterischen Formen, die sowohl Meditation als auch Yoga letztlich als eine Selbstoptimierung begreifen. Meditation und Yoga sind philosophische, spirituelle und letztlich transzendierende Praktiken, […]]]>

Seit sehr vielen Jahren weiß ich, dass ich ‚Yoga‘ praktizieren möchte, habe es aber nie getan. Ähnlich wie bei der Meditation, fühlte ich mich nicht reif dafür, bzw. war abgeschreckt von westlichen esoterischen Formen, die sowohl Meditation als auch Yoga letztlich als eine Selbstoptimierung begreifen.

Meditation und Yoga sind philosophische, spirituelle und letztlich transzendierende Praktiken, das eigene Selbst zu überwinden, sich einem größeren Bewusstsein zu öffnen. Dies alles erscheint jetzt so klar. Mein ‚Studium‘ der indischen Philosophie nimmt langsam Form an, und ich merke, dass meine Tage immer kürzer werden. Ich fange an, ein wenig Sanskrit zu lernen. Das Lesen der Upanischaden und der Veden auf Deutsch und Englisch in den Übersetzungen von Sri Aurobindo zeigt mir auf, wie verblendet, ignorant und kurzsichtig all die Theorien des Abendlandes sind. Von Aurobindo gibt es in den ‚Notes on the Mahabharata‘ (Sri Aurobindo Vol 1 ‚Early Cultural Writings‘ p.277ff.) einen wundervoll scharfen Angriff auf die europäische Kultur, der absolut lesenswert ist. Es ist einer seiner frühen Texte, und die Enttäuschung und Wut auf die europäische Arroganz sind hier ganz ungefiltert zu spüren. Ein Lebensstil ohne Fleisch und Alkohol, frühes Aufstehen und gute, offene Gespräche mit tollen Menschen tragen dazu bei.

Holistische Yoga

Jedenfalls bin ich gestern zu meiner ersten Yoga-Klasse gegangen, es war nicht gerade ein Anfängerkurs. Seit Wochen liebäugele ich aber schon damit, die Klasse zu besuchen. Es ist ein holistischer Ansatz, der pranayamas/ pranavyayamas/ mantras/ mudras/ asanas/ meditation einbringt. Umgeben war ich von Halbgöttern der Yogakunst, jedoch war alles so leicht und unbeschwert, niemand schien sich anstrengen zu müssen, obgleich es ganz offensichtlich war, dass die meisten seit sehr vielen Jahren Yoga praktizieren. Für mich war es natürlich fast unmöglich, zu folgen, doch die Kombination aus Atemübung, Mantras, Konzentration und Meditation, Körperwahrnehmung, Rhythmus ließ mich die Zeit und meine eigenen Grenzen fast vergessen. Ich habe mich, glaube ich, nie so angestrengt, ohne es zu merken.

Vielleicht inspirierte mich diese wundervolle Schlange, die mich mittags auf dem Weg zur Kantine begrüßte, Yoga in dieser Form zu praktizieren. Aber eigentlich ist ja das ganze Leben Yoga.

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Wurzeln – Essbares https://readingdeleuzeinindia.org/de/wurzeln-essabres/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/wurzeln-essabres/#respond Sun, 06 Nov 2022 10:01:01 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2326

Die Solitude Farm in Auroville, ist ein ‚food forrest‘. Dies ist einer der wenigen englischen Begriffe, die sich im Deutschen schlecht durch ein Kompositum ausdrücken lässt (Esswald?). Wir haben so etwas nicht, und können darüber auch schlecht nachdenken. Eine Obstwiese, die wir mit anderen essbaren Jahrespflanzen und kurzlebigeren Pflanzen so weit verwildern lassen würden, bis […]]]>

Die Solitude Farm in Auroville, ist ein ‚food forrest‘. Dies ist einer der wenigen englischen Begriffe, die sich im Deutschen schlecht durch ein Kompositum ausdrücken lässt (Esswald?). Wir haben so etwas nicht, und können darüber auch schlecht nachdenken. Eine Obstwiese, die wir mit anderen essbaren Jahrespflanzen und kurzlebigeren Pflanzen so weit verwildern lassen würden, bis wir einen dichten Dschungel aus lauter essbaren Pflanzen haben … Dafür suche ich ein Wort. Es ist das Gegenteil einer ‚food dessert‘, auch dafür haben wir kein Wort im Kompositum im Deutschen, es meint einen Stadtteil, in dem es keine Geschäfte mit frischen Lebensmitteln gibt. Das einzige, was es in urbanen ‚food desserts‘ gibt, sind Tankstellen und Kioske, die Chipstüten und Süßigkeiten, haltbares Toastbrot und chemischen Käse verkaufen.

Tamil

Krishna hielt einen kurzen Vortrag. Seine Begeisterung für das Projekt, das er seit über 20 Jahren verfolgt, war unübersehbar, leidenschaftlich spürbar. Krishna ist aus England, spricht fließen Tamil, oft musste er englische Worte für Tamilwörter suchen. Die Kultur der Tamilen ist ihm nicht nur ans Herz gewachsen, sondern er scheint zutiefst verwurzelt zu sein in ihr. Und genau das ist es, was seine Kernbotschaft ist. Wir haben ein jahrtausendealtes Wissen darüber, was in der Umwelt, in der wir leben, wächst, was wir essen können, wie wir es zubereiten können, welchen nahrungsenergetischen Wert die Pflanzen haben und welche Heilwirkung sich mit ihnen erzielen lässt.

Großmutters Wissen

Unsere Großmütter haben dieses Wissen, wir hätten es auch noch irgendwo in uns, nur eben vergessen. Natur, wenn wir sie lassen und nur hier und da ein wenig lenken, hat uns mehr zu bieten als unsere chemischen Erfindungen. Seine Kernbotschaft: Das alte Wissen aktivieren, die Natur machen lassen, mit den Früchten verantwortungsvoll, gemeinschaftlich und ökologisch umgehen….

Inspiration bezieht Krishna von Masanobu Fukuoka, einem Pionier der Permakultur. Er traf ihn vor vielen Jahren in Japan und sah seine „Nichts-Tun-Landwirtschaft“ mit eigenen Augen, er trägt seinen Geist weiter. Seinen Esswald darf man nur barfuß betreten, jedes Kind hätte das früher gewusst. Während er – durch den kleinen Wald von 1 bis 2 Hektar streifend – erzählt, pflückt er Blätter, isst sie und benennt sie mit Tamilnamen. Seine Stimme überschlägt sich gerade vor Enthusiasmus über die Reichhaltigkeit, die der kleine Wald bietet. Die meisten Pflanzen kamen von selbst. Das Wort Unkraut kennt er nicht. Ein Freund in Auroville brachte ein Stück Land, das im 20. Jahrhundert so weit heruntergewirtschaftet worden war, dass es nur noch eine Steinwüste war, innerhalb von 5 Jahren in den Zustand eines Esswaldes. Sehr viel Arbeit sei das, aber lohnend und nachhaltig.

Über ein Essenskistenprinzip können Farmer so wesentlich besser leben, der Gemeinschaft und der Natur geht es so auch besser.

Lernen

Eine Gruppe von Studierenden aus Pondicherry war an diesem Tag mit ihrem Dozenten da. Sie wollten Textbuchwissen haben. ‚Nutzt euren Campus, um Gemüse für die Kantine anzubauen, ermutigt eure Studenten, nicht bei den Fast-Food-Ketten direkt vor dem Campus zu essen, fragt eure Großmütter. Das Wissen ist da, ihr müsst es nur nutzen‘, war seine Antwort. Ansonsten gäbe er natürlich gerne verschiedene Workshops zum praktischen Vorgehen.

Die alte Frau, die hier auf dem Land geboren wurde und im Hintergrund auf dem Boden saß, verstand kein Englisch. Sie weiß, was zu tun ist.

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Mantras https://readingdeleuzeinindia.org/de/mantras/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/mantras/#respond Tue, 01 Nov 2022 02:53:51 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2198

Mir fehlen noch die Worte. Die letzten Tage waren geprägt von Gedanken zu den Vedischen Schriften. Eine Weggefährtin aus einem anderen Leben nahm mich mit zu Nishtha Muller, einem Aurovillianer, der sein Leben den Vedischen Schriften gewidmet hat. Fast 2 Stunden erzählte er uns in seiner sehr bescheidenen Unterkunft im Wald, den er selbst gepflanzt […]]]>

Mir fehlen noch die Worte. Die letzten Tage waren geprägt von Gedanken zu den Vedischen Schriften. Eine Weggefährtin aus einem anderen Leben nahm mich mit zu Nishtha Muller, einem Aurovillianer, der sein Leben den Vedischen Schriften gewidmet hat. Fast 2 Stunden erzählte er uns in seiner sehr bescheidenen Unterkunft im Wald, den er selbst gepflanzt hat, über Sanskrit, seine Wurzeln, Grammatik, Aussprache, die tiefe spirituelle Kraft der Mantras, die Kulturgeschichte und historische Dimension. Am stärksten sind bei mir seine Ausführungen zur Kraft des Wortes bei mir hängen geblieben. Am Anfang war das Wort… das ist natürlich Klang. In der Vedischen Tradition gingen der Verschriftlichung Jahrtausende von mündlicher Überlieferung voraus. Die Mantras sind in rhythmischen Versen verfasst und in ihrer Abfolge logisch bzw. narrativ angelegt, um sie besser im Gedächtnis behalten zu können. Sie Rezitationsweise ist sehr präzise über viele Jahrtausende überliefert. Diese Mantras zeugen daher vom Anfang des Wortes. Am Anfang war das Wort… Wörter, Klang, Lauterzeugung, Gedächtnis, gemeinsames Rezitieren, Anbetung der Götter. Vielleicht ist hier der Grund des Bewusstseins. OM.

Yoga

Diese Texte sind Yoga, die Yoga des Körpers und die Ayurvedische Philosophie sind Teil dieses Urgrunds. Jene Weggefährtin aus einem anderen Leben rät mir recht stark dazu, Sanskrit und Yoga zu lernen. Und zwar von den Meistern hier, nicht den New-Age-Bloggern. Ich habe mit diesen Gedanken im Herzen sie und eine Gruppe aus dem Gästehaus nach Tiruvannamalai begleitet.

Tiruvannamalai

In Tiruvannamalai ist der Ramana Maharshi Ashram. Ramana Maharshi lebte viele Jahre in einer Höhle und meditierte. Es gibt nur einen kleinen Text von ihm: Who am I. Ansonsten Aufzeichnungen von Gesprächen anderer. Seine Aussage, dass Lesen eigentlich nicht nötig sei, weil alle wesentlichen Texte letztlich dasselbe sagen, verstört mich. Ich verstehe teils, warum er das denkt, aber ich bin mir nicht sicher, ob man das sagen sollte. Es klingt sehr arrogant.

Ganz anders der Arunachaleswara-Tempel. Hier bin ich wirklich noch sprachlos. Foto und Videoaufnahmen sind nicht erlaubt, Audio aber schon daher hier ein kleiner Zusammenschnitt, aus dem inneren der Tempelanlage:

 

Tiruvannamalai

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Immanence https://readingdeleuzeinindia.org/de/immanence/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/immanence/#respond Wed, 26 Oct 2022 15:56:03 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2147 Paarung

Gestern habe ich zwei Tausendfüßler bei der Paarung gesehen. Das war so ziemlich das faszinierendste, dass ich seit sehr langer Zeit gesehen habe. Die Kreaturen haben sich in sich verschlungen, sich gerieben und umgarnt, da war Rhythmus, Hingabe, Verschlingen. Die beiden sind sich zufällig begegnet, und nach ein paar Minuten in unterschiedliche Richtungen weitergezogen. Eine […]]]>
Paarung

Gestern habe ich zwei Tausendfüßler bei der Paarung gesehen. Das war so ziemlich das faszinierendste, dass ich seit sehr langer Zeit gesehen habe. Die Kreaturen haben sich in sich verschlungen, sich gerieben und umgarnt, da war Rhythmus, Hingabe, Verschlingen. Die beiden sind sich zufällig begegnet, und nach ein paar Minuten in unterschiedliche Richtungen weitergezogen. Eine Begegnung. Es waren zwei Lebensformen, die sich vereint haben, um weiteres Leben zu zeugen.

A Life – Ein Leben

Ich habe heute dann Deleuze’ letzten Essay wieder gelesen: „Immanence: A Life“, Deleuze schrieb dies kurz bevor er sich aus dem Fenster stürzte, er war schwerst krank. Ich habe diesen Essay vor vielen Jahren gelesen, ungefähr zu der Zeit als mein Vater starb, wenn ich mich richtig erinnere. Nun, bei erneuter Lektüre, merke ich warum ich damals so berührt war, und ich merke auch, dass ich damals wirklich fast gar nichts verstanden habe, was allein schon die ‚falschen‘ Unterstreichungen zeigen.

Ich hatte die letzten Tage eine kleine Krise, ich fragte mich, ob die Ideen von Sri Aurobindo nicht vielleicht doch ein wenig zu abgedreht sind. Und gleichzeitig fragte ich mich auch, ob nicht Deleuze‘ Denken in seiner monistischen, empirischen Ausrichtung nicht vielleicht doch das Gegenteil von dem ist, was ich hier in Indien auf meiner Reise in die spirituelle Philosophie entdecke. Und dann fängt dieser Essay so an:

What is a transcendental field? It can be distinguished from experience in that it doesn’t refer to an object or belong to a subject (empirical representation). It appears therefore as a pure stream of a-subjective consciousness, a pre-reflexive impersonal consciousness, a qualitative duration of consciousness without a self.“

Der Rest liest sich wie ein Kommentar zu den Upanischaden.

Brahman

Ich komme da immer wieder drauf zurück, weil diese Schriften einfach unglaublich tief sind. Deleuze beschreibt hier das Selbst als subjektloses Bewusstsein, als reiner Fluss der das Transzendente Feld bildet. Dieses Feld ist der Grund von allem – Brahman (?) – aus ihm heraus bildet sich alles. Subjekt und Objekt gemeinsam, das Subjekt nie ohne ein Objekt auf das es sich bezieht. Die Erfahrungen, Erlebnisse, Erinnerungen, Momente und Episoden bilden sich hier heraus. Sie sind in der Immanenz geboren. Deleuze schreibt eine Seite weiter:

Were it not for consciousness, the transcendental field would be defined as a pure plane of immanence, because it eludes all transcendence of the subject and of the object.“

Ich weiß, dass das alles sehr kompliziert klingt, diese sind Begriffe, die oft suspekt erscheinen, weil sie für eine Art des Denkens stehen, die viele nicht verstehen und die, die sich darin bewegen, sich darüber sehr streiten. Es ist nur so, dass dies im Kontext hier für mich sehr viel Sinn machen. Ich war heute Morgen im Matrimandir, da wusste ich noch nicht, dass ich dieses Buch heute aufschlagen würde. Ein Freund hier ist mitgekommen, er fand das ganze ziemlich elitär und unnötig, er bezog sich auf die Architektur. Ich fand es spannend, in meiner Praxis habe ich mich auf die Chakren gerichtet.

Immanenz

In der Meditation geht es doch letztlich darum, eben jenes Bewusstsein, das Deleuze als reine Immanenz beschreibt, zu teilen. Ob das wirklich geht, sei mal dahin gestellt. Mediation ist jedoch der Versuch einer Approximation. Wenn es gelingt, so die Upanischaden, dann erfahren wir wenigstens für diesen Moment Unsterblichkeit. Und nur so kann man doch aus dem Fenster springen. Ich meine das ernst, es ist wirklich nicht die naheliegendste Schlussfolgerung, und nicht zur Nachahmung empfohlen. Aber es ist schon erstaunlich, wie nah sich Deleuze hier den Upanischaden annähert, es ist, als ob seine ganze Philosophie hierauf zuläuft.

„This indefinite life does not itself have moments, close as they may be one to an­ other, but only between-times, between-moments; it doesn’t just come about or come after but offers the immensity of an empty time where one sees the event yet to come and already happened, in the absolute of an immediate consciousness.“


Further reading:

Books, Auro e-. „Sriaurobindopanishad (Free Ebook: Pdf, Epub, Kindle)“. Auro E-Books (blog), 26. September 2016. https://www.auro-ebooks.com/sriaurobindopanishad/.
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Heilen https://readingdeleuzeinindia.org/de/heilen/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/heilen/#respond Sat, 22 Oct 2022 04:27:09 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2129 Hand

Curry! Jeden Morgen gibt es mild gewürzte wundervolle indische Gericht. Sie sind leicht und komplex, es scheinen 1001 Gewürze darin zu sein. Mittags Solarkitchen, die Community Kantine, einfach, vegetarisch gut. Das Prinzip ist gesunde Ernährung für alle, jeder kann sich das leisten. Abends wieder diese wundervollen Gerichte. Was es nicht gibt: Alkohol, Fleisch oder Fisch, […]]]>
Hand

Curry! Jeden Morgen gibt es mild gewürzte wundervolle indische Gericht. Sie sind leicht und komplex, es scheinen 1001 Gewürze darin zu sein. Mittags Solarkitchen, die Community Kantine, einfach, vegetarisch gut. Das Prinzip ist gesunde Ernährung für alle, jeder kann sich das leisten. Abends wieder diese wundervollen Gerichte. Was es nicht gibt: Alkohol, Fleisch oder Fisch, Zucker. Eier sind ein Luxus. Ich habe in Deutschland viel Schokolade gegessen, nun ist mir das viel zu süß. Ich gönne mir ein komplexes Vitamin B Präparat.

Das Spannende ist, dass es meinen ganzen Körper verändert. In der Ayurvedischen Medizin gilt die Ernährung als zentraler Aspekt. Ich verstehe das jetzt. Dieser Heilungsprozess ist keine Heilung von irgendeiner Krankheit, eigentlich bin ich ziemlich gesund. Es kommt aber vieles zum Vorschein. Alte Wunden z. B. Meine Hände haben viele kleine Narben von Schnitten mit Küchenmessern. Ich bin da nicht besonders vorsichtig, lebe gefährlich in der Küche. Diese kleinen Narben kommen alle zum Vorschein, jede Woche mehr. Mein Stoffwechsel verändert sich. Das fühlt sich hervorragend an.

Medien

Zu dieser Veränderung (eine Diät möchte ich das gar nicht nennen, denn die Anzahl der Gemüse, Gewürze, Proteine und Kohlenhydrate, Obst und Quark ist so viel abwechslungsreicher und nahrhafter, dass es eigentlich eher ein Fest, ein Rausch, ein Gelage ist) kommt eine echte Reduktion, die der Medien. Filme oder Videos schaue ich eigentlich gar nicht, es gibt keinen Fernseher und auch keine Internetverbindung im Zimmer. Die Dining Hall eignet sich auch nicht dafür. Nachrichten verfolge ich noch, aber nicht mehr so panisch wie in Europa. Ich schlafe gut.

Abends nach dem Essen rede ich mit vielen fremden Menschen über alles Mögliche, die letzten Tage haben wir Karten gespielt. Denn um 20 Uhr ist in Auroville alles geschlossen, es sei denn es gibt ein Konzert, eine Aufführung, einen Film. Was nicht selten der Fall ist.

Neben meinen kleinen Narben kommt auch eine Traurigkeit hoch, das fühlt sich aber richtig an. Diese Hektik und der überflüssige Konsum der letzten Jahrzehnte in Deutschland, Frankreich oder den USA hatte zwar Spaß gemacht, hat aber nicht nur dem Planeten geschadet, sondern auch mir nicht gutgetan. Das Leben in Luxus ist eigentlich traurig. Das spüre ich jetzt, und das ist gut. Und hier ist der Heilungsprozess. Ich denke, das ist es, was wir mit Zivilisationskrankheiten meinen.

p.s.:  Die Auroville Bakery ist der Ort meiner Sünde, die ist leider unwiderstehlich 🙂

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Lesen https://readingdeleuzeinindia.org/de/lesen/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/lesen/#respond Thu, 20 Oct 2022 07:48:07 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2110

Seit drei Wochen lese ich nun in Indien: Deleuze, Upanischaden, Sri Aurobindo. Zwischendurch meditiere ich manchmal. Der Rest ist noch ein Rest aus dem Alltag aus der Neuen Welt. Nachrichten lesen, Unterhaltungsmedien konsumieren, Dinge organisieren, die hier eigentlich keine Bedeutung haben, aber einer Kontinuität bedürfen, damit sie nicht zerbrechen im alten Europa, und der Neuen […]]]>

Seit drei Wochen lese ich nun in Indien: Deleuze, Upanischaden, Sri Aurobindo. Zwischendurch meditiere ich manchmal. Der Rest ist noch ein Rest aus dem Alltag aus der Neuen Welt. Nachrichten lesen, Unterhaltungsmedien konsumieren, Dinge organisieren, die hier eigentlich keine Bedeutung haben, aber einer Kontinuität bedürfen, damit sie nicht zerbrechen im alten Europa, und der Neuen Welt.

Lesen also… Mir scheint, ich habe mich jahrzehntelang darauf vorbereitet, hier zu lesen. Mein Denken oszilliert zwischen Deleuze und den Upanischaden. Diese Weisheit in Indien, dass alles eins ist, und das ganze Universum nur deshalb existiert, weil das Selbst sich selbst erkennen will, ist so unglaublich stark, dass ich noch immer nur erahne, wie tief dieser Gedanke ist. Schopenhauers Titel ‚Die Welt als Wille und Vorstellung‘ fängt an, Sinn zu machen, Deleuze Referenz auf Spinoza als spirituellen Denker der Immanenz macht auch Sinn.  Deleuze Buch zur Immanenz nocheinmal zu lesen, trau’ ich mich noch nicht. Stattdessen 1000 Plateaus… Dieses Buch, das gar keins ist, sondern eine Maschine, eine Denkmaschine (Professor Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen, auch Die Denkmaschine lässt grüßen)…

Ich habe Seminare mit dem Buch gestaltet, ohne es je richtig verstanden zu haben. Es lässt sich ja eigentlich auch kaum lesen. Es ist eher ein Instrument. Der Versuch, die Welt grundlegend anders zu denken. Auf jeder x-beliebigen Seite wird das konventionelle kapitalistische, dualistische, kategoriale Denken herausgefordert. Ich habe mich immer gefragt, wie Deleuze und Guattari auf eine solche Bewusstseinsstufe gelangt sind. Wie haben die das gemacht, sich so weit aus der herrschenden Ideologie herauszubewegen, dass sie wie Propheten von einem inklusiveren Denken wirken. Ich wollte das gemeinsam mit meinen Studenten herausfinden. Wir sind natürlich gescheitert, aber schön, und sahen die Welt danach mit anderen Augen, und darum geht es doch an einer Universität, oder?

Deterritorialiserung

Nun aber verbinden sich die Gedankenwelten. Die biologischen Referenzen, die zentrale Stellung der Kunst (die bei Tieren viel spannender ist als bei Menschen), das Denken in der Immanenz, die fliegenden Linien, Territorien und abstrakten Maschinen. All das lässt sich für mich eigentlich nur von den Upanischaden her verstehen. Und heute habe ich ein Zitat gefunden, dass ich teilen möchte. Es geht dabei um Deterritorialization. Ein komplizierter Begriff, der auf vielen anderen komplizierten Begriffen aufbaut. Die Grundidee scheint mir aber zu sein, dass die Welt zusammengesetzt ist aus ihren Elementen. Diese formen sich zuerst in Strata/Schichten (z. B. geologischen Schichten). Innerhalb dieser Schichten resonieren die Elemente miteinander, sie bilden einen Rhythmus und erzeugen so ein Milieu. Das kann man sich im Tierreich recht anschaulich vorstellen, z. B. Vogelgesang, es gibt da Refrain und Riten… Dieses Milieu erzeugt ein Territorium, ein Zuhause. Das Selbst in diesem Territorium, wo es zu Hause ist, ist geprägt durch die Schichten, Milieus, Rhythmen etc… und erzeugt ein Zuhause durch die Schaffung von Kunst z. B.. Es drückt sich aus, erzeugt Zeichen und Symbole, es wird semiotisch und betritt den Bereich der Kunst (das kann das Muster eines Schmetterlings sein, der Hausbau eines Bowerbird, ein Haus. Innerhalb dieses Territoriums gibt es dann Bewegungen, auch Denkbewegungen, die dort herausführen. Das Leben, die Gedanken, die Erde sie deterritorialisieren. Nun also das Zitat in einer DeepL Übersetzung des englischen Originals (D steht für die Funktion der Deterritorialization):

„Dies zeigt sich bereits im Mysterium der „Geburt“, in der die Erde als glühender, exzentrischer oder intensiver Brennpunkt außerhalb des Territoriums liegt und nur in der Bewegung von D existiert. Mehr noch, die Erde, das Gletscherland, ist die Deterritorialisierung schlechthin: deshalb gehört sie zum Kosmos und stellt sich als das Material dar, durch das die Menschen kosmische Kräfte anzapfen. Man könnte sagen, dass die Erde als Deterritorialisierung selbst das strenge Korrelat von D ist. Das geht so weit, dass D als Schöpfer der Erde bezeichnet werden kann – eines neuen Landes, eines Universums, nicht nur einer Reterritorialisierung.

Dies ist die Bedeutung von „absolut“. Das Absolute drückt nichts Transzendentes oder Ununterschiedenes aus. Es drückt nicht einmal eine Größe aus, die alle gegebenen (relativen) Größen übersteigen würde. Es drückt nur eine Art der Bewegung aus, die sich qualitativ von der relativen Bewegung unterscheidet.“

Ich werde die nächsten Monate damit verbringen, zu verstehen, was das wirklich heißt.

Hier das englische Original:

“This can already be seen in the mystery of the „natal,“ in which the earth as ardent, eccentric, or intense focal point is outside the territory and exists only in the movement of D. More than that, the earth, the glacial, is Deterritorialization par excellence: that is why it belongs to the Cosmos, and presents itself as the material through which human beings tap cosmic forces. We could say that the earth, as deterritorialized, is itself the strict correlate of D. To the point that D can be called the creator of the earth—of a new land, a universe, not just a reterritorialization.

This is the meaning of „absolute.“ The absolute expresses nothing transcendent or undifferentiated. It does not even express a quantity that would exceed all given (relative) quantities. It expresses only a type of movement qualitatively different from relative movement.” Deleuze 1000 Plateaus p. 509

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Tempelbau https://readingdeleuzeinindia.org/de/tempelbau/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/tempelbau/#respond Wed, 12 Oct 2022 04:34:28 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2085 Tempel Kühe

Ich habe neulich einen jungen Inder hier kennengelernt. Er kommt aus Delhi und für ihn ist Südindien auch eine fremde Welt, wenn auch nicht so fremd wie für mich. Er spricht kein Tamil und ist in seiner Spiritualität auch etwas abgeklärter oder aufgeklärter, wie man vielleicht sagen würde. Ich traf ihn auf der Straße wieder […]]]>
Tempel Kühe

Ich habe neulich einen jungen Inder hier kennengelernt. Er kommt aus Delhi und für ihn ist Südindien auch eine fremde Welt, wenn auch nicht so fremd wie für mich. Er spricht kein Tamil und ist in seiner Spiritualität auch etwas abgeklärter oder aufgeklärter, wie man vielleicht sagen würde. Ich traf ihn auf der Straße wieder und wir sind zu der Nachmittagsschule Thamarai am Rand von Auroville gefahren, die ein Nachmittagsprogramm in einem Dorf anbietet, das viele soziale Spannungen in sich trägt. Das war spannend, ich werde versuchen das zu unterstützen.

Danach fragte er mich, ob ich den Tempel sehen möchte, von dem er mir erzählt hätte. Er hilft ihn zu bauen und der Priester sei ein Wahrsager. Es war um die Ecke, auf dem Stück Land, das die Familie gekauft und gerade an dem Tag – nach 14 Jahren – offiziell die Dokumente vom lokalen Gericht bekommen hatte. Seit 14 Jahren baut die Familie einen Tempel. Offizielle Unterstützung oder Spendengelder wollen sie nicht, selbst haben sie fast gar nichts. Die Lebensbedingungen sind bitter arm, ein Unterstand dient als Wohnraum, der wird mit den Tieren geteilt, Türen und Fenster gibt es nicht, ein Gaskocher und Kühlschrankschrank zeugen von der Moderne.

Das Land

Auf diesem Stück Land in Alankuppam leben ca. 15 Kühe, die sie selbst aufgezogen haben, ausgehen von zwei Kühen, die ihr Land besucht haben und mit der Hilfe der Familie sich prächtig vermehren, dazu 9 Hunde, 40 Papageien, die in einem großen begehbaren Verschlag nur dazu da sind, Besuchern Gelegenheit zu geben mit den Vögeln zu interagieren – dazu Gänse, Truthähne, Hühner. Zur Feier des Tages wurde uns frische gekochte Kuhmilch angeboten, die von einer Kuh stammt, die gerade vor 5 Tagen ein Kalb geboren hatte. Diese Milch, so sagten sie, sei etwas ganz Besonderes.

Das Zentrum des Tempels ist fertig, der Affengott ist aber noch nicht eingezogen, er lebt darüber hinaus in einem winzigen Verschlag daneben. Wir empfingen die Segnung dort. Der Tropfen Wasser, den ich trinken sollte, kam mir sehr suspekt vor, ich habe ihn aber gut vertragen. Auf dem Gelände liegen acht Säulen, die aus einem sehr reinen weißen Stein, mit einer gleichmäßigen Verteilung kleiner schwarzer Punkte in der Größe von Samenkörnern durchzogen ist. Da es keine Wellenmuster oder Ähnliches gibt, gilt dieser Stein als besonders rein und kraftvoll. 700 Kilometer sind sie gefahren, um den Stein zu holen. Nun muss noch ein Bildhauer aus Mahabalipuram kommen und die Figuren meißeln. Die 7 Chakras werden am Fuße von sieben Säulen sein, darüber Figuren aus der Mythologie.

Der Tempel soll 2000 Jahre stehen, nicht so wie die vielen schnell gebauten Tempel aus Beton und Gips.

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Geschützt: Meditationsnotitzen – 10.10.22 Matrimandir https://readingdeleuzeinindia.org/de/meditation-i/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/meditation-i/#respond Mon, 10 Oct 2022 04:29:36 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2078

Es gibt keinen Textauszug, da dies ein geschützter Beitrag ist.]]>

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Center guest house https://readingdeleuzeinindia.org/de/center-guest-house/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/center-guest-house/#respond Fri, 30 Sep 2022 05:34:27 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1989 Blüte

In vielen Filmen kommen gute Hotels vor, die zentral gelegen sind und wo die politische, intellektuelle und wirtschaftliche Elite sich trifft. Ich habe das immer als etwas sehr Elitäres, Koloniales und Machthungriges wahrgenommen. Was mir in den Filmen entgangen ist, und wahrscheinlich auch selten dort Thema war, ist die Vernetzung, die an solchen Orten stattfindet. […]]]>
Blüte

In vielen Filmen kommen gute Hotels vor, die zentral gelegen sind und wo die politische, intellektuelle und wirtschaftliche Elite sich trifft. Ich habe das immer als etwas sehr Elitäres, Koloniales und Machthungriges wahrgenommen. Was mir in den Filmen entgangen ist, und wahrscheinlich auch selten dort Thema war, ist die Vernetzung, die an solchen Orten stattfindet. Nun ist das Center Guesthouse in Auroville kaum zu vergleichen mit einem Luxushotel in einer Metropole, wenngleich es ein sehr schöner Ort ist, der einlädt, freundlich ist und das Leben leicht macht.

Vielmehr ist das Center Guest House ein Ort der Begegnung. Jeden Tag treffe ich hier neue Menschen, die eine starke Beziehung zu Auroville haben – diese Beziehung es spirituell, unterstützend oder freundschaftlich. Es ist ganz erstaunlich, was es bedeutet, an einem solchen Ort zu sein. Ich lerne jeden Tag neue Aspekte über Auroville und die Ausstrahlung, die dieser Ort auf die Welt hat. Es wird viel Deutsch, Englisch, Französisch, Hindu und Tamil gesprochen.

Es verschränken sich hier zwei Welten: die Welt der Tamilen und die Welt der meist indischen und europäischen Besucher. Diese Welten werden letztlich spirituell verbunden. Meinen Scooter habe ich von einem Tamilen gemietet, er gab mir einen ‚Studentenpreis‘, denn wir seien ja alle Schüler der Mutter hier. Es ist bemerkenswert, dass sich die beiden Welten hier aufeinander zu bewegen, geeint sind in dem Willen etwas Neues aufzubauen.

The Devine Life

Ich lese immer weiter in Sri Aurobindos Buch, hier wird viel erklärt: Grundlegendes zu Bewusstsein, Spiritualität, das Selbst, das Sein. Aurobindo spürt den großen Fragen nach und tut dies mit einer maximalen Offenheit, begleitet von Vernunft, jedoch nicht darauf reduziert. Er setzt Vernunft und Intuition in ein symbiotisches Verhältnis und verweist darauf, dass wir viel von den Upanischaden dazu lernen können.

Das spannende ist, dass Aurobindos Philosophie auch im Central guest house spürbar ist. Die Menschen, die Architektur, der Wald, die Vögel und andere Tiere, die Gespräche und Opfergaben, das Kochen und die Stille, die Verbundenheit der Menschen, der Respekt, ein gemeinsames Ziel, das Vertrauen auf eine Sinnhaftigkeit, die Zufriedenheit und Hingabe, und der Reichtum in der Bescheidenheit sind die Klaviatur für Aurobindos Philosophie.

Auroville CGH

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Aufmerksamkeit https://readingdeleuzeinindia.org/de/aufmerksamkeit/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/aufmerksamkeit/#respond Sun, 25 Sep 2022 10:12:02 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1948

Auf einem Boulevard in Paris, Café und schlechte Musik, Sonne und viele Menschen. So viele Menschen möchten gesehen werden. Sie zeigen sich geschäftig, sexy, cool, wissend, abenteuerlustig, sportlich, gebildet, kultiviert oder gleichgültig. Viele möchten, dass die anderen aufmerken. Sie sehen das als das, was sie sein wollen. Vielleicht leben sie ihr Leben auf eine bestimmte […]]]>

Auf einem Boulevard in Paris, Café und schlechte Musik, Sonne und viele Menschen. So viele Menschen möchten gesehen werden. Sie zeigen sich geschäftig, sexy, cool, wissend, abenteuerlustig, sportlich, gebildet, kultiviert oder gleichgültig. Viele möchten, dass die anderen aufmerken. Sie sehen das als das, was sie sein wollen. Vielleicht leben sie ihr Leben auf eine bestimmte Art, glücklich und zufrieden, oder fremdbestimmt und gelangweilt, ausgestoßen oder privilegiert. Das ist das Schöne an Paris und anderen großen Städten, dass sich die Menschen zeigen, wie sie sein wollen, wie sie gesehen werden wollen.

Freiräume

Hier zeigt sich natürlich auch irgendwie eine Entfremdung, eine Dissonanz. Die Freiräume, die wir uns nehmen, kontrastieren die – meist größeren Räume –, in denen wir nicht sind wie wir sein wollen. Hieraus entsteht eine ganze Industrie. Du möchtest anders sein? Probiere dies, für einen Preis. Drücke deine Individualität aus, indem du etwas ganz Besonderes kaufst, das andere nicht gekauft haben. Das ist Kapitalismus und Konsumkritik. Das ist bekannt, und wir denken alle, dass wir darüberstehen, und tun es natürlich nicht.

Ich finde den Drang, sich zeigen zu wollen, wahrgenommen werden zu wollen, Aufmerksamkeit zu bekommen, viel spannender. Warum tun wir das? Wir suchen wahrscheinlich Begegnungen, wollen den anderen grüßen – Namaste. Wahrscheinlich wollen wir eine Einsamkeit überwinden, oder sie zumindest unterbrechen. Eigentlich wollen wir doch gar nicht am Kapitalismus teilnehmen, wir wollen an dem Abenteuer Bewusstsein teilhaben, es mit anderen feiern, teilen. Und wir wollen uns darin auflösen – im Rausch und in der Ekstase, dionysisch. Wir wollen die Logik des Systems, das Funktionieren, die Effizienz zur Diskussion stellen. Nietzsche lässt grüßen, aber auch Bataille.

Ich sitze also in einem Café in Paris, den Rucksack gepackt, heute Abend fliege ich nach Auroville. Und natürlich frage ich mich, warum ich das jetzt in einen Blog schreiben muss. Und warum ich auf die andere Seite der Welt fliegen muss. Check your privilege. Und warum schreibe ich so viel in der ersten Person?

Goodbye

Ich meine das anscheinend ernst. Vor vielen Jahren sagte ich allen, die es hören wollten, ich sei mit dem Kapitalismus fertig. Genauso wie ich mich seit noch längerer Zeit aus dem Gedankenkreis des Christentums verabschiedet habe. Doch das bedeutete für mich ein Leben im Falschen, denn mir gelang es nicht, eine echte Alternative für mich zu entwickeln. Es gibt auch nicht viele Orte auf unserem Planeten, wo dies versucht wird. Mir genügt es nicht (mehr), eine kritische Haltung zu haben, und ich finde es für mich auch nicht akzeptabel, innerhalb des Systems Ressourcen zu sammeln, um sie individuell umzuverteilen. Auch Trost zu spenden, ist nicht meine Art.

Wir müssen doch handeln, so kann das nicht weitergehen. Es ist schlecht für die Umwelt, aber auch schlecht für uns. Das wird in der heutigen Debatte so oft verschwiegen. Es geht nicht nur darum, den Planeten zu retten, sondern uns selbst. Wir brauchen nicht nur neue Ideen von Ingenieuren, sondern auch von Philosophen und spirituellen Denkern und Sehern. Vielleicht brauchen wir auch gar keine neuen Ideen, sondern könnten uns an alte Ideen erinnern und darüber nachdenken, wie wir sie adaptieren können in einer zunehmend komplexen Zivilisation. Wie sähe eine Welt aus, ohne Kapitalismus und ohne Kolonialismus und Kreuzzüge? Wieso denken so wenig Menschen ernsthaft darüber nach?

Ich habe keine Ahnung, was mich auf der nächsten Etappe erwartet. On verra, we will see. Aurobindo besang das Feuer, es ist wesentlich für das Sehen. Ich hoffe, dass ich nicht als Phönix aus der Asche wiederentstehen, als das Gleiche wie zuvor. Das wäre wirklich eine Tragödie. Vielmehr möchte ich selbst Feuer werden, mich daran erinnern, dass wir aus geschmolzenen Sternen gemacht sind.

 

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Packen https://readingdeleuzeinindia.org/de/packen/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/packen/#respond Mon, 19 Sep 2022 12:18:31 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1887

Was soll ich nach Indien mitnehmen? Ich möchte ein anderes Leben leben, in einer anderen Gesellschaft, mit anderen Vorstellungen und Zielen. Es ist warm dort, das Leben wird einfach sein. Außer den Basics wie ein paar Kleidungsstücken brauche ich meine technischen Geräte wie Laptop, Handy, Kamera. Und sonst? Eine gute Taschenlampe, denn die Feldwege dort […]]]>

Was soll ich nach Indien mitnehmen? Ich möchte ein anderes Leben leben, in einer anderen Gesellschaft, mit anderen Vorstellungen und Zielen. Es ist warm dort, das Leben wird einfach sein. Außer den Basics wie ein paar Kleidungsstücken brauche ich meine technischen Geräte wie Laptop, Handy, Kamera. Und sonst? Eine gute Taschenlampe, denn die Feldwege dort sind nicht beleuchtet. Und Bücher… Es wird auch dort eine Reihe von Bibliotheken geben. Zum ‚Vergnügen‘ habe ich ja seit sehr langer Zeit nicht mehr gelesen. Im Grundstudium habe ich viele Romane des 19. Jahrhunderts gelesen: Brontë, Flaubert, Tolstoi, Dostojewski, Balzac, Gontscharow… In der Oberschule waren es die antiken Dramen von Sophokles oder Klassiker wie Shakespeare, aber auch Hesse. Theaterstücke habe ich gerne gelesen, das war intensiv, schnell, anregend.

Seitdem ich das Internet nutze, und das tue ich seit dem Anfang des Netscape-Browsers, hat sich mein Lesen verändert. Ich lese weniger linear, springe mehr, lese vieles gleichzeitig. Ich fühle mich daher manchmal schwindelig, und brauche Bücher als Anker. Die Bücher, die mich begleiten, sind immer Bücher, die theoretisch stark verdichtet sind. Ich lese sie auch nur sehr langsam, meist nur ein paar Seiten, dann habe ich wieder viel zum Nachdenken. Ich verstehe nicht, wie Menschen komplexe Bücher verschlingen.  Bücher, die mich interessieren, stellen einen ganzen Gedankenkosmos dar. Ein solcher Kosmos ist schwierig zu erfassen. Es ist ein wenig mit dem Reisen. Manche Menschen wollen alles sehen, überall gewesen sein, sie sammeln Geschichten und Fotos, und sind doch nicht wirklich da gewesen.  Andere Länder, Kulturen, Sprachen brauchen doch Zeit. Man muss sich dem langsam nähern, auf eine Einladung warten, höflich sein und respektvoll.

Wahrscheinlich ist auch hier wieder die Konsumhaltung leitend. Mit ihr hängt eine kapitalistische Verwertung zusammen, die scheinbar der Selbstdarstellung dient und soziale Punkte bringt. Mir war das immer suspekt. Klar, ich lasse mich auch gerne unterhalten, konsumiere Medien, weil es Spaß macht, ablenkt oder einfach große Gefühle erzeugt. Aber diese Ablenkung ist für mich nicht nachhaltig. Ich merke mir keine Filme oder Bücher oder Orte etc… Mich interessiert, wie etwas mein Denken verändert hat. Wie ich etwas anderes geworden bin. Begegnungen mit Büchern und Orten lösen eine Veränderung aus, ich bin nach einer echten Begegnung ein anderer Mensch, oder ein anderes Tier, oder ein anderes Werk, je nachdem, wer sich wie wahrnehmen möchte…

24 Bücher, eine Verschränkung, ein Experiment. Eine künstliche Gegenüberstellung. Wie hätte ein Dialog zwischen Deleuze und Aurobindo ausgesehen? Hätten sie sich etwas zu sagen gehabt?

 

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Begegnung https://readingdeleuzeinindia.org/de/begegnung/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/begegnung/#respond Fri, 16 Sep 2022 06:59:11 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1859

Seit einiger Zeit warte ich. Eigentlich warte ich gerne. Warten ist ein Raum und eine Zeit, in der es nichts anderes zu tun gibt, als darauf zu warten, dass die Zeit vergeht. In der Regel kann man nicht viel anderes machen außer lesen oder sich unterhalten, oder nachzudenken. Wartezeiten sind für mich daher immer Freiräume. […]]]>

Seit einiger Zeit warte ich. Eigentlich warte ich gerne. Warten ist ein Raum und eine Zeit, in der es nichts anderes zu tun gibt, als darauf zu warten, dass die Zeit vergeht. In der Regel kann man nicht viel anderes machen außer lesen oder sich unterhalten, oder nachzudenken. Wartezeiten sind für mich daher immer Freiräume. Am liebsten warte ich z. B. in Bürgerzentren, hier sind alle Menschen gleich. Gemeinsam mit anderen bin ich in einem Raum, in dem es nichts zu tun gibt, als darauf zu warten, dass die Zeit vergeht. Dieses gemeinsame Warten erlaubt wirkliche Begegnungen.

Eine Begegnung hat ja immer etwas Erstaunliches. Eine Begegnung findet statt, wenn es ein Gegenüber gibt, das diese erwidert. Dabei ist die schönste Art der Begegnung die, die völlig frei ist von Zielsetzungen, oder Erwartungen. Deleuze spricht in dem Zusammenhang auch von der Begegnung mit Kunst. Das hat mich zuerst erstaunt. Denn eine Begegnung, so dachte ich immer, ist intersubjektiv. Zwei Fragen stellen sich nun: Kann Kunst intersubjektiv sein, und sind Kunsträume wie Museen vielleicht auch Wartehallen?

Ein neues Leben

Mein Warten im Moment ist ein langes Warten. Seit einigen Wochen warte ich darauf, ein neues Leben anzufangen. Das Warten wird bestimmt durch das Beantragen eines Visums. Dieser Prozess der Visavergabe – Botschaften und Konsulate sowie andere staatliche Stellen – befindet sich ohnehin in einer anderen zeitlichen Dimension. Er hat etwas Kafkaeskes, seine eigene Logik, die sich von den Abläufen der Außenwelt ein ganzes Stück entkoppelt hat.

Dieses lange Warten also ermöglicht Begegnungen, aber wiederum ganz anders, als ich dachte. Menschen reagieren auf mein Warten sehr stark. Viele empfinden meinen Schritt, ein neues Leben zu wagen, als Herausforderung. Sie reflektieren ihre eigene Situation, oder haben das Gefühl, dass sie mir nun Dinge erzählen können, die sie vielleicht sonst nicht erzählen würden, da ich ja sowieso ihre Lebenswelt verlasse. Vielleicht haben sie aber auch die Hoffnung, durch mich eine andere Perspektive kennenzulernen. Wie dem auch sei, ich habe recht intensive Begegnungen. Ich schütte mein Herz aus, und andere öffnen sich.

Eine Begegnung, sich begegnen, teilnehmen

Mir scheint ein wichtiges Element der Begegnung die Teilnahme zu sein. Um der oder dem anderen zu begegnen, ist diese Offenheit wichtig, sich selbst zu verlassen (Deleuze spricht manchmal von einer De-territorialisierung) und etwas anderes zu werden (Metamorphose). Wenn ich z. B. im Zug reise, oder auf einem Konzert um mich rumschaue, auf einer Parkbank sitze oder im Café, sehe ich oft Menschen, die auch um sich schauen. Viele suchen eine Begegnung. Oft sind wir zu schüchtern, uns tatsächlich auszutauschen, die erste Begegnung fand aber schon statt: Sich öffnen für das andere, und die Wahrnehmung des anderen.

Mir scheint, dass wir verlernt haben, wirklich teilzunehmen. Ein Lächeln oder kurzes Wort, ein bisschen Anteilnahme. In Indien sagen die Menschen Namaste, in dieser Begrüßung drückt die Begegnung sich aus. Es geht nicht darum, sich einen schönen Tag zu wünschen, oder Gott zu grüßen, sondern zu sehen, dass im Anderen auch Teil dessen ist, was auch mich ausmacht.

Was hat das mit Kunst zu tun? Alles.

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Autobahn https://readingdeleuzeinindia.org/de/autobahn/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/autobahn/#respond Mon, 12 Sep 2022 10:30:58 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1844

Autobahnen sind immer besondere Orte für mich gewesen. Meistens war ich nicht unter Zeitdruck, selten musste ich in einer bestimmten Zeit von A nach B. Vielmehr sind Autobahnen Reiserouten. Ich befinde mich dort in Zwischenzuständen, eine Art Niemandsland mit unendlich vielen Möglichkeiten. Das eröffnet Denkräume. Oft sind die einfach leer. Das Gehirn ist damit beschäftigt, […]]]>

Autobahnen sind immer besondere Orte für mich gewesen. Meistens war ich nicht unter Zeitdruck, selten musste ich in einer bestimmten Zeit von A nach B. Vielmehr sind Autobahnen Reiserouten. Ich befinde mich dort in Zwischenzuständen, eine Art Niemandsland mit unendlich vielen Möglichkeiten. Das eröffnet Denkräume. Oft sind die einfach leer. Das Gehirn ist damit beschäftigt, sich sicher im Verkehr zu bewegen. Es ist eine angenehme Art der Beschäftigung, das Bewusstsein ist ausgelastet und wachsam, ein Fehler wäre tödlich. Wenn ich unterfordert bin oder müde werde, dann fahre ich ebenen etwas schneller, oder langsamer, oder mache eine Pause. Das erzeugt eine Art Equilibrium.

In diesem Equilibrium können andere Gedanken unbemerkt sich sortieren und fortspinnen. Nur gelegentlich hält mein Bewusstsein an einem Gedanken fest. So können Gedanken ihren Weg finden, ohne sofort den üblichen Gedankenfiltern zu begegnen. Ich lerne mich auf der Autobahn immer wieder ein wenig neu kennen, oder erinnere mich an ein früheres Selbst.

Hinzu kommt der physikalische Raum. Dieser ist entweder bekannt und löst daher Assoziationen aus, die quasi von außen angestoßen werden. Oder es ist ein neuer Raum, der einlädt zum Träumen und die Neugierde weckt. Ich persönlich empfinde das immer positiv. Angst oder unangenehme Gefühle kenne ich auf der Autobahn eigentlich nicht, wenngleich ich natürlich auch manchmal über Unangenehmes nachdenke, das ist klar.

Dieser Raum der Bewegung, des Reisens, der Assoziation, der sanften Stimulation und Wachheit, bringt mich fast immer irgendwann dazu über meine Kindheit nachzudenken. Ich bin ja auch in einem Land aufgewachsen, wo viel Auto gefahren wird. Es wäre schön, wenn sich das bald ändert, und ich selbst versuche auch weniger Auto zu fahren. Zeitgemäß ist das ja nicht mehr, und eigentlich auch ein bisschen verantwortungslos.

Dieser Raum also ist ein gegebener Raum. Er ist nicht kreativ, oder frei. Es ist ein Raum mit starken Bedingungen. Ich tauche gerne in diesen Raum ein, um zu sehen, aus welchen anderen Räumen ich mich eigentlich befreien möchte. Wahrscheinlich geht es vielen Menschen so, dass wir beim Autofahren unseren Gedanken nachhängen und unser Leben irgendwie verändert wollen.

Ich bin gerne auf der Autobahn. Das Reisen auf der Autobahn ist ein metaphorischer Ort, ein physikalisch metaphorischer Ort – eine physikalische Metapher. Ich habe früher  viel über Theorien von sprachlichen Metaphern nachgedacht. Was bedeuten sie, was ist ihre sprachliche Referenz, wie funktionieren sie… vor allem in der Kunst und Literatur. Metaphern sind Worte, die in einem bestimmten Kontext etwas anderes bedeuten, als sie normalerweise bedeuten. Das ist spannend!

Reisen auf der Autobahn ist das Gegenteil von einer Simulation, und doch funktionieren diese Räume ähnlich: Simulationsräume und Reiserouten. Beide Räume bedeuten etwas, was sie eigentlich gar nicht sind.

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Aussteigen ist eine Frage der Perspektive https://readingdeleuzeinindia.org/de/aussteigen-ist-eine-frage-der-perspektive/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/aussteigen-ist-eine-frage-der-perspektive/#respond Mon, 29 Aug 2022 08:17:39 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1809

Das Leben ist so komplex und es gibt so viele verschiedene Arten und Weisen zu leben. Es gibt kein richtiges oder falsches Leben. Das Leben ist ein Geschenk. Aber was sagst du über die negativen Energien, die Destruktion und Aggression, die Gier und Missgunst? Das alles gehört dazu. Es gibt nur Akzeptanz. Akzeptanz heißt aber […]]]>

Das Leben ist so komplex und es gibt so viele verschiedene Arten und Weisen zu leben. Es gibt kein richtiges oder falsches Leben. Das Leben ist ein Geschenk.

Aber was sagst du über die negativen Energien, die Destruktion und Aggression, die Gier und Missgunst? Das alles gehört dazu. Es gibt nur Akzeptanz. Akzeptanz heißt aber nicht, alles gutzuheißen und auch nicht alles zu tolerieren. Wenn sich eine Gemeinschaft dazu entschließt, Regel aufzustellen und die Verletzung dieser Regeln zu sanktionieren, dann ist das auch eine Form der Akzeptanz. Als Menschheit haben wir 1945 mit den Vereinten Nationen die Charta der Menschenrechte unterschrieben. Daraus folgt viel, vor allem wie wir miteinander umgehen sollen, was ok ist und was nicht. Akzeptanz heißt nicht, dass wir nicht versuchen sollten, und nicht versuchen können, die Welt zu verändern.

Die Ausgeschlossenen

In den letzten Generationen haben so viel diskriminierte Minoritäten um ihre Rechte gekämpft, weil sie entweder gegen die Normen verstoßen haben oder ausgebeutet worden sind, oder beides. Diese Diskriminierung ist natürlich das genaue Gegenteil von Akzeptanz.

Wenn sich aber ein Mensch entscheidet, sein Leben zu verändern und den sogenannten Status Quo zu verlassen. Dann spricht die Status Quo Gesellschaft von einem Aussteiger. Aber ist es nicht viel eher so, dass die Menschen, die sich entschieden haben, den Status Quo nicht zu ändern, aus dem Leben ausgestiegen sind? Sie verharren in einer Starre. Wahrscheinlich brauchen wir irgendwie Traditionen, Rituale, Strukturen, Regeln, um als Gemeinschaft zu funktionieren. Und Teil dieser Strukturen mag sein, dass man sie nicht willkürlich und individuell ändern kann.

Es gibt hier eine Beziehung. Menschen, die aus der Mehrheitsgesellschaft ausgestoßen sind und Menschen, die sie verlassen wollen. Wieso dürfen oder wollen einige nicht an diesem Diskurs in einer Gesellschaft teilnehmen? Ist das lediglich eine Frage der Normalverteilungskurve (Gauß), oder gibt es in der Mehrheitsgesellschaft strukturell blinde Flecken?

Zerfall und Bewahrung

Die Geschichte zeigt, dass es viele Gesellschaften gab, die untergegangen sind, teilweise wurden sie von Feinden geschlagen oder durch Naturkatastrophen zerstört, teils sind sie aber auch an Dekadenzerscheinungen, inneren Konflikten, oder Fehlentscheidungen niedergegangen. Vor allem aber zeigt es, dass es unendlich viele verschiedene Gesellschaftsformen gibt, und dass die Wertesysteme sich radikal ändern können.

Die meisten Gesellschaften haben Funktionen von Priestern, Philosophen, Künstler, Schamanen, Intellektuelle etc., die eine Sonderposition haben. Sie sind nicht an der Aufgabenverteilung des Alltags, den Produktionsprozessen und Verteilungsmechanismen beteiligt und haben eine reflektierende Funktion. Sie verwahren die Archive, entwickeln neue Ideen, bieten Interpretationen bei Konflikten. Im Idealfall sind sie die Beschützer der Weisheit, der Wissensschätze. Sie sind eingebunden in eine andere Zeit, haben Zugang zu einem anderen Bewusstsein. Sie sehen das Davor und das Danach von Gesellschaften. Daher sind sie essenziell, verehrt und gefürchtet zugleich.

Radikale

Diese Sonderpositionen, die sie einnehmen, sind Freiräume einer Gesellschaft. Hier werden neue Spielregeln erprobt. Diese Spielwiesen unterliegen einem besonderen Schutz. Ihre Orte zu verändern, wird von der Gesellschaft vehement verteidigt. Da darf nicht jeder mitspielen. Und wenn da nun jemand ‚aussteigt‘? Dann sagt er oder sie damit ja auch, dass dieses System der Freiräume nicht mehr funktioniert. Der heiligste Ort einer Gesellschaft wird damit infrage gestellt. Auch das wird vehement verteidigt.

Und die Aussteigerin? Hat sie sich nicht genug angestrengt, und bloß den richtigen Ort innerhalb einer Gesellschaft noch nicht gefunden. Hat sie einfach zu früh aufgegeben? Vielleicht war sie nur zur falschen Zeit am falschen Ort und hätte in einem anderen Leben ihren Ort gefunden. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist auch in der aktuellen Gesellschaft einfach kein Ort für sie. Vielleicht gibt es diese blinden Flecken.

Einsiedler, autonome Kommunen, Klöster, Gurus markieren Positionen in der Welt, die sich den aktuellen Gesellschaften entziehen. Sie sind nicht assimilierbar. Insofern sind sie radikal. (Ich rede hier von friedlichen Positionen und nicht von revolutionären Positionen.) Diese friedlichen Positionen nehmen eine Satellitenposition ein.

Sie haben eine Leuchtkraft, weisen den Kosmonauten den Weg.

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Von Gefühlen getragen https://readingdeleuzeinindia.org/de/von-gefuehlen-getragen/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/von-gefuehlen-getragen/#respond Sat, 27 Aug 2022 08:24:20 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1754

Ich lebe in einer hyperkomplexen Gesellschaft. Das merke ich schon an politischen und gesellschaftlichen Themen, die eigentlich niemand mehr so wirklich in ihrer Komplexität erfassen kann. Wir können uns an Prinzipien festhalten, z. B. Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit, Rücksicht, Nachhaltigkeit etc.. Im Konkreten wird es dann aber auch schon schwierig. Soll ich mich in einem Konflikt […]]]>

Ich lebe in einer hyperkomplexen Gesellschaft. Das merke ich schon an politischen und gesellschaftlichen Themen, die eigentlich niemand mehr so wirklich in ihrer Komplexität erfassen kann. Wir können uns an Prinzipien festhalten, z. B. Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit, Rücksicht, Nachhaltigkeit etc.. Im Konkreten wird es dann aber auch schon schwierig. Soll ich mich in einem Konflikt auf die eine oder andere Seite schlagen, oder gibt es eine dritte Möglichkeit? Welche meiner eigenen Handlungsweisen soll ich ändern, und wie radikal soll ich das tun, welche Konsequenzen hat das? Oder wie soll ich mein Leben ausrichten? Welche Verantwortung habe ich, welche Verpflichtung und Erwartung, welche Ziele? All das ist verwoben mit sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen, die von politischen Rahmenbedingungen geprägt sind. Wie sollen wir da echte Entscheidungen treffen?

Mir scheint, dass wir oft in einem komplexen Netz irgendwie gefangen sind. Wenn wir etwas ändern wollen, dann zieht es hier und da, und in der Regel pendelt es sich dann irgendwie so ein, dass wir nicht allzu viel verändern wollen oder können. Diskutieren mit Freunden hilft, auch mit Spezialisten, je nachdem, um was es geht.

Zuhören

Ich höre viel zu, und in der Regel wollen Menschen, die reden, auch gar nicht wirklich eine Antwort, sie wollen die Gedanken einfach mal laut sortieren. Das ist auch völlig o.k. Wenn man aufmerksam zuhört, findet das Gegenüber die Antworten selbst viel schneller. Auf die eigene Intuition zu hören, das Grundgefühl zu erkunden, das ist oft das Schwierigste. Hier ist es am schwierigsten, Kompromisse zu machen.  Deshalb schauen Menschen dort auch am seltensten hin.

Neulich war ich bei einer Gruppe von sehr unterschiedlichen Menschen. In dem Abschlussplenum wurde ausgesprochen, dass diese Gruppe von einem Gefühl getragen war. Mir geht diese Phrase nicht mehr aus dem Kopf: ‚von einem Gefühl getragen zu sein‘. Sicher ist dies nicht ein Impuls, oder eine spontane Reaktion, auch kein tiefer Konflikt oder Schmerz oder Trauma, auch kein Gefühl des Begehrens, oder Euphorie…  Es ist etwas Existenzielles.

Heideggers Angst

Ich habe während meines Studiums Heidegger gelesen, seine Sprachmystik hat mich verführt. Mir war das unheimlich, aber auch unwiderstehlich. Die Frage, was Metaphysik sei, beantwortete er mit einem Gefühl, natürlich hoch reflektiert. Nach langen Ausführungen fragt er irgendwann: Wo erfahren wir das Nichts? Das, so Heidegger, können wir schon rein logisch nicht positiv beantworten. Wir können das nur in einem Gefühl erfahren, das nicht reaktiv ist, sondern existenziell. Heidegger sagt: in der Angst. Warum Angst? Warum das Nichts? Warum diese Fixierung auf den Tod? Ich habe lange gebraucht, das wieder zu vergessen. Das Vergessen ist eine schwierige Kunst. Was ich aber für mich behalten habe, ist die Einsicht, dass es o.k. ist, bestimmte Fragen nicht rational zu beantworten. Das war für mich eine Offenbarung.

Mystik

Mir ist das mystische Denken oft sehr fremd: Die Grundannahmen (Axiomatik) sind oft alles andere als transparent, die Argumentationsform irrational oder rhetorisch, die Einsichten intuitiv, der Geltungsanspruch ausgreifend. Es gibt natürlich unzählige Arten mystischen Denkens. Im Kern geht es aber doch darum, die Grenzen des Wissens – und die gibt es – zu überschreiten. Da wo Wissen aufhört, fängt Theologie und Mystik an. Da sind wir von Gefühlen getragen. Deshalb sprechen diese Denksysteme so viel von Liebe und Tod, von Grenzerfahrungen. In der kapitalistisch geprägten ‚westlichen Kultur‘ ist das ein Tabu geworden. Bzw. wir haben das einfach verlernt.

Sri Aurobindos Savitri‘ ist ein Opus Magnum, das diese Grenze überschritten hat. Sein philosophisches Werk ‚Das göttliche Leben‘ versucht, auf existenzielle Fragen rational zu antworten, in Savitri antwortet er mystisch. Mir ist, außer Spinoza vielleicht, kein Autor bekannt, der das so radikal zweifach versucht hat. Die Schriften seiner Lebensgefährtin Mirra Alfassa ergänzen das.

 

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Kinematograf – Bilder des Denkens https://readingdeleuzeinindia.org/de/kinematograf-bilder-des-denkes/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/kinematograf-bilder-des-denkes/#respond Fri, 26 Aug 2022 09:12:27 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1734

Während der Meditation schaue ich oft meinem Denken zu, lasse die Gedanken kommen und gehen und versuche, das Denken zu entschleunigen. Gedanken kommen und gehen, und oft verstehe ich nicht, woher sie kommen, und warum sie irgendwann von einem ganz anderen Gedanken abgelöst werden. Welche Assoziationskette ist da am Werk? Diese Gedankenketten scheinen zufällig zu […]]]>

Während der Meditation schaue ich oft meinem Denken zu, lasse die Gedanken kommen und gehen und versuche, das Denken zu entschleunigen. Gedanken kommen und gehen, und oft verstehe ich nicht, woher sie kommen, und warum sie irgendwann von einem ganz anderen Gedanken abgelöst werden. Welche Assoziationskette ist da am Werk? Diese Gedankenketten scheinen zufällig zu sein, angestoßen von Erlebnissen, die noch nachklingen und weiterverarbeitet werden.

Mich erinnert das an einen philosophischen Gedanken. Es fängt mit einer Beobachtung von Henri Bergson an. Er beschreibt den Kinematografen, einen Apparat aus dem späten 19. Jahrhundert, der sowohl Filme aufnimmt, als auch abspielen kann. Der Kinematograf nimmt viele Bilder pro Sekunde auf. In der Filmtheorie spricht man von 25 Frames per Second, nehmen wir ruhig diese Zahl. Also 25 Bilder pro Sekunde. Wenn so viele Bilder hintereinander projiziert werden, haben wir die Illusion von Bewegung, das ist die Magie des Kinos. Natürlich, die Bewegung ist lediglich in den Zahnrädern des Kinematografen, die wahrgenommene Bewegung der Gegenstände auf der Leinwand ist eine Lüge. Bergson ist da sehr deutlich. Das Kino könne nicht das Leben einfangen. Der Elan Vital findet sich nicht im Kino. Das leuchtet erstmal ein.

Walter Benjamin

Walter Benjamin war da etwas optimistischer. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit beschäftigt sich damit. Die Fotografie bedroht die Malerei, vielleicht… ich bin mir da nicht so sicher. Die Aura ginge verloren im technisch reproduzierten Bild, ja wahrscheinlich… hier hört die Rezeption von Benjamin dann aber oft schon auf. Interessant wird es bei Benjamin aber danach, wenn er über das Kino spricht. Die 25 Bilder pro Sekunde befreien die Schauspieler von dem Zwang der Bühne, durch den Schnitt können andere Narrative entstehen, der Raum, die Zeit werden zum Objekt künstlerischer Gestaltung. Die Kunst nutzt die Möglichkeiten des Kinematografen kreativ.

Gilles Deleuze

Gilles Deleuze treibt das quasi auf die Spitze. Seine Bücher über das Kino sind legendär unverständlich. Er fängt mit der Diskussion von Bergsons Kinematografen an. Deleuze teilt Bergsons Analyse, Bergsons Fehler sei aber, den Gedanken nicht zu Ende gedacht zu haben. Die Einzelbilder, die die Bewegung nur als Illusion erzeugen können, haben gar nicht die Aufgabe, Realität zu kopieren, lebendig zu sein. Sie sind, so Deleuze, Gedanken auf Celluloid. Kino ist reine Philosophie, der Filmstreifen fixiertes Denken. Nirgendwo sonst ist das Denken so real festgehalten wie im Kino. Über Kino nachzudenken, ist deshalb Philosophie zu betreiben. Deshalb sind Deleuze Analysen von Filmen so unverständlich. Wenn wir die Geschichte hinter dem Film suchen, dann sind wir bei Deleuze völlig falsch. Wenn wir aber Film als philosophisches Medium begreifen, dann hat Deleuze die Latte sehr hoch gehängt.

Wenn ich meditiere, so schaue ich manchmal meinen Gedanken zu. Das erinnert mich an Deleuze ‚Filmtheorie‘ (er hätte das wohl nie so genannt). Bei Deleuze gibt es keine Theorie, für ihn gibt es nur das Denken selbst. Er hat da einiges beigetragen, und wie er selbst in seinem ABCDaire sagt, kann man sich schon sehr glücklich schätzen, wenn man in seinem Leben eine Handvoll neuer Ideen gefunden hat. Die Bewegung des Denkens ist ein Abenteuer, Philosophie ist seine reinste Form. Theorie: Ihr Tod. Deleuze lesen heißt, ihn anders zu denken. Ihn zu referieren, wäre vielleicht gar eine Beleidigung.

2016 bin ich zum ersten Mal nach Indien, ich habe die Reise ReadingDeleuzeinIndia2016 genannt, ich habe das Jahr entfernt, und es ist der Titel dieses Blogs geworden. Warum in Indien? Weil Deleuze Art zu denken letztlich zutiefst spirituell ist. Er würde da nicht zustimmen, aber vielleicht würde es ihn freuen.

 

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Wie baut man eine Stadt? https://readingdeleuzeinindia.org/de/wie-baut-man-eine-stadt/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/wie-baut-man-eine-stadt/#respond Wed, 24 Aug 2022 19:43:49 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1694

Ich lasse mich auf ein Experiment ein. In Auroville wird eine Stadt gebaut. Sie ist der Menschheit gewidmet. Es geht um die Erforschung des Bewusstseins, um Spiritualität und Einheit. Die UNESCO unterstützt das Projekt, der Staat Indien, viele Menschen auf der Welt. Es gibt eine Charta, einen Plan, viele Pläne, viele Meinungen, Fortschritt und Schwierigkeiten. […]]]>

Ich lasse mich auf ein Experiment ein. In Auroville wird eine Stadt gebaut. Sie ist der Menschheit gewidmet. Es geht um die Erforschung des Bewusstseins, um Spiritualität und Einheit. Die UNESCO unterstützt das Projekt, der Staat Indien, viele Menschen auf der Welt. Es gibt eine Charta, einen Plan, viele Pläne, viele Meinungen, Fortschritt und Schwierigkeiten. Nobody is perfect…

Ich fahre dahin, um zu helfen, und so möchte ich nun nicht vor meiner Ankunft dort kommentieren. Das wäre völlig anmaßend. Ich frage mich aber, was ich dort suche oder hoffe zu finden. Wer macht so etwas, eine Stadt zu bauen, die ohne Geld und Zwänge funktionieren möchte? Warum machen das nicht alle? Wie macht man so etwas?

Die meisten Städte sind irgendwie historisch gewachsen, es gab irgendwann mal eine erste Siedlung, dann Ackerbau und Konstruktion. Wohlstand und Krieg mit Nachbarn. Wachstum, Zerstörung, Umbau … Wahrscheinlich zwischendurch immer wieder Ideen von Herrschenden, oder Architekten. Mal wurden Dinge verbessert, mal wurden Interessen durchgesetzt. Mal gab es wenige Profiteure, mal hat die Community profitiert, zuweilen auch beides zusammen oder gegeneinander. Dieses organische Wachstum kann man Städten ansehen. Wenn man sie zu lesen weiß, kann man anhand der Architektur, der Straßenverläufe und Straßennamen, der Brunnen und Parks, der Schulen und Verwaltungsgebäude, der Villen und Fabriken diese Geschichte sehen, spüren, sie wird gelebt, sie ist real. Das Materielle bestimmt das Bewusstsein. Dieses organische Gebilde wird genutzt, befragt, gestaltet, es unterdrückt und ermöglicht, es inspiriert oder deprimiert.

Ziele definieren?

Wenn man nun aber eine Stadt neu baut, was sind dann die Richtlinien? Was ist der Zweck? Wie soll eine Gesellschaft organisiert werden? Soll ein Architekt sich da etwas ausdenken oder soll eine Gemeinschaft sich das gemeinsam überlegen? Ich denke, hier fängt es schon an, kompliziert zu werden. Vielleicht einigt sich eine Gemeinschaft auf einen Plan. Wie läuft so ein Prozess ab? Man überlegt sich: Wie viele Menschen sollen da leben, was brauchen sie? Wohnungen, Essen, Bildung. Wer macht was?

Worum geht es dabei? Soll das eine Siedlung werden, die einen wirtschaftlichen Überschuss produziert, militärisch stark ist, sich den Künsten widmet, spirituell ist? Ist das eine Stadt, die sich starke Regeln auferlegt, oder auf Respekt vertraut? Welche Prinzipien soll es geben? Wir haben Jahrtausende gebraucht, die Menschenrechte zu formulieren. Sicherlich sollen die dort auch gelten, oder? Und was noch, oder was nicht?

Le Corbusier, Buckminster Fuller – es gibt da Architekten und Künstlervisionen. Aber auch politische Ideen: die Commune, der Kibbuz, das Kollektiv. Es gibt die Unternehmer, z. B. Werner von Siemens. Wissenschaftler machen Pläne für eine Stadt auf dem Mond oder Mars. Die Frage wurde ja schon oft gestellt und oft beantwortet. Wie geht man mit diesem Diskurs um? Wollen wir aus den Fehlern der Generäle z. B. lernen? Würde das helfen?

Gab es Atlantis? Was ist relevant?

 

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Gesellschaftliche Utopie https://readingdeleuzeinindia.org/de/gesellschaftliche-utopie/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/gesellschaftliche-utopie/#respond Wed, 24 Aug 2022 09:26:31 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1682

Eines der folgenschwersten Missverständnisse der letzten Generationen ist die Verwechslung von ökonomischen und politischen Theorie. Es scheint fast ein Konsens zu sein, dass Kapitalismus als politische Theorie verstanden wird. Es mag viele Gründe geben, warum Kapitalismus politisch verstanden werden muss. Sicher gibt es auch Gründe, warum Kapitalismus oft zusammen mit Demokratie gedacht wird. Für viele […]]]>

Eines der folgenschwersten Missverständnisse der letzten Generationen ist die Verwechslung von ökonomischen und politischen Theorie. Es scheint fast ein Konsens zu sein, dass Kapitalismus als politische Theorie verstanden wird. Es mag viele Gründe geben, warum Kapitalismus politisch verstanden werden muss. Sicher gibt es auch Gründe, warum Kapitalismus oft zusammen mit Demokratie gedacht wird. Für viele Menschen ist das sowieso das Gleiche. Demokratie ohne Kapitalismus oder Kapitalismus ohne Demokratie scheint vielen unvorstellbar. Es klingt synonym. Das ist gefährlich, weil es suggeriert, das eine könnte ohne das andere nicht funktionieren. Noch überraschender ist aber, dass wir kaum noch echte Alternativen diskutieren.

Ich behaupte einfach mal, dass der Kapitalismus keine gute Idee war. Wir sehen die Folgen gerade sehr deutlich. Auch alle Versuche, die ‚wahren‘ Kosten mit in die Kostenkalkulationen einzurechnen, damit der Kapitalismus nachhaltig wird, gehen am Ziel vorbei. Die Vorstellung, die Welt, ihre Abläufe und Prozesse, die gesellschaftliche Arbeit, all dies ließe sich in Geldwerte übersetzen, ist grundlegend falsch. Verführt von dem Schein des Goldes haben Menschen immer mehr Elemente aus ihrem Leben dafür eingetauscht. Die Akkumulation dieses Goldes, später dann in Form von Geld, führte zu einer Transformation von Reichtum in ökonomische und schließlich politische Macht. Und weil wir alle da irgendwie mitmachen, denken wir, dass Gesellschaft eben so organisiert sei, und Politik die Verteilung von Geld sei. Wir müssen aber wieder über Gesellschaft in politischen, sozialen, kulturellen und spirituellen Kategorien denken. Das Grundeinkommen setzt hier an, und die Diskussion darüber ist gut.

Alternativen

Warum gibt es so wenig Versuche, anders zu leben? Wenn wir mal von den ganzen Experimenten absehen, die nur ein paar wilde Jahre gedauert haben, so gibt es in Europa Longo Mai als eine vernetzte Kooperative. In Indien Auroville als eine bargeldlose Gesellschaft, die sich der Arbeit am (menschlichen und göttlichen) Bewusstsein verschrieben hat.

Mich haben solche ‚Utopien‘ immer fasziniert. Nicht nur, weil sie versuchen negative Konsequenzen aktueller Modelle zu vermeiden, sondern vor allem, weil sie Energien freisetzen und Wert schätzen. Statt uns auf die Produktion, Konsumierung, Verteilung und Verwaltung von Produktionsgütern zu konzentrieren und zu versuchen hieraus eine Sinnhaftigkeit abzuleiten, öffnen diese Utopien Freiheit, sich der Sinnsuche hinzugeben und das Geheimnis des Lebens zu ergründen. Denn eins ist ja klar. Eine Akkumulation von Besitz, das Zusammenscharren von Dingen auf einem mehr oder zufälligen Platz auf der Erde, kann der Sinn ja nicht sein. Uns der Erforschung und Entwicklung von Bewusstsein zu widmen ist doch die einzige Aufgabe, die wir als unseres Selbst bewussten Wesen, uns hingeben könne, wollen und sollen.

Warum nur nennen wir das eine Utopie? Warum denken wir, dass dieser Ort unerreichbar ist? Wer hat uns so lange gesagt, dass das nicht geht? Und warum machen so Wenige an den konkreten Orten von ‚realen Utopien‘ mit?

 

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An einer Utopie arbeiten https://readingdeleuzeinindia.org/de/an-einer-utopie-arbeiten/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/an-einer-utopie-arbeiten/#respond Fri, 19 Aug 2022 08:30:03 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1547

Es ist nun definitiv Zeit, umzudenken. Was unsere Väter und Großväter als Fortschritt bezeichneten, zerstört unseren Planeten. Wissenschaft ist kein Selbstzweck, nicht alles, was technisch machbar ist, ist gut, nicht alles, was Spaß macht und unsere Sinne befriedigt, ist sinnvoll. Jetzt hören wir von vielen Seiten immer wieder, uns auf die kleinen Schritte vor uns […]]]>

Es ist nun definitiv Zeit, umzudenken. Was unsere Väter und Großväter als Fortschritt bezeichneten, zerstört unseren Planeten. Wissenschaft ist kein Selbstzweck, nicht alles, was technisch machbar ist, ist gut, nicht alles, was Spaß macht und unsere Sinne befriedigt, ist sinnvoll. Jetzt hören wir von vielen Seiten immer wieder, uns auf die kleinen Schritte vor uns zu konzentrieren, nur so kämen wir gemeinsam voran. Dies mag gelegentlich auch richtig sein, lenkt aber vom Wesentlichen ab. Wo wollen wir eigentlich hin?

Macht es Sinn, ins Weltall zu fliegen und dabei unsere Erde zu verbrennen? Ist es wirklich eine gute Idee, unsere extrem komplexe Biodiversität hier aufs Spiel zu setzen, um auf einem Wüstenplaneten Wasser zu suchen und darüber nachzudenken, wie wir dort die elementarsten Bedingungen für Leben künstlich erzeugen können? Wieso glauben so viele, dass das sinnvoll sei?

Wissensstrukturen

Es gibt Urvölker, die seit Jahrtausenden mit der Natur im Einklang leben. Der Erfahrungsschatz wächst sehr langsam, wird mündlich von einer Generation an die nächste weitergegeben. Diese mündliche Tradition ist ein Nadelöhr. Zum einen braucht man für die mündliche Überlieferung Narrative. Zum anderen ist der Informationsfluss begrenzt. Das Wissen stirbt mit dem Wissensträger. Nur das, was weitererzählt wurde, und im Gedächtnis behalten wurde, überlebt. Es gibt keine wesentliche Wissensakkumulation. Veraltetes Wissen stirbt aus und wird durch neues ersetzt. Es gibt eine Wissenskonzentration und Selektion.

In den ‚fortschrittlichen Zivilisationen‘ wird Wissen hingegen archiviert. In Wissensspeichern, wie Bibliotheken oder Netzwerken, wird alles gespeichert. Es ist für sehr viele Menschen zugänglich und erlaubt eine extreme Spezialisierung. Diese Spezialisierung verliert den Kontext aus den Augen. Arbiträre Maximen werden zu Leitmotiven: Wohlstand, Macht, Genuss. Wissen wird instrumentalisiert, um diesen Maximen zu dienen. Wir nennen dies Freiheit der Wissenschaft. Wissen wurde aus den großen Narrativen herausgelöst und befreit. Wir sagen säkularisiert oder modernisiert (Galileo).

Nun haben wir diesen Turm von angehäuftem Wissen. In einer babylonischen Sprachverwirrung wissen wir nicht mehr, wohin wir wollen. Wir brechen das Masternarrativ und setzen Mikronarrative frei. Wir nennen das Pluralität oder postmodern (Lyotard).

Über all diese wurde viel geschrieben. Wir haben eine Welt erzeugt, die wundervoll komplex ist. An vielen Orten gibt es eine schillernde Toleranz, unsere Kreativität wurde entfesselt und unser Geist beflügelt. Wir haben Technologie, die es uns ermöglicht, unser Wissen, unsere Kommunikation, unsere Körper, Raum und Zeit zu transformieren. Es macht sicherlich keinen Sinn, die Zeit zurückdrehen zu wollen. Früher war nicht alles besser.

Biologische und geistige Wissensspeicher

Was mir wichtig erscheint, ist die Blickrichtung. In den Industrienationen fokussieren wir uns auf Technik. Was im Internet ist, ist real. Wir sind schon seit Langem im Hyperrealen (Baudrillard) angekommen. Erst langsam erkennen wir die Komplexität von biologischen und geistigen Wissensspeichern (wieder) an. Wenn Wissen in lebenden ‚Archiven‘ gespeichert ist, so ist es Teil des Lebens. Das heißt nicht, dass es immer gut ist, im Gegenteil, es ist wahrscheinlich wertneutral. Es ist aber eben Teil in eines komplexen Systems. Dieses ‚System‘ sollten wir jedoch nicht kybernetisch verstehen. Ziel ist nicht die Entschlüsselung und Nachahmung bzw. Simulation (Biomimikry). Ziel sollte es vielmehr sein, uns zu reintegrieren, wieder Teil von Natur und Bewusstsein zu werden.

Ich denke nicht, dass dies ein Rückschritt sein muss. Ich zweifle nur an dem Glauben an eine technische Singularität. Die Ideologie des Silicon Valleys, dass der nächste große Schritt die Überspielung des Bewusstseins auf eine Festplatte, eine Integration im Netz oder in der Hyperrealität uns wirklich hilft. Für den biologischen Menschen würde es eher ein Albtraum werden. Die Frage bleibt doch zu sein, warum wir das erstreben. Der Traum der Unsterblichkeit ist der Motor, im Kern der Erhalt des Selbst. Genau jene Illusion gilt es aber zu überwinden. Wenn uns dies gelingt, als wessen Teil wollen wir uns dann verstehen? Computerprozessoren, Natur und/oder Bewusstsein?

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Platons Höhle https://readingdeleuzeinindia.org/de/platons-hoehle/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/platons-hoehle/#respond Tue, 16 Aug 2022 10:51:14 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1533

In Platons Höhlengleichnis sitzen die Menschen vor einer Wand, auf der die Schatten der realen Objekte der Welt zu sehen sind. Da sie in ihrem ganzen Leben nur die Schatten gesehen haben, denken sie, diese seien die Realität. Die Aufgabe des Philosophen ist es, den Menschen zu erklären, dass sie sich umdrehen sollten, um zu […]]]>

In Platons Höhlengleichnis sitzen die Menschen vor einer Wand, auf der die Schatten der realen Objekte der Welt zu sehen sind. Da sie in ihrem ganzen Leben nur die Schatten gesehen haben, denken sie, diese seien die Realität. Die Aufgabe des Philosophen ist es, den Menschen zu erklären, dass sie sich umdrehen sollten, um zu sehen, wie die Apparatur des Lichtes, das als Projektionsmechanismus dient, eine Illusion erzeugt. Sobald die Menschen dies erkannt hätten, würden sie sich aus den Ketten, die sie in der Höhle gefangen hielten und ihre Blickrichtung bestimmt hätten, befreien. Sie würden die Höhle verlassen und die wirkliche Welt betreten. Platon dachte, dass wir alle in dieser Höhle gefangen sind, und es nur sehr wenigen gelingt, diese zu verlassen.

Die Fragen

Dieses Bild ist so komplex, dass es seit fast 2500 Jahren zum Nachdenken anregt. Wir können dieses Bild nicht ernsthaft widerlegen, noch können wir leicht die metaphorische Höhle verlassen. Wir sind quasi in diesem Bild gefangen. Ich habe dieses Bild viele Jahre in meinen Seminaren verwendet und analysiert. Besonders die Analogie zum Kino ist auffällig und lädt dazu ein, die Flamme als medialen Projektionsapparat zu interpretieren. Von hier aus ist es leicht, über unsere Medien nachzudenken. Welche Funktion haben sie, was machen sie mit uns? Befreien sie uns, oder halten sie uns in einer Konsumhaltung fest? Was sind die Bedingungen des Apparates, der diese Illusionen erzeugt? Wie könnte die Welt außerhalb der Höhle aussehen? Wenn all die Gegenstände um uns herum nur Schatten der Realität sind, in welcher Dimension liegt die Realität? Woraus ist sie gemacht? Wenn alles, was wir wahrnehmen, nur die Schatten sind, gilt das auch für unsere Theorien, unsere Wissenschaft und Kunst?

Die Antworten

In welcher Art von `Wesensschau´können wir die Realität erfassen? Die Jahrtausende haben verschiedene Antworten hervorgebracht: Skeptizismus (wir können nichts wissen), Idealismus (die Realität ist letztlich rational und nur in unseren Gedanken), Phänomenologie (das einzige, was wir wirklich beschreiben können ist, unser Bewusstsein), Strukturalismus (die Relation der Dinge zueinander, d. h. die Struktur der Welt, ist das einzige, was wir wissen können). Neben dieser tendenziell materialistischen Denktradition haben wir Leibniz‘ Monaden (ich bin meine Welt und andere Welten sind ebenfalls in sich geschlossen, sie können sich aber gegenseitig spiegeln), Spinoza (die Welt ist reine Immanenz, alles ist aus einer Realität und die ist in Gott verankert). Und natürlich die christliche Tradition (ein Schöpfer hat das alles gemacht, seine Wege sind unergründbar).

Was lernen wir daraus?

Ich weiß es natürlich auch nicht, jedoch stellt sich aus der Perspektive der Spiritualität die Frage vielleicht anders. Vielleicht sind wir tatsächlich in Platons Bild gefangen, und das Bild selbst ist vielleicht nicht richtig? Realität und Illusion, wahr und falsch – vielleicht sind dies Kategorien unseres Denkens, die ein bloßes Durchgangsstadium darstellen. Vielleicht ist unser Bewusstsein für die wirkliche Frage noch gar nicht bereit. Ist es nicht unwahrscheinlich, dass der Geist, sagen wir nun im 21. Jahrhundert, auf dem evolutionären Höhepunkt angelangt ist, und das sogar auf kosmischer Ebene? Mir scheint das unwahrscheinlich. Es ist wahrscheinlicher, dass sich das Denken weiterentwickelt, unser Bewusstsein sich erweitert, unsere Wahrnehmung und ihre apparative Verstärkung sich verfeinert. Jeder Philosoph, der meint, er oder sie könnte die Menschheit aus den Ketten befreien, sollte sich zuallererst aus der eigenen Hybris befreien. Mir scheint das arrogant und überheblich, besserwisserisch und verachtend.

Vielleicht ist Platons Höhlengleichnis aber nur ein Werkzeug, ein Schlüssel, um uns zum Nachdenken zu bringen. Wenn dies die Aufgabe des Philosophen ist, so hat Platon sie meisterhaft gelöst.

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Wald https://readingdeleuzeinindia.org/de/wald/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/wald/#respond Mon, 15 Aug 2022 17:24:53 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1523

Der Wald ist ein wundervolles Habitat. Neulich hörte ich eine kleine Geschichte von einem Mann, der, immer wenn er den Wald betrat, eine Melodie pfiff. Die Tiere erkannten ihn nach einiger Zeit daran und akzeptierten seine Anwesenheit. Sie liefen nicht mehr weg, grüßten manchmal sogar. Wir sehen den Wald meist gar nicht wie er ist, […]]]>

Der Wald ist ein wundervolles Habitat. Neulich hörte ich eine kleine Geschichte von einem Mann, der, immer wenn er den Wald betrat, eine Melodie pfiff. Die Tiere erkannten ihn nach einiger Zeit daran und akzeptierten seine Anwesenheit. Sie liefen nicht mehr weg, grüßten manchmal sogar. Wir sehen den Wald meist gar nicht wie er ist, weil wir ihn oft stören. Heute war ich im Wald. Statt wie sonst spazieren zu gehen, habe ich ein wenig meditiert, und dann einen kleinen Mittagsschlaf auf dem Waldboden gehalten. Es ist trocken hier, so trocken, dass es kaum Ameisen gibt, der Boden ist weich, die Luft nach dem kurzen Regen gestern klar. Im Schatten ist es kühl, die Lichtstreifen angenehm. Die Bäume wandern nicht, sie sind in ihrem Sein verwurzelt. Sie sind nicht rastlos. Im Kollektiv wachsen sie anders, als wenn sie frei stehen. Als kollektiv nehmen sie aufeinander Rücksicht, geben sich gegenseitig Raum, das sieht man im Kronendach, an den Zweigen und dem Abstand und im Wurzelreich. Im Wurzelreich gibt es eine Art Altruismus. Große Bäume helfen kleinen beim Wachsen, da die kleinen noch nicht das Licht in den Kronen teilen. Ein Baum als Teil eines Waldes ist in Kommunikation. Durch Duftbotenstoffe scheinen Bäume miteinander zu kommunizieren. In der Gesellschaft von Bäumen werde ich ruhig. Leben ist möglich, ohne herumzurennen.

Im Wald zu schlafen hat etwas unglaublich Beruhigendes, Zeitloses, Verbundenes. Im Wald finden wir Rhizome: gleichartige Pflanzen, die sich verbinden, aber auch unterschiedliche Pflanzen, die sich verbinden. Gilles Deleuze benutzte das Rhizom nicht bloß als eine Denkmetapher, sondern dachte als Teil eines Rhizoms. Als ein Philosoph der Immanenz, geschult durch Spinoza, ist er ein schwer zu fassender, materialistisch, nicht-reduktionistisch kreativer Geist, den ich in Indien lesen möchte. Mein Verdacht ist, dass seine Philosophie mit der Spiritualität Indiens, der hinduistischen Komplexität und dem Philosophieren im Wald der Upanischaden resoniert.

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Heimat https://readingdeleuzeinindia.org/de/heimat/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/heimat/#respond Sun, 14 Aug 2022 10:18:09 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1465

Ich habe im letzten Jahr an einem Zen-Meditationskreis teilgenommen. Weniger, weil ich mich als Zen-Buddhist verstehe, sondern weil ich die stille Gemeinschaft gesucht habe, um meiner Praxis nachzugehen. Während des Dokusan habe ich mich darauf eingelassen, meinen Fragen aktiv nachzuspüren. Ich habe viel aufgegeben und hinter mir gelassen. Das war überraschend leicht. Der ‚Lehrer‘ machte […]]]>

Ich habe im letzten Jahr an einem Zen-Meditationskreis teilgenommen. Weniger, weil ich mich als Zen-Buddhist verstehe, sondern weil ich die stille Gemeinschaft gesucht habe, um meiner Praxis nachzugehen. Während des Dokusan habe ich mich darauf eingelassen, meinen Fragen aktiv nachzuspüren. Ich habe viel aufgegeben und hinter mir gelassen. Das war überraschend leicht. Der ‚Lehrer‘ machte mich darauf aufmerksam, dass die Heimatlosigkeit, die ich praktisch aktiv einleite, auch ein spiritueller Zustand sei. Das war befreiend.

Anstatt sein Selbst an eine Identität zu binden, das in gesellschaftlichen Strukturen eingebunden ist, führt mich meine philosophische und spirituelle Reise zu einem Bewusstsein, das sich versucht aus dieser Illusion zu befreien. Heimat hat in diesem Kontext keinen, oder wenn doch, einen ganz anderen Sinn – Leben im Einklang. Dieser Einklang ist beliebig komplex und co-präsent. Ein physischer Referenzpunkt für den Körper ist keine Heimat – das soziale, kulturelle, politische, spirituelle vielleicht schon eher. Doch auch hier ist der Bezugspunkt im Buddhismus oder Hinduismus ein anderer. Kern ist es sich selbst als Teil einer Vielfalt und immanenten Einheit zu verstehen, dies widerspricht dem Konzept einer Heimat.

Heimatlos zu sein, ist ein spiritueller Zustand. Er ist nicht negativ, sondern Ziel. Ich habe mich schon immer heimatlos gefühlt, habe immer Schwierigkeiten gehabt mit dem Konzept des Selbst. Ich war immer auf der Suche nach einer Antwort, die nicht in einer Verortung gründet, sondern in einer Erkenntnis. Diese Erkenntnis ist jenseits des Verstandes, sie ist intuitiv und in ihrer Überwindung. Sri Aurobindo schrieb viel über das Feuer. Seine Flamme ist Licht, es transformiert. Seine Energie: zerstörerisch, spendend, universell, mystisch und spirituell.

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Wachstumsschmerzen https://readingdeleuzeinindia.org/de/wachstumsschmerzen/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/wachstumsschmerzen/#respond Fri, 12 Aug 2022 12:34:31 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1403

Ein intensiver Monat endet. Umzug, räumliche Trennung, Freunde, die sich trennen, die Liebe von Patenkindern, neue Freundschaften, Sehnsüchte, Warten… Ich könnte ein Drehbuch schreiben über die letzten Wochen in der Provence. Jeder Tag gefüllt von Schmerz, Mitgefühl und Liebe – kollektiv in verschiedenen Konstellationen. Ich möchte aber nicht diese kleinen Geschichten erzählen, obgleich Marcel Pagnol […]]]>

Ein intensiver Monat endet. Umzug, räumliche Trennung, Freunde, die sich trennen, die Liebe von Patenkindern, neue Freundschaften, Sehnsüchte, Warten… Ich könnte ein Drehbuch schreiben über die letzten Wochen in der Provence. Jeder Tag gefüllt von Schmerz, Mitgefühl und Liebe – kollektiv in verschiedenen Konstellationen. Ich möchte aber nicht diese kleinen Geschichten erzählen, obgleich Marcel Pagnol vielleicht seine Freude daran gehabt hätte.

Was mich beschäftigt, ist die Frage nach dem Schmerz. Leben ist Leiden, sagen Buddhisten – sehr verkürzt. Das Wollen und Verlangen sind die Ursachen für Frustration und Leid. Aber auch das Leben selbst, Durst und Hunger, das Verlangen des Körpers, es erzeugt Leiden. Ich habe das nie ganz verstanden. Ich verstehe, dass Verlangen, das nicht zur Ruhe kommt, immer mehr Verlangen erzeugt. Dieses Verlangen zur Ruhe zu bringen, ist Teil meditativer und spiritueller Praxis. Und die Momente des Glücks? Erzeugen die nur mehr Verlangen, oder können wir diese nicht als solche einfach sein lassen? D.h. im Loslassen genießen können.

Heute traf ich einen Nachbarn. Bei all den Veränderungen im Moment weiß ich immer nicht, wie ich Nachfrage beantworten soll. Meistens sage ich: Ich weiß es nicht. Er hatte das sofort verstanden, er verteidigte mich in der Runde und sagte, er weiß das einfach nicht, das ist es, was es heißt, loslassen zu können. Ich habe mich darüber sehr gefreut.

Wenn wir an etwas sehr hängen, fällt es uns schwer, es loszulassen. Manchmal sind das praktische Zwänge. Wir hatten uns daran gewöhnt. Nun heißt es Abschied nehmen. Das erzeugt Leid. Besser also gar nicht z. B. eine Verbindung eingehen? Und wenn eine Verbindung sich löst, dann einfach gelassen bleiben? Geht das überhaupt? Ist es nicht vielmehr das, was unser Leben ausmacht, diese intensiven Erfahrungen?

Eine Phase vielleicht. Unser geistiges und spirituelles Wachsen durchläuft diese Phasen. Siddhartha wurde nicht im Alter von 5 erleuchtet, sondern als Erwachsener, der schon sehr viel erlebt hatte, vieles gesehen hatte… Wachstumsschmerzen also. Was uns nicht umwirft, macht uns stark? Das ist natürlich Quatsch, im Kern aber doch interessant, denn die Grenzerfahrung lässt uns wachsen. Neues entdecken, es durchleben und dann loslassen können. Nur so können wir uns wirklich entfalten. Schön wäre es, wenn wir in dem Durchleben nicht den Planeten ruinieren. Achtsam bleiben!

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Zeit https://readingdeleuzeinindia.org/de/zeit/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/zeit/#respond Thu, 04 Aug 2022 09:01:46 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1208

Cézanne zeichnete und malte den Mont St. Victoire über 80 mal. Zwar aus verschiedenen Perspektive, jedoch im wesentlichen einfach den Berg. Dieser Berg ist schon sehr lange dort, er existiert in einer anderen Zeit. Die Fruchtfliege hat einen Tag zu leben, dann ist alles vorbei. Wir denken, wenn wir unseren Zeithorizont erweitern, in Generationen. Ein […]]]>

Cézanne zeichnete und malte den Mont St. Victoire über 80 mal. Zwar aus verschiedenen Perspektive, jedoch im wesentlichen einfach den Berg. Dieser Berg ist schon sehr lange dort, er existiert in einer anderen Zeit. Die Fruchtfliege hat einen Tag zu leben, dann ist alles vorbei. Wir denken, wenn wir unseren Zeithorizont erweitern, in Generationen. Ein paar Hundert Jahre erscheint uns viel, vor 5000 Jahren fing unsere Kulturgeschichte an. Für einen Berg ist das quasi gestern. Was sehen wir, wenn wir dasselbe Objekt zu verschiedenen Tageszeiten, Jahreszeiten, in verschiedenen Stimmungen und aus verschiedenen Perspektiven sehen? Uns selbst, die Wahrnehmung eines Anderen? Doch niemals den Berg selbst in seinem Dasein.

Wir kennen den Moment, ein Leben, eine Epoche, wir denken über Paläontologie, geologische Zeit und kosmische Zeiten oder Chrononen nach. Wie setzen wir uns dazu in Beziehen? Wie kann unsere Vorstellungskraft diese Zeitschichten erreichen? Mehr noch, warum erforschen wir die Vergangenheit und imaginieren die Zukunft? Die Synthese meiner erlebten Vergangenheit und meiner erwarteten Zukunft prägt das jetzt. Nur in dieser Verschränkung von Zeit erleben wir uns als Individuum. Wenn wir uns aber auf den Augenblick konzentrieren – das reine Jetzt – und in einer Meditation unser Ich verlieren, überwinden wir es und sind nun ganz präsent.

Es ist diese kontemplative Erfahrung von Zeit, wenn wir die Sterne anschauen, oder den Wellen oder Grillen zuhören, die Erfahrung, dass unser Bewusstsein immer auch Teil von anderer Zeit als des Jetzt ist.

 

 

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Träume https://readingdeleuzeinindia.org/de/traeume/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/traeume/#respond Thu, 28 Jul 2022 13:09:26 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1159

Heute träumte ich, dass ich mich abgrenzte. Ich habe in meinem Leben etwas geändert, weil ich es nicht mehr länger mittragen konnte. Mein Traum lieferte mir ein Bild dafür, das ich leicht verstehen konnte. Träume beschäftigen mich schon immer. Ich träume viel, bunt, ganze Geschichten, ich arbeite Situation auf, träume von Dingen, die ich gerne […]]]>

Heute träumte ich, dass ich mich abgrenzte. Ich habe in meinem Leben etwas geändert, weil ich es nicht mehr länger mittragen konnte. Mein Traum lieferte mir ein Bild dafür, das ich leicht verstehen konnte. Träume beschäftigen mich schon immer. Ich träume viel, bunt, ganze Geschichten, ich arbeite Situation auf, träume von Dingen, die ich gerne machen, die aber in der sogenannten Realität unmöglich sind.

Ich war vor einigen Jahren auf einem Kongress. Dort war eine Traum-Trauma-Forscherin, die uns eingeladen hat, morgens gemeinsam zusammenzukommen und das kollektive Träumen zu erkunden. Wir haben Bilder assoziiert, um in ein kollektives Unterbewusstsein vorzudringen. Es war eher spielerisch, ohne wissenschaftlichen Anspruch. Aber es ließ uns alle nachdenken. Gibt es eine andere Realität, die wir so erreichen können? Ich finde den Gedanken spannend. Interessanter als Freuds machohafte Reduzierung der Träume auf antike Sexualitätsbilder. Ich hatte mit Freud immer ein Problem, Frauen seien hysterisch, Kultur sublimierte Sexualität, wir alle litten unter einem Ödipuskomplex etc. Das ist anmaßend, indoktrinierend, besserwisserisch, patriarchalisch etc… Natürlich ist das jetzt sehr stark verkürzt. C. G. Jung hatte da mehr zu sagen: das kollektive Unterbewusstsein, eine gemeinsame Bildsprache des menschlichen Bewusstseins, ein Ozean gemeinsamer Erfahrung und Weisheit. Bei Freud scheint alles darauf hinauszulaufen, dass ein Therapeut seine Patienten heilt, weil er die Probleme kennt und in seinen Patienten in Ordnung bringt. Ein wenig wie bei einem Mechaniker, der ein Auto repariert. Der Mechaniker kennt den Aufbau und kann das Auto wieder in Ordnung bringen, wenn sich etwas verstellt hat oder etwas kaputtgegangen ist.

Wieso fällt uns die Vorstellung so schwer, dass es ein Bewusstsein gibt, an dem wir lediglich teilhaben. Ein Bewusstsein, das zwar fähig ist, sich seiner selbst bewusst zu werden, aber eben nicht darauf reduziert ist?

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Wachsen https://readingdeleuzeinindia.org/de/wachsen/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/wachsen/#respond Tue, 26 Jul 2022 16:08:32 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1151

Viele Lebensgemeinschaften um mich herum erleben im Moment einen Stresstest. Dabei fällt oft das Wort Midlife-Crisis. Ein blödes Wort finde ich, da es suggeriert, dass das Leben, das individuelle Leben eine Krise hätte. Diese Perspektive verstört mich. Wieso sollte das Leben eine Krise haben? Es scheint doch eher so zu sein, dass Lebensgemeinschaften infrage gestellt […]]]>

Viele Lebensgemeinschaften um mich herum erleben im Moment einen Stresstest. Dabei fällt oft das Wort Midlife-Crisis. Ein blödes Wort finde ich, da es suggeriert, dass das Leben, das individuelle Leben eine Krise hätte. Diese Perspektive verstört mich. Wieso sollte das Leben eine Krise haben? Es scheint doch eher so zu sein, dass Lebensgemeinschaften infrage gestellt werden. Ein Ausbruch, Freiheitsdrang, Selbstverwirklichung, etwas nachholen zu wollen. Auch diese eine Vorstellung, die verstört. War die Vergangenheit falsch? Das wäre eine bedenkliche Vorstellung. Wie kann die Vergangenheit falsch sein?

Vielmehr hat sich doch vielleicht etwas geändert. Diese Veränderung irritiert das Gewohnte, Stabile, den Status quo. Die Frage ist doch eher die: Wieso möchte ich mich verändern und wohin? Ist das, was ich als Veränderung in mein Leben hereinlassen möchte, gut? Nur von dieser Frage aus ergibt es Sinn, den Begriff der Krise zu zitieren. Was, wenn die Veränderung gut ist, was, wenn sie schlecht ist? Wer hat dann jeweils die Krise?

Wir wachsen ständig, wachsen heraus und hinaus. Wir sollten einander dabei unterstützen. Denn dieses Wachsen verursacht Wachstumsschmerzen. Es verursacht Stress an den Bruchstellen. Hier entstehen Wut und Enttäuschung, Angst und Unsicherheit.

Eine externe Veränderung herbeizuführen, ist da vielleicht eher eine Übersprungshandlung. Dann hat das Leben vielleicht schon etwas zu lange geschlafen und die Veränderung nicht mitbekommen. Hier ist Achtsamkeit geboten. Dem Wachsen zuzuhören, um eine Krise zu verhindern.

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Viele ichs https://readingdeleuzeinindia.org/de/die-vielen-ichs-sri-aurobindo-ueber-die-illusion-der-identitaet/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/die-vielen-ichs-sri-aurobindo-ueber-die-illusion-der-identitaet/#respond Fri, 08 Jul 2022 13:36:11 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=799

Heute habe ich ein Zitat von Sri Aurobindo gehört. Er sagte sinngemäß, dass jeder von uns mehrere Ichs hat. Das war mir klar. Seit Jahrzehnten ist das meine Erfahrung, dass die unterschiedlichen Aspekte einer Persönlichkeit viele sind und die Vorstellung einer subjektiven Identität eine Konstruktion ist. Ich sah die Konstruktionsprinzipien immer als ideologisch an, die […]]]>

Heute habe ich ein Zitat von Sri Aurobindo gehört. Er sagte sinngemäß, dass jeder von uns mehrere Ichs hat. Das war mir klar. Seit Jahrzehnten ist das meine Erfahrung, dass die unterschiedlichen Aspekte einer Persönlichkeit viele sind und die Vorstellung einer subjektiven Identität eine Konstruktion ist. Ich sah die Konstruktionsprinzipien immer als ideologisch an, die der Logik von Reisepässen, individueller Verantwortung und Rechtssprechung, aber auch von Schuld und Sühne, der Idee einer Seele im christlichen Kontext etc. dient.

Meine Reaktion war immer, mich gegen dieses Konstruktionsprinzip von Individualität zu wehren. Aurobindo sagt nun, dass gerade dann, wenn Mensch das Gefühlt hat viele Aspekte, viele Ichs in sich zu haben, die Aufgabe der Sortierung schwierig ist. Manche Menschen leben in ihren Bahnen und haben einen Weg gefunden, die Widersprüche irgendwie zu vereinen. Andere haben so viele Ichs in sich, dass ein Ordnen schwierig ist. Wie soll dieses Ordnen auch gehen?

Neu ist für mich ist der Gedanke, dass die vielen Ichs um etwas herum geordnet werden können, das größer und anders ist. Ein größeres Bewusstsein. Für viele ist das vielleicht ein göttliches Bewusstsein. Für Deleuze vielleicht Immanenz. Sich selbst nicht mehr als Selbst zu verstehen, sondern als Teil… 5 Jahre Philosophiestudium, die es für mich hier zu überwinden gilt. Und 20 Jahre Kunsttheorie, die das Individuum ins Zentrum stellt.

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Mögliche Welten https://readingdeleuzeinindia.org/de/moegliche-welten/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/moegliche-welten/#respond Sat, 02 Jul 2022 14:13:46 +0000 https://deleuzeinindia.org/?p=781

Die beste aller möglichen Welten? Als ich in Heidelberg Philosophie studierte, las ich über die Logik von möglichen Welten. Alles Mögliche sei auch real, nur eben für mich im Moment nicht zugänglich. Dies war eine Antwort auf ein aussagenlogisches Grundproblem, nämlich dass ein „Wenn …, dann‘  Satz – mit einer falschen Prämisse und einer wahren […]]]>

Die beste aller möglichen Welten?

Als ich in Heidelberg Philosophie studierte, las ich über die Logik von möglichen Welten. Alles Mögliche sei auch real, nur eben für mich im Moment nicht zugänglich. Dies war eine Antwort auf ein aussagenlogisches Grundproblem, nämlich dass ein „Wenn …, dann‘  Satz – mit einer falschen Prämisse und einer wahren Konklusion – insgesamt wahr sei.

In der Aufklärung des Abendlandes gibt es bei Leibniz die Annahme, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Dies sei extrem verkürzt, ein Gottesbeweis. Alles spiegelt sich in allem. Er nannte das Monaden.

Im Ursprung des Seins ist jedoch schon die Möglichkeit alles Seins enthalten, wie sollte es auch anders sein? Die Vorstellung von Fortschritt, dass am Anfang nichts war und es irgendwo immer mehr und besser wird, ist ja rational nicht nachvollziehbar, wenngleich es die Grundannahme einer großen Anzahl wissenschaftlicher Theorien zu sein scheint.

Wir leben nicht in der besten aller möglichen Welten, wir leben auch nicht in einer Welt des Fortschritts. Wir sind Teil eines Seins, das immer schon alle möglichen Welten enthält.

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