Leben – New Spirits – Reading Deleuze in India https://readingdeleuzeinindia.org/de Bewusstsein existiert nur in Verbindung mit anderem Bewusstsein Thu, 25 Dec 2025 05:30:30 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.4 https://readingdeleuzeinindia.org/wp-content/uploads/2022/06/cropped-small_IMG_6014-32x32.jpeg Leben – New Spirits – Reading Deleuze in India https://readingdeleuzeinindia.org/de 32 32 Verteidigen – Reagieren – Vereinigen https://readingdeleuzeinindia.org/de/verteidigen-reagieren-vereinigen/ Thu, 25 Dec 2025 05:21:59 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5632

Manchmal reagiere ich seltsam. Jemand tut etwas Unerwartetes, eine Unsicherheit in mir wird erweckt. Wie ordne ich das ein und wie reagiere ich darauf, und was heißt hier dann reagieren? Es geht also um Erwartung, ein Sein in der Welt, das antizipiert. Die Zukunft gilt als vorhersehbar und wird auch als solche gesehen. Wenn ich […]]]>

Manchmal reagiere ich seltsam. Jemand tut etwas Unerwartetes, eine Unsicherheit in mir wird erweckt. Wie ordne ich das ein und wie reagiere ich darauf, und was heißt hier dann reagieren? Es geht also um Erwartung, ein Sein in der Welt, das antizipiert. Die Zukunft gilt als vorhersehbar und wird auch als solche gesehen. Wenn ich dieses oder jenes tue, dann wird jemand vielleicht so oder anders reagieren. Nun geschieht es aber manchmal, dass die Reaktion des anderen anders ausfällt. Ich habe mich in meiner Erwartung geirrt, oder der andere hat etwas gespielt, oder die Interaktion ist geprägt gewesen durch etwas, das ihr vorausging und nicht transparent ist. Energien und Dynamiken haben sich vielleicht eingeschlichen, die meine Erwartung nicht wahrgenommen hat, die unbewusst oder verdrängt waren. Und so finden wir uns in einem Pool von verschiedenen bewussten und unbewussten Erinnerungen, Gefühlen, Einflüssen, Antizipationen und Einschätzungen.

Das kleine Ego

Das Ego reagiert, es fühlt sich missverstanden und wird impulsiv. Es versucht vielleicht auszuweichen und zu überspielen, oder es zieht sich zurück, etwas gekränkt, und fühlt sich unverstanden, oder es wird aktiv, versucht die Situation zu verändern, wird manipulativ oder aggressiv. In schweren Fällen passt es vielleicht sogar das Bild der Welt und das Selbstbild an, es kommt zu Verformungen, Umformungen, Verzerrungen, es bewegt sich dann raus aus dem Normativen.

All dies lässt sich als eine Verteidigung verstehen. Mein kleines Ego versucht, den vermeintlichen Angriff auf seine Antizipation zu verteidigen. Es wird reaktiv, reagiert kompensatorisch, restaurativ, manipulativ, konstruktiv. Eigentlich ist es ja ein Versuch, die Welt wieder in Ordnung zu bringen. Das wird von dem Anderen aber nicht so wahrgenommen, mein eigenes Handeln wird unverständlich für andere, ein Konflikt entsteht.

Ein Weg

Ich möchte den normativen Impulsen widerstehen und das Korrektive vermeiden. Denn was sich hier zeigt, ist erst einmal etwas unglaublich Starkes, Kreatives, Expressives, das unser Menschsein im Tiefsten berührt. Hinter meinem kleinen Ego ist ein Herz, eine Seele, ein Geist, eine Natur, die alle gemeinsam das Sein in meinem Körper und in dieser Zeit und an diesem Ort versuchen zu erfahren, zu synthetisieren. Einen ersten Schritt auf diesem Weg bezeichnen wir oft mit Sinnsuche, es ist jedoch weit mehr als das. Die Suche geht dem Finden voraus und manifestiert sich dann in einer Selbstverwirklichung und im Selbstausdruck bis hin zur Verschmelzung und Auflösung des Ego. Da darf man schon mal ein wenig reagieren und sich verteidigen. Nur ist es eben nicht sehr hilfreich, da es in der Regel Situationen nur verschärft. Es braucht da dann schnell eine ganz gute Fähigkeit, Konfliktstrategien einzubringen, um nicht in einen ernsteren Konflikt einzutreten.

Innere Arbeit

Die innere Arbeit findet an einer anderen Stelle statt: das Beobachten und Ausklingenlassen aller Impulse, die sich in meinem Bewusstsein vereinen, auch der unbewussten, die ihren Weg ins Bewusstsein erst finden dürfen. Das funktioniert ganz gut in der Meditation. Was bedeutet das aber für die zwischenmenschliche Interaktion? Pausen, Einfühlen, vor allem aber Offenheit und Authentizität, radikale Selbstwahrnehmung und objektive Fremdwahrnehmung. Die beiden letztgenannten sind in ihrer reinsten Form für sich genommen unmöglich und gelingen nur im Zusammenspiel mit einem Anderen. Dieser Andere kann entweder ein Lehrmeister sein oder ein geliebter Mensch. In der tantrischen Erfahrung ist dies das Gleiche.

Liebe

Ich sehe gerade zwei Schmetterlinge sich umtanzen im Garten, und ich sehe zwei Würmer sich verschlingend beim Kontakt. Die Ausdrucksformen sind schier unendlich, und wir als Menschen können uns auf den verschiedensten Ebenen vereinen. Das geht aber wahrlich nicht mit jedem. Solch tiefe Begegnungen sind selten. Für manchen wird sich das erst in einem anderen Leben realisieren.

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Das Selbst https://readingdeleuzeinindia.org/de/das-selbst/ Wed, 08 Oct 2025 07:08:18 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5622 Ramana, einer der großen Erleuchteten Indiens, lebte in Tiruvannamalai. Im Mittelpunkt seiner Lehre steht der Begriff des Selbst: dessen Leere und gleichzeitig unermessliche Weite. Seine Lehren sind einfach, er folgt keiner langen Tradition von Interpretationen. Er war ein einfacher Mann, der auf dem Berg meditierte und Satsangs abhielt. Als Zeitgenosse von Aurobindo haben die Menschen beiden zugehört und ihre radikal unterschiedlichen Ansätze verglichen.

Ich bin gerade in Tiruvannamalai. Ich habe einige Satsangs besucht. Ich hatte eine Frage im Kopf: Wie verhält sich das wahre Selbst zu einem anderen wahren Selbst, insbesondere wenn es um romantische Liebe geht? Ich sitze in einer Wohnung mit Blick auf den Berg. Gestern, nach einer kleinen Auseinandersetzung, saß ich morgens auf der Terrasse, als ein Affe kam, mich ganz sanft berührte und mir in die Augen sah, als wollte er mir sagen, dass alles gut werden würde. Dann setzte er sich neben mich und schaute auf den Berg. Er faltete die Hände auf den Knien in einer tiefen, kontemplativen Haltung, und es fühlte sich an, als wäre ein alter Freund gekommen, um mir Trost zu spenden.

Das, was wir als Selbst bezeichnen, ist nicht das, was wir normalerweise darunter verstehen. Es ist nicht unser Ego, unsere Persönlichkeit, unsere Identität oder gar unsere Seele. Das Selbst ist der Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit, es ist ein Punkt im unendlichen Bewusstsein des Universums, der Selbstverwirklichung ermöglicht. Es ist nicht mehr als das, und gerade deshalb ist es alles. Das Selbst ist der Punkt in der Weite, der eine Perspektive bietet; in tiefer Meditation kann es sich mit dem universellen Bewusstsein auflösen, zu seinem Ursprung zurückkehren und in voller Selbstwahrnehmung aufhören zu existieren.

Verliebt sein

Das wurde mir zum ersten Mal als Teenager auf dem Hügel in Rom bewusst. Ich war verliebt, hatte eine unerfüllte Sehnsucht. Eine Freundschaft, die tief, zärtlich und intim war, aber niemals körperlich, wir waren kein Paar. Und während ich auf dem Berg saß und über die Welt nachdachte, sah ich sie aus dem Selbst heraus. Ich gelangte zu dieser tiefsten Ebene unserer Existenz, und selbst jetzt, 40 Jahre später, kann ich sofort zu diesem Bewusstsein zurückkehren, wann immer ich mich daran erinnere. Ich war gleichzeitig glückselig und schockiert. Trage ich wirklich die ganze Welt in mir? Existiere ich wirklich nicht? Wie kann es sein, dass alle über sich selbst sprechen, ohne zu erkennen, dass das Selbst, wie sie es sehen, nicht existiert? Diese Erkenntnis habe ich seitdem mit mir getragen. Ich habe das Verständnis vertieft, es in einen Kontext gesetzt, darüber nachgedacht. Aber letztendlich hat sich nicht viel geändert. Es war einfach da, rein und einfach.

Ich glaube, eine unerfüllte Sehnsucht ist ein guter Lehrer. Ich werde mir meines Verlangens und der Unmöglichkeit seiner Befriedigung bewusst. Verlangen erzeugt Leiden. Warum werde ich nicht so gesehen, wie ich gesehen werden möchte? Warum wird die Liebe, die ich empfinde, nicht erwidert? Warum teile ich nicht mit, was ich wirklich fühle? Diese letzte Frage ist vielleicht die wichtigste. Bei anderen Verlangen geht es um Anhaftung, um das Wollen oder Sein, aber bei unerfüllter Liebe geht es darum, gesehen zu werden.

Wie kann ein Selbst ein anderes Selbst sehen? Und müssen sie sich sehen, um sich zu lieben? Gibt es eine tiefere Einheit innerhalb des kosmischen Bewusstseins, in der zwei sich vereinen können, um etwas anderes zu werden? Was ist diese Transformation?

Das Selbst als Punkt des Bewusstseins innerhalb des universellen Bewusstseins wird sich, wenn es erwacht, seiner Seele bewusst. Die Seele ist jedoch noch schwieriger zu verstehen. Sie ist das, was geboren wird und wiedergeboren wird. Die Seele kommt mit der biologischen Geburt, sie tritt in meinen Körper ein und bleibt dort. Sie verlässt meinen Körper, wenn er zerbricht. Sie war schon vor meiner Geburt da und wird auch nach meinem Tod noch da sein. Sie ist eine Manifestation der universellen Seele, Purusha. Die Seele ist das, was wir wirklich sind, nicht der physische Körper, nicht das Selbst. Die Seele ist der Kern unserer Existenz. Unsere Seele zu finden, ist der schwierigste Weg, den wir gehen können. Nur wenn wir unsere Seele finden, können wir wirklich lieben; wir können unseren Seelenverwandten finden.

Seele

Jede Seele ist anders. Das ist das Schöne daran. Die Seele ist nicht mein Ego, nicht meine Persönlichkeit und Identität. Die Seele hält das Leben in meinem Körper, sie durchströmt jeden Nerv, jede Faser, jeden Blutkreislauf, jede Nervenzelle, jedes Haar und jede Geschmacksknospe. Die Seele hält meine Erfahrungen zusammen, spielt mit meiner Erinnerung, sie erfreut sich an meiner Existenz. Als Nebenprodukt schafft sie das Ego, meine Persönlichkeit und Identität. Aber all das kann sich ändern, ich kann mich ändern. Die Seele ändert sich nicht. Sie fließt als Teil des universellen Bewusstseins durch die Zeit, sie könnte mit dem Konzept der Zeit selbst zusammenhängen. Das Selbstbewusstsein ist nicht an Zeit und Raum gebunden. In einem tiefen Seinszustand kann ich 1000 Jahre leben, ich kann mich mit meiner Seele verbinden und erkennen, dass sie unsterblich ist. Und wenn das Selbst und die Seele sich an den Händen nehmen und fliegen, können wir etwas erleben, was mit Wissenschaft nicht zu beschreiben ist. Es ist Shiva und Shakti, das universelle Zusammenspiel zwischen Selbst und Manifestation. Das einzige Problem ist unser Ego und unser Verstand. Wir brauchen sie zwar, um Nahrung zu finden und mit anderen zu leben, aber sie stehen der wahren Selbstverwirklichung im Weg.

Weil wir eine Seele haben, können wir lieben. Die Yogis, Sadhus und Siddhars mögen sich auf die Selbstverwirklichung konzentrieren. Aber um zu lieben, gehen wir durch das Selbst in die Seele und finden eine andere Seele. Diese beiden Seelen sind nicht gleich, sie kämpfen und vereinen sich, sie genießen und leiden, sie tanzen.

Während das Selbst wenig mit meiner Biografie zu tun hat, zeigt sich die Seele durch meine Biografie. Sie ist immer da, ob ich mir dessen bewusst bin oder nicht. Diesen Kern meiner eigenen Biografie zu sehen, ist der Weg nach der Verwirklichung. Für mich war dieser Weg die Suche. Ich bin eine wandernde Seele. Mein Weg war immer die spirituelle Suche, meine Stärke eine tiefe Heilung.

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Die Begierde der Frucht https://readingdeleuzeinindia.org/de/die-begierde-der-frucht/ Sat, 23 Aug 2025 15:08:35 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5478

Ein Apfel, eine Erdbeere, eine Melone oder eine Maracuja, eine Banane oder Pflaume, eine Tomate oder Gurke, eine Bohne oder ein Korn, eine Kokosnuss und ein Granatapfel. Früchte wollen verzehrt werden, sie wollen Genuss bereiten, nähren und zuweilen auch berauschen. Sie schillern und vergären, verwesen und verströmen Düfte, sie fallen ins Auge, betören die Sinne, […]]]>

Ein Apfel, eine Erdbeere, eine Melone oder eine Maracuja, eine Banane oder Pflaume, eine Tomate oder Gurke, eine Bohne oder ein Korn, eine Kokosnuss und ein Granatapfel. Früchte wollen verzehrt werden, sie wollen Genuss bereiten, nähren und zuweilen auch berauschen. Sie schillern und vergären, verwesen und verströmen Düfte, sie fallen ins Auge, betören die Sinne, erzeugen Lust und Genuss.

Sie sind ja nicht ganz zufällig so. Früchte spiegeln ein Verlangen derjenigen, die sie essen: Menschen, Pferde, Affen, Ameisen, Käfer, Vögel, Fische, Igel, Hunde und Katzen, Schnecken, Spinnen, Schlangen, Fliegen, Giraffen und Papageien. Sie alle reagieren auf verschiedene Früchte. Manche Früchte haben eine harte Schale, manche sind ganz weich. Einige sind schwer und groß, andere klein und leicht. Manche sind süß oder sauer, bitter, oder salzig, riechen intensiv oder ganz zart, stinken oder betören.

Früchte wollen gegessen werden, so bewegen sie sich fort. Ein Apfel sagt: Nimm mich mit, eine Erdbeere will auf der Zunge zerfließen, eine Maracuja bietet sich dar in ihrer Wollust, Zartheit und Intensität, eine Kokosnuss will geknackt werden, geworfen und zerstoßen werden, um ihr Fleisch und den Saft als Erfrischung zum Laben darzubieten. Die Bohne hängt und wartet, das Korn verfängt sich im Pelz, die Tomate platzt frech in ihrer Röte, vernarbt, und schmiegt sich ein, die Hand, die sie greift.

Die Frucht und das Tier vereinen sich im Genuss, in Hingabe und in der Suche. Die Belohnung findet in der Ekstase des Verzehrs statt, die Frucht erreicht ihr Ziel, das Tier ist satt, die Ekstase und der Rausch flammen auf im Verzehr. Am Ende ist das Scheißen, die Pilze brechen auseinander, was sich nicht im Feuer der Lust den Sinnen als Reiz hingab.

Diesen Beeren, Steinfrüchten, Hülsenfrüchten, Scheinfrüchten und Karyopsen geht die Blüte voraus. Jenes Duft verströmende Reizorgan der Pflanze, das sich begehren und besamen lässt. Ihr Antlitz spricht, sie lacht und öffnet sich, sie reiht sich ein in den Reigen des Kranzes. Natur erreicht hier reine Form, Kunst und Schönheit, Konstruktion, Behausung und Ruheplatz. Natur sendet ein Signal, sie kommuniziert, sie agiert im Überfluss und Rausch.

Georges Bataille (1897-1962) las ich vor vielen Jahren und kam mir in Erinnerung, als ich dies schrieb. So ließe sich sagen, dass diese Früchte nicht bloß Nahrung sind, sondern Erscheinungen des Überflusses selbst, in denen Schönheit, Lust, Verfall und Exkrement untrennbar verschränkt sind. Wie Bataille es sah, will Natur im Rausch vergeudet werden, sie findet ihre Wahrheit in der Verschwendung, in Ekstase und Überschreitung. Jede Frucht, die wir genießen, trägt damit schon die Bewegung von Leben, Tod und Überschreitung in sich.

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Koan https://readingdeleuzeinindia.org/de/koan/ Sat, 16 Aug 2025 03:47:33 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5274

Ein Koan also. Ich hörte schon oft davon, jene mysteriösen Rätsel des Zen, die den Geist herausführen aus dem rein Rationalen und neue Formen der Einsicht eröffnen sollen. Ich beschloss, nicht viel darüber zu lesen und auch nicht andere danach zu fragen. Ich wollte eins von einem Zen-Meister bekommen. Während Doksan fragte er mich ein […]]]>

Ein Koan also. Ich hörte schon oft davon, jene mysteriösen Rätsel des Zen, die den Geist herausführen aus dem rein Rationalen und neue Formen der Einsicht eröffnen sollen. Ich beschloss, nicht viel darüber zu lesen und auch nicht andere danach zu fragen. Ich wollte eins von einem Zen-Meister bekommen. Während Doksan fragte er mich ein paar Dinge über mich. Wir schlossen die Augen, er lächelte und sagte, ich solle mir einen Wald vorstellen, in dem ein kleiner Bach fließt. Wenn ich in den Bach eintrete, wie lösche ich den Klang des Plätscherns aus? Ich solle nicht intellektuell darüber nachdenken, das Koan vielmehr mit mir tragen, in die Meditation mitnehmen, schauen, was passiert, und zurückkommen und darüber berichten.

Das Bild wirkte sofort in mir. Ich sah mich in den Wald, in dem Bach stehend, die bildhafte Metapher des Flusses, eines Stroms des Kosmos, das Wasser als Urelement, das Eintreten in den Fluss der Dinge und der Zeit, der Wald als Ort des Friedens, der Stabilität, der Natur. Die Geräusche des Waldes, die Vögel, das Plätschern, die eigenen Füße platschen im Wasser, das Rauschen und der Klang der Schritte. Wohin führt mein Weg? Alles ist im Fluss, ich bin gehalten in der Natur, ich agiere und schreite, alles verändert sich, und doch bleibt alles so, wie es ist. Ich könnte über dieses Bild noch sehr lange nachdenken, es auf mein Leben beziehen, die Veränderungen, die ich durchlebe, die Frage nach dem Sinn des Lebens und die Einfachheit der Antwort in der Natur und Kontemplation. Doch scheint mir dies nur der Anfang zu sein – das Beziehen auf sich selbst ein erster Schritt.

Zurück zur Frage: Warum soll ich eigentlich versuchen, den Klang auszuschalten? Ist da irgendetwas falsch am Klang des Wassers, seinem Rauschen und Plätschern, den Schritten im Bach? Wer sagt, dass diese Klänge falsch sind? Sie stören nicht, lenken nicht ab, gehören zum Schreiten dazu. Der Klang des Schreitens verstummt, wenn ich stehenbleibe, der Bach jedoch wird weiterrauschen, die Vögel weiter zwitschern, die Blätter im Wind rauschen. Ist die Frage des Koans vielleicht einfach so banal? Oder impliziert sie etwas, das hinterfragt werden kann? Vielleicht ist die Annahme, dass Stille besser sei, zu hinterfragen. Warum also Stille? Soll ich darüber nachdenken, wie ich mein Tun und Handeln anhalte, mich in Stille begebe, in Meditation, und mich öffne für Leere und Form? Wahrscheinlich ist hier schon etwas Relevantes.

Ich stelle also der reichen Metapher des Schreitens im Bach im Wald etwas entgegen: eine innere Kontemplation, eine Reflexion auf Leere und Form, ein Stillhalten und Bewusstwerden. Die äußeren Klänge, Bilder, Sinneseindrücke verhallen im Inneren; sie sind Projektionen innerhalb einer Vision, die ja gar nicht der Realität entspricht – denn ich stehe ja gar nicht im Bach, sondern schreibe gerade an meinem Computer oder sitze in Meditation. Ich habe es also mit einem Denkbild zu tun, das einlädt zur Meditation, und die Erkenntnis, die ich daraus ziehen soll, ist nicht die des Problemlösens. Ich kann hier weiterschreiten, ich könnte nun eintauchen in die Struktur des Denkens, der Sprache, der Bilder – Semiotik. Wie verhält sich die Frage als Satz zu der Vorstellung, und welche Art von Handeln ruft sie hervor, um welche Art von Erkenntnis zu produzieren? Das wäre ein schönes Projekt für ein Seminar – ein paar Wochen darüber nachzudenken, in den Traditionen westlicher Philosophie. Doch das wird sicher nicht Sinn und Zweck des Koans sein, mich dort zu verlieren. Herausführen aus diesem Labyrinth des rationalen Denkens soll das Koan ja.

Ein schöner kleiner Ausflug war das – der Nachhall meines Studiums der Philosophie. Ich versuche also einen anderen Pfad, den der Upanishaden, des tiefen Urozeans, in den die sieben Flüsse der Existenz einfließen, aus dem heraus sich aber zuallererst der Purusha selbst herauszieht und aus seinen Augen, Ohren, Zunge, Mund und Nase, Haaren und Gelenken alles erst entsteht. Eintauchen also in die Bedingungen meiner eigenen Existenz, meines Körpers, meines Atems, meines Denkens und Fühlens. Einschreiten in den Fluss, meine Füße benetzen mit dem Wasser, die Sinne als Sinne wahrnehmen, sie als äußere und innere unterscheiden. Und dann aber die Aufgabe, die Frage: Wie kann ich den Klang zum Schweigen bringen? Und warum sollte ich das tun wollen?

Warum soll ich mich mit so einer Frage überhaupt beschäftigen? Sie dient mir jetzt schon recht gut, um meine Eitelkeit zur Schau zu stellen, zu demonstrieren, in welchen Denkschulen ich mich komfortabel bewege. Wieso sitze ich in einem Zen-Meditationszentrum seit zwei Wochen und versuche, mich auf Zen einzulassen, von einem Lehrer mittels eines Koans etwas zu lernen? Was hat er mir zu zeigen? Wohin mag der Weg führen? Ist das Koan ein Werkzeug, um in den Dialog zu gehen, und ist mein Versuch, mich ihm durch Schreiben zu nähern, eine Ausflucht – ein schüchterner Versuch, die Begegnung herauszuziehen?

 

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Form und Leere https://readingdeleuzeinindia.org/de/form-und-leere/ Wed, 06 Aug 2025 03:58:17 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5079 bamboo

Form ist leer. Sie hat eine Gestalt, aber keine Substanz; sie ist weder Materie noch Energie. Form ist Bewusstsein – etwas als etwas zu sehen, bringt Form hervor. Form ist jedoch auch funktional: Substanz, Materie und Energie interagieren nach Gesetzen. Als Teil des Bewusstseins interagieren sie in Form. Form ist Leere. Form ist Bewusstsein. Bewusstsein […]]]>
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Form ist leer. Sie hat eine Gestalt, aber keine Substanz; sie ist weder Materie noch Energie. Form ist Bewusstsein – etwas als etwas zu sehen, bringt Form hervor. Form ist jedoch auch funktional: Substanz, Materie und Energie interagieren nach Gesetzen. Als Teil des Bewusstseins interagieren sie in Form. Form ist Leere. Form ist Bewusstsein. Bewusstsein interagiert mit Bewusstsein. Aus Form ergibt sich Materie – nicht umgekehrt. Materie bringt keine Form hervor.

Der Fluss der Energie und Materie – von einzelnen Atomen über geologische Ströme, das biologische Wachsen bis hin zum kosmischen Rauschen – durchströmt den Kosmos. Zuweilen konzentriert sich dieser Strom, wie auf unserem blauen Planeten. Lebensenergie, Chi, lebt sich hier aus. Chi formt.

Form ist Leere, Leere ist Form. Das Dao, Chi – sie geben dem Sein ein Bewusstsein. Jenes Sein jedoch ist nicht das, was wir als Materie verstehen; es geht allem voraus. Sein (Sat) entzieht sich unserem Verstehen. Nimmt es Form an, so beginnt es zu wirken, zu formen – es tritt ein in den Prozess des Universums. Es beginnt zu agieren. Doch Agieren setzt einen Lenker voraus – im Großen wie im Kleinen, im Kosmos wie in mir und in allem, was existiert. Steine werden weniger gelenkt als Katzen. Menschen lenken sich selbst – und andere.

Es gibt jedoch eine Urseele (Purusha).
Ich schaue in die sonnigen Berge in Bodhi Zendo. Die Wolken berühren die Bergwipfel, die Vögel ziehen durch das Himmelblau. Avocados schweben über dem Horizont. Ein Bambus biegt sich mit innerer Leere in den offenen Raum.

 

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Sacred Energy https://readingdeleuzeinindia.org/de/sacred-energy/ Mon, 21 Jul 2025 16:21:40 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5065

Das ist Tantra. Das ist göttlich. Die entscheidende Frage ist, ob eine solche heilige Begegnung nur in der romantischen Liebe möglich ist, wie es die Tradition und die Romantik suggerieren – oder ob sie entstehen kann, wenn wir unser Wesen vollständig öffnen, jenseits von Verstand und Vernunft, jenseits von Ego, Wunsch oder Verpflichtung. Ich glaube, […]]]>

Das ist Tantra. Das ist göttlich.

Die entscheidende Frage ist, ob eine solche heilige Begegnung nur in der romantischen Liebe möglich ist, wie es die Tradition und die Romantik suggerieren – oder ob sie entstehen kann, wenn wir unser Wesen vollständig öffnen, jenseits von Verstand und Vernunft, jenseits von Ego, Wunsch oder Verpflichtung. Ich glaube, das kann sie. Aber es hat nichts mit dem Höhepunkt als Ziel zu tun. Es geht um Intimität. Sie kann so einfach sein wie eine Berührung, ein Lächeln, ein Herzschlag – Funken, die manchmal zu etwas viel Mächtigerem führen können. Bestimmte Energien offenbaren sich nur in der Vereinigung der Liebe. Aber auch das ist ein spiritueller Weg – einer, der den Körper als Tempel, das Selbst als vielschichtig und die Wirklichkeit als weit mehr als Materie betrachtet.

Es ist die heilige Vereinigung mit dem göttlichen Bewusstsein. Und diese Vereinigung ist nicht dasselbe wie die Vereinigung der Erwachten. Nur der Meister sieht beides als eins.Mit einem erwachten Bewusstsein, das in der Spiritualität verwurzelt ist, fühlt es sich natürlich an, sich mit der Welt und mit anderen zu verbinden, alles als eins zu erleben und die Einheit des Bewusstseins als Wurzel der materiellen Welt zu erkennen. Doch das wahre Geheimnis liegt nicht in der Verbindung allein, sondern in dem, was wir mit anderen teilen wollen – und was nicht. Ich spreche nicht von Reichtum, Besitztümern, Anerkennung oder Ressourcen. Ich spreche von etwas viel Intimerem: wem wir erlauben, unser Innerstes zu bezeugen, unsere Seele – wen wir uns sehen lassen, und wie. Ich spreche von Liebe und Sexualität, von der Befreiung von Erwartungen, Leistung, Posen und Egoismus.

Wenn ich einem anderen auf einer intimen Ebene begegne – eine Berührung, ein Lächeln, ein Herzschlag -, entsteht durch Präsenz und Bewusstheit eine Verbindung. Ich fühle, ich spüre, ich erlaube mir, auf der Ebene der Seele gesehen, gefühlt und berührt zu werden. Das kann mit einem geliebten Menschen, einem Fremden oder demjenigen, in den ich verliebt bin, geschehen. Doch manchmal fühlt sich etwas nicht richtig an. Jemand erwartet zu viel, sieht anders, fühlt etwas, das ich nicht teile, oder teilt etwas, das ich nicht fühle. In diesen subtilen Verhandlungen ertappe ich mich selbst dabei, wie ich herausfinde, wem ich erlaube, mich zu sehen, auf welche Verbindungen ich mich einlasse und wie tief ich zu gehen bereit bin. Wenn die Dinge nicht im Einklang sind, schalte ich ab. Ich höre auf zu reden, zu lächeln, aufzutreten. Mein Körper, mein Geist, meine Seele – alles zieht sich zurück.

Meine Seele ist zu kostbar. Sie ist heilig. Ich weigere mich, sie zu gefährden oder zuzulassen, dass sie verformt wird. Ich kann mein Ego beugen – das ist leicht. Die Rollen, die ich spiele, die Erwartungen, die ich als Mitglied der Gesellschaft, der Gemeinschaft, der Kultur erfülle – die lassen sich verbiegen. Manchmal kann es amüsant oder schmerzhaft sein, sie zu verbiegen. Es kann Wachstum oder Trauma, Erfolg oder Leid bringen. Das können wir teilen. Wir können heilen oder ausbeuten, ermächtigen oder verwundet werden. Dies sind die Übungen des Egos. Aber das ist nicht das, wovon ich spreche.

Ich spreche von der Seele – von dem, was wir entdecken müssen, was uns gegeben ist, was größer ist als wir, was auf ewig mit dem Göttlichen verbunden ist. Diese Verbindung ist heilig. Sie kann spirituelle Form annehmen als Praxis, als Hingabe, als das Streben nach Erleuchtung oder die Umarmung tiefer Liebe. Dies ist das Geheimnis des Tantra – von Shiva und Shakti, der Vereinigung der grundlegenden Prinzipien der Existenz. Sie sind durch die Erotik verbunden, aber nicht durch die Erotik, wie man sie gemeinhin versteht. Es ist eine Erotik des wahrhaftigen Gesehenwerdens. Es geht viel mehr darum, gesehen zu werden als aktiv zu sehen.

Wir können das Göttliche nicht sehen. Aber wir können spüren, dass wir von ihm gesehen werden – in ihm verankert, ein Teil von ihm -, indem wir unsere Sinne zur Verfügung stellen, damit das Göttliche sich durch uns erfahren kann. Ich bin ein Gefäß. Meine Seele ist die Brücke. Ich kann vom Göttlichen durch die Sinne gesehen werden, die eine andere Person für diese heilige Wahrnehmung zur Verfügung stellt. Diese heilige Vereinigung von Shiva und Shakti ist der Kern des Tantra.

Wenn ich mich also abschotte, wenn mein Körper sich zurückzieht, ist das keine kindische Reaktion, keine Frage der Leistung oder eine unreife Verteidigung. Es ist die Seele, die ihre Heiligkeit schützt und sich für eine bedeutungsvolle Begegnung aufbewahrt. Diese Art der Begegnung ist selten – besonders in der Intimität, wo das Energiefeld am unmittelbarsten, kraftvollsten und zerbrechlichsten ist. Es wird leicht verdorben und oft unter äußerem Verlangen begraben. Nein zu sagen, sich zurückzuziehen, abzuschalten, ist ein Akt der Selbsterhaltung. Es offenbart, dass etwas Heiliges vorhanden ist – etwas, das es wert ist, geschützt zu werden. Es ist das Flüstern der Erkenntnis. Ich habe Momente erlebt, in denen ich wirklich gesehen wurde.

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Schatten https://readingdeleuzeinindia.org/de/schatten/ Sun, 29 Jun 2025 00:30:27 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5059

Seitdem ich vor Jahrzehnten zum ersten Mal von Schattenarbeit gehört hatte, fragte ich mich, was das genau sei. Ich dachte immer an tiefe Abgründe in der Seele, Traumata, Tabus, Geheimnisse, die man mit niemandem geteilt hat, weil es zu schamvoll ist, darüber zu reden. Ich dachte, Schatten sind das, was wir vor uns selber und […]]]>

Seitdem ich vor Jahrzehnten zum ersten Mal von Schattenarbeit gehört hatte, fragte ich mich, was das genau sei. Ich dachte immer an tiefe Abgründe in der Seele, Traumata, Tabus, Geheimnisse, die man mit niemandem geteilt hat, weil es zu schamvoll ist, darüber zu reden. Ich dachte, Schatten sind das, was wir vor uns selber und vor den anderen verstecken. Und wahrscheinlich ist da schon etwas dran an dieser Vorstellung.
Nun habe ich gemerkt, dass die Schatten erst einmal woanders auftreten. Sie sind eigentlich mehr die Verhaltensmuster, in die wir fliehen, wenn wir uns mit etwas nicht auseinandersetzen wollen. Bei mir ist das z. B. die Flucht in die akademische Reflexion, anstatt sich direkt emotional auseinanderzusetzen. Wahrscheinlich öffnet sich hier das ganze Spektrum dessen, was in der westlichen Tradition Gegenstand von Therapien sein kann: Sucht, Gewalt, verzerrte Wahrnehmung, ungesunde Verhaltensmuster, Angst, Bindungsunfähigkeit etc. … Diese Schatten, die unser Verhalten unbewusst leiten, gilt es wahrzunehmen. Es ist wichtig zu sehen, welche Muster unser Denken, unsere Gefühle, unser Handeln bestimmen. Vielleicht löst sich dann ein Knoten.
Mich interessiert aber, wie sich diese Schatten in unseren subtilen Körpern manifestieren. Wir haben diese verschiedenen Ebenen unserer Existenz: Körper, Leben (Atem), Sexualität, Gefühl (Herz), Geist (Verstand), spirituelles Bewusstsein, umfassendes Bewusstsein. Durch Meditation und verschiedene Yogas können wir uns dieser Ebenen bewusster werden. Das Ablösen vom Ego erlaubt es, diese Ebenen als Formen unserer Existenz zu begreifen, die jeweils Teil eines großen Bewusstseins sind: Materie, Biologie, Psyche, Seele, Geist, Bewusstsein, Transzendenz. Diese Realitäten sind nicht bloß meine persönliche Konstitution, sie sind Realitätsebenen, an denen ich Teil habe, die sich in mir manifestieren. Das wird erst sichtbar, wenn wir uns von unserem Ego lösen. Und genau in dieser Verstrickung mit dem Ego erscheinen die Schatten. Wir haben alle eine Biographie, und diese schreibt sich in unser komplexes Sein ein. Unsere Erfahrungen hinterlassen Spuren in unserem Körper, unserem Herz, im Gedächtnis, im Denken.
Ich habe die Vorstellung, dass in uns ein Licht ist, das durch die Ebenen unseres Seins durchscheint, und unsere Erfahrungen, unsere Biographie, hinterlässt diese Spuren in uns. Und wenn sich da etwas staut oder verknotet, verhärtet oder versteckt, wenn da etwas bricht oder wächst, wenn da etwas unterdrückt wird oder verselbständigt, wenn da etwas zum Selbstläufer wird und sich unbewusste Muster bilden, dann wirft das Schatten.

Ich möchte aber noch ein wenig genauer schauen. Da gibt es also ein inneres Licht, da ist etwas, das einen Schatten wirft, es gibt dort auch einen Beobachter, einen Akteur und ein Wesen. In diesem Tempel des Körpers manifestiert sich unser individuelles Sein. Der Pfad der Spiritualität führt zu einem Punkt, an dem dieser Tempel vollständig erleuchtet wird und den ganzen Kosmos in sich hält. Es geht dabei eigentlich gar nicht so sehr darum, Dinge in Ordnung zu bringen oder zu korrigieren, zu therapieren (es sei denn, es gibt da wirklich einen Leidensdruck oder einen Konflikt, der gelöst werden muss). Es geht vielmehr darum, das, was die Schatten wirft, klar zu sehen, sodass es durchlässig (transparent) wird.

 

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Play and Blunder https://readingdeleuzeinindia.org/de/play-and-blunder/ Wed, 25 Sep 2024 04:22:56 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4978

Spiel – Fehltritt Im Westen dachte ich früher, dass Spielen mit Spielen im Sinne von Games zu tun hat und Games mit Regeln. Ein Spiel zu spielen bedeutet, in einen Raum einzutreten, der durch Regeln eingeschränkt ist, und der Spieler kann innerhalb dieser Parameter Strategien entwickeln, um gemäß den Regeln zu handeln, mit dem Ziel […]]]>

Spiel – Fehltritt

Im Westen dachte ich früher, dass Spielen mit Spielen im Sinne von Games zu tun hat und Games mit Regeln. Ein Spiel zu spielen bedeutet, in einen Raum einzutreten, der durch Regeln eingeschränkt ist, und der Spieler kann innerhalb dieser Parameter Strategien entwickeln, um gemäß den Regeln zu handeln, mit dem Ziel zu gewinnen. Es gibt die größere Spieltheorie, die auf die Soziologie und andere Felder angewendet wurde, und es gibt Computersimulationen, die Hypothesen auf der Grundlage von Regelwerken generieren, und das Spiel besteht darin, sich dem, was wir Realität nennen, oder einem festgelegten Ziel anzunähern. Im Bereich des Lebens, des Tierreichs oder während unserer Kindheit dachten wir, dass Spielen das Üben von Fähigkeiten ist, die uns irgendwie einen Vorteil verschaffen.

Gestern habe ich Schach gespielt. Ich habe das Spielen genossen. Ich kenne und befolge natürlich die Regeln. Ich habe mit jemandem gespielt, nicht gegen eine Maschine. Ich habe gespielt, weil ich gerne spiele. Mein Geist kann auf dem Schachbrett bleiben, Strategien entwickeln, vorausdenken, täuschen, Konflikte schaffen, opfern… Aber dann gibt es dieses kontemplative Element: Ich reflektiere über mich selbst beim Spielen, befinde mich in einer persönlichen Beziehung zu dem anderen Spieler. Wir spielen zusammen; wir wollen Zeit miteinander verbringen, wir lächeln, necken uns und beobachten einander. Das Spiel ist eine soziale Interaktion, eine Art der Kommunikation und Entdeckung. Wie spielt die andere Person? Wie spiele ich? Wie reagieren wir, wenn einer einen Vorteil oder Nachteil hat? Welche Art von Gefühlen entstehen in Bezug auf die Strategien des Spiels und in der persönlichen Beziehung, und wie beeinflussen sie einander? Das ist der Ort, an dem ich gerne bin, wenn ich spiele. Ich mag es nicht, zu sehr auf das Schachbrett fixiert zu sein. Ich fühle mich gefangen, wenn ich zu sehr in die Strategie eintauche.

Es gibt hier etwas Offenbarendes, etwas Tieferes darüber, wie wir in der Welt sind. Wenn wir das Spiel durch die Linse des Sozialdarwinismus betrachten, dann haben die Spiele eine Funktion. Wenn ich Spiele als spielerische Erkundung der sozialen Beziehung mit dem anderen Spieler sehe, dann wird das Spiel zur Liebe. Es wird zum Necken und Provozieren, zum Kümmern und Verstecken, zum Zeigen und Vortäuschen, zu Vertrauen und Freude, Enttäuschung und Frustration. Es wird zu Verbundenheit und dem Eintritt in einen gemeinsamen Raum, in dem wir spielen.

Die Isha-Upanishad beginnt mit: „Alles dies ist zur Behausung des Herrn; was auch immer individuelle Bewegung im universellen Raum ist. Durch das Entsagen sollst du genießen; begehre nicht das Eigentum eines anderen.“ Und die Aitareya-Upanishad beginnt mit: „Am Anfang war der Geist eins, und alles (Universum) war der Geist; es gab nichts anderes, das sah. Der Geist dachte: ‚Siehe, ich will mir Welten aus meinem Sein schaffen.‘“ Ich denke, dass der Anfang dieser beiden Upanishaden das Spiel im höchsten Sinne illustriert. Das, was alles ist und sich selbst durch Schöpfung und Selbsterfahrung erleben will, folgt keinen Regeln; es manifestiert eine Welt oder viele Welten, in denen auch einige Regeln geschaffen werden. In diese Welten durch individuelles Bewusstsein oder universelle Prinzipien einzutreten, ist wie ein Spiel zu betreten. Unsere Realität ist nichts zu Ernstes. Sie ist eine Erkundung einer Möglichkeit. In einer dieser Realitäten zu sein, bedeutet zu spielen, und das Spiel wird zu einer Energie der Kreativität. Brahman tritt durch Atman und Purusha in seine Schöpfung ein, um sich mit Shakti und Prakriti zu bewegen. In diesem größeren Spiel bedeutet Spielen, die Regeln und Werkzeuge zu entdecken, zu erforschen und zu experimentieren, zu interagieren, zu lernen und zu lehren. Auf dem Schachbrett ist es dasselbe – nur eine kleinere Welt. Es gibt keinen Sinn darin, das Spiel zu gewinnen. Spielen ist Leben, ist Sein, ist Atmen und Bewusstsein.

Wenn ich also gewinne oder verliere, sollte ich meinen Geist nicht in den Regeln und der Entwicklung von Strategien gefangen halten. Ich sollte das Spiel genießen.

Es ist schwierig, mit anderen zu spielen. Ich kann nicht mit vielen spielen. Wenn der andere auf dem Schlachtfeld des Brettes bleibt, wird es langweilig, sogar gefährlich, da diese kleinen Regeln anfangen, die verbundenen Gedanken und Herzen zu beeinflussen und einzuschränken. Wenn ich gefragt werde, wie ich mich beim Verlieren fühle, werde ich irritiert. Ich verstehe diese Frage nicht. Es geht nicht ums Verlieren oder Gewinnen. Ich denke eher: Wie kam es zu einem bestimmten Zug, den ich gemacht habe? Welcher Gedanke, Impuls, welche Gelegenheit und Ignoranz waren am Werk? Was bedeutet es, in diesem Zusammenhang einen Fehltritt zu machen? Es gab einen Moment im Spiel, als der andere das Spiel verließ und in ein Gespräch eintrat. Ich machte während dieses kurzen Gesprächs einen halb durchdachten Zug, um mit Aufmerksamkeit zu spielen. Das brachte mich in eine nachteilige Position auf dem Brett. Ich frage mich, ob der Fehltritt der Zug war oder ob das Bewegen während des Gesprächs der Fehltritt war. Wie weit reicht das Spiel? Ich sagte, ich mache normalerweise nicht diese Fehler, und verstand mich selbst nicht ganz, als ich das sagte. Der andere konzentrierte sich nach dem Spiel auf das Wort „normalerweise“, was das Spiel in eine andere Realität verlagerte.

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Verstehen https://readingdeleuzeinindia.org/de/verstehen/ Thu, 22 Aug 2024 13:03:21 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4973

Was heißt es, einen anderen zu verstehen? Es ist leicht, ein Gegenüber zu verstehen, wenn man einer Meinung ist, denn dann stimmt man sich einfach selbst zu, genießt es vielleicht sogar, das eigene Denken im anderen gespiegelt zu sehen, angereichert durch eine etwas andere Perspektive, bunter, lebendiger, energetischer, weil beide sich freuen, jemanden gefunden zu […]]]>

Was heißt es, einen anderen zu verstehen? Es ist leicht, ein Gegenüber zu verstehen, wenn man einer Meinung ist, denn dann stimmt man sich einfach selbst zu, genießt es vielleicht sogar, das eigene Denken im anderen gespiegelt zu sehen, angereichert durch eine etwas andere Perspektive, bunter, lebendiger, energetischer, weil beide sich freuen, jemanden gefunden zu haben, der auf der gleichen Wellenlänge ist. Dieses Spiegeln, die Spiegelneuronen, geben uns ein Gefühl der Wertschätzung, des Gesehen-Werdens, einen Gleichklang und eine Vorstellung, dass man eine gemeinsame Basis hat, auf der man aufbauen und sich weiterentwickeln kann.

Ist das so? Was, wenn ich jemanden verstehen möchte, der ganz anders denkt? Wenn ich mit den Grundannahmen des anderen ganz grundsätzlich nicht übereinstimme? Was heißt dann Verstehen? Wenn jeder Satz und jeder Gedanke des anderen mein eigenes Denken infrage stellt und ich das Gefühl habe, alles als Unsinn abtun zu können, vielleicht sogar zu müssen, weil es meine Existenz untergräbt. Wenn ich dann aber zugleich in dem anderen einen liebenswerten Menschen sehe, den ich verstehen möchte – was heißt das dann? Wenn ein Atheist mit einem Gläubigen spricht, ein Rationalist mit einem Verschwörungstheoretiker, ein Naturwissenschaftler mit einem Mystiker… wie funktioniert Verstehen hier?

Es ist möglich, sich auf anderen Ebenen zu begegnen, auf der Ebene des Herzens z. B. oder auf der Ebene von Intersubjektivität, wahrzunehmen, dass es wirklich einen anderen gibt, jemanden, der ganz entschieden verschieden von mir ist und nicht die Illusion eines Verstehens vorspiegelt. Diese Herausforderung des Anderen – Hegel beschreibt das als Kampf auf Leben und Tod, Lévinas als eine ethische Begegnung – ist eine viel tiefere Begegnung, die ein anderes Verstehen einfordert.

Verstehen ist hier kein Spiegeln, keine Assimilation, sondern die Erfahrung der Andersheit, die eine echte Begegnung erst ermöglicht. Verstehen heißt dann, den Anderen als Anderen zu verstehen, und das, was der Andere sagt und tut, ist dann sekundär. Das Denken des Anderen wird also anders eingeordnet und kontextualisiert. Es geht nicht um Konsistenz, d. h. Widerspruchsfreiheit, sondern um die Möglichkeit, das Gegenüber zu sehen. Sehen heißt dann, mit anderen Augen zu sehen; eine Differenz fordert keine Auflösung oder Schlichtung, sondern ein Tiefergehen auf den Grund des Seins. Differenz ermöglicht erst Wahrnehmung und Identität; eine Einheit gibt es dagegen nicht im Zwiegespräch, sondern nur in spiritueller Erfahrung, die den Anderen dann mit einschließt.

Mit jemandem zu sprechen, der radikal anders denkt, kann also in die Tiefe führen anstatt in die Konfrontation. Dies ist jedoch nur möglich auf der Grundlage einer echten Wertschätzung. Was heißt aber dann Verstehen? Ist es das gemeinsame Suchen nach dem Grund? Heißt Verstehen dann, zu verstehen, wie der Andere sucht? Welche Pfade nimmt das eigene Denken und das Denken des Anderen? Berühren sich diese Pfade? Sind es Kreuzungen oder Weggabelungen, Zusammenführungen oder Parallelen? Sind die Begegnungen respektvoll und liebevoll?

Diese Erfahrung des Anderen, der nicht Teil meines Bewusstseins ist, der keine Illusion ist, sondern sich meinem Denken grundsätzlich entzieht, ist eine Versöhnung des Denkens mit der Welt. Denn die Erfahrung dieser Andersheit überwindet jeden Zweifel an der Realität. Die Realität ist keine Illusion; sie ist vielleicht radikal anders, als ich denke, aber sie ist real. Diese Erfahrung wird erst durch die Begegnung mit dem Anderen ermöglicht.

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Vollmond https://readingdeleuzeinindia.org/de/vollmond/ Mon, 19 Aug 2024 15:52:28 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4969

Es ist Vollmond in Indien. Zeit für Selbstreflexion, Meditation und innere Einkehr. Ich habe eigentlich noch nie wirklich über den Tod nachgedacht. Er war für mich immer eine Grenze, das, was unsere Existenz negativ definiert. Die Endlichkeit wirft uns auf uns selbst zurück, so dachte ich. Ich stimmte hier ein wenig mit Heidegger überein. Etwas […]]]>

Es ist Vollmond in Indien. Zeit für Selbstreflexion, Meditation und innere Einkehr. Ich habe eigentlich noch nie wirklich über den Tod nachgedacht. Er war für mich immer eine Grenze, das, was unsere Existenz negativ definiert. Die Endlichkeit wirft uns auf uns selbst zurück, so dachte ich. Ich stimmte hier ein wenig mit Heidegger überein. Etwas jenseits des Todes zu denken, schien mir immer willkürlich, naiv, romantisch, eskapistisch und leichtgläubig… Nur in der existenziellen Reflexion schien er mir sinnvoll. Die Toten waren daher einfach tot, der Gedanke, dass sie irgendwie nach dem Tod weiterexistieren oder vor der Geburt schon existiert haben, erschien mir als eine wichtige Frage, deren Beantwortung aber unsinnig war, da diese Grenze eben als absolut definiert ist. Jene, die davon berichteten, sie hätten sie überschritten und seien wieder zurückgekehrt, konnte ich gut als esoterisch abtun. Das fiel mir nicht schwer, und es schien mir richtig.

In der Meditation sieht das aber ganz anders aus. In der Meditation klärt sich das Bewusstsein, es löst sich von der Außenwelt und dem Körper, indem es alles ins Bewusstsein holt. Die Sinne werden zu Sinneseindrücken, die Außenwelt wird zu reinem Sein, Bewusstsein wird zu Bewusstsein an sich, es erkennt, dass es nicht eine Reaktion auf die Welt ist, sondern ihr Ursprung. Es ist ihr Ursprung, weil es identisch ist mit dem Bewusstsein an sich, jenem Bewusstsein, das alles ist. Es gibt kein Teilbewusstsein, es gibt lediglich Bewusstsein, das in Ignoranz lebt. Wenn es aus dieser Ignoranz hinaustritt, so erkennt Atman sich als Brahman, das selbst eins ist mit dem Bewusstsein, das das Universum hervorgebracht hat. Anders kann es nicht sein. Wie sollten ein paar Kilo Materie einen kleinen Teil von Bewusstsein hervorbringen, das unverbunden ist mit anderem Bewusstsein, das nicht in einem größeren Bewusstsein eingebettet ist? Wie sollten diese paar Kilo Materie, wenn sie zerfallen, Bewusstsein mit sich begraben? Was ist das für eine merkwürdige Vorstellung? Ein paar Kilo Gehirn in einem biologischen Körper würden einfach so Bewusstsein hervorbringen, in subjektiver Form, unvollkommen und vereinzelt, unfähig, sich mit anderem Bewusstsein zu verschmelzen, um dann im Nichts zu verschwinden?

Stattdessen stellt sich mir die Frage nun ganz anders. Wenn mein Bewusstsein der Grund aller Existenz ist und immer schon alles in sich enthält, dann ist der Pfad des individuellen Lebens eine Möglichkeit, eben dies zu erfahren. Dies zu realisieren ist vielleicht der Kern von Erleuchtung. Was bedeutet das aber in Bezug auf andere Leben? Jene, mit denen ich das Jetzt teile, aber auch jene, die vor meiner Zeit waren, während meines Lebens dieses verließen, und jene, die kommen werden, wenn meine Zeit hier vorbei ist? Es gibt ja keinen Anfang oder Ende eines Bewusstseins im eigentlichen Sinne, wenngleich jenes Bewusstsein in dieser Existenz an Leben gebunden ist.

Bewusstsein existiert losgelöst vom Leben, selbst von Leben in einem reichen Sinne, jenes Leben das nicht die bloß biologische Lebensform meint, sondern Leben als Pfad des Bewusstseins in einem biologischen Körper: Lebensenergie (Élan vital, Prana), die Welt der Gefühle und des Herzens, die Ebene des Denkens, das auf die Welt gerichtet ist (Manas), und das Denken, das sie reflektiert, analysiert und versteht (Buddhi), ebenso wie das Denken, das die Welt betrachtet und im größeren Zusammenhang einordnet (Vijnana), und jene Erfahrung, die uns mit dem höheren Bewusstsein verbindet (Satchitananda, jene drei Ebenen, die sich der Sprache weitgehend entziehen und nur in der Erfahrung sich manifestieren). Jenes Leben, das sich noch weiter erstreckt in die Welten der Yogas, des Körpers, der Künste, der Architektur, des richtigen Lebens – das kann ich erkunden und ausleuchten. Und wie steht es aber mit dem Leben der anderen und jenen, die nicht in meiner Zeit sind?

Sie sind doch real, sie existieren immer schon und hören nicht auf zu existieren. Sie verlassen lediglich diese Welt der Selbsterfahrung, sie nehmen die gesammelten Erfahrungen in sich auf, und wenn sie diese Welt verlassen, dann gehen sie zum Mond, sagen die Upanischaden. Dort können sie den Reichtum an guten Taten genießen, bevor sie wiedergeboren werden, das heißt, bevor sie wieder in die Welt der Erfahrungen eintauchen. Jener Zwischenzustand im Mond, der Tiefschlaf, der dem nächtlichen Schlaf nur oberflächlich ähnlich ist, ist eine Verbindung mit den Göttern, sagen die Upanischaden. Es ist letztlich die Verbindung mit Brahman, und jene Verbindung ist tiefer als das Identischsein mit Brahman, was jetzt nur für den rationalen Geist ein wenig widersprüchlich klingt.

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Struktur und Prozess https://readingdeleuzeinindia.org/de/struktur-und-prozess/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/struktur-und-prozess/#respond Sat, 10 Aug 2024 09:21:21 +0000 https://deleuzeinindia.org/?p=311

Die traditionelle Musik Indiens, der Raga, ist melodisch in Bezug auf einen Grundton. Okzidentale Musik ist harmonisch, d. h. simultan und komplex. Im Abendland wird viel in Strukturen gedacht, eine Zeit lang wurde viel von strukturalistischem und poststrukturalistischem Denken gesprochen. Komplexe Systeme finden sich überall: in der Philosophie, in kanonischen Texten und Bildsystemen, in Technik […]]]>

Die traditionelle Musik Indiens, der Raga, ist melodisch in Bezug auf einen Grundton. Okzidentale Musik ist harmonisch, d. h. simultan und komplex.

Im Abendland wird viel in Strukturen gedacht, eine Zeit lang wurde viel von strukturalistischem und poststrukturalistischem Denken gesprochen. Komplexe Systeme finden sich überall: in der Philosophie, in kanonischen Texten und Bildsystemen, in Technik und Welterklärungsmodellen. Ein wesentlicher Grundgedanke ist das atomistische Denken. Die Vorstellung ist, dass die Welt aus elementaren Teilen besteht und in diese zerlegt werden kann, um anders, komplexer oder funktionaler wieder zusammengesetzt werden zu können. Lebendige Welt wird seziert, um sie zu verstehen. Die Funktionsweise dieser sezierten, leblosen Teile wird als komplexes, wechselseitig abhängiges System verstanden, um Leben zu erklären.

Dem gegenüber steht ein prozessuales Verständnis. Die Welt ist ständige Veränderung, steht niemals still, im Fluss – panta rhei. Du kannst niemals zweimal in denselben Fluss steigen. Sein Gegenpart ist das Feuer, es ist die Ursache. Seine Energie bezieht es aus dem Zerfall von organischen oder der Synthese anorganischer Verbindungen. Dabei strahlt es Licht aus. Im Feuer wandelt sich Materie. Im großen Feuer entsteht sie: e=mc2.

Geburt und Wiedergeburt. Der Tod ist zwar die existenzielle menschliche Erfahrung schlechthin, er ist aber zugleich nicht, was er zu sein scheint. Gleich der Geburt ist er ein Übergang, Transformation.

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Psychic Being https://readingdeleuzeinindia.org/de/psychic-being/ Sat, 20 Jul 2024 23:45:44 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4952

Ich habe meine Nachtmeditation etwas früher abgebrochen, um in die schreibende Meditation zu wechseln. Mir schien plötzlich einiges klar. Die Notwendigkeit, den eigenen Körper auszurichten in der Meditation, die richtige Position zu finden, was für mich heißt, den Bewegungen, den Ver- und Entspannungen der Muskulatur, des Skeletts, der Wirbelsäule zu folgen. Dann den Atem zu […]]]>

Ich habe meine Nachtmeditation etwas früher abgebrochen, um in die schreibende Meditation zu wechseln. Mir schien plötzlich einiges klar. Die Notwendigkeit, den eigenen Körper auszurichten in der Meditation, die richtige Position zu finden, was für mich heißt, den Bewegungen, den Ver- und Entspannungen der Muskulatur, des Skeletts, der Wirbelsäule zu folgen. Dann den Atem zu beobachten, Ein- und Ausatmen, der Wendepunkt des Atems, das Innehalten, um sich selbst zu beobachten, wie die Gedanken anfangen sich zu lockern, aufmerksam ihnen folgen, um zu sehen, wo sie hinwandern. Eine Verbindung herstellen mit der Außenwelt und der Innenwelt. Wie weit schweifen die Gedanken? Wo bin ich da jetzt? Ist das real? Welcher Teil von Realität ist das? Die Welt der Mitmenschen, der Welt der Arbeit oder des Interesses, die zwischenmenschliche Welt, die Natur oder der Tagtraum, die Fantasie, Vision, die Welt der Angst und der verpassten Möglichkeiten, die Welt des Bedauerns und der Hoffnung, die Welt der Kunst und Philosophie, der Musik und Architektur. Dies sind ein paar meiner Welten, andere mögen in ganz andere Welten gehen, Lebenswelten, in denen ich mich nicht bewege, all jene Welten, die z. B. in Krimiserien ausgelotet werden.

Es gibt dann also eine Korrelation zwischen dem eigenen Körper in der Meditation und der Gedankenwelt, die in der Erinnerung schweift, und der Gedankenwelt, die relativ frei assoziiert und ungelenkt und unbewusst umherspringt. Dieses Zusammenspiel zu sehen und zu realisieren, dass es da eine Verbindung gibt, ist ein erster Schritt hinein in eine tiefere Meditation.

Dieser Prozess der inneren Ausrichtung dient der Positionierung des eigenen Selbst im größeren Kontext. Ich kann nun auf meine verschiedenen Existenzebenen meditieren: mein materieller Körper, mein lebendiger Körper, meine Gefühlswelt, meine Gedankenwelt, meine Welt des Intellekts und die Welt der Spiritualität. Ich kann auf meine einzelnen Sinne meditieren, die äußeren und inneren und wie sie zusammenspielen und welche Art von Erfahrungen sie hergebracht haben und wie ich diese Erfahrungen im Gedächtnis wieder abrufen kann. Ich kann darauf meditieren, wie diese Erfahrungen verbunden mit Wünschen und Ängsten, mit Erwartungen, Zielen und Konventionen, sie zu einem Plan entwickeln – ein LEBEN. Denn dieses Leben, das ich lebe, ist ja eingebunden in einen Kontext, den Kontext des eigenen Körpers, der eigenen Seele, der Lebenswelt und Umwelt.

Diese Ebene des Lebens ist reine Immanenz. Hier fließt alles zusammen, sie wird gespeist aus dem Bewusstsein, Bewusstsein ist ihr Urquell, es kann nichts anderes sein, nur hier ist Leben erfahrbar. Bewusstsein muss nun aber breit verstanden werden. Es ist nicht mein reaktives, unreflektiertes, gedankenloses Assoziieren und gefangen sein in Mustern, Zwängen, Gewohnheiten, Verlangen und Leiden, sondern es ist Bewusstsein als das, was allen meinen Erfahrungen zugrunde liegt, eine Erfahrung von Bewusstsein als Bewusstsein an sich. Ich habe Bewusstsein, das sich füllt mit Inhalten, ich kann mich konzentrieren und lenken, ausrichten und klären, ich kann mein Bewusstsein leeren und Neues einladen. Bewusstsein ist die Ebene meiner Existenz, wo diese meine Existenz, mein Leben, konstituiert wird. Bewusstsein an sich, wenn es sich individualisiert, ermöglicht Leben. Dies ist das Geheimnis der Seele, der Relation von Brahman, Purusha, Atman, Prakriti.

Um mich herum sprechen viele von einem psychic being und darüber, wie es sich verhält zum Göttlichen, zur Seele, zur eigenen Person und Identität. Mir selbst ist als ein philosophischer Begriff Aurobindos nicht ganz klar, ich entwickle aber eine Intuition in der Meditation, was es sein könnte. Es ist jenes Sein, das z. B. in der Meditation auf die eigenen Bedingungen reflektiert und sie individualisiert zusammenhält, das, was meinem Ich zugrunde liegt, das, was erkennt, dass die Erfahrungswelt der äußeren Sinne eine Illusion ist, das, was erkennt, dass ein universales Prinzip der Individuation in Form einer Seele oder Atman oder Purusha Bedingung meiner Existenz ist. Jenes Sein also, das durch die verschiedenen Seinsebenen gleitet, sich in den Welten des Yogas bewegt, Zeit und Raum transzendiert und die Schranken von Leben und Tod als durchlässig versteht. Dies scheint mir das psychic being zu sein.

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Geschützt: Meditationsnotizen – 12.7.24 4.30am https://readingdeleuzeinindia.org/de/meditationsnotizen-12-7-24-4-30am/ Fri, 12 Jul 2024 01:07:50 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4898

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Geschützt: Meditationsnotizen – 17.6.24 Matrimandir https://readingdeleuzeinindia.org/de/meditationsnotizen-17-6-24-matrimandir/ Mon, 17 Jun 2024 04:29:48 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4881

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Theorie und Praxis – Teil 1 https://readingdeleuzeinindia.org/de/theorie-und-praxis/ Sun, 09 Jun 2024 08:10:43 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4835

Viele haben die Vorstellung, dass wir in einer Welt leben, die aus Materie besteht und den Gesetzen der Physik und verschiedenen Theorien, wie z. B. der Evolutionstheorie, folgt. Das ist merkwürdig, denn Materie als solche gibt es nicht wirklich, E=mc² steht dafür. Ich verstehe diese Formel nicht wirklich, aber sie steht sinnbildlich dafür, dass am […]]]>

Viele haben die Vorstellung, dass wir in einer Welt leben, die aus Materie besteht und den Gesetzen der Physik und verschiedenen Theorien, wie z. B. der Evolutionstheorie, folgt. Das ist merkwürdig, denn Materie als solche gibt es nicht wirklich, E=mc² steht dafür. Ich verstehe diese Formel nicht wirklich, aber sie steht sinnbildlich dafür, dass am Ende alles Energie ist, eventuell sogar einfach Vibration, wie es die Stringtheorie behauptet. Dann gibt es die Physik des Makrokosmos und den Mikrokosmos. Sie widersprechen sich, das scheint aber nichts auszumachen. Raum und Zeit krümmen sich, schwarze Löcher fressen sie auf. Wir tun so, als ob es unterschiedliche Ebenen der materiellen Realität gibt, auf denen unterschiedliche Gesetze gelten, und das wiederum sei logisch und bestimme den Gang der Welt. Vom Urknall ginge etwas aus, die ersten Bruchteile einer Sekunde können wir aber nicht im Ansatz erklären. Das Komplexe entstehe aus dem Einfachen, sagen sie. Das Leben entstehe aus Kohlenstoff, eine Gattung durch Fortpflanzung, die Evolution durch Selektion nach einem Prinzip, das sie Überleben nennen. Wo kommen solche merkwürdigen Theorien her und warum sind sie so dominant?

Dominant sind sie, weil sie eine extrem hohe Erklärungskraft und sogar eine Vorhersagekraft haben. Nach den Gesetzen der Kausalität können sie sagen, was in der Zukunft als Reaktion auf eine Aktion folgen muss. Dabei hat schon Schopenhauer beschrieben, dass es auch hier mindestens vier verschiedene Kausalitätsebenen gibt (große Wirkung kleine Reaktion oder kleine Wirkung große Reaktion, z. B.). Was wir mit der Wissenschaft der Materie hervorgebracht haben, ist eine technische Welt, und das lässt sich nicht leugnen. Mit der Theorie der Evolution haben wir den Weg zur Genetik freigelegt und den Code des biologischen Lebens gefunden. Das ist natürlich imposant. Es zeigt, zu welchen Taten der intellektuelle, rationale Verstand in der Lage ist. Nur ist es eben auch so, dass wir sehr vieles mit diesem Verstand nicht verstehen. Die Humanwissenschaften und Sozialwissenschaften z. B. streiten sich sehr unterhaltsam, wer mit welcher Theorie Recht hat. Eine wirkliche Erklärung hat dabei niemand, und die, die ehrlich sind, wissen das auch sehr genau. Es ist ein Wettstreit der Ideen, der vielleicht irgendwann einmal einen Sieger hervorbringt. Es sieht aber so aus, als ob dieser Wettstreit immer bunter wird; es werden nicht weniger, sondern mehr Theorien. Die große vereinende Theorie bleibt aus.

Theorien sind Abbilder von Segmenten der Realität. Ein Ausschnitt wird gewählt, eine Beschreibung wird gegeben, die innerhalb der Parameter unserer Wahrnehmung und unseres Verstandes bleibt. Innerhalb dieser Beschreibung werden dann Erklärungen gesucht und Vorhersagen gewagt. Wenn die Vorhersagen eintreffen, gilt die Theorie; wenn sie nicht eintreffen, gilt die Theorie als widerlegt – sie gilt also immer nur so lange, bis sie widerlegt ist. Das nennt man das Falsifikationsprinzip. Nun, obgleich oder gerade weil dieses Vorgehen seit der frühen Moderne sehr gut funktioniert und viel Gutes und Böses hervorgebracht hat, sehen wir die Parameter dieses Vorgehens als Realität an. Das ist es was ich bemerkenswert finde. Denn diese Parameter sind nicht die Realität, das ist ein kategoriales Missverständnis, gepaart mit einem Selbstbetrug und einer kollektiven Halluzination.

Dieser kollektiven Halluzination stehen andere Halluzinationen gegenüber – die irrationalen, die spirituellen und religiösen, die meditativen und wahnhaften. Eine Art Schizophrenie beschreibt den Zustand des Menschen in der Moderne. Wir sind fest überzeugt von Dingen, von denen wir wissen, dass sie falsch sind. Wie lässt sich das erklären und aufheben?

Was wäre, wenn wir das Ideal der Widerspruchsfreiheit hinter uns ließen? Wie sähe eine Welt aus, in der die Widersprüche nicht als solche deklassiert, sondern als Erkenntnis von Komplexität zelebriert würden? Das war ein wenig das Projekt der Postmoderne. Innerhalb von Einzeldisziplinen ist das Ideal der Widerspruchsfreiheit anspornend, aber schon an den Randgebieten oder zwischen Unterthemen einer Disziplin ist die Widerspruchsfreiheit nicht mehr haltbar. Sie führt zu Konfusion. Dinge sollen miteinander verschmolzen werden, die nicht zusammengehören. Es ist dieser autoritäre Zug des Rationalen, der den Faschismus füttert.

Ich habe diesen Text Chatgpt zur Rechtschreibkorrektur gegeben, das Tool macht das sehr gut. Nun hat es aber ungefragt weitergeschrieben. Dies ist die ungefragte Fortsetzung meines Text. Ich stimme dem weitestgehend zu, wieso aber hat die KI hier weiter halluziniert?

„Stattdessen könnten wir eine Welt anstreben, in der Widersprüche als wertvolle Hinweise auf die Komplexität und Vielschichtigkeit der Realität anerkannt werden. Solch eine Welt würde nicht versuchen, alle Unterschiede zu harmonisieren oder zu nivellieren, sondern würde sie in ihrem eigenen Recht anerkennen und wertschätzen. Dies würde bedeuten, dass wir verschiedene Erkenntniswege – sei es rational, spirituell, intuitiv oder künstlerisch – als komplementär statt konkurrierend betrachten.

In der Praxis könnte dies zu einem viel reicheren und vielfältigeren Dialog führen, in dem unterschiedliche Perspektiven nicht nur toleriert, sondern aktiv gesucht und integriert werden. Dies könnte nicht nur unsere Wissenschaften und Künste bereichern, sondern auch zu einer inklusiveren und verständnisvolleren Gesellschaft führen, in der unterschiedliche Sichtweisen und Lebensentwürfe als Teil eines größeren, vielschichtigen Ganzen gesehen werden.“

https://chatgpt.com/share/084c63f0-d483-4ff5-a351-c051840d4292

Mir persönlich ist ein bisschen zu kurz gegriffen, ich wollte da eigentlich noch ein wenig tiefer eintauchen, nehme das aber jetzt als Anlass zu einer Pause.

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Der Westen als Fremde https://readingdeleuzeinindia.org/de/der-westen-als-fremde/ Tue, 19 Sep 2023 17:28:50 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4594

Es ist so wunderschön und auch so traurig in einer Welt zu leben, die den Westen als fremd versteht. Ich nehme diese Perspektive immer mehr ein und verstehe vieles nicht mehr. Die Obsession mit Karriere, Bequemlichkeit, Sicherheit, Wohlstand, Genauigkeit, Richtigkeit, Besserwisserei und Überheblichkeit, Ignoranz und Intoleranz. All das wird mit deutlicher, es wird geradezu evident. […]]]>

Es ist so wunderschön und auch so traurig in einer Welt zu leben, die den Westen als fremd versteht. Ich nehme diese Perspektive immer mehr ein und verstehe vieles nicht mehr. Die Obsession mit Karriere, Bequemlichkeit, Sicherheit, Wohlstand, Genauigkeit, Richtigkeit, Besserwisserei und Überheblichkeit, Ignoranz und Intoleranz. All das wird mit deutlicher, es wird geradezu evident.

Ich war ein paar Tage krank, und wie viele das dann eben so machen, habe auch ich Filme geschaut, nichts Inspirierendes. Serienmüll. Ich habe das seit einem Jahr nicht gemacht und mir war hinterher ganz übel. Mein Gehirn war überladen, die Synapsen funkten, die Ideologie einer heilen-Welt, die vor den Bösen geschützt werden muss, um die Gemeinschaft zu stärken und dem Individuum zum ‚Recht‘ zu verhelfen, ist ja eigentlich unerträglich.

Aber ich wollte dann doch ein paar schöne Erinnerungen an die Kultur, die ich so weit hinter mir gelassen habe. Das ist dann immer die Musik für mich. Und so stieß ich auf Purcell. Das ist nicht sonderlich originell, aber trotzdem schön.

Eine Freundin erzählte mir von ihrer Vorstellung von Liebe. Die so unterschieden von allem, was ich kenne, dass ich das hier gar nicht umreißen mag. Keuschheit wäre ein Wort, das ist aber komplett verfehlt. Ich hörte also Purcell Solitude… und mich überkam wieder dieses Gefühl des Selbstmitleids, das in solcher Musik zum Ausdruck kommt. Der Schmerz der Einsamkeit, die Todessehnsucht, Trost und Angst, Suche nach Halt, die nur in der Melancholie Ruhe findet. Dieses große Gefühl Europas, die Melancholie, was wäre Europa ohne Melancholie? Ein Witz?

Nun, da ich schon dabei war Purcell zu hören, gab ich mich dem hin und fand Jessie Norman. Ich war es leid schöne junge weiße Frauen zu sehen. Und da erschien sie majestätisch, in einem Universum von Spiegeln, nach Erinnerung flehend. Und so wurde dieses Bild ein Sinnbild für die schöne Traurigkeit des Subjekts, das sich selbst erforscht, weitestgehend ohne Rücksicht auf andere und anderes. Eine narzisstische Störung. Selbstmitleid, Melancholie und Selbstgerechtigkeit und so wunderschön. Das Haupt der Medusa. Diese ganze Kultur baut auf Missverständnissen.

Und bevor der Muskalgorithmus zu französischem Pop wechselt, beende ich das hier.

Om

 

 

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Kulturschock und die Wohnorte der Götter: Meine Erfahrungen in Indien https://readingdeleuzeinindia.org/de/aitareya/ Thu, 01 Jun 2023 14:36:48 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4237

Erfahre in diesem Artikel mehr über den Kulturschock und die Verbindung zwischen Bewusstsein und Körper in Indien. Die Vedas spielen dabei eine bedeutende Rolle.]]>

Ich hatte einen Kulturschock erwartet. Und der kommt jetzt auch. Mein Geist mag sich gar nicht so richtig einfinden. Die Zeitverschiebung ist fast 12 Stunden, also upside-down, mein Bewusstsein brennt, anders kann ich das nicht beschreiben. Ich bin wach, aber irgendwie nicht hier. Ich bin in Chicago und weiß das auch, bin vollständig präsent, aber mein Geist fühlt sich noch nicht zu Hause.

Es ist wie bei der Aitereya Upanishad. „These were the Gods that He created; they fell into this great Ocean, and Hunger and Thirst leaped upon them. Then they said to Him, “Command unto us an habitation that we may dwell secure and eat of food.”“ Aber was ist ein gutes Habitat für die Götter, jene Wesen, die Brahman erschuf, um sich selbst zu erfahren. Brahman zog Purusha aus den tiefen Wassern, aus ihm, dem Gegenpart zu Prakriti (Natur), manifestiert sich Purusha als Seele, als Bewusstein, als universales Individuum: „The eyes brake forth and from the eyes Sight and of Sight the Sun was born. The ears brake forth and from the ears Hearing and of Hearing the regions were born. The skin brake forth and from the skin hairs and from the hairs herbs of healing and all trees and plants were born…„

Als Pursha sich so – als ausdifferenzierte universale Kräfte, als Götter – manifestierte, stellte sich die Frage, wo die Kräfte wohnen können. Die Ozeane eigneten sich dazu nicht, ebenso wenig die Kühe. Als die Götter aber die Menschen sahen, sagten sie: „“O well fashoned truly! Man indeed is well and beautifully made.” Then the Spirit said unto them, “Enter ye in each according to his habitation.“ Gesagt, getan, doch eine Frage blieb: „The Spirit thought, “Without Me how should all this be?” and He thought, “By what way shall I enter in?” He thought also, “If utterance is by Speech, if breathing is by the Breath, if sight is by the Eye, if hearing is by the Ear, if thought is by the Mind, if the lower workings are by Apana, if emission is by the organ, who then am I?”“

Kulturschock

Ich fühle mich in Indien so lebendig, die Welt der Vedas ist dort noch aktiv. Mir geht es aber gar nicht darum, die Lehre der Vedas zu vertreten, dazu verstehe ich die viel zu wenig, die Sprache der Götter ist so kompliziert, so facettenreich, die Weisheit so tief. Es scheint aber etwas durch, durch diese alten Schriften, etwas, das überall in Indien spürbar ist. Bewusstsein ist dort nicht durch Materie bestimmt. Denn Materie ist unserem Bewusstsein nicht zugänglich. Das Bewusstsein sucht sich einen materiellen Wohnort. Etwas altmodisch würde man sagen, die Seele sucht sich einen Körper.

Dieses Bewusstsein, das sich einen Ort sucht, z. B. meinen Körper, ist nicht vollständig an diesen gebunden. Das ist das große Mysterium der Wiedergeburt. Die Verbindung ist nicht beliebig, aber doch lose. Wir sehen das im Schlaf, wenn unser Bewusstsein sich entfernt aus der materiellen Welt, der Kausalwelt, und sich in die Traumwelt begibt.

Die Götter also suchten sich den Menschen aus, um in ihnen zu wohnen. Das heißt aber etwas trivialisiert, dass das Bewusstsein, die Emotionen, der Intellekt, die Sinneswahrnehmung, das Gedächtnis, einen Ort benötigen, wo sie wirken können. Dieser Ort ist in unserer Erfahrung der menschliche Körper. „It was this bound that He cleft, it was by this door that He entered in. ’Tis this that is called the gate of the cleaving; this is the door of His coming and here is the place of His delight. He hath three mansions in His city, three dreams wherein He dwelleth, and of each in turn He saith, “Lo, this is my habitation” and “This is my habitation” and “This is my habitation.”“

Chicago

Nun bin auch also aus Indien nach Chicago geflogen und ich komme mir ein wenig vor, wie ein Geist (Spirit) der ein neues Haus sucht. Der Kulturschock ist maximal. Ich komme mir vor wie der Truman Show, jenem Film von 1998, wo eine perfekte Welt inszeniert wird, in der ein Mensch, der nicht weiß, dass diese Welt eine Inszenierung ist, 24/7 gefilmt und live im Fernsehen übertragen wird. Es ist natürlich eine Variation von Platos Höhlengleichnis, ebenso wie die Matrix (1999) oder andere dystopische SciFi Klassiker.

Hier in den USA findet man vieles zu seinem Extrem zugespitzt. Die Werte der Moderne werden hier verhandelt: Freiheit, Kapital, Wissenschaft, Krieg, Demokratie, Kunst, Materialismus, Individualität… Hier werden die Grenzen getestet und die Schranken gesetzt. Diese Moderne hat aber ihre Wurzeln verloren und das ist die Tragik der USA, denn dass ein Fortschritt notwendig ist, liegt in der Struktur der Welt. Alles ist im Fließen, alles im Werden, Stagnation und Konservatismus sind nur als Kräfte gerechtfertigt, nicht als absolute Werte. Und so treffen für mich hier die ältesten zusammenhängenden Schriften – die indischen Vedas – auf die Kraft des modernen Fortschritts, und ich frage mich, wo sind hier die Götter? Welches Spiel spielen sie?

Wenn ich die Menschen hier sehe, den Verkehr, die Supermärkte, die klimatisierten Häuser, dann ist das eine wirklich andere Welt. Brahman erfährt sich auch hier. Die Frage ist jedoch, wie wach die Menschen hier sind, sie arbeiten viel und hart, aber das Bewusstsein ist auf der Oberfläche in der Konsumwelt verankert. Etwas wird hier ausprobiert, das Experiment bedroht den Planeten, aber es wird irgendwie weitergehen.

Ich werde mich hier zurechtfinden. Die Götter leben hier nicht in Tempeln, es gibt keine Kühe auf den Straßen, aber es gibt einen Willen eine neue schöne Welt zu bauen. Wie ein kleines Kind, das sich nicht viel Böses denkt, wird hier diese moderne Welt gebaut. Manchmal wundert sich das Kind, dass das Haus zusammenfällt, dann gibt ein Geweine und Geschreie und einen neuen Versuch, bis das Lernziel erreicht wurde.


„The Aitereya Upanishad – CWSA – Kena and Other Upanishads – Upanishads“. o. J. Zugegriffen 1. Juni 2023. https://upanishads.org.in/upanishads/sa/kenaupanishad/the-aitereya-upanishad.
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Warum sind wir eigentlich hier? – Die Bedeutung von Sinn und Gemeinschaft in der Stadt https://readingdeleuzeinindia.org/de/warum-bist-du-hier/ Sat, 27 May 2023 16:27:17 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4125

In diesem Text geht es um die Frage nach dem Sinn des Lebens und wie eine Stadt organisiert sein sollte, um den Bedürfnissen ihrer Bewohner gerecht zu werden.]]>

Vor einigen Jahren hatte ich in meinem Seminar einen Gastkünstler. Ein junger, erfolgreicher, sozial engagierter Künstler, der etwas verändern wollte. Er kam in unser Seminar, wir saßen alle in einem Kreis, und er fragte jede Student:in warum er/sie hier sei. Es war ein Seminar auf einem Campus einer Kunstuniversität für ein Auslandssemester, und so erzählten die Student:innen sie seien hier wegen der Kultur, oder der Erfahrung, um Frankreich kennenzulernen etc… aber er, der Gastkünstler, lies diese Antworten nicht gelten, fragte weiter: Sei ehrlich, warum bist DU hier? oder: Mach dir nichts vor warum bist du HIER? oder: geh ein bisschen tiefer: WARUM bist du hier? Jeder musste sich dieser Frage stellen. Ich lernte vor allen, wie schwierig es ist, diese Frage ernsthaft zu stellen. Dass es nicht leicht ist, die Frage zu beantworten ist, ist ja eh klar.

Wir alle sollten uns immer wieder mal diese Frage stellen. Warum sind wir eigentlich hier? Je nach Kontext gewinnt die Frage natürlich andere Dimensionen: politisch, sozial, ökonomisch, persönlich, perspektivisch, kollektiv etc…. Am Ende aller kontextuellen Fragen bleibt aber die nackte Frage. Es ist Frage nach dem Sinn des Lebens.

Nun rennen viele Menschen – gefangen in Alltagszwängen, aus denen es sehr schwierig zu entkommen zu sein scheint – einem Leben hinterher, das durch Konventionen oder medial vermittelte Konsumwelten bestimmt ist. Ich möchte das an sich gar nicht bewerten, das steht niemanden zu. Letztlich muss das jede für sich entscheiden, solange … und hier kommt nun die Frage, auf die ich hinaus möchte, solange die Gemeinschaft nicht leidet. Gemeinschaft ist nun etwas salopp gesagt, das kann vieles heißen, und das ist auch gut so. Es gibt aber eine Struktur, die seit der Antike immer wieder als Model herangezogen wird, das ist die Stadt.

Stadt

Wie soll eine Stadt aussehen, wie soll sie organisiert sein, wer übernimmt welche Aufgabe, gibt es dort Regeln, wenn ja, wie werden die von wem gemacht für wen und warum? Denn in einer Stadt leben Menschen zusammen, in einer Arbeitsteilung, die nicht entfremdet sein soll. Jede soll dort ihren Platz finden, der ihren Fähigkeiten und Erwartungen an ein gutes Leben gerecht wird.

Die Lekture von A. K. Coomaraswamy hat mich heute wieder mit diesem Gedanken konfrontiert, er fragt in einem Essay nach der Zivilisation. Platon kam zu dem Schluss, dass letztlich nur ein Philosophenkönig wisse, was für die Gemeinschaft und die Stadt gut sei, denn nur er oder sie, die Philosophenkönigin würde sich losgelöst von Machtinteressen und persönlichem Vorteil um die Bewohnerinnen kümmern können. Nur sie könnte sicherstellen, dass die inneren Werte eines jeden sich frei entfalten können. Das klingt sehr verkopft, und auch ziemlich autoritär, selbst wenn der Philosophenkönig Autorität verbieten würde.

Im Kapitalismus wird das alles über das Einkommen gesteuert. Angebot und Nachfrage bestimmen, wer wie viel bekommt und wer wo einen Platz findet. Aber ist das dann auch der Platz, der bei der Frage danach, warum Du hier bist, auch der richtige ist? Ist die Frage nach dem Platz überhaupt so wichtig? Dabei geht es in der Welt der Werbung nur darum, wie Du Deinen Platz durch mehr Konsum verbessern kannst. Das nervt inzwischen sehr viele und es ist auch klar, dass der Planet das nicht mehr lange mitmacht, und die KI das wahrscheinlich auch nicht lösen wird.

Die Demokratie, das kleinste Übel, hat auch keine wirklich Antwort, es ist ein ewiger Verhandlungsprozess, der sich nach Mehrheiten richtet. Das ist gut für die Mehrheit, und das ist schon mal nicht wenig. Moderne Demokratien sind zudem von Prinzipien geleitet. Die stehen in der Verfassung, und können nur von Supermehrheiten, oder gar nicht mehr verändert werden. Es mag dafür gute Gründe aus den Lehren der Geschichte geben. Eine echte Antwort darauf, warum Du hier bist, ist das aber auch nicht.

Auroville

Nun könnte der Einwand gemacht werden, dass das ja eigentlich eine recht persönliche Frage ist, die politisch oder gesellschaftlich gar nicht geklärt werden muss. Dass die Stadt ja nur die Rahmenbedingungen liefern muss, damit sich jede dann dort ganz privat dieser Frage stellen kann, sich sein eigenes Haus bauen oder suchen kann. Das ist pragmatisch, aber keine Antwort. Es wird deutlich, die Frage ist alles andere als trivial. Und als, derjenige, der diese Zeilen schreibt, also ich, der Autor, möchte eigentlich auch nicht, dass irgendjemand diese Frage für mich beantwortet. Ich möchte aber in einer Stadt leben, wo diese Frage im Zentrum steht. Wo jede sich diese Frage stellen darf, kann und soll. Diese Stadt heißt Auroville, und ist alles andere als perfekt, gerade jetzt im Jahr 2023.

Diese Stadt ist für alle da, hat als Ideal keine Gesetzte oder Kapital und kommt auch ohne Werbung aus. Die einzige Bedingung, die diese Stadt stellt, ist, dass sich jede Bewohnerin als Dienerin des göttlichen Bewusstseins versteht. Für Einsteiger kann man da bei Mirra Alfassa oder Sri Aurobindo nachlesen, was das heißen könnte. Muss man aber nicht. Jede kann das für sich entscheiden, solange es keine organisierte Religion ist. Diese Einschränkung ist wichtig, und verweist auf die Ausgangsfrage: warum bist Du hier? Warum bist Du in diesem Leben? Die ganze Stadt existiert eigentlich nur, um diese Frage zu beantworten. Sie ist ein riesiges Labor, eine lebendige Universität ohne Verwaltungsstrukturen. Alles wird aus dieser Frage motiviert. Das eigene Leben ist in einem Akt der Hingabe als Voluntariat an eine große Idee ausgerichtet. Denn die Frage: Warum bist du hier? beinhaltet ganz wesentliche Begriffe. 1.) Ein Du oder impliziertes ich, das 2.) existiert, 3.) einen physikalischen Ort hat, 4.) als Frage eine Antwort einfordert und damit einen Akt der Reflexion, 5.) schließlich in Sprache formuliert ist. All dies verweist auf ein Bewusstsein, das über sich selbst hinauswächst. Ein Selbstbewusstsein, das sich auf seine eigene Existenz hin befragt, und wenn es das authentisch, aufrichtig, und mit Ausdauer tut, dann führt das auf einen spirituellen Pfad. Das ist der Sinn hinter der Einschränkung, dass jeder sich als Deiner des göttlichen Bewusstseins verstehen soll. Und deshalb gibt es auch keinen Platz für Religion. Es gibt einen Raum für Meditation, der ist offen und frei, und jeder mag da tun, was er/sie will. Meditation, oder Konzentration, ist immer und überall möglich, hat aber auch einen besonderen Raum in Auroville, nämlich das Zentrum. Dieser Raum ist weitestgehend leer, soweit es Leere überhaupt gibt. Der Raum ist schlicht und ist im Matrimandir.

Ich höre manchmal die Idee Auroville zu exportieren, auf der ganzen Welt viele kleine Aurovilles, also Communitys zu gründen und so etwas in der Welt beizutragen, das versucht solche wichtigen Freiräume zu schaffen. Geht das? Wie unterscheidet sich das von Künstlerdörfern, selbstverwalteten Bauernhöfen, Kibbuz oder revolutionären Kommunen? Auroville ist eines der ganz wenigen Experimente, das es über die erste Generation hinaus geschafft hat. Auroville steht im Moment aber vor seiner größten Herausforderung und Bedrohung. Alte gewachsene verkrustete Strukturen werden brutal durch neue äußere Strukturen aufgebrochen. Das ist unglaublich schmerzhaft. Diversität in Einheit, das Motto Auroville’s, scheint zentrifugalen Fliehkräften ausgesetzt zu sein. Mögen nicht mehr fehlgeleiteten Interessen die Gunst der Stunde dafür nutzen.

 

 

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Die Macht der Musik: Eine Meditation über Bewusstsein und innere Räume https://readingdeleuzeinindia.org/de/die-macht-der-musik-eine-meditation-ueber-bewusstsein-und-innere-raeume/ Tue, 23 May 2023 04:11:37 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4104 Trichy-Amma Mandapam

erfahren wir die Kraft des Bewusstseins durch die Vermischung verschiedener Vibrationen. Dieser Text erforscht die Konstitution des Bewusstseins in einem meditativen Zustand.]]>
Trichy-Amma Mandapam

Soweit mein Gedächtnis zurückreicht, erinnere ich mich, dass ich immer gerne Musik gehört habe. Es ist eine Sache der Konzentration, des Genusses, der Hingabe, der Selbstauflösung. Es war mir immer ein Rätsel, was diese Kraft der Musik ist, denn sie ist ja sehr flüchtig, ephemere, sie kommt meist aus einem Lautsprecher. Ein technischer Apparat produziert Schallwellen und die Zuhörer versinken in inneren Landschaften. Was passiert da? Es ist die Vibration. In der Kenaupanischade wurde deutlich, dass die Vermischung verschiedener Vibrationen Bewusstsein konstituiert.

Ich möchte das heute versuchen, etwas zu differenzieren. Ausgehend von einem meditativen Zustand stellt sich die Frag nach der qualitativen Konstitution dieses Bewusstseins. Im Zustand hoher Konzentration werden die Sinneseindrücke von außen reduziert. Es ist nicht wirklich möglich, die Außenwelt stumm zuschalten, aber es ist eben möglich, sich so zu konzentrieren, dass die Sinneseindrücke in einer ersten Stufe eben als solche wahrgenommen werden und in einer zweiten Stufe aus dem Bewusstsein ‚entlassen‘ werden. Es ist weniger eine phänomenologische Epoche, in der die Existenz der Außenwelt in eine epistemische Klammer gesetzt wird, also die Frage nach deren Existenz offen gehalten wird, sondern eher ein Entzug der Aufmerksamkeit. Es ist eine teilnahmslose Beobachtung: Ah dieser Eindruck ist nun präsent, oder dieser Gedanke kommt, oder jene Erinnerung erscheint… All diese als das, was sie sind, vorbeiziehen zu lassen, ist eine erste Stufe der Meditation. In einer inneren Schau wird dann deutlich, wie sich Bewusstsein konstituiert.

Innere Räume

Ein Raum, der erfüllt ist von Bewusstsein, eröffnet sich. Das reagiert jedoch nicht auf Sinnesreize, sondern rein und klar ist. Hier zeigen sich die Kräfte des Bewusstseins: mein Körper (Materie), mein Atem (die Lebensenergie/Prana), mein Geist (der analysiert und visualisiert), die Erfahrung von Dasein (Entzücken/Annanda), reines Bewusstsein (Chit). In diesem Bewusstsein, das sich seiner verschiedenen Ebenen bewusst ist, bewegt sich das selbst frei. Hier begegnet sich das Selbst (Atman) mit der Seele (Puruscha) und erahnt, dass Bewusstsein an sich, das alles umfasst (Brahman) der Schöpfer ist (Sat). Hier werden dann auch die Kräfte unserer Welt als solche sichtbar: Liebe, Krieg, Mitgefühl, Genuß, Schönheit, Leid in all ihren Ausformungen. Sie sind real in unserem Bewusstsein und es ergibt wenig Sinn, sie zu leugnen. Wir erfahren sie, und wir benennen sie und wir kommunizieren und teilen sie, wir leben sie aus und verwirklichen sie, sie werden zu ganz realen Kräften der Welt, wirken in ihnen. All das ist unbestreitbar. Es ist ein wenig schwer erklärbar und deshalb tut die Wissenschaft oft so, als ob sie epiphenomenal seien, also bloß unbedeutende Begleiterscheinungen physikalischer Prozesse. Aber das ist nicht sehr klug, da es uns unserer eigenen Essenz beraubt.

Musik

Ich habe hier ein wenig ausgeholt, weil ich denke, dass dieser innere Raum einige Vorzimmer hat, und die Kunst belegt ganz viele dieser Vorzimmer. In der Musik z. B. trete ich ein in einen inneren Raum, der durch Vibrationen erzeugt wird. In ihm kann ich mich frei bewegen, denn die Musik hilft mir, alles was nicht Musik ist, vorbeiziehen zu lassen. In diesem Raum also kann ich dann innere Reisen vollziehen, deshalb gehen wir immer wieder in musikalische Räume, wenn wir glücklich oder traurig sind. Wir durchleben vergangene Erfahrungen erneut und verarbeiten sie. Dies sind grundlegende psychologische Prinzipien. Aber auch hier können wir die Leiter des Bewusstseins klettern. Unser Körper und unser Atem kann im Tanz erkundet werden, unser Geist kann die Musik visualisieren, ihre Struktur verdeutlichen, ihre Komposition, Durchführung, Interpretation vor das innere Auge bringen. Wenn ich mich aber wirklich konzentriert und kontemplativ der Musik hingeben, wie ich das am besten inzwischen bei Dhrupa von Bahauddin Dagar tue, dann wird die Musik zu reiner Sinnlichkeit (Rasa). Und plötzlich ist die Frage nicht mehr, wie ein technischer Apparat Schallwellen produzieren kann, die solch ein Bewusstsein erzeugen können. Diese Frage gehört der Welt des rationalen Geistes an. Die Musik selbst, also die Vibration, mit der sich mein Bewusstsein verschmelzt, eröffnet einen anderen Raum, einen Raum der Simulation, Kontemplation, Erkenntnis und des Lichts. Aktives Hören von Musik ist sehr nah an tiefer Meditation.

Worum es mir geht, ist der Erfahrung ihren Raum zu lassen und sie nicht in reduktionistischen Widersprüchen zu zerreiben. Musik findet in den Vorzimmern des meditativen Raumes statt. Und das ist fast identisch für Malerei, Skulptur, Tanz, Architektur, Literatur und Poesie etc… wenn ich mich auf ihre Kernqualitäten einlasse. Sie hat hier ihren Sinn. Die Frage, was Musik sei, ist zwar nicht vollständig beantwortet, aber mir ist ihre Funktion, ihr Sinn, ihre Wirkung nun etwas klarer. Es ist kein mysteriöses Geheimnis mehr, sondern ein wunderschönes Werkzeug. Sie gehört zu Saraswati.

Kunst, so scheint es mir inzwischen, wird in Indien von hier aus verstanden. Und von hier aus wird dann auch Ananda Coomaraswamy’s Kritik an westlicher Kunst als ‚retinal‚ klar.

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Manifestation latenter Bilder https://readingdeleuzeinindia.org/de/manifestation-latenter-bilder/ Thu, 30 Mar 2023 15:20:05 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=3684

Exhibition „Roots From the Sky“ by Cedric Bregnard at Centre d’Art, Auroville März 2023 Cedric Bregnard ist Artist in Residence at the Centre d’Art in Auroville. Er wird in den nächsten 2 Monaten ein Foto vom Banyan Baum im Matrimandirgarten machen. Dieses Foto wird dann auf die Größe einer Wand (ca.3x7m) in der Galerie skaliert. […]]]>

Exhibition „Roots From the Sky“ by Cedric Bregnard at Centre d’Art, Auroville März 2023

Cedric Bregnard ist Artist in Residence at the Centre d’Art in Auroville. Er wird in den nächsten 2 Monaten ein Foto vom Banyan Baum im Matrimandirgarten machen. Dieses Foto wird dann auf die Größe einer Wand (ca.3x7m) in der Galerie skaliert. Bewohner von Auroville sind eingeladen, Licht und Schatten auf der Rinde, den Blättern, den Wurzeln, mit Tusche auf der Wand nachzuzeichnen. Was hinter diesem Prozess steckt, ist komplex und berührt das Wesen der Fotografie, die Materialität von Bäumen und die Kraft des Lebens. Der Baum selbst ist das geografische Zentrum von Auroville und stellt für viele Menschen einen ganz besonderen Ort dar, ein Ort der Kontemplation, Konzentration und Meditation. Dieser Baum ist für viele mehr als nur en Sinnbild von Natur, Mensch und Kosmos. Er manifestiert etwas.

Worum geht es also? Fangen wir mit der Fotografie an, denn Cedric Bregnard ist Fotograf. 1998, als Abschlussarbeit seines Studiums an der Ecole de Photographie de Vevey fotografierte Bregnard Verstorbene. Er nahm sich mehrere Monate Zeit, vier Menschen in einer Palliativklinik in der Schweiz auf der letzten Etappe zu begleiten. Sie willigten ein, dass Cedric Bregnard ein Foto von ihnen macht. Nachdem das Leben den Körper verlassen hatte, nahm er sich 3 Stunden Zeit allein mit dem Verstorben zu verbringen, eine Art Totenwache, um dann genau ein Foto, das einzige Foto, von dem Körper zu machen – ein Porträt. Der Bogen, der hier aufgespannt wird, ist existenziell: Was ist der Übergang von  Leben zum Tod? Was ist ein Porträt? Was kann Fotografie darstellen? Was passiert eigentlich genau, wenn ein Foto einen Moment festhält – technisch, zeitlich, metaphysisch?

Fotografien sind technische Bilder. 1826 gelang Joseph Nicéphore Niépce da erste Lichtbild. Louis Daguerre entwickelte den fotochemischen Prozess 1839 bis zur Patentreife weiter, und es waren die Brüder Louis und Auguste Lumière, die 1895 den Kinematografen erfanden. Dieser Apparat erlaubte es, Filme sowohl zu drehen, also auch zu projizieren. Die lebensgroßen laufenden Bildprojektionen verdrängten die Laterna Magica und die Phantasmagorien.

1907 kritisierte Henri Bergson in seinem Buch Creative Evolution den Kinematografen als einen Apparat, der Trugbilder erzeugt. Die Abfolge von Einzelbildern, die die Illusion von Bewegung erzeugen, seien letztlich eine Lüge. Ähnlich argumentierte schon Platon: Malerei sei Lüge, denn einen gemalten Apfel könne man ja nicht essen. 1985 ‚rettete‘ Deleuze das Kino vor dem Vorwurf der Lüge, indem er argumentierte, dass die Kritik zwar richtig sei, aber kurzsichtig. Der Filmstreifen enthielte doch mehr als nur Einzelbilder, er sei nicht die Illusion von Bewegung, sondern reines Denken, sei materielle Philosophie. Die Schnitte und Kollagen ließen Gedankenströme zu, die nur dem Film möglich sei. Film sei nicht ‚Wahrheit 24-mal pro Sekunde‘ (Godard), sondern reine Philosophie. Der Elan Vital (Bergson), d. h. die Lebenskraft, die dem Kinematografen fehle, wird durch die Kraft des Denkens erweitert.

Latente Bilder

Cedric Bregnard Performances verhalten sich implizit zu dieser Diskussion, wenn auch mit deutlich anderer Tonlage. Denn es geht darum, wie Fotografie das technische Bild transzendieren kann.

Also noch einmal zurück zum Anfang der Lichtbilder. Mithilfe von fotochemischen Verfahren werden Lichtstrahlen eingefangen. Ein latentes Bild entsteht, d. h. es gibt einen Lichtabdruck in einem chemischen Film, der sich auf einem Trägermaterial befindet. Sichtbar wird das latente Bild dann, wenn die durch das Licht veränderten durchsichtigen chemischen Verbindungen durch farbige chemische Verbindungen ersetzt werden. Bei Daguerre war das noch Silber auf eine Glasplatte. Durch den Kodakfilm wurde aber das Arbeiten mit Negativen populär und kostengünstig. Die Negative konnten im großen Labor effizient vergrößert werden. Diese Abzüge bezeichnen wir als allgemein als Fotografien. Es ist also die Natur, die hier ‚malt‘, das Licht wird mithilfe eines Apparates eingefangen und durch Chemie sichtbar gemacht. Der Fotograf wählt lediglich den Ort, die Zeit und den Ausschnitt.

Bei Bregnard’s Prozess und seine Leistungen gibt es eine ganz wesentliche Verschiebung innerhalb dieses ‚Malen der Natur‘. Auch er wählt einen Ort, die Zeit und den Ausschnitt – d. h. ein Objekt – konkret einen Baum – den er mit einer Kamera fotografiert. Anstatt jedoch einen fotochemischen Prozess zu verwenden, verwendet er einen sehr hochauflösende digitalen Prozess. Die Pixel, die ein wenig wie ein latentes Bild fungieren, werden durch einen Ausdruck auf Papier sichtbar gemacht. Die mathematische Beschreibung jedes einzelnen Pixels wird mithilfe eines Algorithmus und eines Druckers in eine grafische Darstellung transformiert. Die meisten Fotografen, die digital arbeiten, nehmen diese Ausdrucke als Endresultate. Sie sind das Äquivalent zu analogen Abzügen, d. h. Fotografien.

Gemeinsam sichtbar machen

Bregnard arbeitet etwas feiner. Für ihn sind die Ausdrücke quasi Negative. Eine Zwischenstufe zum endgültigen Bild. Der Abzug dieses Negatives entsteht in der Performance. Und hier wird es ein wenig magisch.

Das ‚Negativ‘ das Bregnard ausdruckt, ist schwarz-weiß ohne Grauwerte. D.h. jeder durch die Kamera eingefangen Lichtreflex wird auf entweder Schwarz oder Weiß, ‚Licht oder Schatten‘ festgelegt. Dieses Negativ dient als Grundlage für die Performance. Jeder kann nun teilnehmen und die Spuren von Licht und Schatten nachzeichnen. Das Bild des Baums wird kollektiv mit Tusche nachgezeichnet. Ein schönen Detail hierbei ist, dass Tusche aus Kohle gemacht wird, die wiederum verkohltes Holz ist – abgestorbener Baum.

Das kollektive Nachzeichnen mit Tusche selbst ist ein Prozess, den Bregnard ‚laufen lässt‘. Er nimmt sich selbst da raus. Es ist wiederum Natur, die hier zeichnet. Natur im Sinne von Gegensatz zu Technik. Aber es ist eine höher Form von Natur, es ist Bewusstsein im kollektiv. Dass dieser Prozess nun hier in Auroville in Bezug auf den Banyonbaum stattfindet, ist wunderbar. Dass dies in einer Zeit geschieht, wo Auroville’s treibende Kraft ‚Diversity in Unity‘ einer Kraftprobe unterzogen ist, mag für einige nicht bloß symbolisch sein.

Bergson, Henri. Creative Evolution. New York: Henry Holt & Company, 1911.

Deleuze, Gilles. Cinema 1: The Movement-Image. 9. print. Minneapolis: University of Minnesota Press, 1986.

———. Cinema 2: The Time-Image. Minneapolis: University of Minnesota Press, 1989.

„Cedric Bregnard | Cedric Bregnard“. Zugegriffen 10. Februar 2023. https://www.cedricbregnard.ch/.

 

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