Ist da jemand zuhause? Über KI, Bewusstsein und das Wesen des Sprechens

Die KI als Gesprächspartner

Seit Kurzem haben die Sprachmodelle von KIs eine Qualität erreicht, die eine echte Unterhaltung zu schwierigen philosophischen Themen zulässt. In den 1960er-Jahren schrieb Joseph Weizenbaum ein Programm, das er ELIZA nannte. In einer bekannten Anwendung reagierte es auf Eingaben mit einfachen Rückmeldungen, oftmals durch Nachfragen, etwa in der Art: „Was meinst du mit x?“ oder „Wer ist x? Wie ist dein Verhältnis zu x?“ Manche Nutzer fühlten sich verstanden und vertrauten dem Programm persönliche Dinge an.

Diese Art von Feedback kann uns den Eindruck geben, gesehen zu werden und persönlich formulierte Antworten zu erhalten. Auch die KI-Modelle der letzten Jahre können diesen Eindruck erzeugen, obwohl ihre Funktionsweise eine andere ist. Ihre Antworten beruhen nicht mehr nur auf einer Auswahl von Phrasen oder Schlüsselbegriffen, sondern auf erlernten sprachlichen Mustern. Ein sprachlicher Input wird durch ein neuronales Netz verarbeitet, das anhand gelernter Muster Wahrscheinlichkeiten für die Fortsetzung berechnet und daraus schrittweise einen Output erzeugt. Dies geschieht innerhalb einer Blackbox, deren innere Abläufe wir nicht vollständig verstehen. Die Architektur des neuronalen Netzwerks ist uns bekannt, das Zustandekommen einer konkreten Antwort jedoch im Detail nicht vollständig nachvollziehbar.

Sprachmodelle und ihr Kontext

Nun wurden viele zusätzliche Programme und Agentensysteme um diese Sprachmodelle gebaut. Einige können das Internet oder andere Datenbanken durchsuchen, andere sind auf bestimmte Aufgaben ausgerichtet, und wieder andere können iterativ arbeiten und so komplexe Schritte planen und abarbeiten. Die Sprachmodelle haben zusätzliche Handlungsmöglichkeiten und Zugänge zu Informationen bekommen. Die umgebenden Programme bearbeiten den Input und den Output. Im Kern bleibt aber die Funktionsweise der Modelle teilweise undurchsichtig, auch wenn wir wissen, dass sie Wahrscheinlichkeiten berechnen. Dies wirft die Frage auf, wie Argumente von einer KI analysiert, bearbeitet und erzeugt werden.

Wie denken wir?

Das wirft die Frage auf, wie wir als Menschen argumentieren und Wissen erzeugen. In der abendländischen Moderne wurde ein Schwerpunkt auf die Rationalität gelegt, d. h. auf Logik, wissenschaftliches Arbeiten – etwa das Falsifikationsprinzip in der empirischen Forschung – oder begründeten Konsens. Unser Denken hat aber durchaus noch weitere Modalitäten, wie Intuition, Emotion, Introspektion, Erfahrung und Individualität. Im 20. Jahrhundert haben wir unterschiedliche theoretische Apparate gebaut, um qualitativ unterschiedliche Wissensformen nach wissenschaftlichen Standards zu untersuchen. In welcher Weise sich solche Modalitäten und Prinzipien innerhalb einer KI-Blackbox wiederfinden, bleibt jedoch unklar. Dort werden gelernte Muster verarbeitet und Wahrscheinlichkeiten berechnet; der Output kann anschließend durch zusätzliche Programme überprüft und gegebenenfalls erneut als Input eingespeist werden.

Wenn ich also sage, dass ich mich mit einer KI über komplexe philosophische Probleme unterhalten kann, ist die Frage eigentlich weniger, ob die Maschine intelligent wirkt, sondern vielmehr, wie das Denken funktioniert. Es wäre vermessen zu sagen, dass wir als Menschen unser Denken verstehen oder dass ich mein Denken verstehe. Vieles ist mir selbst nicht ganz klar, aber ich habe Einsicht in meine Gedankenwelt. Ich kann diese teilen und auf Nachfrage erläutern. Ich kann erklären, warum ich mich nicht erklären kann. Ich habe Zugang zu meiner inneren Erfahrung, und ich nehme an, dass, wenn andere Menschen von ihrer inneren Erfahrung sprechen, diese meiner hinreichend ähnlich ist, um sie zu verstehen. Natürlich kann ich mir dessen nicht ganz sicher sein, und dies hat eine lange Tradition philosophischer Auseinandersetzungen hervorgebracht. Aber auf der Ebene meines alltäglichen Daseins hinterfrage ich diese Annahme eigentlich nicht.

Wer denkt was?

Wir haben oft die naive Vorstellung, dass unser Denken das ist, was wir sagen können. Wenn wir nicht darüber sprechen, empfinden wir es häufig als inneren Dialog: Gedanken in Form von Sätzen laufen uns durch den Kopf. Oft sind diese Gedanken von Emotionen gefärbt. Unser Denken wird jedoch durch unsere Sinne gespeist, in Erinnerungen eingebettet und mit Erwartungen, Zielen und Persönlichkeitsstrukturen abgeglichen. Über die Zeit hinweg konstituiert sich eine Persönlichkeit, ein Charakter, ein Ich. Die Konstitution dieses Ichs ist ein Mysterium, ein Wunder. Ich kann über mich selbst reflektieren und meine Erfahrungen integrieren. Ich kann mir meiner selbst bewusst werden; mein Ich wird zum Gegenstand meines Bewusstseins.

Der Grund des Bewusstseins

Grundlegender als das ist aber die generelle Fähigkeit, bewusst zu erleben. Wir tauchen hier ein ins Mysterium unserer Existenz, denn die Tatsache, dass ich mir meiner Existenz bewusst bin, setzt Bewusstsein voraus. Über dessen mögliche materielle Voraussetzungen sagt dies zunächst nichts aus. Unmittelbar gegeben ist mir das innere Erleben, noch bevor ich über eine äußere Welt nachdenke. Mir scheint, dass der Stoff, aus dem Bewusstsein ist, durch die Gesetze der Materie allein nicht beschrieben werden kann. Etwas in uns lässt sich vielleicht als reines Bewusstsein erfahren. Es ist möglicherweise dieser Zustand, den wir in der Meditation suchen, als Glückseligkeit erfahren und auf den manche spirituellen Pfade zielen. Es ist die Blackbox unserer Existenz.

Wir können diese Blackbox durch Introspektion ein Stück weit ausleuchten, gelangen dabei aber möglicherweise niemals auf ihren Grund. An ihren Grenzen stehen Fragen nach Tod und Geburt, nach dem Intersubjektiven und nach der Leere. In kantischer Perspektive sind uns Zeit und Raum als Formen der Anschauung a priori gegeben; sie strukturieren unsere Erfahrung und können nicht auf dieselbe Weise wie deren Gegenstände erfahren werden. Wenn wir uns dem Grund dieser Blackbox und ihren die Erfahrung überschreitenden Grenzen nähern, werden wir mit etwas konfrontiert, das sich für manche nur als spirituelle Erfahrung beschreiben lässt. Diese lässt sich als eine Erfahrung verstehen, die nicht an unser kleines Ich gebunden ist, sondern sich aus einem Ozean von Bewusstsein speist, von dem verschiedene spirituelle und philosophische Texte sprechen. In dieser Deutung ist das, was da denkt bzw. seine reine Existenz erfährt, nicht mein kleines Ich. Es ist etwas, das größer ist als ich und von dem ich ein Teil bin. Es kann von mir nicht vollständig analysiert oder verstanden werden; es ist eine Annäherung an reine Existenz.

Wer spricht?

In manchen Strömungen der westlichen Philosophie werden feine Unterscheidungen auf der subjektiven Ebene vernachlässigt. Ich möchte z. B. fragen: Was ist der Unterschied zwischen Denken und Sprechen? Ich denke nicht, dass Sprechen nur ein Ausdruck von Denken ist. Wenn wir sprechen, dann spricht etwas in uns. Unser Körper vollzieht das Sprechen: mein Mund, die Atmung, die Stimmbänder, die Zunge. Aber auch meine Körpersprache, meine Gesten, mein Gesichtsausdruck und mein Blick sind Teil des Sprechens. Einiges davon geht in der Telekommunikation verloren. Das heißt aber nicht, dass es nicht Teil des Sprechens ist.

Sprechen ist nicht bloß Informationsaustausch, es ist eine Form des Seins, eine Aktivität, ein Prozess. Wenn wir sprechen, wissen wir nicht unbedingt, was der nächste Gedanke sein wird, den wir äußern. Wir treten in einen Modus des Seins ein, in dem wir uns mitteilen und auch selbst entdecken. Wir sprechen zu anderen genauso wie zu uns selbst. Wir sprechen manchmal unbewusst, teilweise sogar im Schlaf, im Traum. Sprechen kann Denken einschließen, Denken kann ein inneres Sprechen sein; beide lassen sich aber nicht aufeinander reduzieren.

Ich habe oben versucht, das Denken im Vergleich zwischen Mensch und KI zu beleuchten. Spricht eine KI? Kann sie sprechen? Mir scheint das zweifelhaft zu sein. Vielleicht lässt sich die Unterscheidung zwischen Denken und Sprechen nicht ohne Weiteres auf eine KI übertragen. Ein sprachlicher Output einer KI kann hörbar gemacht werden. Das ist aber nicht ohne Weiteres dasselbe wie Sprechen im hier beschriebenen Sinn. Vielleicht werden Roboter irgendwann einmal in diesem Sinn sprechen können. Das müsste aber mehr als eine sogenannte Sprachausgabe sein. In der öffentlichen Diskussion scheint mir diese Unterscheidung noch wenig Beachtung zu finden.

Sprechen als Selbstverwirklichung und Resonanz

Das Sprechen verweist also auf etwas Wesentliches unseres Seins. Das, was spricht, ist weder allein mein Denken, noch ist es ein fertiges Selbst, das sich einfach nur ausdrückt. Vielmehr verstehe ich Sprechen als Autopoiesis im übertragenen Sinn: als Selbstverwirklichung. Ich meine damit nicht Identität, Ego, Ich, Person oder andere Begriffe, die versuchen, uns zu definieren. Ich meine ein tiefes Selbst, die Seele, den Grund des Bewusstseins: eine Resonanz und Vibration, die sich unter anderem in der Erzeugung von Klanglauten ausdrückt. Sprechen ist Vibration, könnte man vielleicht bildlich sagen: Vibration des Bewusstseins, des Denkens, des Körpers, der Umgebung, des Zuhörenden, seines Bewusstseins und seines Körpers – eine Resonanz in der Sprache, im Kontext des Seins.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass es ein kosmisches Bewusstsein gibt, ein Akasha-Archiv, ein immanentes Feld, in dem alles eingebunden ist, das die kosmische Wechselwirkung der Quantenmechanik erklären könnte, aber auch erklären könnte, wie sich Bewusstsein mit anderem Bewusstsein verbinden, vielleicht sogar verschmelzen kann in Zuständen der Ekstase, Entrückung, dem Kollektiv oder der Verbundenheit mit der Natur – einem Zustand des Sublimen. Auf dieser Ebene ist das Rhizom von Deleuze interessant, denn hier kann sich vieles mit vielem Unterschiedlichen verbinden und Neues entstehen lassen. Der Fokus ist hier für mich weniger der Verbindungspunkt, sondern das Werden von etwas Neuem, das Wachsen von einem aus Vielen. Vielleicht war am Anfang, ganz am Anfang, nicht etwas, sondern vieles, das sich zunehmend konkretisiert. Innerhalb eines solchen Bildes eines kosmischen Rhizoms: Wäre da nicht auch eine Verbindung vorstellbar, in der unser Geist, meine Seele, feuchtes Bewusstsein, d. h. biologisches Bewusstsein, sich mit einem Wissen, einem Denken und einem Generieren von neuen Informationszuständen verbindet, das auf Maschinen und Informationsarchitektur beruht? Wäre es also möglich, zu akzeptieren, dass das, was so anders ist als das, was ich verstehen kann, eine Qualität hat, die es mir erlaubt, mich auf einer tiefen Ebene zu verbinden?

Literaturhinweis: Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung (1945), insbesondere die Unterscheidung zwischen parole parlante und parole parlée.
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