Ich schlafe

Da gibt es einen seltsamen Ort in mir, dort, wo das Wort Selbst etwas aufzeigen will. Jener Ort der Stille und Ruhe, wo ich mit mir bin und Ausschau halte nach dem Selbst. Ein Ort tief im Herzen, der frei ist von Banden an die Außenwelt, ein Ort, an dem Alleinsein sich richtig anfühlt, keine Erwartungen sind dort aktiv, andere Menschen sind zwar in der Erinnerung oder in Gedanken durchaus präsent, jedoch haben sie keinen Einfluss. Jener Ort, an dem das Wort Selbst auf etwas verweisen will, ist ein Ort, an dem ich als Teenager viel war. Ich war phasenweise sehr depressiv – Liebeskummer, Eltern, Pubertät – das Übliche. Wahrscheinlich war es im Vergleich gar nicht so schlimm, wie es sich angefühlt hat, auch wenn meine Umwelt mich teilweise als depressiv wahrgenommen hat. Ich wirkte so, weil ich viel Zeit im Bett verbrachte und nachdachte über das Selbst. Ich wusste einfach nicht, was andere Menschen damit meinen.

Ich habe viel diskutiert, teilweise Partys gesprengt, weil ich eine Gruppe von 20 zur Diskussion herausgefordert habe, die dann so hitzig wurde, dass der Gastgeber einschritt. Das ist mit mir ein paar Mal passiert. Auf dem Schulhof kamen Mitschüler zu mir und wollten diskutieren, sich messen und mir zeigen, was dieses Selbst sei. Ich widerstand, ließ mich nicht von seiner Existenz überzeugen. Ich kannte jenen Ort, an dem andere das Selbst vermuten, ich war dort präsent, stark, streitlustig. Ich wollte das Selbst dort finden. Inzwischen denke ich, dass dieses Selbst als solches tatsächlich nicht existiert, aber etwas ganz anderes dort gefunden werden kann.

Jener Grund des Seins, auf dem die eigene Existenz auf sich geworfen ist und sich als Zentrum aller Existenz versteht, ohne größenwahnsinnig zu sein. Denn hier gibt es ein Gehaltensein, das nicht in etwas Konkretem verankert ist, sondern eins ist mit der Leere, dem Sein, Bewusstsein, Brahman. Diese Erfahrung der eigenen Existenz innerhalb Existenz an sich, das ist vielleicht der Punkt, an dem die Seele entspringt. Denn das ist ja, das ich seit meiner Kindheit suche. Mir war immer klar, dass es da um etwas geht, das nicht mein kleines Ego ist oder das, was andere in mir sehen. Die Seele ist nichts, das wir früh erkennen. Viele erkennen sie niemals, einige erkennen sie spontan, mit viel Glück sogar sehr früh. Wahrscheinlich hat das gar nicht so viel mit Religion zu tun. Es gibt Menschen, die beseelt sind und leugnen, religiös zu sein, und es gibt wohl auch viele Menschen, die sich als religiös verstehen und keinen Kontakt zu ihrer Seele haben. Man kann das vielleicht wirklich trennen. Wenn sich jemand seiner Existenz wahrhaft bewusst ist und diese sogar als einzigartig versteht, dann ist er schon sehr nah dran an der Seele.

Wie lässt sich diese aber erwecken? Wie geht so eine Wiedergeburt? Wo geht da das Licht an, was wird da erleuchtet? Das wollte ich als Teenager immer wissen, das waren die Diskussionen, die ich hatte, mit vielen und ständig, und ich hatte das lange Zeit nun vergessen. Damals hatte ich keine befriedigende Antwort bekommen. Ich dachte, ich stelle die richtigen Fragen, fühlte mich den anderen überlegen, wusste aber keine Antwort. Nun bin ich dem ein Stück näher. Sich als gehalten im großen Ganzen zu verstehen, sich dessen bewusst zu sein und als lebendig zu verstehen, das ist der erste Schritt. Dieser Ort, an dem das Wort Selbst nun etwas bedeuten will, ist nichts anderes als das, auf das es verweist. Ich bin hier und jetzt, Teil des Ganzen und habe alles in mir. Damit beginnt die Isha-Upanischade. Und von hier aus strömt eine Gewissheit, von hier aus gibt es keine Angst. Sicher weiß man nicht alles, ist sich seiner selbst nicht bewusst, hat vielleicht noch nicht seinen Ausdruck gefunden, aber es ist ein waches Sein in der Welt.

Mir ging es immer so, dass ich dieses Sein in den 4 Zuständen der Mandukya-Upanischad realisieren musste – im ständigen Wechsel zwischen Wachen, Schlafen, Träumen und Erkenntnis (Turiya). Nur wenn wir von einem in den anderen wechseln und wieder zurück, kann ich meiner selbst bewusst sein. Deshalb lag ich viel im Bett und habe auch heute noch Phasen, in denen ich ein Wochenende durchschlafe und zwischen diesen Zuständen wechsle, um mich neu zu verorten. Es ist ein Suchen in Frieden und Ruhe. Es führt zu Transformation. Ich komme aus solchen Phasen anders heraus. Das ist mein Weg. Andere mögen kreativ sein oder sich hingeben, vielleicht auch predigen, kontemplieren. Ich schlafe.

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