Erfahrung – New Spirits – Reading Deleuze in India https://readingdeleuzeinindia.org/de Bewusstsein existiert nur in Verbindung mit anderem Bewusstsein Thu, 25 Dec 2025 05:30:30 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.1 https://readingdeleuzeinindia.org/wp-content/uploads/2022/06/cropped-small_IMG_6014-32x32.jpeg Erfahrung – New Spirits – Reading Deleuze in India https://readingdeleuzeinindia.org/de 32 32 Verteidigen – Reagieren – Vereinigen https://readingdeleuzeinindia.org/de/verteidigen-reagieren-vereinigen/ Thu, 25 Dec 2025 05:21:59 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5632

Manchmal reagiere ich seltsam. Jemand tut etwas Unerwartetes, eine Unsicherheit in mir wird erweckt. Wie ordne ich das ein und wie reagiere ich darauf, und was heißt hier dann reagieren? Es geht also um Erwartung, ein Sein in der Welt, das antizipiert. Die Zukunft gilt als vorhersehbar und wird auch als solche gesehen. Wenn ich […]]]>

Manchmal reagiere ich seltsam. Jemand tut etwas Unerwartetes, eine Unsicherheit in mir wird erweckt. Wie ordne ich das ein und wie reagiere ich darauf, und was heißt hier dann reagieren? Es geht also um Erwartung, ein Sein in der Welt, das antizipiert. Die Zukunft gilt als vorhersehbar und wird auch als solche gesehen. Wenn ich dieses oder jenes tue, dann wird jemand vielleicht so oder anders reagieren. Nun geschieht es aber manchmal, dass die Reaktion des anderen anders ausfällt. Ich habe mich in meiner Erwartung geirrt, oder der andere hat etwas gespielt, oder die Interaktion ist geprägt gewesen durch etwas, das ihr vorausging und nicht transparent ist. Energien und Dynamiken haben sich vielleicht eingeschlichen, die meine Erwartung nicht wahrgenommen hat, die unbewusst oder verdrängt waren. Und so finden wir uns in einem Pool von verschiedenen bewussten und unbewussten Erinnerungen, Gefühlen, Einflüssen, Antizipationen und Einschätzungen.

Das kleine Ego

Das Ego reagiert, es fühlt sich missverstanden und wird impulsiv. Es versucht vielleicht auszuweichen und zu überspielen, oder es zieht sich zurück, etwas gekränkt, und fühlt sich unverstanden, oder es wird aktiv, versucht die Situation zu verändern, wird manipulativ oder aggressiv. In schweren Fällen passt es vielleicht sogar das Bild der Welt und das Selbstbild an, es kommt zu Verformungen, Umformungen, Verzerrungen, es bewegt sich dann raus aus dem Normativen.

All dies lässt sich als eine Verteidigung verstehen. Mein kleines Ego versucht, den vermeintlichen Angriff auf seine Antizipation zu verteidigen. Es wird reaktiv, reagiert kompensatorisch, restaurativ, manipulativ, konstruktiv. Eigentlich ist es ja ein Versuch, die Welt wieder in Ordnung zu bringen. Das wird von dem Anderen aber nicht so wahrgenommen, mein eigenes Handeln wird unverständlich für andere, ein Konflikt entsteht.

Ein Weg

Ich möchte den normativen Impulsen widerstehen und das Korrektive vermeiden. Denn was sich hier zeigt, ist erst einmal etwas unglaublich Starkes, Kreatives, Expressives, das unser Menschsein im Tiefsten berührt. Hinter meinem kleinen Ego ist ein Herz, eine Seele, ein Geist, eine Natur, die alle gemeinsam das Sein in meinem Körper und in dieser Zeit und an diesem Ort versuchen zu erfahren, zu synthetisieren. Einen ersten Schritt auf diesem Weg bezeichnen wir oft mit Sinnsuche, es ist jedoch weit mehr als das. Die Suche geht dem Finden voraus und manifestiert sich dann in einer Selbstverwirklichung und im Selbstausdruck bis hin zur Verschmelzung und Auflösung des Ego. Da darf man schon mal ein wenig reagieren und sich verteidigen. Nur ist es eben nicht sehr hilfreich, da es in der Regel Situationen nur verschärft. Es braucht da dann schnell eine ganz gute Fähigkeit, Konfliktstrategien einzubringen, um nicht in einen ernsteren Konflikt einzutreten.

Innere Arbeit

Die innere Arbeit findet an einer anderen Stelle statt: das Beobachten und Ausklingenlassen aller Impulse, die sich in meinem Bewusstsein vereinen, auch der unbewussten, die ihren Weg ins Bewusstsein erst finden dürfen. Das funktioniert ganz gut in der Meditation. Was bedeutet das aber für die zwischenmenschliche Interaktion? Pausen, Einfühlen, vor allem aber Offenheit und Authentizität, radikale Selbstwahrnehmung und objektive Fremdwahrnehmung. Die beiden letztgenannten sind in ihrer reinsten Form für sich genommen unmöglich und gelingen nur im Zusammenspiel mit einem Anderen. Dieser Andere kann entweder ein Lehrmeister sein oder ein geliebter Mensch. In der tantrischen Erfahrung ist dies das Gleiche.

Liebe

Ich sehe gerade zwei Schmetterlinge sich umtanzen im Garten, und ich sehe zwei Würmer sich verschlingend beim Kontakt. Die Ausdrucksformen sind schier unendlich, und wir als Menschen können uns auf den verschiedensten Ebenen vereinen. Das geht aber wahrlich nicht mit jedem. Solch tiefe Begegnungen sind selten. Für manchen wird sich das erst in einem anderen Leben realisieren.

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Musik – Nāda-Brahman https://readingdeleuzeinindia.org/de/musik-nada-brahman/ Wed, 01 Oct 2025 09:32:12 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5596

Erste Begegnungen mit Ragas Als Jugendlicher hörte ich stundenlang Ragas. Ich wusste gar nichts über sie. Ich schlug ein wenig nach: Mikrotonalität, Meditation, Tonfolge. Mehr verstand ich nicht. Es waren aber die tiefsten Musikerfahrungen – eine Meditation zur Musik. Bis heute führen mich Ragas in mein Inneres oder in tiefe Erkenntniszustände, die jedoch nicht rational […]]]>

Erste Begegnungen mit Ragas

Als Jugendlicher hörte ich stundenlang Ragas. Ich wusste gar nichts über sie. Ich schlug ein wenig nach: Mikrotonalität, Meditation, Tonfolge. Mehr verstand ich nicht. Es waren aber die tiefsten Musikerfahrungen – eine Meditation zur Musik. Bis heute führen mich Ragas in mein Inneres oder in tiefe Erkenntniszustände, die jedoch nicht rational sind. Eher ist es eine Art und Weise, in der Welt zu sein.

Musik als gemeinsamer Raum und reine Energie

Das Hören von Musik zieht uns alle in die Gefilde der emotionalen Landschaften, des Tagträumens, der ästhetischen Erfahrung. Es ist emotional, abstrakt, zeitlich; es erlaubt, die anderen Sinne ein- oder auszublenden, Erinnerungen abzurufen oder etwas zu vergessen. Wir können eine Zukunft erträumen, uns sehnen oder Emotionen ausdrücken – sie herauslassen.

Wenn wir gemeinsam musizieren, praktizieren, tanzen, gemeinsam hören oder auch nur Musik empfehlen, so betreten wir einen gemeinsamen Raum. Dieser Raum ist eine andere Dimension. Er hat keine materielle Referenz wie die anderen Sinne sie haben (z. B. in der darstellenden Kunst oder beim Kochen). Die Musik entspricht dem Äther, dem Raum an sich. Die Vibration bedarf eines physikalischen Trägers, ist aber selbst bloß reine Energie.

Musik, Bewusstsein und die vierte Realität

Wenn meine Sinne sich vermischen – der Geruch, die Berührung, der Klang, der Geschmack und das Sehen – so vereinen sich die Botenstoffe meines Nervensystems irgendwo in mir, vielleicht in meinem Kopf oder meinem Herz, und bilden dort eine Grundlage für Bewusstsein. Dieser Ozean des Bewusstseins, der sich aus den Sinnen speist, kann durch sie auf eine Realität zugreifen: Das nennen wir Wachzustand.

Im Traumzustand greifen wir auf eine andere Realität zu, eine Realität aus Erinnerungen, Gefühlen, Phantasien. Oder wir gehen in den Tiefschlaf, wo die Sinne kein Bewusstsein erreichen. Da ich jedoch weiter existiere, wie ich jeden Morgen erfahre, war mein Selbst anscheinend ganz woanders. Wahrscheinlich war es dort, wo die materielle Welt, wie wir sie verstehen, unwichtig ist. Wir waren im dunklen Ozean reiner Existenz.

In der Māṇḍūkya-Upanishad wird aber noch von einem vierten Zustand gesprochen – jener Zustand, der vielleicht als „erleuchtet“ bezeichnet werden kann. In diesem Zustand sind wir wach, aber nicht an unsere Sinne gebunden. Wir nehmen nicht wahr, träumen aber auch nicht, wir schlafen nicht und erfassen doch eine höhere Realität. Wir wissen um die Welt in einem tieferen Sinn. Ich sehe mein Inneres und die Welt als solche, ich verstehe, dass mein Alltagsbewusstsein funktional, aber beschränkt ist. Ich werde mir meiner Ignoranz bewusst. Ich weiß, dass ich nichts weiß. Ich bin eins mit der Welt, obgleich ich außerhalb ihrer zu sein scheine. Man könnte hier über die Ideen des Transzendentalen, der Advaita oder der Immanenz spekulieren. Das lasse ich aber lieber, da sich das in intellektuellen Spielereien verliert.

Musik, und für mich persönlich Ragas, haben etwas von dieser vierten Realität. Ich möchte hier ausdrücklich nicht sagen, dass Musikhören einem erleuchteten Zustand gleicht, und doch lege ich diese Parallele nahe. Ich schlafe nicht und nehme nicht wahr, ich träume nicht und bin hellwach. Ich fühle mich in einer Welt, die oftmals intensiver ist als die Realität. Manchmal flüchte ich mich in sie. Wenn ich aber hochkonzentriert höre, eins werde mit der Musik, dann leuchtet etwas in mir – in einer Reinheit und Klarheit, die ich sonst nur aus der Meditation kenne.

In der Musik identifizieren wir uns mit etwas. Die Musik ist ein Träger von etwas, zu dem ich werden kann. In der Meditation kann ich auch zu etwas werden; wenn es gut läuft, werde ich eins.

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Koan – Becoming https://readingdeleuzeinindia.org/de/koan-becoming/ Sat, 16 Aug 2025 13:46:31 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5288

Ich denke nach über Deleuze, die Bewegung des Werdens (becoming). Um den Klang des Baches auszulöschen, muss ich der Klang werden; um in den Bach einzutreten, werde ich Teil von ihm. Wenn ich im Wald verweile, nehme ich teil an der Stille und dem Zwitschern, dem Rauschen der Blätter. Ich werde eins mit der Natur. […]]]>

Ich denke nach über Deleuze, die Bewegung des Werdens (becoming). Um den Klang des Baches auszulöschen, muss ich der Klang werden; um in den Bach einzutreten, werde ich Teil von ihm. Wenn ich im Wald verweile, nehme ich teil an der Stille und dem Zwitschern, dem Rauschen der Blätter. Ich werde eins mit der Natur.

Jene Vorstellung der Romantik – das Einssein mit der Natur, mit einem geliebten Menschen, mit dem Kosmos, mit Gott – erzeugt Seligkeit, Wonne, Bliss, Ananda. Gewiss benutzt Deleuze nicht jene Begriffe. Seine Philosophie der Immanenz, der Nondualität, versucht die Veränderungen der Welt, ihr Werden und Zerfallen, ihre Konstruktion, ihren Aufbau, ihre Ordnung, ihre Gesetze und Dynamiken zu beschreiben durch Begriffe wie Werden, Deterritorialisierung, Flug, Rhizom, Wiederholung, Rhythmus etc. zu fassen. Seine Philosophie bleibt jedoch im Wesentlichen Bewegung des Begriffs.

Zwar löst er sich aus der Starre angloamerikanischer Sprachphilosophie, die sich auf einen empirischen Wahrheitsbegriff fokussiert, und versucht stattdessen Bewegungen des Denkens zu beschreiben, die eine komplexere Realität abbilden. Die zentrale Frage bleibt jedoch, wie unser Denken, unsere Wahrnehmung, unsere Erfahrung, unser Sein sich auf etwas außerhalb unseres Selbst richten kann – wie unser Bewusstsein etwas in sich selbst hineinziehen, es verarbeiten, analysieren, betrachten und erfahren kann. Wie kann mein Bewusstsein eins werden mit dem, was es als Gegenstand hat? Jenes Grundproblem fast aller westlicher Dualismus-Modelle kann eigentlich nur durch Immanenz aufgelöst werden.

Wenn ich in meiner Vorstellung in einen Bach eintrete und versuche, den Klang auszuschalten, so muss ich eins werden mit jenem Bach. Wie werde ich eins – egal, ob ich nun real in den Bach steige oder mir das nur vorstelle? Ich erfahre das in der Meditation so: Mein Bewusstsein sinkt ab in die Tiefen der Existenz, versteht sich als Teil des Ganzen, wird eins mit jenem Urbewusstsein, der Leere, Brahman, Existenz, und sieht sich als identisch mit dem, was es in seiner Selbsterfahrung ist.

Wenn ich einen Bach rauschen höre, ist das Rauschen nichts anderes als mein Bewusstsein selbst: die Vibration des Wassers und die Vibration der Luft, die Schwingungen und mein Ohr, das diese empfängt, mein Bewusstsein, das jene Ur-Resonanz ist, mit ihr identisch ist, alles in der Welt schon in sich enthält. Es ist ein wenig wie bei Leibniz’ Monade; auch er hatte da einen guten Gedanken, auch wenn er nicht eintaucht in die wirkliche Erfahrung, sondern auf der Ebene des Texts und der wahrheitsfähigen Aussagen stecken bleibt.

Ich werde (become) also eins mit dem, was es im Koan auszulöschen gilt. Indem ich identisch werde auf der tiefsten Ebene der Leere und ihre Form erkenne, kann ich dieser Form Ausdruck verleihen. Ich kann nun den Klang des Baches nachahmen oder seine Bewegung imitieren, ich kann darin baden und mit ihm fließen, oder ich kann ihn malen, vielleicht in einer Tuschezeichnung; ich kann ihn poetisch beschreiben oder sonstwie versuchen auszudrücken. Jener Ausdruck ist jedoch nicht identisch mit dem identisch Sein – er verweist darauf.

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Strom des Lebens https://readingdeleuzeinindia.org/de/strom-des-lebens/ Tue, 21 May 2024 05:10:16 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4810

Langsam und in großen Intervallen lese ich immer wieder Sri Aurobindo. Warum nicht viel und schnell, alles aufsaugen und endlich Ordnung in meine Gedankenwelt bringen, die ausbrechen möchte aus den Folgen eines rationalen Monotheismus? Warum gebe ich meinem Intellekt nicht die Freiheit, Konzentration, Ruhe und Kraft, sich auf eines der größten Abenteuer des Lebens einzulassen? […]]]>

Langsam und in großen Intervallen lese ich immer wieder Sri Aurobindo. Warum nicht viel und schnell, alles aufsaugen und endlich Ordnung in meine Gedankenwelt bringen, die ausbrechen möchte aus den Folgen eines rationalen Monotheismus? Warum gebe ich meinem Intellekt nicht die Freiheit, Konzentration, Ruhe und Kraft, sich auf eines der größten Abenteuer des Lebens einzulassen?

Als Student bin ich einmal sehr naiv im Rhein schwimmen gegangen, irgendwo vor Basel, wo das Wasser klar und kalt, schnell und breit grüne Berglandschaften durchströmt. Kaum in den Fluss gesprungen, fanden wir uns in der Mitte des Stroms. Rasend schnell zog das Ufer vorbei, und wir wussten, dass wir schnell wieder raus müssen, denn wir waren einfach irgendwo in den Fluss gegangen und mussten irgendwie wieder zurückfinden zu unseren Kleidern. Wir waren aufgeregt, lebendig, neu geboren. Es fühlte sich an wie ein Eintauchen in den Strom des Lebens. Die Sinne schärften sich, die Welt als Prozess zeigte ihre Kraft in liebevoller Weise, das Selbst behauptete sich gegenüber den fünf Elementen. Der Intellekt war leise, die Erfahrung des Erhabenen groß, der Atem aktiv. Dies ist eines der Bilder meiner Erinnerung, die mir helfen, den Upanischaden zu folgen.

Jene Erfahrung, so wie eigentlich jede Erfahrung, besteht aus Bildern. Die äußeren Sinne vermitteln im Kontakt mit der Außenwelt einen inneren Sinn, eine Wahrnehmung, die zu einer Erfahrung werden kann. Dieser innere Sinn speist sich, vermittelt durch die Nervenenden der äußeren Sinne, aus der Vibration von Licht, Klang, Berührung, Geschmack und Geruch. Und jener innere Sinn kann sich wiederum durch Klang, Gesten und Darstellung ausdrücken. Dieser innere Sinn ist Bewusstsein.

In der spirituellen Philosophie ist die Welt des inneren Sinnes die Welt des Subtilen im Kontrast zu der Welt der groben Materie. Die Bilder, die sich in der subtilen Realität manifestieren, sind real (das haben Schopenhauer und Bergson auch erkannt). Und wie sich in dieser Welt Bilder von Bäumen und Schmetterlingen, Menschen und Kunst, Schmerz und Freude manifestieren, so finden wir darin auch Eigenschaften des Charakters, Persönlichkeitsstrukturen, Machtkonstellationen, größere Zusammenhänge, die wir als Bilder erkennen. Wir fragen uns, warum jemand etwas tut oder wieso ich etwas in einer Art und Weise wahrnehme, die nicht gut, richtig oder wahr ist. Wir können uns Bilder anvertrauen, die uns als Illusion erscheinen; wir können die Illusion als Realität wahrnehmen und wir können das Gefühl haben, in etwas gefangen zu sein, das unsere eigenen Möglichkeiten der Kontrolle überschreitet. Wir nehmen also Dinge wahr, denen kein äußeres Objekt entspricht, das meine äußeren Sinne hätte berühren können. Die Logik dieser Bilder können wir in Hypothesen formulieren und an der Realität ‚testen’. Bewusstsein geht der Realität voraus. Früher war diese Welt durch die Götter des Pantheons strukturiert. Heute tun wir so, als ob es die Wissenschaft sei.

Subtile und grobe Realität

Die Welt der groben Materie versuchen wir mit Hilfe der Naturwissenschaften zu verstehen, obgleich das eigentlich ein Euphemismus ist, denn der Naturwissenschaft geht es eigentlich gar nicht darum, die Natur zu erforschen, denn das, was die Natur ausmacht, ist die Verbindung zu jener subtilen Realität. Wäre es also ehrlicher, bei dem engeren Begriff der empirischen Wissenschaft zu bleiben? Jener Wissenschaft, die sich auf das wiederholbar Erfahrbare konzentriert? Auch dies scheint missverständlich zu sein, denn vieles in der subtilen Welt ist sehr wohl empirisch erfahrbar und beschreibbar. Wie sieht es aus mit den Einzelwissenschaften wie Physik, Medizin, Soziologie? Sie legen sich eine Selbstbeschränkung auf, indem sie sich auf die materielle Welt konzentrieren und von ihr allgemeine Gesetze ableiten. Diese Naturgesetze wiederum beschreiben eine tiefere Realität, eine Metaphysik. Solange die Metaphysik Bewusstsein ausklammert, ist ihr die Annahme von sehr komplexen Theorien und Elementarteilchen erlaubt, solange sie sich nicht in Widersprüche verwickelt (obgleich auch das oftmals erlaubt ist).

Was ist es, das die Wissenschaft der Neuzeit davon abhält, sich mit dem Bewusstsein zu befassen? Was hat die innere Erfahrungswelt derart diskreditiert, dass wir alles daran setzen, sie zu verleugnen? Die Antwort ist zweischneidig. Die Rationalität, die sich der Phänomenologie des Bewusstseins entgegenstellt, beschleunigt durch ihre Grundlagenforschung die angewandten Wissenschaften; und in Form von Aufklärung versucht sie, Machtmissbrauch kritisch zu hinterfragen. Andererseits hinterlässt sie eine Leere, die durch Konsum und eine wie auch immer geartete Kulturindustrie kaschiert wird und eine Art Disneyland hervorbringt (Adorno). Die Auseinandersetzung mit der Spiritualität wird marginalisiert und in den Bereich des Obskuren verdrängt. Gibt es dafür vielleicht gute Gründe? Denn der Erfolg der Aufklärung konnte im 20. Jahrhundert selbst durch die Katastrophe des Holocausts nicht gestoppt werden. Die Ausbeutung unserer Umwelt erlaubte einen feudalen Lebensstil für die Massen im Westen. Ich bin kein Gegner des Fortschritts, aber er hat seinen Preis.

Indien

Wie passen die Tatsache, dass 16% der Bevölkerung in Indien unterernährt sind und 97% sagen, dass sie spirituell sind, zusammen? Hat das eine mit dem anderen nichts zu tun? Ist die Frage ein klassischer Kategorienfehler? Ist eine nach innen aufgeklärte Gesellschaft, die ihren Wohlstand der Ausbeutung des globalen Südens verdankt, erfolgreicher als eine kolonialisierte spirituelle Gesellschaft, der eine Toleranz gegenüber Leid das Überleben sicherte? Lassen sich aus solchen polarisierenden Statements irgendwelche Schlüsse ziehen? Ich führe das hier an, um anzudeuten, dass eine Frage nach Spiritualität und Bewusstsein nicht notwendigerweise in Verbindung mit Fortschritt diskutiert werden muss oder kann, da das schnell sehr verwirrend wird.

Ich lebe hier im Süden Indiens teils in einer vormodernen Welt. Das Leid vieler ist aus moderner Sicht schwer zu ertragen, die religiöse Praxis erscheint teilweise naiv, die sozialen Strukturen sind an der Oberfläche patriarchalisch und archaisch, die Kultur traditionell ausgerichtet, das Wissen konservativ orientiert. Ich bin mir meiner privilegierten Stellung hier sehr bewusst und versuche, Romantisierungen zu vermeiden. Dennoch gibt es in dieser Welt etwas, das in der Moderne abhanden gekommen ist: die Integrität des Seins. Sein ist nicht bloß das Leiden des individuellen Selbst und sein Drang nach Selbstverwirklichung, sondern Sein ist Teil von kosmischer Realität, innerhalb dessen das eigene Selbst Teil ist. Dass diese Vorstellung am Ende des Tages reicher, freier und in stärkerem Maße selbstrealisiert sein kann, ist die Kraft des spirituellen Denkens, das in die Feinheiten der subtilen Realität eintaucht.

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Die Macht der Musik: Eine Meditation über Bewusstsein und innere Räume https://readingdeleuzeinindia.org/de/die-macht-der-musik-eine-meditation-ueber-bewusstsein-und-innere-raeume/ Tue, 23 May 2023 04:11:37 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4104 Trichy-Amma Mandapam

erfahren wir die Kraft des Bewusstseins durch die Vermischung verschiedener Vibrationen. Dieser Text erforscht die Konstitution des Bewusstseins in einem meditativen Zustand.]]>
Trichy-Amma Mandapam

Soweit mein Gedächtnis zurückreicht, erinnere ich mich, dass ich immer gerne Musik gehört habe. Es ist eine Sache der Konzentration, des Genusses, der Hingabe, der Selbstauflösung. Es war mir immer ein Rätsel, was diese Kraft der Musik ist, denn sie ist ja sehr flüchtig, ephemere, sie kommt meist aus einem Lautsprecher. Ein technischer Apparat produziert Schallwellen und die Zuhörer versinken in inneren Landschaften. Was passiert da? Es ist die Vibration. In der Kenaupanischade wurde deutlich, dass die Vermischung verschiedener Vibrationen Bewusstsein konstituiert.

Ich möchte das heute versuchen, etwas zu differenzieren. Ausgehend von einem meditativen Zustand stellt sich die Frag nach der qualitativen Konstitution dieses Bewusstseins. Im Zustand hoher Konzentration werden die Sinneseindrücke von außen reduziert. Es ist nicht wirklich möglich, die Außenwelt stumm zuschalten, aber es ist eben möglich, sich so zu konzentrieren, dass die Sinneseindrücke in einer ersten Stufe eben als solche wahrgenommen werden und in einer zweiten Stufe aus dem Bewusstsein ‚entlassen‘ werden. Es ist weniger eine phänomenologische Epoche, in der die Existenz der Außenwelt in eine epistemische Klammer gesetzt wird, also die Frage nach deren Existenz offen gehalten wird, sondern eher ein Entzug der Aufmerksamkeit. Es ist eine teilnahmslose Beobachtung: Ah dieser Eindruck ist nun präsent, oder dieser Gedanke kommt, oder jene Erinnerung erscheint… All diese als das, was sie sind, vorbeiziehen zu lassen, ist eine erste Stufe der Meditation. In einer inneren Schau wird dann deutlich, wie sich Bewusstsein konstituiert.

Innere Räume

Ein Raum, der erfüllt ist von Bewusstsein, eröffnet sich. Das reagiert jedoch nicht auf Sinnesreize, sondern rein und klar ist. Hier zeigen sich die Kräfte des Bewusstseins: mein Körper (Materie), mein Atem (die Lebensenergie/Prana), mein Geist (der analysiert und visualisiert), die Erfahrung von Dasein (Entzücken/Annanda), reines Bewusstsein (Chit). In diesem Bewusstsein, das sich seiner verschiedenen Ebenen bewusst ist, bewegt sich das selbst frei. Hier begegnet sich das Selbst (Atman) mit der Seele (Puruscha) und erahnt, dass Bewusstsein an sich, das alles umfasst (Brahman) der Schöpfer ist (Sat). Hier werden dann auch die Kräfte unserer Welt als solche sichtbar: Liebe, Krieg, Mitgefühl, Genuß, Schönheit, Leid in all ihren Ausformungen. Sie sind real in unserem Bewusstsein und es ergibt wenig Sinn, sie zu leugnen. Wir erfahren sie, und wir benennen sie und wir kommunizieren und teilen sie, wir leben sie aus und verwirklichen sie, sie werden zu ganz realen Kräften der Welt, wirken in ihnen. All das ist unbestreitbar. Es ist ein wenig schwer erklärbar und deshalb tut die Wissenschaft oft so, als ob sie epiphenomenal seien, also bloß unbedeutende Begleiterscheinungen physikalischer Prozesse. Aber das ist nicht sehr klug, da es uns unserer eigenen Essenz beraubt.

Musik

Ich habe hier ein wenig ausgeholt, weil ich denke, dass dieser innere Raum einige Vorzimmer hat, und die Kunst belegt ganz viele dieser Vorzimmer. In der Musik z. B. trete ich ein in einen inneren Raum, der durch Vibrationen erzeugt wird. In ihm kann ich mich frei bewegen, denn die Musik hilft mir, alles was nicht Musik ist, vorbeiziehen zu lassen. In diesem Raum also kann ich dann innere Reisen vollziehen, deshalb gehen wir immer wieder in musikalische Räume, wenn wir glücklich oder traurig sind. Wir durchleben vergangene Erfahrungen erneut und verarbeiten sie. Dies sind grundlegende psychologische Prinzipien. Aber auch hier können wir die Leiter des Bewusstseins klettern. Unser Körper und unser Atem kann im Tanz erkundet werden, unser Geist kann die Musik visualisieren, ihre Struktur verdeutlichen, ihre Komposition, Durchführung, Interpretation vor das innere Auge bringen. Wenn ich mich aber wirklich konzentriert und kontemplativ der Musik hingeben, wie ich das am besten inzwischen bei Dhrupa von Bahauddin Dagar tue, dann wird die Musik zu reiner Sinnlichkeit (Rasa). Und plötzlich ist die Frage nicht mehr, wie ein technischer Apparat Schallwellen produzieren kann, die solch ein Bewusstsein erzeugen können. Diese Frage gehört der Welt des rationalen Geistes an. Die Musik selbst, also die Vibration, mit der sich mein Bewusstsein verschmelzt, eröffnet einen anderen Raum, einen Raum der Simulation, Kontemplation, Erkenntnis und des Lichts. Aktives Hören von Musik ist sehr nah an tiefer Meditation.

Worum es mir geht, ist der Erfahrung ihren Raum zu lassen und sie nicht in reduktionistischen Widersprüchen zu zerreiben. Musik findet in den Vorzimmern des meditativen Raumes statt. Und das ist fast identisch für Malerei, Skulptur, Tanz, Architektur, Literatur und Poesie etc… wenn ich mich auf ihre Kernqualitäten einlasse. Sie hat hier ihren Sinn. Die Frage, was Musik sei, ist zwar nicht vollständig beantwortet, aber mir ist ihre Funktion, ihr Sinn, ihre Wirkung nun etwas klarer. Es ist kein mysteriöses Geheimnis mehr, sondern ein wunderschönes Werkzeug. Sie gehört zu Saraswati.

Kunst, so scheint es mir inzwischen, wird in Indien von hier aus verstanden. Und von hier aus wird dann auch Ananda Coomaraswamy’s Kritik an westlicher Kunst als ‚retinal‚ klar.

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Ein neues Weltbild erarbeiten https://readingdeleuzeinindia.org/de/ein-neues-weltbild-erarbeiten/ Sat, 25 Feb 2023 16:19:18 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=3153

In diesem Text geht es um die Veränderung des Weltbildes und den Prozess des Loslassens von alten Überzeugungen, um Platz für neue Ideen zu machen.]]>

Ich habe vielleicht 4 oder 5 mal in meinem Leben mein Weltbild geändert. Das ist ein aufregender, spannender und extrem anstrengender Prozess. Ich finde das sehr viel, manche haben vielleicht das Weltbild, in das sie hineingeboren wurden, nie verlassen. Ein Philosophiestudium verlangt das eigentlich. Man sollte das nicht zu oft machen, und idealerweise wächst man bei jedem neuen Wechsel.

Um sich von einem Weltbild zu verabschieden, um sich auf ein Neues einzulassen, muss man viele Ideen hinter sich lassen. Es ist nicht leicht, sich von Ideen zu verabschieden, die einen jahrelang geleitet haben. Es ist auch nicht so, dass man eines Tages aufwacht und denkt alles ist falsch, von dem man jahrelang überzeugt war. Vielmehr schleicht sich ein Gefühl ein, dass etwas nicht stimmt, dass bestimmte Fragen weiterhin nicht beantwortet sind, dass Dinge, die man interessant fand, plötzlich langweilig werden. Bei mir sind das Mantra ähnlich Zustände. Die letzten Jahre z. B. habe ich fast täglich einen Gedanken gehabt: ‚I am done with capitalism‘ Diesen Satz habe ich immer wieder im Kopf gehabt. Doch was folgt daraus?

Der Übergang

Für mich bedeutete das, dass ich bestimmte Dinge nicht mehr mittragen konnte. Ganz praktisch fühlte ich mich nicht mehr wohl für eine teure Privatuniversität zu arbeiten. Ich hatte auch kein Interesse mehr an Dingen, die rein der Logik des Kapitals folgten, das bedeutet auch, dass ich an bestimmten Themen das Interesse verlor. Ich schaute in die vielen Regale mit meine Büchern und fand nur noch sehr wenige interessant … Gleichzeitig fühlte ich mich angezogen von neuen Ideen. Ganz konkret die Bücher von Sri Aurobindo. Ich lese ihn langsam, aber dafür eigentlich nur noch ihn, seit Jahren … Seine Ideen führen in eine ganz andere Gedanken- und Erfahrungswelt. Ich bin dann sehr vorsichtig. Manche Autoren sind Verführer, haben schnelle Antworten und versuchen ein wenig missionarisch eine Gedankenwelt aufzuzwingen. Das finde ich gefährlich. Da muss man aufpassen.

Wie kann man neue Überzeugungen aufbauen, die alten Überzeugungen widersprechen? Um alte Überzeugungen loslassen zu können, simplifiziere ich sie. Ich frage mich, was ist der Kern und warum haben sie für mich an Attraktivität verloren? Ich reduziere Komplexität, vereinfache, um Klarheit zu gewinnen. Das ist die Schönheit von Simplizität. Da meine Weltbilder immer aus soliden philosophischen Systemen bestanden, konnte ich nicht einfach Flüchtigkeitsfehler im Denken finden. Vielmehr geht es mir darum, die Implikationen abzuwägen. Was bedeutet ein Weltbild für den Planeten? Oder welche Fragen kommen innerhalb eines Weltbildes zu kurz, oder werden nur ausweichend behandelt? Meine kleine Kategorie von Kiss goodbye Einträgen hier ist eine kleine Anekdotensammlung.

Heute wurde mir also etwas klar. Wie gesagt, es geht hier um radikale Vereinfachungen. Beim Lesen von Aurobindo’s Kommentaren zu der Isha Upanischad habe ich das Gefühl, dass das alles klar ist, dass hier etwas ausgedrückt wird, das eine höhere Wahrheit beinhaltet. Ich finde das fast schon unheimlich, denn die Gedankenwelt ist komplex, entspringt einem anderen Kulturkreis, setz unglaublich viel voraus, und eigentlich kann man das gar nicht richtig verstehen, wenn man kein Sanskrit kann. Ich bin daher unendlich dankbar, dass ich diese Texte hier mit einem Freund lesen darf, der nicht nur ein echter Sanskritexperte ist, sondern für mich eine Art Guru ist, der mir Orientierung gibt, in meinem Versuch mich in Aurobindo’s Gedankenwelt zurechtzufinden. Heute wurde mir also etwas klar. In den großen Denktraditionen des Westens gibt es verschiedene Grundeinstellungen. Eine Art Axiomatik, also grundlegende Annahmen, auf denen alles aufbaut. Mir vertraut sind z. B. folgende Denktraditionen:

  • Ein Weltbild, das auf Empirie beruht, also auf Dingen, die mir durch Erfahrung gegeben sind. Diese Erfahrungen sind Ausgangspunkt, die Welt zu verstehen. Alles, was in meiner Erfahrung gegeben ist, muss rational erklärbar sein. ‚Traue nur deinen Sinnen‘, ist das kurzsichtige Mantra. Dieses Weltbild ist dominierend, da es besonders außerhalb der Philosophie die treibende Kraft geworden ist. Politik, Wirtschaft, Naturwissenschaften werden durch sie angetrieben.
  • Ein anderes Weltbild beruht auf der Rationalität. Nur das, was rational erklärt werden kann, hat Gültigkeit. Das klingt erstmal fast identisch wie das Erste, hat aber radikal andere Implikationen. Hier geht es um die Strukturen unseres Denkens, um die transzendentalen Strukturen: Logik, Epistemologie, Ethik, Ästhetik, Annahmen a priori etc…. Aus dieser Art von rationalem Denken lassen sich unterschiedlichste Ideologien ableiten. Ändert man die Voraussetzungen, indem man sich eine andere Datenlage anschaut, aber zugleich die Argumentationswege im Wesentlichen unverändert lässt, so ergeben sich radikal unterschiedliche Weltbilder – Kommunismus, Kapitalismus, Fanatismus, Faschismus. Sie alle haben eine eigene Rationalität, die umgangssprachlich gar nicht rational ist. Ich denke, der Zweite Weltkrieg veranschaulicht, wo das hinführen kann.
  • Ein drittes Cluster von Weltbildern folgt der Grundannahme, dass es lokale Wissenssysteme gibt. Ein postmodernes Weltbild, das Widersprüche aushält und Veränderungen wertschätzt. Für mich ist das prozessuales Denken. Es verändert sich ständig, weil die Welt sich auch ständig ändert.

Das ist sicherlich nur eine kleine Auswahl von Möglichkeiten. Ich denke aber, dass diese drei Paradigmen hinreichend trennscharf sind, da es dazu auch viele Streitereien in der Fachliteratur gibt.

Mir scheint nun, dass in Aurobindo’s Denken all diese Denkweisen zusammenlaufen, wenn auch unter anderen Vorzeichen: Die Empirie ist gegeben durch eine tiefgreifende Analyse der Sinne, die phänomenologisch präzise ist in dem Sinne, dass sie die Konstitution unterschiedlicher Bewusstseinszustände und Ebenen abdeckt (Kena Upanischad). Es ist rational in dem Sinne, dass Aurobindo das Geheimnis der vedischen Schriften erschließt und zeigt, dass die spirituelle Erkenntnis der Rishis rational ist, aber auch über die Rationalität hinausgeht, ohne irrational zu werden (Isha Upanischad). Es schließt eben nur andere Erkenntnisformen und Bewusstseinszustände mit ein. Und sein Denken ist dem prozessualen Denken verbunden, da es die Evolution des Geistes beschreibt (The Life Divine). In Aurobindo’s Analysen kommen immer alle drei Formen des Denkens gemeinsam. Sein ‚System‘ ist verschränkt. Alles aufeinander bezogen, und das muss auch so sein, die Welt, das Bewusstsein, das volle Bewusstsein, die Natur, die Götter, das Selbst – Maya, Puruscha, Satcitananda, Prakriti, Brahman, Atman…

Mir scheint, so in etwa kann sich ein Weltbild verschieben bzw. durch ein anderes ersetzt werden. Das heißt, dass das vorherige Weltbild im persönlichen Denken transformiert wird.

 

Dabei helfen: Meditation, Leben in einem anderen Land in einer anderen Gesellschaft, spirituelles Wachstum und Mut zur Lücke für den Moment.

p.s.: Statt einer reduktionistischen Sichtweise auf das Bewusstsein, und statt einer Ausrichtung von Sinnhaftigkeit entlang von Akkumulationsbewegungen des Kapitals, findet sich in den vedischen Schriften das Grundprinzip der Vibration. Es ist das energetische Prinzip des Universums, es ist das Grundprinzip der Sinneswahrnehmung. Die Synchronizität von Vibrationen in der Wahrnehmung erlaubt eine bewusste Wahrnehmung und eine Übersetzung in Laute und Sprache. Das, was unsere Existenz als Menschen maßgeblich prägt, ist unser Bewusstsein. Es ist auf wenigstens 7 Ebenen differenziert, und der Versuch, es auf Informationsverarbeitung zu reduzieren, erscheint mir masochistisch, selbstverleugnerisch, fremdbestimmt und fehlgeleitet.

 

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Springende Fische https://readingdeleuzeinindia.org/de/springende-fische/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/springende-fische/#respond Sun, 04 Dec 2022 18:48:29 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2610

Als Teenager bzw. Schüler habe ich angefangen zu meditieren, ich erinnere mich noch vage an meine ersten Meditationen aus der Zeit. Kraft und Ruhe, Konzentration – meist nachts. Es waren ganz besondere Momente. Ich tat das nicht oft. Als Student habe ich weiter sehr unregelmäßig meditiert. An einige dieser vorwiegend 1–2-stündigen Meditationen erinnere ich mich, […]]]>

Als Teenager bzw. Schüler habe ich angefangen zu meditieren, ich erinnere mich noch vage an meine ersten Meditationen aus der Zeit. Kraft und Ruhe, Konzentration – meist nachts. Es waren ganz besondere Momente. Ich tat das nicht oft. Als Student habe ich weiter sehr unregelmäßig meditiert. An einige dieser vorwiegend 1–2-stündigen Meditationen erinnere ich mich, als ob es gerade eben gewesen wäre.

Mir fehlten immer die Worte (wenn ich mich gezwungen habe, es zu benennen, sagte ich widerstrebend transzendental), ich hatte auch niemanden, mit dem ich darüber hätte sprechen können. Mein Umfeld signalisierte mir rasch, dass sie das komisch fänden, und so habe ich mich nur einmal darüber ausgetauscht. Ein Mitbewohner meditierte mit mir gemeinsam, das war gut. Manchmal traf ich auf Menschen, die mir von ‚Übungen‘ erzählten, von ‚Methoden‘, das klang oft leer, technisch, ohne echte Erfahrung. Diese Gespräche habe ich dann wiederum vermieden. Und so habe ich letztlich nie wirklich über Meditation gesprochen.

Hier in Auroville ist das anders. Meditation ist hier normal. Es wird nicht viel darüber gesprochen, aber es gibt ein gemeinsames Verständnis, dass das gut ist. Wenn man erzählt, dass man gerade aus einer guten Meditation kommt, wird man mit einem Lächeln empfangen. Mir gefällt, dass viele die Meditation in Aurobindo, und in den Veden, also der Wurzel des Hinduismus und Buddhismus, verorten.

Vergangene Woche kam eine Frau in das Center-Guesthaus, die wie aus einer anderen Welt zu kommen schien. Sie hatte eine unglaublich starke Ausstrahlung. Und obgleich ich eigentlich recht schüchtern bin, habe ich mich sehr frech an ihren Tisch gesetzt. Das Licht in ihr zog mich an – Namaste. Die nächsten Tage sprachen wir öfter.

Sie war sehr präsent, sprach fast ein wenig selig von ihrem spirituellen Weg der letzten 10 Jahre und den Zweifeln, von Meditation, ihren Seminaren, ihrer Kunst. Das war so leicht und authentisch, aufrichtig und strahlend, dass ich mich dieser Magie nicht entziehen konnte. Nach einigen Tagen erzählte sie, dass sie gerade aus einem einmonatigen Seminar gekommen sei, das im Wesentlichen aus Schweigen und Meditation bestand. Kein Wunder, dass sie diese Ausstrahlung hatte, obgleich ich mir sicher bin, dass sie die auch vorher hatte und haben wird. Aber es war so konzentriert…

Eine Begegnung, die einen Wachstumsimpuls gab

Ich zwang mich, Distanz zu halten, und reagierte dennoch auf sie, sie merkte das und freute sich. Ich reagierte mit aktiven Träumen, mit eigenen Meditationen, und dem Impuls, allein schwimmen zu gehen. Der Strand war wundervoll, das Wasser ruhig. Ich wollte die Elemente spüren. Ich schwamm raus ins Meer, und war plötzlich von hunderten kleinen, springenden Fischen umgarnt, die mir auf den Kopf, in die Augen, in den Mund und auf die Nase sprangen. Ich lachte herzhaft – minutenlang. Ich hatte das Gefühl, mit dem Kosmos zu lachen. Es war eine zutiefst spirituelle Erfahrung. Zurück am Strand fiel mir ein Fisch aus den Haaren, ich brachte ihn dankbar zurück ins Wasser. Ich erzählte ihr danach kurz davon, sie lächelte und sagte: „Du hattest also eine Erfahrung reiner Präsenz, nice…“

Zwei Tage später habe ich in einer Meditation gesehen, warum ich in Auroville bin. Ich sehe anders, denke anders, bin intuitiver. Sehr vieles fühlt sich so richtig an – wann ich mir erlaube, die lokalen und globalen politischen Konflikte auf meine Handlungsspielräume zu reduzieren.

Sie sagte, sie sei aus dem einmonatigen Seminar gekommen, um das Licht zu teilen. Das ist natürlich Quatsch, oder?

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Schlafen https://readingdeleuzeinindia.org/de/schlafen/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/schlafen/#respond Sun, 20 Nov 2022 07:48:06 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2463 Morgen

Gestern bin ich eingeschlafen, mit der Erwartung früh aufzustehen und zu meditieren. Ich stellte den Wecker auf 6 Uhr. Am Abend erzählt mir eine französische Yogalehrerin und Bergführerin von den frühen Morgenstunden in Indien, das sie die besten seien für die Meditation – das sie gut für Ryas sein wusste ich ja schon. Sie erzählte […]]]>
Morgen

Gestern bin ich eingeschlafen, mit der Erwartung früh aufzustehen und zu meditieren. Ich stellte den Wecker auf 6 Uhr. Am Abend erzählt mir eine französische Yogalehrerin und Bergführerin von den frühen Morgenstunden in Indien, das sie die besten seien für die Meditation – das sie gut für Ryas sein wusste ich ja schon. Sie erzählte auch von den morgendlichen Gesängen in den Städten, ich erinnerte mich an die Mantragesänge in den Tempeln.

Ich wachte um 5:30 Uhr auf, Tempelgesänge waren in der Ferne zu hören, nein es war kein Traum. Ich folge ihnen, lief in der Dunkelheit quer durch die Landschaft, und an einen Ort, wo sonntags um 6 Uhr morgens schon die Wege geputzt wurden. Die Frauen wuschen Wäsche, putzten, kümmerten sich um die Tiere, obgleich die Ziegen und Kühe noch zu schlafen schienen – in den Vorhöfen der kleinen Hütten. Die Männer waren im Tempel. Dort tönte ein Lautsprecher, der über Kilometer weit zu hören war. Ich begrüßte die Götter und ging zurück.

Auf dem Rückweg kam ich an einer Grabstätte aus der Eisenzeit vorbei. Die Megalithe sind 2500 Jahre alt. 60 Hektar groß ist die Grabstätte, auf der Auroville erbaut wurde.

Ich frühstückte und ging zu Bett. Ein wunderbarer Schlaf empfing mich, und ich träumte von Auroville. Ich war nun auch im Traum hier angekommen. Es sind diese Übergänge zwischen Wach- und Schlafzuständen, in denen das Bewusstsein lediglich seinen Zustand ändert, aber eigentlich doch in einem Kontinuum bleibt, die für mich das höchste Glück sind.

Es gibt ja so viele Arten des Schlafes:

 

  • Schlaf der Erschöpfung, wenn der Körper sein Recht auf Erholung fordert.
  • Schlaf der Erholung z. B. mittags und die Konzentration zu steigern und das getane zu verarbeiten
  • Gemeinsamer Schlaf, nach einer schönen Begegnung der Körper.
  • Wacher Schlaf, in dem das Selbst bloß in einem anderen Zustand weiter bewusst ist.
  • Täglicher Schlaf der Gewohnheit, der der Müdigkeit folgt.
  • Schlaf beim Reisen, im Zug, Auto, Flugzeug, auf dem Bahnhof oder einer Parkbank. Ein Moment der Ruhe und des Verweilens, während sich der Körper bewegt.
  • Schlaf des Rausches, wenn die Sinne verwirrt sind und das Selbst sich verliert, trunken assoziiert und leidet.
  • Schlaf im Seminar oder in der Schule, in dem ich noch immer weiter der Lehrer:in zuhöre. Irgendetwas mitbekomme aber nun mit einem ganz starken Filter, weil die Wissensaufnahme von Fakten seine Kapazitätsgrenze erfahren hat.
  • Schlaf des Schlaflosen, wenn Schlaf unmöglich zu sein scheint, und bloß kleine Momente der Erschöpfung einen unruhigen Kurzschlaf einfordern. Der Schlaf der Nervösen… Das kann auch sehr ungesund sein, und hier wäre vielleicht Hilfe angesagt.
  • Schlaf im Wald oder unter dem Sternenhimmel, wo das Bewusstsein sich weitet und sich fast gänzlich dem Alltag entzieht.

Sicher ließe sich die Liste noch fortsetzen, der Punkt scheint aber klar. Der Schlaf ist ein ganz besonderer Bewusstseinszustand. Er ist nicht nur durch das Erinnern an Träumer erfahrbar, sondern ein Zwischenzustand des Bewusstseins, in dem das Selbst andere Sphären des Bewusstseins aufsucht, um sich zu regenerieren, zu sortieren, zu lernen, zu verarbeiten, zu sehen…

Einige dieser Erfahrung nennen wir allgemein Traum, sie sind aber viel komplexer. Ich schlafe gerne und viel, und fühle mich nicht schuldig. Schlafen ist zentraler Teil meiner Existenz. Ich verstehe überhaupt nicht, wenn Menschen versuchen weniger zu schlafen. Sie berauben sich vieler wunderbarer Erkenntnisformen.

In der Prashna-Upanischad (p.32) wird davon gesprochen. „Wenn ein Mensch schläft, wer schläft da?“

Vor allem aber in der Mandukya Upanishad. in: Aurobindo Vol 18 p.193ff. (von Aurobindo unveröffentlicht)

Schön ist auch der Vergleich von 10 verschiedenen Übersetzungen in Englische:
„Mandukya Upanishad“. Zugegriffen 28. November 2022. https://realization.org/p/namedoc/upanishads/mandukya/mandukya.html.

Hier ein Ausschnitt aus Aurobindos Übersetzung:

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Leere https://readingdeleuzeinindia.org/de/leere/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/leere/#respond Fri, 04 Nov 2022 03:25:45 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2267

Seit vielen Jahren schon ist mein Geist die meiste Zeit von Leer erfüllt. Auch mein Gedächtnis ist nicht gut und oft wiederhole ich Wörter oder Sätze in meinem Geist, ohne zu wissen warum. Oftmals sind es einfach Erfahrung in einem Wort in einer Endlosschleife, gewissermaßen wie ein Mantra. Mich hat das lange Zeit sehr beunruhigt. […]]]>

Seit vielen Jahren schon ist mein Geist die meiste Zeit von Leer erfüllt. Auch mein Gedächtnis ist nicht gut und oft wiederhole ich Wörter oder Sätze in meinem Geist, ohne zu wissen warum. Oftmals sind es einfach Erfahrung in einem Wort in einer Endlosschleife, gewissermaßen wie ein Mantra.

Mich hat das lange Zeit sehr beunruhigt. Ich habe versucht, Entschuldigungen und Rechtfertigungen dafür zu finden. Z.B., dass ich viel geistig gearbeitet habe und mein Geist einfach erschöpft ist, bis hin zu einem Burn-out. Ich habe mir gesagt, dass mein Gedächtnis nicht richtig oder anders funktioniert, weil ich in drei Sprachen lebe, denke, fühle, erfahre. Wie speichern wir Erfahrungen, Gedanke, Wissen in unseren Geist? Wenn ich etwas in einer Sprach erfahre, lerne, erkenne, kann ich es dann in einer anderen Sprache abrufen – ohne Unterschied? Und wenn mein Geist ein Wort wiederholt, 20, 30 mal, weil er quasi über etwas stolpert, es nicht ganz einordnen oder begreifen kann, ist es dann, weil der Geist langsamer wird, verwirrt ist?

Vor allem aber wusste ich nicht, wie ich die Leere in meinem Geist einordnen sollte. Ich dachte immer, es wäre erstrebenswert, wenn der Geist ständig aktiv wäre, produktiv, umtriebig. In die Welt zu schauen und sie als solche wahrzunehmen, erschien mir unproduktiv, faul. Ich habe das als Pausen gerechtfertigt, als Kräfte sammeln und zur Ruhe kommen, um dann wieder produktiv zu sein. Lässt sich das irgendwie steigern, fragte ich mich.

Unbehagen

Ich fühle also seit vielen Jahren ein Unbehagen in meinem Geist. Diese Leere und das mantrahafte Wiederholen von Wörtern, das Suchen von Informationen im sprachverwirrten Gedächtnis, all das scheint mir nun ein Hinweis gewesen zu sein, dass die gesellschaftlich geforderte Produktivität mir Unbehagen bereitet. Es ist, als ob sich in meinem Geist etwas regt, das sich diesem falschen Bewusstsein entzieht. Lange fühlte es sich wie eine Schwäche an, wie ein Versagen. Mein gesellschaftlich konditioniertes Selbst verurteile diese Momente. Etwas schien nicht auf Maximalperformance zu laufen.

Jetzt wird mir klar, dass hier etwas zu Vorschein kommt, das sich nicht unterdrücken lässt. Es ist ein anderes Bewusstsein. Ein Bewusstsein eines anderen Zusammenhangs, kontemplativ, meditativ, spirituell, sehend. Es ist ein Bewusstsein, das sich dem Alltag entzieht, das Selbst hinter sich lässt, die konstruierte Biografie als solche abstreift. Es ist ganz natürlich, dass die Zugriffsmechanismen des Geistes auf die eigene Erinnerung dann nicht mehr funktioniert. Der Geist will ja genau dies nicht mehr tun, und wenn ich ihn zwingen will, sträubt er sich und ermüdet. Dieses andere Bewusstsein, ein wacheres, selbstloses, sehendes möchte in meinem Fall seit vielen Jahren nach Indien. Es möchte nach Hause.

Heimweh

Etwas in mir hatte Heimweh. Nun es ist hier in Indien. Alles fühlt sich eigenartig vertraut an. Die Klänge und Gerüche an sich fremd, die Tatsache ihrer Existenz nicht. Die Menschen um mich herum (nicht die Touristen) tun, was sie tun müssen, mit einer großen Gelassenheit, alles scheint sich in einem organischen Fluss zu befinden. Namaste.

Synthese

Ich habe lang gebraucht, diesen Schritt zu tun, mir all dies einzugestehen. Dies geschieht hier auf einer anderen Ebene, nicht durch eine intellektuelle kritische Haltung gegenüber der Gesellschaft – das habe ich Jahrzehnte lang kultiviert – sondern um eine geistig spirituelle Einsicht, um Heimkehr.

Gestern habe ich ein Seminar besucht zur Rezitation und Interpretation von Rigveda Mantras. Vom Sanskrit Original ausgehend, wurden verschieden Übersetzungen von Sri Aurobindo verglichen. Ich hatte diese intellektuelle Strenge nicht erwartet, und es hat mir die Augen geöffnet, wie wichtig es ist, in die Quelltexte einzusteigen. Diese Mantras fühlen sich an, als ob ich sie vor sehr langer Zeit oft gesungen hätte. Mir geht das bei einiger gregorianischer und byzantinischer Musik auch so, ebenso wie bei Ragas, jüdischen Chansons, und Simon and Garfunkel…

Blickrichtung

Ich frage mich natürlich, ob diese Rückschau wirklich die Antwort ist auf die globalen Herausforderungen. Ich denke in vielerlei Hinsicht schon. Wenn wir wirklich etwas ändern wollen, so ist ein Nachdenken über einen Status quo falsch. Klimaziele an einem Jahr in der Vergangenheit festzumachen ist falsch (obgleich das ein richtiger und pragmatischer erster Schritt ist), ebenso lässt sich Frieden nicht am Aufrechterhalten von Landesgrenzen festmachen (wenngleich ein aggressiv Überschreiten natürlich falsch ist).

Viel grundlegender, und eigentlich wichtiger, ist doch das warum. Wie sehen wir die Zukunft der Menschheit? Und das kann doch eigentlich nur heißen, dass wir die Pluralität und Buntheit der Menschen sich entfalten lassen, im Einklang mit unserer Umwelt. Und diese Antriebskraft, die uns selbst entfalten lässt, ist doch nicht ein Status quo, das kann kein Wohlstand sein und auch nicht das Kapital.

Wir müssen weg von der materialistischen und ökonomischen Denkweise, die wir seit der Aufklärung missverstehen. Ich habe Jahre damit verbracht, mir selbst beizubringen, dass mein Geist nicht existiert und nur ein illusorisches Nebenprodukt eines neurochemischen Prozesses ist, den ich nicht verstehe. Ich habe Jahrzehnte damit verbracht, Kunst als einen theoretischen Diskurs zu verstehen, der die Prinzipien der Wahrnehmung reflektiert, und ich habe viel Zeit damit verbracht, soziale Prozesse als System zu verstehen, das der Logik von Informationsprozessen folgt. Ich frage wirklich, warum ich das getan habe?

Was war der Sinn und Zweck dahinter? Das einzige, was mir dazu einfällt, ist der Fortschritt der Wissenschaft und der Aufstieg des Informationszeitalters. Wir haben auf diesen reduktionistischen Denkprinzipien eine Welt aufgebaut, deren Resultat wir nun sehen. Es hat eine globale Elite erzeugt, die sich jedem Genuss hingeben kann und einen Großteil der Weltbevölkerung in bittere Armut gestürzt hat. Bezahlt hat das alles die Natur, die auf dem letzten Loch pfeift. Ich denke wirklich nicht, dass Diskussionen über Engeriespaarlampen uns hier herausbringen.

Globales Bewusstsein

Wir müssen anfangen, darüber nachzudenken, was wir hier tun. Es steht eine gewaltige Aufgabe vor uns, an einem globalen Bewusstsein zu arbeiten. Wir müssen alle Ressourcen, die wir haben, dafür aktivieren. Ich denke, das ist vielleicht ein Grund, warum fundamentalistische Positionen wieder erstarken. Sie werden reaktiviert, um ihren Kern zu verstehen. Dass dies von Macht missbraucht wird, überrascht dabei nicht sehr. Wir können das aber nur durch Dialog synthetisieren. Mauern zu bauen, um einen Status quo zu festigen, ist der völlig falsche Ansatz.

Es ist die Leere im Geist, die Raum schafft dem anderen zu begegnen, wenn wir das Selbst hinter uns lassen, wird Vielfalt in Einheit möglich.

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OM Chor https://readingdeleuzeinindia.org/de/om-chor/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/om-chor/#respond Tue, 18 Oct 2022 14:47:49 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2096

Heute war ich in einer Chorstunde. Was da passiert ist, war eine sehr intensive gemeinsame Erfahrung. Ich versuche das mal so sachlich wie möglich zu beschreiben. Wir (ca. 60 Teilnehmende) haben mit Atemübungen angefangen, die Stimmbänder ‚aufgewärmt‘, vierstimmige Akkorde angestimmt und die Tonhöhe skaliert. Der Chorleiter hat uns darauf hingewiesen, dass wir nicht zufällig hier […]]]>

Heute war ich in einer Chorstunde. Was da passiert ist, war eine sehr intensive gemeinsame Erfahrung. Ich versuche das mal so sachlich wie möglich zu beschreiben. Wir (ca. 60 Teilnehmende) haben mit Atemübungen angefangen, die Stimmbänder ‚aufgewärmt‘, vierstimmige Akkorde angestimmt und die Tonhöhe skaliert. Der Chorleiter hat uns darauf hingewiesen, dass wir nicht zufällig hier seien. In Auroville seien wir, weil uns etwas hierhin gezogen hat. Ich denke die meisten im Raum haben verstanden, was er meinte, für andere mag das etwas schwer nachvollziehbar sein. Es ist ein bisschen so wie wenn wir an etwas Gefallen finden, das anderen nicht gefällt. Viele können das gar nicht nachvollziehen, einige begegnen dem mit Toleranz und nur ganz wenige können sich so in den anderen hineinversetzen, dass das andere Gefallen nachvollziehbar wird. Doch eigentlich ist es nur dann verständlich, wenn wir das Gefallen teilen.

Es gab also einen gewissen Konsens: Wir alle sind irgendwie nach Auroville gekommen, weil wir eben hier sein wollen. Viele teilen eine spirituelle Offenheit.

OM

Der Chorleiter also erinnerte uns daran. Nachdem wir nun die Stimme aufgewärmt haben, das Zwerchfell und den Bauchmuskel entdeckt und die Grundprinzipien der Atemtechnik ausprobiert haben, und uns daran erinnert haben, warum wir da sind, begann der eigentliche Teil. OM im Chor singen, dreimal sitzend und einmal stehend. Die Anleitung? Das eigene Ich draußen lassen, sich nicht peinlich berührt fühlen, eine kurze Zeit gemeinsam in Stille sitzen (ca. 1 Minute) und darauf warten, dass jemand mit einem Ton anfängt. Was sich daraus entwickelt hat, war unbeschreiblich. Eine komplexe Harmonik, mit mikrotonalen Verschiebungen, die immer wieder polyphones Umkreisen von Harmoniezentren zuließ. Es war ein gemeinsames Singen, das zu EINER hochkomplexen Stimme verschmolz. Es war zutiefst meditativ, und gleichzeitig aktivierend.

Die spirituellen Obertöne dieses Singens sind der Gedanke, dass wir alle dasselbe sind, und diese Einheit des Seins im Sinne der Upanischaden manifestiert sich im Brahman. Weiter hoch die Obertonleiter der Spiritualität, das Erklingen einer Musik, die es vorher noch nicht gab, keine Komposition, keine individuelle oder kollektive Improvisation, sondern ein Klang, der die Teilnehmenden nur als Medium verwendet. Der Klang selbst, die Klangwellen, so noch weiter hoch die spirituelle Obertonleiter, ist eine Harmonie, die sich auch in Texten bei Sri Aurobindo fände. Spätestens hier fällt es mir dann auch schwer, da noch nachzukommen. Aber wer weiß, vielleicht ist das ein Atman des Brahman, ein Avatar, der hier spricht, das Supramental, das sich manifestiert. Wieso eigentlich nicht? Besser als die Vorstellung, dass das Geld die Welt regiert, ist das allemal 🙂

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Meditationsnotizen – 6.10.22 Matrimandir https://readingdeleuzeinindia.org/de/matrimandir/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/matrimandir/#respond Thu, 06 Oct 2022 04:03:25 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2070

Heute war ich nun zum ersten Mal im Matrimandir. Vor 6 Jahren hatte ich mal eine Führung, das ist eine Voraussetzung später allein hinzugehen. Es ist auch sinnvoll eine grobe Orientierung zu haben, was für ein Ort das ist, wie man sich dort verhält, was andere stören würde. Während meinen Montagsmeditationen im Zen-Kreis Bremen wurde […]]]>

Heute war ich nun zum ersten Mal im Matrimandir. Vor 6 Jahren hatte ich mal eine Führung, das ist eine Voraussetzung später allein hinzugehen. Es ist auch sinnvoll eine grobe Orientierung zu haben, was für ein Ort das ist, wie man sich dort verhält, was andere stören würde.

Während meinen Montagsmeditationen im Zen-Kreis Bremen wurde ich oft hierhin getragen. Es war ein Ort der Ruhe und Kraft. Manchmal schien es, als wollte dies mir etwas sagen. Nun, es hat mich sicherlich nicht davon abgehalten, nach Auroville zu kommen.

Es hat verschiedene Anläufe gebraucht, in die innere Kammer des Matrimandir zu kommen. Ich bin kein Freund davon den eigenen Willen durchzusetzen und so nehme ich kleine Hinweise auf ein Warten oder das Üben von Geduld ernst. Andere würden sich vielleicht über diese kleinen Hindernisse hinwegsetzen, aber dafür entwickeln sie eine eigene Logik. Wenn ich die ersten stürmischen Impulse in mir durch kleine Warnungen anderer zur Ruhe kommen lasse, indem ich eben ein anderes Mal wiederkomme, so werde ich ein anderes Mal eingeladen einzutreten, alle bürokratischen Hindernisse zu umgehen und einfach meinem inzwischen wesentlich ruhigeren und konzentrierten Impuls zu folgen. Ich wurde heute also ins Matrimandir eingeladen, trotz Regen.

Meditieren

Ein großer Teil dessen, was während einer Meditation passiert, ist eigentlich nicht so schwierig: die Gedanken zur Ruhe bringen, den Kopf aufräumen, das Bewusstsein öffnen, atmen und zu spüren, dass die eigene Existenz Teil des gesamten ist. Das Ego hinter sich lassen, und dem Bewusstsein Raum geben, um sich mit anderem Bewusstsein zu verbinden. Festhalten am Wunder des Lebens, und aufgehen im reinen Selbst. Angekommen im Zustand des vereinten Selbst können sich die Gedanken ganz neu ausrichten, in Windeseile entstehen Verknüpfungen und Einsichten von Weltzusammenhängen, die sich mir sonst nur schwierig erschließen. Es ist ein wenig wie schreiben, nur eben nicht als subjektiver Ausdruck, sondern als transzendente Erfahrung.

Das mag nun für einige ein wenig merkwürdig klingen. Ich kann aber nur empfehlen das mal auszuprobieren. Manche berauschen sich an Sport oder Getränken, andere an Lust und Medienmarathons. Warum nicht mal ein bisschen Ruhe im Kopf? Unser Bewusstsein ist das Faszinierendste, was wir haben, es ist das einzige, das zählt, und es ist in den Alltagsmühlen doch recht eingeengt.

Das Matrimandir ist ein Ort, der diese Prozesse unterstützt. Viele haben davon gesprochen, wie stark dieser Ort sei. Ich habe da immer ein wenig gelächelt. Lächeln ist nicht falsch, nun lächele ich aber ein wenig anders.

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It takes a village https://readingdeleuzeinindia.org/de/it-takes-a-village/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/it-takes-a-village/#respond Mon, 15 Aug 2022 09:25:25 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1504

Ich sitze in einem Café in Frankreich. Um mich herum ein reges Geplapper. Heute Morgen war ich ‚im Internet‘. Wie unterschiedlich diese Erfahrungen sind.  Nun lassen sich Birnen schlecht mit Äpfeln vergleichen, und doch tun wir dies oft. Arbeiten im Büro und Homeoffice z. B. sind sich ähnlich, Gemeinschaft suchen auf sozialen Netzen oder im […]]]>

Ich sitze in einem Café in Frankreich. Um mich herum ein reges Geplapper. Heute Morgen war ich ‚im Internet‘. Wie unterschiedlich diese Erfahrungen sind.  Nun lassen sich Birnen schlecht mit Äpfeln vergleichen, und doch tun wir dies oft. Arbeiten im Büro und Homeoffice z. B. sind sich ähnlich, Gemeinschaft suchen auf sozialen Netzen oder im Café z. B., Lesen in der Bibliothek oder Recherchieren im Internet. Das sind Äpfel und Birnen, ähnlich und doch kategorial verschieden. Im Internet sind wir letztlich jedoch alleine. Wir können virtuell interagieren, unser Bild, unsere Bewegung und unsere Stimme können mitgeteilt werden, physisch jedoch sind wir getrennt. Das wird auch das Metavers nicht grundsätzlich ändern, und hier stieß auch die Matrix an ihre Grenzen.

Heute Morgen habe ich aber über Adrenalin nachgedacht. Wie unterschiedlich sich das ‚alleine‘ vor dem Bildschirm oder in einem Café anfühlt. In einem Raum mit Mitmenschen transformiert sich dieses Gefühl von Stress und Angst in Aufregung. Ich frage mich, ob sich aus dieser Beobachtung etwas ableiten lässt. Was heißt es einsam oder gemeinsam im virtuellen oder realen Raum zu sein?

‚A soul at work‘ ist der Titel eines Buches von Agamben. Wir sind dem Netz bloß anhängig, füttern es und die kommerzielle Wertschöpfung erfolgt bei den großen Techunternehmen und politischen Demagogen. Sind wir emotional und hormonell nicht noch in der Steinzeit? Können wir unsere Biochemie kognitiv wirklich ändern? Wie lässt von hier aus Foucaults Begriff der Biopolitik neu verstehen?

Zwar können wir unsere Gefühle auch durch Meditation leiten, transformieren und verstehen, aber diese Einsamkeit der Meditation ist getragen in einem größeren Bewusstsein, sie ist etwas anderes als das Ausgeliefertsein gegenüber eines Bildschirms. Eigentlich geht es doch bei der Medienkunst um diese grundsätzliche Erfahrung. Die ästhetische Erfahrung in den Kunsttempeln gibt uns den sozialen Raum, innerhalb dessen wir uns auf die Potenziale und Irritationen des Digitalen, Virtuellen, Telematischen, Kollektiven und Vereinzelten einlassen können.

It takes a village: Die Gemeinschaft, die Interaktion mit Kindern, das Teilen eines sozialen Raums – diese sind Korrektive für unseren Hormonhaushalt.

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Zeit https://readingdeleuzeinindia.org/de/zeit/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/zeit/#respond Thu, 04 Aug 2022 09:01:46 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1208

Cézanne zeichnete und malte den Mont St. Victoire über 80 mal. Zwar aus verschiedenen Perspektive, jedoch im wesentlichen einfach den Berg. Dieser Berg ist schon sehr lange dort, er existiert in einer anderen Zeit. Die Fruchtfliege hat einen Tag zu leben, dann ist alles vorbei. Wir denken, wenn wir unseren Zeithorizont erweitern, in Generationen. Ein […]]]>

Cézanne zeichnete und malte den Mont St. Victoire über 80 mal. Zwar aus verschiedenen Perspektive, jedoch im wesentlichen einfach den Berg. Dieser Berg ist schon sehr lange dort, er existiert in einer anderen Zeit. Die Fruchtfliege hat einen Tag zu leben, dann ist alles vorbei. Wir denken, wenn wir unseren Zeithorizont erweitern, in Generationen. Ein paar Hundert Jahre erscheint uns viel, vor 5000 Jahren fing unsere Kulturgeschichte an. Für einen Berg ist das quasi gestern. Was sehen wir, wenn wir dasselbe Objekt zu verschiedenen Tageszeiten, Jahreszeiten, in verschiedenen Stimmungen und aus verschiedenen Perspektiven sehen? Uns selbst, die Wahrnehmung eines Anderen? Doch niemals den Berg selbst in seinem Dasein.

Wir kennen den Moment, ein Leben, eine Epoche, wir denken über Paläontologie, geologische Zeit und kosmische Zeiten oder Chrononen nach. Wie setzen wir uns dazu in Beziehen? Wie kann unsere Vorstellungskraft diese Zeitschichten erreichen? Mehr noch, warum erforschen wir die Vergangenheit und imaginieren die Zukunft? Die Synthese meiner erlebten Vergangenheit und meiner erwarteten Zukunft prägt das jetzt. Nur in dieser Verschränkung von Zeit erleben wir uns als Individuum. Wenn wir uns aber auf den Augenblick konzentrieren – das reine Jetzt – und in einer Meditation unser Ich verlieren, überwinden wir es und sind nun ganz präsent.

Es ist diese kontemplative Erfahrung von Zeit, wenn wir die Sterne anschauen, oder den Wellen oder Grillen zuhören, die Erfahrung, dass unser Bewusstsein immer auch Teil von anderer Zeit als des Jetzt ist.

 

 

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Viele ichs https://readingdeleuzeinindia.org/de/die-vielen-ichs-sri-aurobindo-ueber-die-illusion-der-identitaet/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/die-vielen-ichs-sri-aurobindo-ueber-die-illusion-der-identitaet/#respond Fri, 08 Jul 2022 13:36:11 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=799

Heute habe ich ein Zitat von Sri Aurobindo gehört. Er sagte sinngemäß, dass jeder von uns mehrere Ichs hat. Das war mir klar. Seit Jahrzehnten ist das meine Erfahrung, dass die unterschiedlichen Aspekte einer Persönlichkeit viele sind und die Vorstellung einer subjektiven Identität eine Konstruktion ist. Ich sah die Konstruktionsprinzipien immer als ideologisch an, die […]]]>

Heute habe ich ein Zitat von Sri Aurobindo gehört. Er sagte sinngemäß, dass jeder von uns mehrere Ichs hat. Das war mir klar. Seit Jahrzehnten ist das meine Erfahrung, dass die unterschiedlichen Aspekte einer Persönlichkeit viele sind und die Vorstellung einer subjektiven Identität eine Konstruktion ist. Ich sah die Konstruktionsprinzipien immer als ideologisch an, die der Logik von Reisepässen, individueller Verantwortung und Rechtssprechung, aber auch von Schuld und Sühne, der Idee einer Seele im christlichen Kontext etc. dient.

Meine Reaktion war immer, mich gegen dieses Konstruktionsprinzip von Individualität zu wehren. Aurobindo sagt nun, dass gerade dann, wenn Mensch das Gefühlt hat viele Aspekte, viele Ichs in sich zu haben, die Aufgabe der Sortierung schwierig ist. Manche Menschen leben in ihren Bahnen und haben einen Weg gefunden, die Widersprüche irgendwie zu vereinen. Andere haben so viele Ichs in sich, dass ein Ordnen schwierig ist. Wie soll dieses Ordnen auch gehen?

Neu ist für mich ist der Gedanke, dass die vielen Ichs um etwas herum geordnet werden können, das größer und anders ist. Ein größeres Bewusstsein. Für viele ist das vielleicht ein göttliches Bewusstsein. Für Deleuze vielleicht Immanenz. Sich selbst nicht mehr als Selbst zu verstehen, sondern als Teil… 5 Jahre Philosophiestudium, die es für mich hier zu überwinden gilt. Und 20 Jahre Kunsttheorie, die das Individuum ins Zentrum stellt.

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