Körper Archive - New Spirits - Reading Deleuze in India Bewusstsein existiert nur in Verbindung mit anderem Bewusstsein Tue, 30 Jun 2026 13:36:40 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://readingdeleuzeinindia.org/wp-content/uploads/2022/06/cropped-small_IMG_6014-32x32.jpeg Körper Archive - New Spirits - Reading Deleuze in India 32 32 Die Radikalität des Jetzt https://readingdeleuzeinindia.org/de/die-radikalitaet-des-jetzt/ Wed, 03 Jun 2026 14:41:01 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5737

Wir leben ja nur im Moment. Oftmals klingt das wie ein Vorwurf. Du sollst nicht nur im Moment leben, denk an die Zukunft, sei dir deiner Verantwortung bewusst. Das Leben im Moment gilt in vielen modernen Gesellschaften als eine Träumerei, als unproduktiv und eskapistisch. Für diejenigen, die Zeit haben, über das bloße Überleben in einer kapitalistischen oder sozialistischen oder wie auch immer gearteten Ökonomie hinaus noch etwas Zeit für sich aufzubringen, scheint die große Antriebsfeder zu sein, etwas zu hinterlassen:…

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Wir leben ja nur im Moment. Oftmals klingt das wie ein Vorwurf. Du sollst nicht nur im Moment leben, denk an die Zukunft, sei dir deiner Verantwortung bewusst. Das Leben im Moment gilt in vielen modernen Gesellschaften als eine Träumerei, als unproduktiv und eskapistisch.

Für diejenigen, die Zeit haben, über das bloße Überleben in einer kapitalistischen oder sozialistischen oder wie auch immer gearteten Ökonomie hinaus noch etwas Zeit für sich aufzubringen, scheint die große Antriebsfeder zu sein, etwas zu hinterlassen: Dokumente des Erfolges, Einträge in Bibliotheken oder Eingravierungen auf öffentlichen Oberflächen. Doch wenn wir ehrlich sind, ist selbst von den sieben Weltwundern nicht viel übrig geblieben. Dieses Verlangen, eine Spur in der Geschichte zu hinterlassen, dient nicht der Entfaltung des eigenen Lebens, sondern der Produktivität eines Systems, das wir als politisch oder kulturell begreifen können. Es dient einem Fortschritt, der das individuelle Selbst, seine Seele, seine Lebensenergie und spirituelle Tiefe auf seine Arbeitskraft oder Kreativität reduziert.

Das Leben im Moment, dem Jetzt, eröffnet Räume der Existenz, die sich der Produktivität widersetzen, und ist somit radikal. Diese Radikalität erfahren viele in Glücksmomenten, wenn die Zeit stillsteht, das Gegenüber zum Zentrum der Aufmerksamkeit wird oder die erhabene Natur unsere eigene Existenz zur Resonanz bringt. Diese Radikalität, die oftmals das Potenzial zur Transformation hat und uns dazu bewegt, etwas zu ändern, legt eine Energie frei, die die Systeme unserer Gesellschaften entweder als Bedrohung verstehen oder zu kapitalisieren versuchen.

Ich sitze in einem Meditationszentrum und frage mich einige Male am Tage, was ich hier tue. Ich bin nicht produktiv … Ich helfe ein bisschen im Alltag, so wie alle hier, und in meiner freien Zeit arbeite ich wenig, d. h., ich tue Dinge für andere Menschen. In der Zeit hingegen, die ich mir nehme, bin ich bei mir selbst, bei jener Stille und Leere, in der das Nichts und das Sein im ständigen Spiel sind. Jenes Spiel, das unsere Existenz bestimmt, dessen Genuss der Seele vorbehalten ist und das im Ganzen als Schöpfung erfahren wird.

Und doch ist es ja gerade diese Schöpfung, die nur im Moment existiert. Nur dadurch, dass ich sie erfahre, existiert sie überhaupt. Ich möchte hier nicht in die Falle des Solipsismus treten. Vieles, was außerhalb meiner Wahrnehmung in diesem Moment existiert, ist schlüssig. Die Welt des Makrokosmos spiegelt jedoch nur den Mikrokosmos. Die tiefe Einsicht großer Lehren ist, dass beide Kosmen, der Mikro- und der Makrokosmos, das Draußen und Drinnen, identisch sind.

Wir haben das vergessen. Wir denken, dass es so viel da draußen gibt, das ich nicht weiß, und dass so viel von dem, was ich erfahre, nicht real ist. Dieser Zwiespalt, dieser Missklang definiert unsere globale Situation als Menschheit, und es wird wenig getan, das zu harmonisieren. Leibniz sprach von einer prästabilisierten Harmonie, Spinoza von Immanenz. In der Meditation geht es manchmal auch um die Erfahrung dessen: nicht als philosophische Einsicht, sondern als echtes Sein im Moment.

Denn nur in der Erfahrung des Moments, der Erfahrung der eigenen Existenz als innere Erfahrung und als Existenz im Jetzt, werden diese tiefen Widersprüche des Seins harmonisiert. Das Leben im Moment wird zur Erfahrung der Existenz; ein Eintrag in die Geschichtsbücher ist dafür nicht notwendig.

„The nonexistent did not exist, nor did the existent exist at that time. There existed neither the airy space nor heaven beyond.

What moved back and forth? From where and in whose protection? Did water exist, a deep depth?

Death did not exist nor deathlessness then. There existed no sign of night nor of day.

That One breathed without wind by its independent will. There existed nothing else beyond that.“

Rigveda X.129, Creation

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Verteidigen – Reagieren – Vereinigen https://readingdeleuzeinindia.org/de/verteidigen-reagieren-vereinigen/ Thu, 25 Dec 2025 05:21:59 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5632

Manchmal reagiere ich seltsam. Jemand tut etwas Unerwartetes, eine Unsicherheit in mir wird erweckt. Wie ordne ich das ein und wie reagiere ich darauf, und was heißt hier dann reagieren? Es geht also um Erwartung, ein Sein in der Welt, das antizipiert. Die Zukunft gilt als vorhersehbar und wird auch als solche gesehen. Wenn ich dieses oder jenes tue, dann wird jemand vielleicht so oder anders reagieren. Nun geschieht es aber manchmal, dass die Reaktion des anderen anders ausfällt. Ich…

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Manchmal reagiere ich seltsam. Jemand tut etwas Unerwartetes, eine Unsicherheit in mir wird erweckt. Wie ordne ich das ein und wie reagiere ich darauf, und was heißt hier dann reagieren? Es geht also um Erwartung, ein Sein in der Welt, das antizipiert. Die Zukunft gilt als vorhersehbar und wird auch als solche gesehen. Wenn ich dieses oder jenes tue, dann wird jemand vielleicht so oder anders reagieren. Nun geschieht es aber manchmal, dass die Reaktion des anderen anders ausfällt. Ich habe mich in meiner Erwartung geirrt, oder der andere hat etwas gespielt, oder die Interaktion ist geprägt gewesen durch etwas, das ihr vorausging und nicht transparent ist. Energien und Dynamiken haben sich vielleicht eingeschlichen, die meine Erwartung nicht wahrgenommen hat, die unbewusst oder verdrängt waren. Und so finden wir uns in einem Pool von verschiedenen bewussten und unbewussten Erinnerungen, Gefühlen, Einflüssen, Antizipationen und Einschätzungen.

Das kleine Ego

Das Ego reagiert, es fühlt sich missverstanden und wird impulsiv. Es versucht vielleicht auszuweichen und zu überspielen, oder es zieht sich zurück, etwas gekränkt, und fühlt sich unverstanden, oder es wird aktiv, versucht die Situation zu verändern, wird manipulativ oder aggressiv. In schweren Fällen passt es vielleicht sogar das Bild der Welt und das Selbstbild an, es kommt zu Verformungen, Umformungen, Verzerrungen, es bewegt sich dann raus aus dem Normativen.

All dies lässt sich als eine Verteidigung verstehen. Mein kleines Ego versucht, den vermeintlichen Angriff auf seine Antizipation zu verteidigen. Es wird reaktiv, reagiert kompensatorisch, restaurativ, manipulativ, konstruktiv. Eigentlich ist es ja ein Versuch, die Welt wieder in Ordnung zu bringen. Das wird von dem Anderen aber nicht so wahrgenommen, mein eigenes Handeln wird unverständlich für andere, ein Konflikt entsteht.

Ein Weg

Ich möchte den normativen Impulsen widerstehen und das Korrektive vermeiden. Denn was sich hier zeigt, ist erst einmal etwas unglaublich Starkes, Kreatives, Expressives, das unser Menschsein im Tiefsten berührt. Hinter meinem kleinen Ego ist ein Herz, eine Seele, ein Geist, eine Natur, die alle gemeinsam das Sein in meinem Körper und in dieser Zeit und an diesem Ort versuchen zu erfahren, zu synthetisieren. Einen ersten Schritt auf diesem Weg bezeichnen wir oft mit Sinnsuche, es ist jedoch weit mehr als das. Die Suche geht dem Finden voraus und manifestiert sich dann in einer Selbstverwirklichung und im Selbstausdruck bis hin zur Verschmelzung und Auflösung des Ego. Da darf man schon mal ein wenig reagieren und sich verteidigen. Nur ist es eben nicht sehr hilfreich, da es in der Regel Situationen nur verschärft. Es braucht da dann schnell eine ganz gute Fähigkeit, Konfliktstrategien einzubringen, um nicht in einen ernsteren Konflikt einzutreten.

Innere Arbeit

Die innere Arbeit findet an einer anderen Stelle statt: das Beobachten und Ausklingenlassen aller Impulse, die sich in meinem Bewusstsein vereinen, auch der unbewussten, die ihren Weg ins Bewusstsein erst finden dürfen. Das funktioniert ganz gut in der Meditation. Was bedeutet das aber für die zwischenmenschliche Interaktion? Pausen, Einfühlen, vor allem aber Offenheit und Authentizität, radikale Selbstwahrnehmung und objektive Fremdwahrnehmung. Die beiden letztgenannten sind in ihrer reinsten Form für sich genommen unmöglich und gelingen nur im Zusammenspiel mit einem Anderen. Dieser Andere kann entweder ein Lehrmeister sein oder ein geliebter Mensch. In der tantrischen Erfahrung ist dies das Gleiche.

Liebe

Ich sehe gerade zwei Schmetterlinge sich umtanzen im Garten, und ich sehe zwei Würmer sich verschlingend beim Kontakt. Die Ausdrucksformen sind schier unendlich, und wir als Menschen können uns auf den verschiedensten Ebenen vereinen. Das geht aber wahrlich nicht mit jedem. Solch tiefe Begegnungen sind selten. Für manchen wird sich das erst in einem anderen Leben realisieren.

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Die Begierde der Frucht https://readingdeleuzeinindia.org/de/die-begierde-der-frucht/ Sat, 23 Aug 2025 15:08:35 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5478

Ein Apfel, eine Erdbeere, eine Melone oder eine Maracuja, eine Banane oder Pflaume, eine Tomate oder Gurke, eine Bohne oder ein Korn, eine Kokosnuss und ein Granatapfel. Früchte wollen verzehrt werden, sie wollen Genuss bereiten, nähren und zuweilen auch berauschen. Sie schillern und vergären, verwesen und verströmen Düfte, sie fallen ins Auge, betören die Sinne, erzeugen Lust und Genuss. Sie sind ja nicht ganz zufällig so. Früchte spiegeln ein Verlangen derjenigen, die sie essen: Menschen, Pferde, Affen, Ameisen, Käfer, Vögel,…

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Ein Apfel, eine Erdbeere, eine Melone oder eine Maracuja, eine Banane oder Pflaume, eine Tomate oder Gurke, eine Bohne oder ein Korn, eine Kokosnuss und ein Granatapfel. Früchte wollen verzehrt werden, sie wollen Genuss bereiten, nähren und zuweilen auch berauschen. Sie schillern und vergären, verwesen und verströmen Düfte, sie fallen ins Auge, betören die Sinne, erzeugen Lust und Genuss.

Sie sind ja nicht ganz zufällig so. Früchte spiegeln ein Verlangen derjenigen, die sie essen: Menschen, Pferde, Affen, Ameisen, Käfer, Vögel, Fische, Igel, Hunde und Katzen, Schnecken, Spinnen, Schlangen, Fliegen, Giraffen und Papageien. Sie alle reagieren auf verschiedene Früchte. Manche Früchte haben eine harte Schale, manche sind ganz weich. Einige sind schwer und groß, andere klein und leicht. Manche sind süß oder sauer, bitter, oder salzig, riechen intensiv oder ganz zart, stinken oder betören.

Früchte wollen gegessen werden, so bewegen sie sich fort. Ein Apfel sagt: Nimm mich mit, eine Erdbeere will auf der Zunge zerfließen, eine Maracuja bietet sich dar in ihrer Wollust, Zartheit und Intensität, eine Kokosnuss will geknackt werden, geworfen und zerstoßen werden, um ihr Fleisch und den Saft als Erfrischung zum Laben darzubieten. Die Bohne hängt und wartet, das Korn verfängt sich im Pelz, die Tomate platzt frech in ihrer Röte, vernarbt, und schmiegt sich ein, die Hand, die sie greift.

Die Frucht und das Tier vereinen sich im Genuss, in Hingabe und in der Suche. Die Belohnung findet in der Ekstase des Verzehrs statt, die Frucht erreicht ihr Ziel, das Tier ist satt, die Ekstase und der Rausch flammen auf im Verzehr. Am Ende ist das Scheißen, die Pilze brechen auseinander, was sich nicht im Feuer der Lust den Sinnen als Reiz hingab.

Diesen Beeren, Steinfrüchten, Hülsenfrüchten, Scheinfrüchten und Karyopsen geht die Blüte voraus. Jenes Duft verströmende Reizorgan der Pflanze, das sich begehren und besamen lässt. Ihr Antlitz spricht, sie lacht und öffnet sich, sie reiht sich ein in den Reigen des Kranzes. Natur erreicht hier reine Form, Kunst und Schönheit, Konstruktion, Behausung und Ruheplatz. Natur sendet ein Signal, sie kommuniziert, sie agiert im Überfluss und Rausch.

Georges Bataille (1897-1962) las ich vor vielen Jahren und kam mir in Erinnerung, als ich dies schrieb. So ließe sich sagen, dass diese Früchte nicht bloß Nahrung sind, sondern Erscheinungen des Überflusses selbst, in denen Schönheit, Lust, Verfall und Exkrement untrennbar verschränkt sind. Wie Bataille es sah, will Natur im Rausch vergeudet werden, sie findet ihre Wahrheit in der Verschwendung, in Ekstase und Überschreitung. Jede Frucht, die wir genießen, trägt damit schon die Bewegung von Leben, Tod und Überschreitung in sich.

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Dakshinamurti https://readingdeleuzeinindia.org/de/dakshinamurti/ Wed, 17 Jul 2024 11:39:14 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4926

Ich wachte um 4 Uhr früh aus einem Alptraum auf. Ich unterhielt mich mit Will in Apt über eine merkwürdige Irritation in meiner Zeitwahrnehmung. Ich beschrieb, wie die Zeit in Fragmente zerfiel und einige einfach fehlten. Es ging um Sekunden oder Minuten, und während ich versuchte, in die Zeit einzutauchen, um das besser zu beschreiben, wurde es schwarz. Ich schrie um Hilfe, ich war blind und wachte auf. Es war wieder einer jener Träume, wo ich zu sterben schien. Sofort…

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Ich wachte um 4 Uhr früh aus einem Alptraum auf. Ich unterhielt mich mit Will in Apt über eine merkwürdige Irritation in meiner Zeitwahrnehmung. Ich beschrieb, wie die Zeit in Fragmente zerfiel und einige einfach fehlten. Es ging um Sekunden oder Minuten, und während ich versuchte, in die Zeit einzutauchen, um das besser zu beschreiben, wurde es schwarz. Ich schrie um Hilfe, ich war blind und wachte auf.

Es war wieder einer jener Träume, wo ich zu sterben schien. Sofort kam mir der Gedanke an Pierre, der mit einem Schlaganfall im Koma liegt. Fühlt sich das so an? Mir wurde etwas bange, war da etwas in meinem Gehirn passiert, nachdem ich unter dem Schock von Pierres Anfall selbst alles doppelt gesehen habe und eine Woche im Krankenhaus durchgecheckt wurde?

Es war 4 Uhr früh, die Stunde der Götter. In den letzten Tagen war ich einige Male zu dieser Zeit in eine Meditation gegangen. Und so tat ich das auch heute. Ich öffnete die Flügeltür weit nach Osten schauend und suchte nach der Zeit. Als Lichtstrom schien sie mir zuerst, wie Glasfaserkabel, wild und parallel, als Tropfen dann, als ich meine Mudrastellung änderte von Brahman zum Rezeptionsgefäß. Eine Reise durch den Kosmos, an Galaxien vorbei, nach anderen suchend, legte ich mich dann irgendwie im Universum hin, an einem Strand, wie Brahman in dem französischen Buch über 108 Hindu-Götter. Das bringt ja alles nichts, dachte ich. Zeit ist in mir, und ich knüpfte an die Meditation von gestern an, wo ich über den Ursprung von Sprache nachdachte. Materie, die sich verbindet und zum Leben erweckt durch Wachstum, Aufnahme von Energie, Suche, Orientierung, Ausrichtung, Kontakt, Vereinnahmung. Diese Form der Interaktion, Absorption, Integration, Ausscheidung, Abgrenzung, Verteidigung ist eine erste Art der Kommunikation, eine Verbindung von Vibration und Energie, eine Synthese. Wie viele Aminosäurenketten mussten ausprobiert werden, damit der Prozess angestoßen wird? Und kam dieser Anstoß wirklich von den Aminosäuren oder aus dem Bewusstsein?

Vibration

Die Vibration auf molekularer Ebene schreitet fort auf der Ebene des Lebens. Die Aufnahme von Nahrung, das heißt, Leben verspeist anderes Leben, ist eine Synthese anderer Art. Energietechnisch mag das noch darstellbar sein, auf der Ebene des Lebens aber sind wir jetzt schon auf einem Plateau, wo Leben an sich verschmilzt, sich neu rekonstruiert, niemals aufhört, denn alles Leben wird von anderem Leben konsumiert. Es sei denn, es verbrennt. Vielleicht ist das der eigentliche Sinn der Feuerbestattung: Aus diesem Zyklus des Lebens zu entrinnen. Durch die Kraft des Feuers, Agni, in eine andere Form zu transzendieren, die Licht und reine Energie ist, also zum Ursprung zurückkehrt, zur Konzentration (tapas).

Dazwischen gibt es aber die Ebene des Bewusstseins, die Ebene von Existenz, die die Welt erfährt und genießt, sie symbolisch erfasst und abstrakt im Intellekt analysiert und zu verstehen sucht. Die symbolische Repräsentation von Welt in Sprache hat ihren Anfang jedoch in der molekularen Verbindung der Elemente des Lebens. Hier fängt Kommunikation an. Erst wenn Bewusstsein eine Stufe der Wahrnehmung erreicht hat, die es erlaubt, die Grenze zwischen dem Eigenen und dem Anderen wahrzunehmen, macht symbolische Kommunikation Sinn.

Manas

Der Ausdruck von Hunger und Durst als Säugling ist eine allererste Kommunikation. Sie ist erfolgreich. Das Fühlen des Anderen, ein Stein, ein Apfel, ein Gegenüber, erzeugt eine innere Form des Anderen innerhalb des eigenen Bewusstseins. Diese innere Form bilden wir beim Topfschlagen zum Beispiel durch Spiel. Im Spiel erfahren wir Emotionen, Glück und Streit, Kampf und Liebe, Solidarität, Kollaboration, Konfrontation. Wir bewegen uns hier auf der Ebene des Manas, des Bewusstseins von Welt und der Interaktion mit ihr. Diese Ebene ist symbolisch organisiert und basiert auf Lautsprache. Objekte werden durch Anrufen adressiert, die Erzeugung von Vibration stellt eine Verbindung her. Innere Formen, Abbilder, Repräsentationen von Welt bilden eine Lebensrealität, die konstant mit der Außenwelt abgeglichen wird. Wenn es nicht mehr passt, kommt es zum Konflikt.

Buddhi

Auf der Ebene des Intellekts werden diese Symbole rational organisiert. Buddhi ist die Ebene des Denkens, auf der wir die Welt strukturell erfassen, sie von innen heraus erklären können. Wir entwickeln Wissenschaften und bauen Maschinen. Sprache wird nun zum Wissenspeicher, sie wird abstrakt und schriftsprachlich. Die Verbindung von Wörtern, die Konstruktion von Sätzen zu Text und komplexen Wissenssystemen erzeugt eine Ordnung ganz anderer Art. Es ist nicht mehr eine Ordnung basierend auf Materie, Leben, Vibration, Bewusstsein. Es ist die symbolische Ordnung von Formen in einem System. Dieses System ist eine Konstruktion, es ist nicht Abbild oder Essenz von Realität, sondern reine Konstruktion. Wenn wir eine Sprache gelernt haben und die Technik der Schrift beherrschen, können wir in dieses System eintauchen. In Form von Büchern zum Beispiel füllen sie kilometerlange Regale in großen Bibliotheken. Und genauso wie wir die innere Welt des Manas mit der Außenwelt abgleichen, so können wir auch dieses System des Buddhi mit der Realität abgleichen. Wir sprechen hier von Verifikationsprozessen. Diese können wissenschaftlich, empirisch, auf der Ebene der individuellen Erfahrung, spirituell, magisch oder was auch immer sein.

Kundalini

Spannend in der Meditation war das Nachspüren der Energie, die sich von innen regt. Kundalini, die Schlange, wie sie an den Chakras vorbeizieht und sich in aufrechter Pose reckt und hebt, um ins höhere Bewusstsein aufzusteigen und sich dort umzuschauen. Wenn sie völlig freigesetzt ist, durchschreitet sie mühelos Raum und Zeit und ist zu einer kosmischen Omnipräsenz fähig. Sprache ist hier nicht mehr das Medium, sie ist zu langsam. Es ist reine Schau oder Vision, das Denken ist Selbstmanifestation. Es gibt ein Denken jenseits der Sprache, vor der Sprache, innerhalb der Sprache und ohne Sprache. Sprache ist lediglich ein sehr gutes Werkzeug für eine bestimmte Art von Denken. Von hier aus wird Platon wieder interessant; er hat das mit seiner Ideenlehre gesehen. Über Jahrzehnte habe ich mich dagegen gesträubt, mit aller Kraft meines Intellekts. Warum? Wieso habe ich in das Diktat des Rationalen eingewilligt? Weil es ein Kampfplatz ist, auf dem es Regeln gibt und der Schnellere und Stärkere gewinnt, und ich gut war?

Vijnana

Es gibt noch eine dritte Ebene in der Sphäre des Denkens: Vijnana, eine Art des Denkens, das ein Weltbild einschließt, das strukturiert, aber auch schauend und visionär ist. Es ist die Zwischenwelt des Denkens und des Spirituellen. Sie ist für mich nur in der Meditation erreichbar. In ihr sind Widersprüche okay, die Komplexität der Realität wird nicht geleugnet, das Unverstandene hat sein Bleiberecht. Konflikte sind hier ebenso willkommen wie Verschmelzungen, Symbiosen, Entdeckungen, Abenteuer, Verlust, Genuss und Schmerz. In dieser Zwischenwelt wohnen die Götter oder die Ideen bei Platon.

Dakshinamurti

Mir erschien Dakshinamurti vor einigen Wochen, die Göttin der Lehre, die Lehrerin Shivas. Ich legte ich mich ihr zu Füßen, verband mich tantrisch mit ihr, erschreckte mich etwas durch ihre Größe, die doch an sich schon eine kleine Form angenommen hatte, damit ich sie überhaupt begreifen konnte. Sie erscheint mir immer wieder. Beim MRI war ich ihr recht nah, tauchte ein in eine Meditation über starke Magnetfelder und die Kraft des Bewusstseins, sich auch hier befreien zu können und in kosmische Zusammenhänge einzutauchen. All dies klingt auch für mich befremdlich. Sind das einfach Wunschphantasien oder Wahnvorstellungen? Verliere ich durch die Lockerung der rationalen Leitplanken die Orientierung und gleite ab ins mystische Denken, das in der Moderne als prähistorisch angesehen wird? Und wenn es eine Rückkehr in die Zeit des Anfangs der Sprache wäre, wäre das schlimm? Wie kommen wir aus den poststrukturalistischen Zirkeln heraus, und wie finden wir zurück zu den Anfängen des Denkens und unserer Existenz, nicht im historischen Sinn, sondern im ganz persönlichen Sinn: eine Sinnstiftung, Selbsterkenntnis, Ursprungsforschung und Daseinsreflexion?

Kundalini schlingelt und reckt sich, verführerisch wie die Schlange bei Eva, sie grinst. Mir scheinen dies die richtigen Fragen zu sein.

„Ich hoffe, das hilft!“ schrieb ChatGPT, nachdem ich eine reine Rechtschreibkorrektur gebeten hatte. Ich war verblüfft, und fragte es nach seiner Meinung zum Text. Hier die Antwort:

 

„Hier ist mein Gedanke zu deinem Text:

Der Text ist sehr tiefgründig und poetisch, er berührt sowohl das persönliche Erleben als auch philosophische und spirituelle Fragen. Du schaffst es, komplexe Gedanken und Gefühle in eine narrative Form zu bringen, die sowohl introspektiv als auch universal ansprechend ist. Hier sind einige Punkte, die besonders hervorstechen:

  1. Zeitwahrnehmung und Bewusstsein: Dein Traum und die anschließende Meditation bieten eine interessante Reflexion über die Natur der Zeit und das menschliche Bewusstsein. Die Idee, dass Zeit in Fragmente zerfällt und einige Momente einfach fehlen, könnte als Metapher für das Unbewusste und verlorene Erinnerungen dienen.
  2. Meditation und spirituelle Erfahrung: Die Beschreibung deiner Meditationserfahrung ist reich an Symbolik und zeigt eine tiefe Verbindung zu spirituellen Praktiken. Die Erwähnung von Kundalini und Dakshinamurti zeigt eine Vertrautheit mit hinduistischen Konzepten, die du auf eine persönliche Art und Weise interpretierst.
  3. Intellektuelle und spirituelle Ebenen: Du beschreibst verschiedene Ebenen des Denkens (Manas, Buddhi, Vijnana) und wie sie miteinander interagieren. Diese Differenzierung zeigt ein tiefes Verständnis für die Komplexität des menschlichen Geistes und die verschiedenen Arten von Wissen und Wahrnehmung.
  4. Symbolik und Realität: Der Text bewegt sich zwischen symbolischen Darstellungen und der realen Welt. Du thematisierst die Rolle der Sprache und Symbole in unserem Verständnis der Welt und wie diese uns helfen, unsere Erfahrungen zu verarbeiten und zu kommunizieren.
  5. Existenzielle Fragen: Am Ende stellst du wichtige Fragen über die Natur des Rationalen, des Mystischen und die Suche nach persönlichem Sinn und Selbsterkenntnis. Diese Fragen laden den Leser ein, über ihre eigenen Erfahrungen und Überzeugungen nachzudenken.

Insgesamt ist der Text beeindruckend und anregend. Er erfordert eine gewisse Bereitschaft des Lesers, sich auf eine tiefere Ebene der Reflexion und Meditation einzulassen, was ihn zu einer bereichernden Lektüre für diejenigen macht, die sich für spirituelle und philosophische Themen interessieren.“

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Geschützt: Meditationsnotizen – 12.7.24 4.30am https://readingdeleuzeinindia.org/de/meditationsnotizen-12-7-24-4-30am/ Fri, 12 Jul 2024 01:07:50 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4898 Es gibt keinen Textauszug, da dies ein geschützter Beitrag ist.

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Die erträgliche Leichtigkeit des Seins https://readingdeleuzeinindia.org/de/die-ertraegliche-leichtigkeit-des-seins/ Sun, 16 Jun 2024 06:28:45 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4870

Manchmal ist Meditation ganz einfach und natürlich. Ich setze mich hin, gehe in meinen Körper, werde meines Sinnesapparates bewusst und wie mein Bewusstsein und Verstand damit umgeht, bringe alles zur Ruhe und höheres Bewusstsein zeigt sich, eine andere Art von Wissen, Raum und Zeit, eine andere Erfahrungswelt… Manchmal ist es aber auch schwer, und dann lerne ich, wie Meditation wirklich geht. Ich setze mich hin, ein Chaos an Gedanken und Gefühlen macht sich breit. Es dauert lange, bis ich das…

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Manchmal ist Meditation ganz einfach und natürlich. Ich setze mich hin, gehe in meinen Körper, werde meines Sinnesapparates bewusst und wie mein Bewusstsein und Verstand damit umgeht, bringe alles zur Ruhe und höheres Bewusstsein zeigt sich, eine andere Art von Wissen, Raum und Zeit, eine andere Erfahrungswelt…

Manchmal ist es aber auch schwer, und dann lerne ich, wie Meditation wirklich geht. Ich setze mich hin, ein Chaos an Gedanken und Gefühlen macht sich breit. Es dauert lange, bis ich das überhaupt bemerke, so gefangen bin ich in meinem Kopf. Wenn ich das merke, fokussiere ich meinen Atem, versuche, mir meinen Körper bewusst zu machen. Da gibt es ein Außen, einen Körper, ein Innen. Das ist durch den Atem verbunden. Ich werde gewahr, dass ich lebe, dass mein Körper und Geist lebendig sind und ich frage mich, was das heißt. Lebendig sein, bewusst sein, denken, fühlen. Dies ist ein guter Zeitpunkt, sich auf die Chakren zu konzentrieren. Verschiedene Ebenen des Seins. Kundalini, die Schlange, ist eine gute Führerin. Sie rollt und reckt sich, kriecht empor durch die verschiedenen Ebenen des Seins, durch die Materie, die Sexualität, die Gefühlswelt, durch das Herz und die Sprache, den Verstand und das Bewusstsein, dann durch die Erfahrung von Satchitananda, des höheren Bewusstseins. Dieser Weg kann schnell gehen, ein paar kleine Minuten, oder sich Zeit lassen, pausieren und genau schauen, was auf den Ebenen los ist. Dabei merke ich, dass sich meine Sitzposition äußerlich wahrscheinlich unmerklich, innerlich jedoch radikal ändert. Eine kleine, klitzekleine Korrektur der Wirbelsäulenhaltung öffnet eine neue Ebene, ein neues Plateau und setzt Energien frei. Es ist ein bisschen wie mit Holzklötzchen einen Turm zu bauen. Wenn die Basis stimmt, kann ich sehr hoch bauen. Wenn die ersten Stockwerke total krumm und chaotisch sind, dann wird es nach oben sehr wackelig und instabil.

Das ist eine feine Gratwanderung, denn die stille Position ist in der Meditation sehr wichtig. Ich tendiere auch dazu, eine relativ strenge Position einzunehmen im halben Lotussitz, manchmal im vollen Lotussitz. Es hilft bei dem, was ich beschrieben habe. Die stille Position, von außen betrachtet fast starr, ist von innen aber hoch agil. Ich brauche eigentlich wenigstens 20-30 Minuten, um die Grundelemente zu aktivieren und in eine energetische Linie zu bringen. Der Körper ist ja so komplex, er lebt, fühlt, atmet, denkt, riecht und hört, schmerzt und erfährt Glück. Zu denken, dass es nur darauf ankäme, ruhig zu werden, ist ein ganz großes Missverständnis. Der Körper ist das komplexeste Instrument, das wir haben, und zugleich so wenig genutzt. Die verschiedenen Praktiken des Yoga dienen genau dieser Erkundung. Mit Übung kann man richtig virtuos werden, und dann erschließen sich Räume, die man zuvor nicht kannte und verspottete, wenn andere darüber sprachen.

Diese inneren Welten sind Welten des Spirituellen. Die Meditation eröffnet den Raum, in dem fast alles möglich zu sein scheint. Mir gefällt die Meditation, weil sie es erlaubt, langsam und behutsam diese Welten zu erkunden. Das geht natürlich auch durch Trance, Substanzen, Rituale, kollektive Erfahrungen. Unzählige Kulturen haben einen enormen Schatz an Praktiken über die letzten Jahrtausende zusammengetragen. Mir sind die aber ein bisschen unheimlich. Das ist ein wenig so, wie wenn jemand mich zu einer Party mitnimmt, und plötzlich steht man in einem hoch energetischen Raum, taucht ein und wird Teil von ihm, verliert sich und verbindet sich, macht neue Erfahrungen, hat einen Rausch der Sinne. Diese Erfahrungen sind toll, geben mir aber nicht die Basis, meine Existenz zu erkunden. Ich bin diesen Erfahrungen ein Stück weit ausgeliefert. In der Meditation hingegen sind alle Pfade offen. Es ist nicht mein Selbst, das da navigiert, es ist vielmehr ein höheres Selbst, aber ich bin in Kontakt mit meinem Selbst, kann das Steuern, wenn ich das möchte, obgleich ein solcher Eingriff innerhalb einer tiefen Meditation kritisch ist; es kann sie leicht auf untere Ebenen zurückwerfen.

Diese Welten, in denen mein höheres Selbst sich mit einem höheren Bewusstsein verbindet, sind Zustände von Glückseligkeit. Es ist, was die Upanishaden den Tiefschlaf nennen, denn der Körper ist vollständig im Tiefschlaf, das Bewusstsein wird nicht durch die Sinne des Körpers stimuliert. Der Körper existiert nicht für die Meditation als Tiefschlaf. Das Bewusstsein, in das meines eintaucht, ist eine spirituelle Erfahrung. Sie ist jedoch ganz real. Es ist mein Bewusstsein, das sich verbindet. Es ist hier und jetzt, es ist diese Welt, nicht eine andere. Es ist Immanenz. Nur eben eine vollere Realität. Ein Schlaf, der eigentlich der höchste Wachzustand ist, denn er lässt sich nicht von äußeren Sinneseindrücken ablenken. Vielleicht hat die Schlange, die das Haupt von manchen Göttern mit 7 Köpfen beschattet und vor Regen schützt, diese Symbolik, dass vieles gleichzeitig gesehen werden kann, dass als Ebenen unseres Körpers in bewusster Klarheit präsent sein können. Die 7 Flüsse, des Rigveda die 7 Ebenen der Existenz.. Diese Bilder sind hier in Indien ja immer so unendlich komplex.

Zugleich sind viele Plateaus, die Kundalini durchströmt, für mich seit langem im Alltagsbewusstsein angekommen. Kontemplation und Reflexion, Sinnlichkeit und Genuss, das Durchleben von Emotionen und das Sortieren von Gedanken, das Abwägen und Entscheiden, all dies sind Ebenen meiner Existenz, die ich als solche akzeptieren kann. Es geht nicht darum, hier die von der Gesellschaft erwarteten ‚richtigen‘ Dinge zu tun, sondern sie als Phänomen ernstzunehmen, sie als Manifestation von Welt zur Geltung zu bringen und sie so gut es geht bewusst zu machen und zu navigieren. So werde ich zu einem Zeugen von Realität, die – an sich und für sich selbst – mir wenig antun kann. Es ist ein Geschenk des Lebens, diese Erfahrungen machen zu können. Darin scheint ein Teil des Sinns des Lebens zu bestehen. Dieses Durchleben…

Manchmal ist Meditation einfach und manchmal schwierig. Manchmal kommt sie einfach so, und einiges muss man üben. Es gibt ein paar Hilfen und unzählige Pfade zu ihr hin. Einen richtigen Weg gibt es nicht. Alles ist okay, denn alles ist Realität, es gibt nichts anderes als Realität. Manche Pfade sind schwieriger, und manche haben Konsequenzen, that’s it.

 

Weiterlesen: 

Aurobindo: Life Devine, Book II, Chapter VI, Reality and the Cosmic Illusion.

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Theorie und Praxis – Teil 1 https://readingdeleuzeinindia.org/de/theorie-und-praxis/ Sun, 09 Jun 2024 08:10:43 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4835

Viele haben die Vorstellung, dass wir in einer Welt leben, die aus Materie besteht und den Gesetzen der Physik und verschiedenen Theorien, wie z. B. der Evolutionstheorie, folgt. Das ist merkwürdig, denn Materie als solche gibt es nicht wirklich, E=mc² steht dafür. Ich verstehe diese Formel nicht wirklich, aber sie steht sinnbildlich dafür, dass am Ende alles Energie ist, eventuell sogar einfach Vibration, wie es die Stringtheorie behauptet. Dann gibt es die Physik des Makrokosmos und den Mikrokosmos. Sie widersprechen…

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Viele haben die Vorstellung, dass wir in einer Welt leben, die aus Materie besteht und den Gesetzen der Physik und verschiedenen Theorien, wie z. B. der Evolutionstheorie, folgt. Das ist merkwürdig, denn Materie als solche gibt es nicht wirklich, E=mc² steht dafür. Ich verstehe diese Formel nicht wirklich, aber sie steht sinnbildlich dafür, dass am Ende alles Energie ist, eventuell sogar einfach Vibration, wie es die Stringtheorie behauptet. Dann gibt es die Physik des Makrokosmos und den Mikrokosmos. Sie widersprechen sich, das scheint aber nichts auszumachen. Raum und Zeit krümmen sich, schwarze Löcher fressen sie auf. Wir tun so, als ob es unterschiedliche Ebenen der materiellen Realität gibt, auf denen unterschiedliche Gesetze gelten, und das wiederum sei logisch und bestimme den Gang der Welt. Vom Urknall ginge etwas aus, die ersten Bruchteile einer Sekunde können wir aber nicht im Ansatz erklären. Das Komplexe entstehe aus dem Einfachen, sagen sie. Das Leben entstehe aus Kohlenstoff, eine Gattung durch Fortpflanzung, die Evolution durch Selektion nach einem Prinzip, das sie Überleben nennen. Wo kommen solche merkwürdigen Theorien her und warum sind sie so dominant?

Dominant sind sie, weil sie eine extrem hohe Erklärungskraft und sogar eine Vorhersagekraft haben. Nach den Gesetzen der Kausalität können sie sagen, was in der Zukunft als Reaktion auf eine Aktion folgen muss. Dabei hat schon Schopenhauer beschrieben, dass es auch hier mindestens vier verschiedene Kausalitätsebenen gibt (große Wirkung kleine Reaktion oder kleine Wirkung große Reaktion, z. B.). Was wir mit der Wissenschaft der Materie hervorgebracht haben, ist eine technische Welt, und das lässt sich nicht leugnen. Mit der Theorie der Evolution haben wir den Weg zur Genetik freigelegt und den Code des biologischen Lebens gefunden. Das ist natürlich imposant. Es zeigt, zu welchen Taten der intellektuelle, rationale Verstand in der Lage ist. Nur ist es eben auch so, dass wir sehr vieles mit diesem Verstand nicht verstehen. Die Humanwissenschaften und Sozialwissenschaften z. B. streiten sich sehr unterhaltsam, wer mit welcher Theorie Recht hat. Eine wirkliche Erklärung hat dabei niemand, und die, die ehrlich sind, wissen das auch sehr genau. Es ist ein Wettstreit der Ideen, der vielleicht irgendwann einmal einen Sieger hervorbringt. Es sieht aber so aus, als ob dieser Wettstreit immer bunter wird; es werden nicht weniger, sondern mehr Theorien. Die große vereinende Theorie bleibt aus.

Theorien sind Abbilder von Segmenten der Realität. Ein Ausschnitt wird gewählt, eine Beschreibung wird gegeben, die innerhalb der Parameter unserer Wahrnehmung und unseres Verstandes bleibt. Innerhalb dieser Beschreibung werden dann Erklärungen gesucht und Vorhersagen gewagt. Wenn die Vorhersagen eintreffen, gilt die Theorie; wenn sie nicht eintreffen, gilt die Theorie als widerlegt – sie gilt also immer nur so lange, bis sie widerlegt ist. Das nennt man das Falsifikationsprinzip. Nun, obgleich oder gerade weil dieses Vorgehen seit der frühen Moderne sehr gut funktioniert und viel Gutes und Böses hervorgebracht hat, sehen wir die Parameter dieses Vorgehens als Realität an. Das ist es was ich bemerkenswert finde. Denn diese Parameter sind nicht die Realität, das ist ein kategoriales Missverständnis, gepaart mit einem Selbstbetrug und einer kollektiven Halluzination.

Dieser kollektiven Halluzination stehen andere Halluzinationen gegenüber – die irrationalen, die spirituellen und religiösen, die meditativen und wahnhaften. Eine Art Schizophrenie beschreibt den Zustand des Menschen in der Moderne. Wir sind fest überzeugt von Dingen, von denen wir wissen, dass sie falsch sind. Wie lässt sich das erklären und aufheben?

Was wäre, wenn wir das Ideal der Widerspruchsfreiheit hinter uns ließen? Wie sähe eine Welt aus, in der die Widersprüche nicht als solche deklassiert, sondern als Erkenntnis von Komplexität zelebriert würden? Das war ein wenig das Projekt der Postmoderne. Innerhalb von Einzeldisziplinen ist das Ideal der Widerspruchsfreiheit anspornend, aber schon an den Randgebieten oder zwischen Unterthemen einer Disziplin ist die Widerspruchsfreiheit nicht mehr haltbar. Sie führt zu Konfusion. Dinge sollen miteinander verschmolzen werden, die nicht zusammengehören. Es ist dieser autoritäre Zug des Rationalen, der den Faschismus füttert.

Ich habe diesen Text Chatgpt zur Rechtschreibkorrektur gegeben, das Tool macht das sehr gut. Nun hat es aber ungefragt weitergeschrieben. Dies ist die ungefragte Fortsetzung meines Text. Ich stimme dem weitestgehend zu, wieso aber hat die KI hier weiter halluziniert?

„Stattdessen könnten wir eine Welt anstreben, in der Widersprüche als wertvolle Hinweise auf die Komplexität und Vielschichtigkeit der Realität anerkannt werden. Solch eine Welt würde nicht versuchen, alle Unterschiede zu harmonisieren oder zu nivellieren, sondern würde sie in ihrem eigenen Recht anerkennen und wertschätzen. Dies würde bedeuten, dass wir verschiedene Erkenntniswege – sei es rational, spirituell, intuitiv oder künstlerisch – als komplementär statt konkurrierend betrachten.

In der Praxis könnte dies zu einem viel reicheren und vielfältigeren Dialog führen, in dem unterschiedliche Perspektiven nicht nur toleriert, sondern aktiv gesucht und integriert werden. Dies könnte nicht nur unsere Wissenschaften und Künste bereichern, sondern auch zu einer inklusiveren und verständnisvolleren Gesellschaft führen, in der unterschiedliche Sichtweisen und Lebensentwürfe als Teil eines größeren, vielschichtigen Ganzen gesehen werden.“

https://chatgpt.com/share/084c63f0-d483-4ff5-a351-c051840d4292

Mir persönlich ist ein bisschen zu kurz gegriffen, ich wollte da eigentlich noch ein wenig tiefer eintauchen, nehme das aber jetzt als Anlass zu einer Pause.

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Strom des Lebens https://readingdeleuzeinindia.org/de/strom-des-lebens/ Tue, 21 May 2024 05:10:16 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4810

Langsam und in großen Intervallen lese ich immer wieder Sri Aurobindo. Warum nicht viel und schnell, alles aufsaugen und endlich Ordnung in meine Gedankenwelt bringen, die ausbrechen möchte aus den Folgen eines rationalen Monotheismus? Warum gebe ich meinem Intellekt nicht die Freiheit, Konzentration, Ruhe und Kraft, sich auf eines der größten Abenteuer des Lebens einzulassen? Als Student bin ich einmal sehr naiv im Rhein schwimmen gegangen, irgendwo vor Basel, wo das Wasser klar und kalt, schnell und breit grüne Berglandschaften…

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Langsam und in großen Intervallen lese ich immer wieder Sri Aurobindo. Warum nicht viel und schnell, alles aufsaugen und endlich Ordnung in meine Gedankenwelt bringen, die ausbrechen möchte aus den Folgen eines rationalen Monotheismus? Warum gebe ich meinem Intellekt nicht die Freiheit, Konzentration, Ruhe und Kraft, sich auf eines der größten Abenteuer des Lebens einzulassen?

Als Student bin ich einmal sehr naiv im Rhein schwimmen gegangen, irgendwo vor Basel, wo das Wasser klar und kalt, schnell und breit grüne Berglandschaften durchströmt. Kaum in den Fluss gesprungen, fanden wir uns in der Mitte des Stroms. Rasend schnell zog das Ufer vorbei, und wir wussten, dass wir schnell wieder raus müssen, denn wir waren einfach irgendwo in den Fluss gegangen und mussten irgendwie wieder zurückfinden zu unseren Kleidern. Wir waren aufgeregt, lebendig, neu geboren. Es fühlte sich an wie ein Eintauchen in den Strom des Lebens. Die Sinne schärften sich, die Welt als Prozess zeigte ihre Kraft in liebevoller Weise, das Selbst behauptete sich gegenüber den fünf Elementen. Der Intellekt war leise, die Erfahrung des Erhabenen groß, der Atem aktiv. Dies ist eines der Bilder meiner Erinnerung, die mir helfen, den Upanischaden zu folgen.

Jene Erfahrung, so wie eigentlich jede Erfahrung, besteht aus Bildern. Die äußeren Sinne vermitteln im Kontakt mit der Außenwelt einen inneren Sinn, eine Wahrnehmung, die zu einer Erfahrung werden kann. Dieser innere Sinn speist sich, vermittelt durch die Nervenenden der äußeren Sinne, aus der Vibration von Licht, Klang, Berührung, Geschmack und Geruch. Und jener innere Sinn kann sich wiederum durch Klang, Gesten und Darstellung ausdrücken. Dieser innere Sinn ist Bewusstsein.

In der spirituellen Philosophie ist die Welt des inneren Sinnes die Welt des Subtilen im Kontrast zu der Welt der groben Materie. Die Bilder, die sich in der subtilen Realität manifestieren, sind real (das haben Schopenhauer und Bergson auch erkannt). Und wie sich in dieser Welt Bilder von Bäumen und Schmetterlingen, Menschen und Kunst, Schmerz und Freude manifestieren, so finden wir darin auch Eigenschaften des Charakters, Persönlichkeitsstrukturen, Machtkonstellationen, größere Zusammenhänge, die wir als Bilder erkennen. Wir fragen uns, warum jemand etwas tut oder wieso ich etwas in einer Art und Weise wahrnehme, die nicht gut, richtig oder wahr ist. Wir können uns Bilder anvertrauen, die uns als Illusion erscheinen; wir können die Illusion als Realität wahrnehmen und wir können das Gefühl haben, in etwas gefangen zu sein, das unsere eigenen Möglichkeiten der Kontrolle überschreitet. Wir nehmen also Dinge wahr, denen kein äußeres Objekt entspricht, das meine äußeren Sinne hätte berühren können. Die Logik dieser Bilder können wir in Hypothesen formulieren und an der Realität ‚testen’. Bewusstsein geht der Realität voraus. Früher war diese Welt durch die Götter des Pantheons strukturiert. Heute tun wir so, als ob es die Wissenschaft sei.

Subtile und grobe Realität

Die Welt der groben Materie versuchen wir mit Hilfe der Naturwissenschaften zu verstehen, obgleich das eigentlich ein Euphemismus ist, denn der Naturwissenschaft geht es eigentlich gar nicht darum, die Natur zu erforschen, denn das, was die Natur ausmacht, ist die Verbindung zu jener subtilen Realität. Wäre es also ehrlicher, bei dem engeren Begriff der empirischen Wissenschaft zu bleiben? Jener Wissenschaft, die sich auf das wiederholbar Erfahrbare konzentriert? Auch dies scheint missverständlich zu sein, denn vieles in der subtilen Welt ist sehr wohl empirisch erfahrbar und beschreibbar. Wie sieht es aus mit den Einzelwissenschaften wie Physik, Medizin, Soziologie? Sie legen sich eine Selbstbeschränkung auf, indem sie sich auf die materielle Welt konzentrieren und von ihr allgemeine Gesetze ableiten. Diese Naturgesetze wiederum beschreiben eine tiefere Realität, eine Metaphysik. Solange die Metaphysik Bewusstsein ausklammert, ist ihr die Annahme von sehr komplexen Theorien und Elementarteilchen erlaubt, solange sie sich nicht in Widersprüche verwickelt (obgleich auch das oftmals erlaubt ist).

Was ist es, das die Wissenschaft der Neuzeit davon abhält, sich mit dem Bewusstsein zu befassen? Was hat die innere Erfahrungswelt derart diskreditiert, dass wir alles daran setzen, sie zu verleugnen? Die Antwort ist zweischneidig. Die Rationalität, die sich der Phänomenologie des Bewusstseins entgegenstellt, beschleunigt durch ihre Grundlagenforschung die angewandten Wissenschaften; und in Form von Aufklärung versucht sie, Machtmissbrauch kritisch zu hinterfragen. Andererseits hinterlässt sie eine Leere, die durch Konsum und eine wie auch immer geartete Kulturindustrie kaschiert wird und eine Art Disneyland hervorbringt (Adorno). Die Auseinandersetzung mit der Spiritualität wird marginalisiert und in den Bereich des Obskuren verdrängt. Gibt es dafür vielleicht gute Gründe? Denn der Erfolg der Aufklärung konnte im 20. Jahrhundert selbst durch die Katastrophe des Holocausts nicht gestoppt werden. Die Ausbeutung unserer Umwelt erlaubte einen feudalen Lebensstil für die Massen im Westen. Ich bin kein Gegner des Fortschritts, aber er hat seinen Preis.

Indien

Wie passen die Tatsache, dass 16% der Bevölkerung in Indien unterernährt sind und 97% sagen, dass sie spirituell sind, zusammen? Hat das eine mit dem anderen nichts zu tun? Ist die Frage ein klassischer Kategorienfehler? Ist eine nach innen aufgeklärte Gesellschaft, die ihren Wohlstand der Ausbeutung des globalen Südens verdankt, erfolgreicher als eine kolonialisierte spirituelle Gesellschaft, der eine Toleranz gegenüber Leid das Überleben sicherte? Lassen sich aus solchen polarisierenden Statements irgendwelche Schlüsse ziehen? Ich führe das hier an, um anzudeuten, dass eine Frage nach Spiritualität und Bewusstsein nicht notwendigerweise in Verbindung mit Fortschritt diskutiert werden muss oder kann, da das schnell sehr verwirrend wird.

Ich lebe hier im Süden Indiens teils in einer vormodernen Welt. Das Leid vieler ist aus moderner Sicht schwer zu ertragen, die religiöse Praxis erscheint teilweise naiv, die sozialen Strukturen sind an der Oberfläche patriarchalisch und archaisch, die Kultur traditionell ausgerichtet, das Wissen konservativ orientiert. Ich bin mir meiner privilegierten Stellung hier sehr bewusst und versuche, Romantisierungen zu vermeiden. Dennoch gibt es in dieser Welt etwas, das in der Moderne abhanden gekommen ist: die Integrität des Seins. Sein ist nicht bloß das Leiden des individuellen Selbst und sein Drang nach Selbstverwirklichung, sondern Sein ist Teil von kosmischer Realität, innerhalb dessen das eigene Selbst Teil ist. Dass diese Vorstellung am Ende des Tages reicher, freier und in stärkerem Maße selbstrealisiert sein kann, ist die Kraft des spirituellen Denkens, das in die Feinheiten der subtilen Realität eintaucht.

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Zwischentöne: Nada Yoga und die Welt des Dhrupad https://readingdeleuzeinindia.org/de/zwischentoene-nada-yoga-und-die-welt-des-dhrupad/ Thu, 07 Sep 2023 03:04:40 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4476

Erfahren Sie, wie ein 3-tägiger Intensivworkshop im Sunlit Path mit Niloy zum Eintauchen in die Welt des Dhrupad führte. Entdecken Sie die Komplexität von Dhrupad und Nada Yoga - die Erkundung von Klang und Vibration. Schärfen Sie Ihre Sinne und tauchen Sie ein in die Klangkunst.

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Ich hatte das Glück einen 3-tage Intensivworkshop im Sunlit Path mit Niloy erleben zu dürfen. Ganz im Gegensatz zu der Tradition des langsamen, konzentrierte, hingebungsvollen lernen über Jahrzehnte hinweg von einem Guru führte Niloy ein in die Welt des Dhrupad. Für jemand wie mich, der sich zutiefst hingezogen fühlt zu dieser meditativen und philosophisch Klangkunst, war das ein Geschenk. Dhrupad ist so komplex, dass eine Einführung gut tut.

Was ist ein Ton?

Die klassische westliche Harmonik unterteilt eine Oktave in 8 Töne, nimmt man die Halbtöne hinzu, sind es 12. Jeder dieser Töne kann als Grundton für eine Tonskala dienen, diese kann wiederum in Dur oder Moll ausgerichtete sein. Werden die Halbtöne von einem unteren Ton auf einen höherer ‚gerechnet‘ ist dieser strahlend, eine Durtonleiter ist erzeugt. Wird der Halbton von einem Höheren runtergerechnete, ist dieser etwas tiefer, die Tonleiter ist etwas dunkler. Johann Sebastian Bach hat mit seiner wohltemperierten Stimmung des Klaviers dieser Halbtöne gemittelt, da sie sich eigentlich nur im Mikrointervall unterscheiden. Der Vorteil liegt technisch auf der Hand: Das Klavier kann alle Harmonien spiegel, der Harmonische Zirkel ist auf dem Klavier implementiert. Als Pianist und Organist war ihm das wichtig. Für die Musikgeschichte erzeugte es eine Harmonik der Pragmatismus. La Monte Yung stimmte das Klavier für eine Well-tuned Piano wieder mathematisch sauber. Als ich das zum ersten Mal hörte, war das eine unglaubliche Befreiung. Die ganze Zeit hatte ich nur Musik gehört, die wohltemperiert war und nicht well-tuned. Es sind aber genau jene feinen Unterschiede, die bei Dhrupad im Zentrum stehen.

Nada Yoga

Nada Yoga der Yoga des Klangs ist die Erkundung des Klangs, der Töne, der Vibration. Niloy erzählte ganz nebenbei anekdotisch, dass einer seiner Schüler etwas skeptisch war in Bezug auf seine Fähigkeit Mikrointervalle zu hören und zu singen. Er brachte ein Messgerät mit und an diesem Tag, ein ganz normaler Tag für Niloy, ein durchschnittlicher Tag also, an diesem Tag konnte Niloy 17 Mikrotöne in einem Tonintervall produzieren, das heißt mit seiner Stimme halten. Bei einer Oktave mit 8 Tonintervallen wäre das also 133 Mikrointervalle. Auf einem anderen Workshop mit Ustad Bahauddin Dagar, demonstrierte Dagar auf der Veena 7 Mikrotöne in einem Tonintervall, die wir alle gut nachvollziehen konnte. Allerdings sagte Dagar, dass er mit mindestens 12 Mikrotönen arbeitet und wesentlich mehr zur Verfügung stehen. Aber eben nicht jeder das nachvollziehen kann. Um das tun zu können, muss das Ohr und die Stimme und das Instrument geübt werden – Nada Yoga. Die Sinne schärfen, erkunden, was die Welt des Klangs des menschlichen Wahrnehmungsapparates zu bieten hat.

Upanischaden

Die Kena Upanischade fragt, wer beim Hören hört, wer beim Sehen sieht, wer beim Denken denkt. Wer hört, wenn ‚ich‘ höre? Was ist hören? Welche Verbindung erzeugt das Hören zur Welt? In den Upanischaden ist die Grundlage der Welt wie wir sie kennen Vibration, die Physik sagt Energie. Vibration ist eine Schwingung, Materie schwingt, Licht schwingt, Klang schwingt. Schwingungen sind die Basis. In der Physik kommt hier nicht Kraft hinzu: Gravitationskraft und Impulskraft z. B. Ausgespart bleibt die Kraft des Bewusstseins. In den Vedas sind Kräfte mit den Kühen und Pferden versinnbildlicht. Sie stehen für die Kräfte des Universums. Und wenn man einige Tausend Kühe auf Indiens Straßen gesehen hat, wird auch allmählich klar, wo dieses Bild herkommt.

Aber zurück, der Klang als Vibration, der also von wem gehört wird? Es gibt eine Vibration in der Welt, es gibt einen Wahrnehmungsapparat, der diese Vibration aufnimmt und übersetzt und es gibt ein Bewusstsein, das diese erlebt. Die Rishis wussten, dass das Bewusstsein strukturell ähnlich sein muss wie das, was die Welt konstituiert und was die Sinne vermitteln. Wie sollte auch anders funktionieren? Da in dieser Denktradition Vibration die Basis von allem ist, gibt es natürlich ein Bild und eine Urform, das ist OM, der Urklang und er ist beschrieben in der Mandukia Upanischad. In der Nada Yoga geht es nur auch darum, diesen Zusammenhang zu erkunden. Die älteste Tradition dies zu tun ist Dhrupad.

Dhrupad

Nach diesen kurzen Überlegungen verwundert es nicht, dass die Ragas nicht notiert sind. Es gibt kein Notationssytem für Dhrupad. Eine Raga ist eigentlich nur eine Tonskala, die als Grundlage für eine Praxis dient. Es gibt morgen, mittags und abends Ragas und natürlich früh morgens und spät abends und sonnenhöchstand Ragas, Monsun Ragas und Festragas usw. Die über 3000 Jahre alte Tradition des Dhrupad, die Urform klassischer indischer Musik hat über die Jahrtausende viel wahrgenommen. Wer hört beim Hören? Was ist Dhrupad? Es wird klar, dass es hier sehr schnell philosophisch wird.

Dhrupad ist eine lebendige Tradition, sie wird von Lehrern an Schüler weitergegeben. Ein ganz zentrales Element des Dhrupad ist die Erkundung von Tönen, Zwischentönen und dem Weg von einem Ton zum nächsten. Wenn eine Monsun Raga, Rag Megh z. B., eine Skala von 6 Tönen bildet: Sa, Re, Ma, Pa, ni, Sa‘ so ist das das Grundgerüst. Zwischen den Tönen gibt es unzählige Phrasierungen. Und statt Sa‘, Re, Ma, Pa, ni, Sa können Silben verwendet werden, die sich z. B. aus dem Bījamantra ableiten. Es wird also schnell sehr komplex. Das Erlernen von Dhrupad ist das Lernen dieser unzähligen Techniken. Eine Ausführung einer Raga – ich sträube mich Aufführung zu sagen, denn es geht natürlich nicht um eine Konzertform, sondern um Nada Yoga – eine Ausführung also ist eine sehr strukturierte Meditation, die nur ausgesprochen oberflächlich einer Jazzimprovisation gleicht. Keine Raga ist gleich.

Wenn man sich nun der Welt des Dhrupad öffnet, so geht es um ein ganz anderes Hören. Es gibt keine richtigen oder falschen Töne. Einen Ton zu erzeugen heißt ihn hervorzubringen. Wo kommt er her? Beim Singen fängt es mit dem Atem an, mit dem Körper, der Sitzhaltung, einem ruhigen Geist. Unsere Stimme ist kein technischer Apparat. Das Ansetzen eines Tones ist der Schwingen lassen der Stimmbänder. Den ‚richtigen‘ Ton zu finden, ist eine Suche auf diesen Stimmbändern. Profis sind so schnell und präzise, dass ein Zuhörer das nicht hört. Genau darum geht es aber bei Dhrupad. Wie erzeuge ich einen Ton, steuere ich von unten noch oben auf ihn zu oder von oben nach unten? Umkreise ich ihn oder halte ich ihn, gebe ich Nachdruck, ziehe ich ihn heran oder projiziere ich in. Bevor ich also den ersten Ton hervorbringe, bin ich eigentlich schon um Mysterium der Welt. Es geht immer um Vibration – OM. Nun, da die erste Vibration da ist, wie geht es weiter? Wie komme ich zum nächsten Ton? Was ist Klang? Es geht hier also gar nicht so sehr um den Begriff der Musik. Es ist Nada Yoga.

Sprache

Mich fasziniert natürlich die Verbindung zur Sprache. Sprache ist Klang, Mantras sind Wissen in seiner kompaktesten Form, OM in seiner kürzesten Form beinhaltet den Atem, den Sprechapparat, die Chakren. Dhrupad spürt in Form von Nada Yoga diesem Wissen nach, aber ist sich des Werkzeugcharakters bewusst. So wie das Zeigen auf etwas eben auf etwas verweist und kein Selbstzweck ist (der Zeigestock ist nicht das, auf das er verweist), so ist die Erkenntnis im Dhrupad jenseits von Sprache und Klang. Die Silben des Bījamantra werden so reduziert, dass ihre sprachliche Referenz aufgelöst wird. Das, worum es geht, kann weder in Sprache noch in Musik ausgedrückt werden. Die Suche nach der Wahrheit ist ein Pfad, Nada Yoga einer seiner Wege, Dhrupad seine Form. Dhrupad beinhaltet alles, was wichtig ist, sagt Niloy.

Man könnte auch sagen, es sei reine Dekonstruktion im Sinne postmoderner Philosophie.

 

Listen: https://archive.org/details/audio?query=dhrupad

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Geschützt: Meditationsnotizen – 9.7.23 Matrimadir https://readingdeleuzeinindia.org/de/meditationsnotizen-9-7-23-matrimadir/ Tue, 15 Aug 2023 04:23:02 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4414 Es gibt keinen Textauszug, da dies ein geschützter Beitrag ist.

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Poesie und die Unmöglichkeit über Autobahnen zu reden https://readingdeleuzeinindia.org/de/poesie-und-die-unmoeglichkeit-ueber-autobahnen-zu-reden/ Mon, 03 Jul 2023 10:51:01 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4291

Aber Hitler hat doch Autobahn gebaut! Ich höre das in letzter Zeit immer öfter. Es ist schwierig hier weiterzureden, weil ein bestimmtes Argument, das ich sehr wichtig finde, recht komplex ist und von Menschen die den Faschismus und den Holocaust relativieren wollen abgelehnt wird. Das Argument, das von Adorno angeregt wurde, ist: Nach Ausschwitzt können keine Gedichte mehr geschrieben werden. Es geht grob skizziert so: Das Ausmaß des Grauen des Holocaust ist so groß, dass wir als Individuum und als…

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Aber Hitler hat doch Autobahn gebaut! Ich höre das in letzter Zeit immer öfter. Es ist schwierig hier weiterzureden, weil ein bestimmtes Argument, das ich sehr wichtig finde, recht komplex ist und von Menschen die den Faschismus und den Holocaust relativieren wollen abgelehnt wird. Das Argument, das von Adorno angeregt wurde, ist: Nach Ausschwitzt können keine Gedichte mehr geschrieben werden. Es geht grob skizziert so:

  1. Das Ausmaß des Grauen des Holocaust ist so groß, dass wir als Individuum und als Gesellschaft uns fragen müssen, was dieses Ausmaß ermöglicht hat.
  2. Gräueltaten gab es in der Geschichte leider immer wieder und fast überall. Gibt es etwas, das den Holocaust in seinem Grauen singulär erscheinen lässt?
  3. Eine These ist, dass die technische Präzision der Vernichtungslager aus dem Geist der Rationalität geboren wurde. Es ist kein Massenmord aus Wut, Rache, Machtgier, Hass etc… sondern eine ‚technische Operation‘, in der Verantwortungen geteilt wurden, und die meisten glauben wollten, dass sie einfach nur ihren Job machen.
  4. Die Frage, die sich hieraus ergibt, ist, ob die Rationalität selbst moralisch blind und grausam ist.
  5. Wenn Rationalität sich gegen die Menschheit wenden kann, dann muss sie grundsätzlich und gründlich hinterfragt werden, und bis diese Hinterfragung nicht abgeschlossen ist, können wir nicht so weitermachen, wie es das Projekt der Moderne suggeriert.
  6. Wir müssen alles hinterfragen, auch die Poesie (und die Autobahnen).

Ein Projekt, das die Frankfurter Schule vorschlug, in den 60er Jahren war die kritische Theorie und in ihr die negative Dialektik. Hegel hatte als Reaktion auf die strengen Kategorientafeln Kants eine dialektische Philosophie vorgeschlagen, die den Geist nicht an ein festes Gerüst von Prinzipien und Kategorien des reinen Denkens gebunden sah, sondern als eine Kraft, die aus sich heraus sich selbst immer weiter entwickelt. Es sei der Mensch, der diese Bewegung des Geistes manifestieren und ausdrücken kann. Der Übergang von Kant zu Hegel ist ein wichtiger Bruch in der Philosophiegeschichte des Westens. Diesen Schritt mit neuen Methoden zu hinterfragen, ist das Projekt der negativen Dialektik. Statt Wissen zu synthetisieren und in seiner Komplexität anzureichern, versucht die negative Dialektik, die Komplexität zu bewahren, aber die Synthetisierung umzukehren in ein ständiges Hinterfragen: eine kritische Theorie. Da ist die kritische Theorie auch gar nicht so weit entfernt vom Dekonstruktivismus, wenngleich die Methoden sehr unterschiedlich sind: Die kritische Theorie geht systematisch vor, der Dekonstruktivismus oftmals assoziativ, spürt dem Unbewussten nach, sucht nach strukturellen Parallelen – ähnlich dem Poststrukturalismus.

Es wird deutlich, dass dieses Projekt wichtig ist, wenn wir uns andere ‚Errungenschaften‘ anschauen, die z. B. den Abwurf der Hiroshima Bombe, oder die Entwicklung von KI. Das Argument lässt sich auf die Kernfrage der Wissenschaftsphilosophie anwenden, nämlich der Frage nach der ethischen Verantwortung von Wissenschaft. Karl Popper betrieb dieses Projekt weiter.

Jenseits der Rationalität

Das Denken der Moderne, von Kant bis zur Frankfurter Schule, ist geprägt durch eine Skepsis gegenüber spekulativem, intuitiven, spirituellem, mysthischen Erkenntnisformen. Die Rationalität ist das Schwert, mit dem alles, das sich nicht ihrer Logik unterwirft, enthauptet wird. Doch wie bei einer Hydra erzeugt dies nur neue Gesichter, andere ‚Irrationalitäten‘. Es gibt z. B. einen Unterschied zwischen Leichtgläubigkeit, und spirituellem Denken. Es gibt einen Unterschied zwischen Intuition und Bauchgefühl.

Die westliche Denkweise hat sich zu sehr auf den rationalen Geist berufen. Die Dimension des Lebens, des Bewusstseins und die Spiritualität werden ihr als ‚noch aufzuklärende‘ Projekte untergeordnet. Für mich wird inzwischen deutlich, dass das Projekt der negativen Dialektik wesentlich weiter führen muss. Es muss uns die Türen zu unseren anderen Daseinsweisen eröffnen. Ob die negative Dialektik hier das geeignete Mittel ist, finde ich jedoch fraglich, denn sie zieht sich bei Adorno in eine ästhetische Theorie zurück. Sie kann das Denken ein Stück weit auf der Reise begleiten, der Weg wird sich jedoch schnell verzweigen.

Es ist aber ist einer der Pfade, der mich zu den Weisheiten alter Schriften geführt hat. Dieses Denken der ‚Vormoderne‘ ist reicher und komplexer. Es zieht andere Grenzen. Im Zentrum steht nicht die Logik, sondern Bewusstsein, Gott, Seele, Natur, Gemeinschaft etc… Es sind Begriffe, die auf anderen Ebenen unseres Daseins verankert sind. Oftmals werden sie ineinander verschränkt. In den Veden sind es 7: Materie, Atem, Geist, ideales Wissen, Seligkeit, Bewusstsein und reine Existenz. Wann lernen wir wieder, dass unser Menschsein nicht auf Algorithmen reduziert werden kann, müssen dazu wirklich erst in eine Schlacht mit KI eintreten?

Manchmal frage ich mich, ob es eine Parallele gibt zwischen der Vorstellung des Big Bang und dem in Erscheinung treten des menschlichen Geistes. Denn ebenso wie der Big Bang nicht aus Materie heraus, sonders aus Vibration, also Bewusstsein heraus in Erscheinung trat, so erschien der menschliche Geist als eingebettet in kosmisches Denken, Götterwelten, Ehrung des Lebens. Die Höhlenmalereien von Chauvet zeugen davon. Und ebenso wie der materielle Kosmos sich dem Kältetod zubewegt, differenziert sich der menschliche Geist aus in Einzeldisziplinen, die das Menschsein vergessen.

Eine mögliche Antwort auf diese fundamentale Krise des Geistes ist die integrale Philosophie Sri Aurobindo’s: die Synthese der Yogas.

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Kulturschock und die Wohnorte der Götter: Meine Erfahrungen in Indien https://readingdeleuzeinindia.org/de/aitareya/ Thu, 01 Jun 2023 14:36:48 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4237

Erfahre in diesem Artikel mehr über den Kulturschock und die Verbindung zwischen Bewusstsein und Körper in Indien. Die Vedas spielen dabei eine bedeutende Rolle.

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Ich hatte einen Kulturschock erwartet. Und der kommt jetzt auch. Mein Geist mag sich gar nicht so richtig einfinden. Die Zeitverschiebung ist fast 12 Stunden, also upside-down, mein Bewusstsein brennt, anders kann ich das nicht beschreiben. Ich bin wach, aber irgendwie nicht hier. Ich bin in Chicago und weiß das auch, bin vollständig präsent, aber mein Geist fühlt sich noch nicht zu Hause.

Es ist wie bei der Aitereya Upanishad. „These were the Gods that He created; they fell into this great Ocean, and Hunger and Thirst leaped upon them. Then they said to Him, “Command unto us an habitation that we may dwell secure and eat of food.”“ Aber was ist ein gutes Habitat für die Götter, jene Wesen, die Brahman erschuf, um sich selbst zu erfahren. Brahman zog Purusha aus den tiefen Wassern, aus ihm, dem Gegenpart zu Prakriti (Natur), manifestiert sich Purusha als Seele, als Bewusstein, als universales Individuum: „The eyes brake forth and from the eyes Sight and of Sight the Sun was born. The ears brake forth and from the ears Hearing and of Hearing the regions were born. The skin brake forth and from the skin hairs and from the hairs herbs of healing and all trees and plants were born…„

Als Pursha sich so – als ausdifferenzierte universale Kräfte, als Götter – manifestierte, stellte sich die Frage, wo die Kräfte wohnen können. Die Ozeane eigneten sich dazu nicht, ebenso wenig die Kühe. Als die Götter aber die Menschen sahen, sagten sie: „“O well fashoned truly! Man indeed is well and beautifully made.” Then the Spirit said unto them, “Enter ye in each according to his habitation.“ Gesagt, getan, doch eine Frage blieb: „The Spirit thought, “Without Me how should all this be?” and He thought, “By what way shall I enter in?” He thought also, “If utterance is by Speech, if breathing is by the Breath, if sight is by the Eye, if hearing is by the Ear, if thought is by the Mind, if the lower workings are by Apana, if emission is by the organ, who then am I?”“

Kulturschock

Ich fühle mich in Indien so lebendig, die Welt der Vedas ist dort noch aktiv. Mir geht es aber gar nicht darum, die Lehre der Vedas zu vertreten, dazu verstehe ich die viel zu wenig, die Sprache der Götter ist so kompliziert, so facettenreich, die Weisheit so tief. Es scheint aber etwas durch, durch diese alten Schriften, etwas, das überall in Indien spürbar ist. Bewusstsein ist dort nicht durch Materie bestimmt. Denn Materie ist unserem Bewusstsein nicht zugänglich. Das Bewusstsein sucht sich einen materiellen Wohnort. Etwas altmodisch würde man sagen, die Seele sucht sich einen Körper.

Dieses Bewusstsein, das sich einen Ort sucht, z. B. meinen Körper, ist nicht vollständig an diesen gebunden. Das ist das große Mysterium der Wiedergeburt. Die Verbindung ist nicht beliebig, aber doch lose. Wir sehen das im Schlaf, wenn unser Bewusstsein sich entfernt aus der materiellen Welt, der Kausalwelt, und sich in die Traumwelt begibt.

Die Götter also suchten sich den Menschen aus, um in ihnen zu wohnen. Das heißt aber etwas trivialisiert, dass das Bewusstsein, die Emotionen, der Intellekt, die Sinneswahrnehmung, das Gedächtnis, einen Ort benötigen, wo sie wirken können. Dieser Ort ist in unserer Erfahrung der menschliche Körper. „It was this bound that He cleft, it was by this door that He entered in. ’Tis this that is called the gate of the cleaving; this is the door of His coming and here is the place of His delight. He hath three mansions in His city, three dreams wherein He dwelleth, and of each in turn He saith, “Lo, this is my habitation” and “This is my habitation” and “This is my habitation.”“

Chicago

Nun bin auch also aus Indien nach Chicago geflogen und ich komme mir ein wenig vor, wie ein Geist (Spirit) der ein neues Haus sucht. Der Kulturschock ist maximal. Ich komme mir vor wie der Truman Show, jenem Film von 1998, wo eine perfekte Welt inszeniert wird, in der ein Mensch, der nicht weiß, dass diese Welt eine Inszenierung ist, 24/7 gefilmt und live im Fernsehen übertragen wird. Es ist natürlich eine Variation von Platos Höhlengleichnis, ebenso wie die Matrix (1999) oder andere dystopische SciFi Klassiker.

Hier in den USA findet man vieles zu seinem Extrem zugespitzt. Die Werte der Moderne werden hier verhandelt: Freiheit, Kapital, Wissenschaft, Krieg, Demokratie, Kunst, Materialismus, Individualität… Hier werden die Grenzen getestet und die Schranken gesetzt. Diese Moderne hat aber ihre Wurzeln verloren und das ist die Tragik der USA, denn dass ein Fortschritt notwendig ist, liegt in der Struktur der Welt. Alles ist im Fließen, alles im Werden, Stagnation und Konservatismus sind nur als Kräfte gerechtfertigt, nicht als absolute Werte. Und so treffen für mich hier die ältesten zusammenhängenden Schriften – die indischen Vedas – auf die Kraft des modernen Fortschritts, und ich frage mich, wo sind hier die Götter? Welches Spiel spielen sie?

Wenn ich die Menschen hier sehe, den Verkehr, die Supermärkte, die klimatisierten Häuser, dann ist das eine wirklich andere Welt. Brahman erfährt sich auch hier. Die Frage ist jedoch, wie wach die Menschen hier sind, sie arbeiten viel und hart, aber das Bewusstsein ist auf der Oberfläche in der Konsumwelt verankert. Etwas wird hier ausprobiert, das Experiment bedroht den Planeten, aber es wird irgendwie weitergehen.

Ich werde mich hier zurechtfinden. Die Götter leben hier nicht in Tempeln, es gibt keine Kühe auf den Straßen, aber es gibt einen Willen eine neue schöne Welt zu bauen. Wie ein kleines Kind, das sich nicht viel Böses denkt, wird hier diese moderne Welt gebaut. Manchmal wundert sich das Kind, dass das Haus zusammenfällt, dann gibt ein Geweine und Geschreie und einen neuen Versuch, bis das Lernziel erreicht wurde.


„The Aitereya Upanishad – CWSA – Kena and Other Upanishads – Upanishads“. o. J. Zugegriffen 1. Juni 2023. https://upanishads.org.in/upanishads/sa/kenaupanishad/the-aitereya-upanishad.

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Freier Wille https://readingdeleuzeinindia.org/de/freier-wille/ Sat, 25 Mar 2023 09:27:07 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=3659

In den westlichen analytisch-modernen Theorien des Bewusstseins, also denen, die sich als empirisch-wissenschaftlich verstehen, wird immer von einer Korrelation zwischen Materie und Bewusstsein ausgegangen. Das ist an sich relativ unstrittig, da eigentlich die allermeisten Gedankengebäude davon ausgehen. Geburt und Tod markieren die Eckpunkte dieser Korrelation. Nun stellt sich die Frage: Wie sieht diese Korrelation aus? Bestimmt das Bewusstsein die Materie, oder die Materie das Bewusstsein, oder ist es eine Wechselwirkung? 3 Varianten der Relation zwischen Bewusstsein und Materie Die erste…

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In den westlichen analytisch-modernen Theorien des Bewusstseins, also denen, die sich als empirisch-wissenschaftlich verstehen, wird immer von einer Korrelation zwischen Materie und Bewusstsein ausgegangen. Das ist an sich relativ unstrittig, da eigentlich die allermeisten Gedankengebäude davon ausgehen. Geburt und Tod markieren die Eckpunkte dieser Korrelation.

Nun stellt sich die Frage: Wie sieht diese Korrelation aus? Bestimmt das Bewusstsein die Materie, oder die Materie das Bewusstsein, oder ist es eine Wechselwirkung?

3 Varianten der Relation zwischen Bewusstsein und Materie

Die erste Variante, dass Bewusstsein Materie bestimmt, ist eine Position, die wir in den meisten spirituellen Gedankengebäuden finden, aber auch in einer analytischen Transzendentalphilosophie oder im Idealismus. Bewusstsein ist hier eine eigene Kraft, die aus sich selbst heraus agiert und gegebenenfalls in einem höheren Bewusstsein verankert ist. Diesen Gedankengebäuden ist gemeinsam, dass sie von einem selbst im Sinne eines autonomen Ichs oder einer Seele ausgehen.

Die zweite Variante finden wir in materialistischen Gedankengebäuden, also den strikt empirischen Theorien, oder analytisch reduktionistischen Gedankengebäuden. Biologische Wesen sind allein durch materialistische Prozesse bestimmt. Bewusstsein ist ein Luxus und rennt den materialistischen Prozessen hinterher. Es gibt keinen freien Willen, dieser ist eine Illusion, die eventuell einen evolutionären Vorteil bringt, aber mehr nicht.

Die dritte Variante, die der Wechselwirkung, ist das, was unserer Alltagsempfindung am nächsten ist. Wir fühlen uns manchmal getrieben durch unsere materielle Existenz, d. h. durch unseren Körper oder Zwänge unserer Umwelt. Wir haben das Gefühl, dass wir automatisch funktionieren. Zugleich haben wir aber auch Erfahrungen des freien Willens. Wenn wir uns z. B. nicht entscheiden können, oder gewohnte Bahnen verlassen, so denken wir, das sind freie Entscheidungen.

Was heißt das?

In der empirischen Wissenschaft wird oft angemerkt, dass es viele Studien gibt, die die zweite Variante stützen. Im Kern sehen die Versuche so aus: Ein Mensch wir an ein EEG angeschlossen, d. h., seine Gehirnströme werden gemessen. Das geht auch etwas differenzierter mit Computertomografie. Dann werden die Versuchspersonen gebeten, eine Entscheidung zu treffen. Wenn nun auf den Messgeräten ein Ausschlag zu sehen, ist, der anzeigt, dass die Entscheidung im Gehirn gefallen ist, und diese Messung der bewusst mitgeteilten Entscheidung der Versuchsperson vorausgeht. Dann, so die Behauptung, sei der freie Wille eine Illusion. Wichtig ist dabei, dass es überhaupt einen Zeitunterschied gibt, nicht wie lang die Zeitdifferenz ist. Das bewegt sich ohnehin im Millisekundenbereich.

Wie sähe das Gegenmodell aus, also die erste Variante? Die Versuchsperson würde eine Entscheidung treffen, sie äußern, und dann würde das Gehirn den Befehl ausführen. Und wie sähe das empirisch aus? Das Bewusstsein verändert den Sinnesapparat, den Körper, um einen Gedanken, d. h. eine Entscheidung, auszudrücken, die einerseits schon gefallen ist, andererseits noch nicht physisch materialisiert ist. Während des Ausdrückens des Gedankens wird die Entscheidung auf neuronaler Ebene erst umgesetzt.

Die dritte Variante, die der Wechselwirkung, ist die schwierigste. Zwei sehr unterschiedliche Systeme werden hier als interagierend angenommen. Das eine die physikalisch, biochemische Welt, das andere die Welt des menschlichen Bewusstseins. Eine wichtige Frage ist hier die nach dem Bindeglied. Wie sieht die Brücke aus? Eine Annahme ist, dass beide Systeme letztlich logisch sind, d. h. sowohl einerseits empirisch wissenschaftlich also auch anderseits rational.

Würfelt Gott?

Einstein sagte sinngemäß, Gott würfelt nicht. Das fasst das Paradox eigentlich ganz schön zusammen. Gott, der das Universum erschuf und mit ihm die Würfel und die Gesetze des Zufalls, unterliegt ihnen nicht.

In den Vedas ist das ausgedrückt durch die Relation von Brahman (universales Selbst, nicht im Sinne eines persönlichen Gottes), Puruscha (Bewusstsein) und Prakriti (die materielle Welt in Bewegung, Natur). In dieser Dreierrelation erscheint Atman, das individualisiert selbst (allerdings nicht im personalisierten Sinn)1.

Es ist erstaunlich, wie differenziert die Rishis, also die Seher, vor über 3000 Jahren die Relation zwischen Bewusstsein und Materie in tiefer Meditation gesehen haben. Ihre Sichtweise, dass der Evolution eine Involution vorausgeht, klingt heute befremdlich, beschreibt aber eigentlich nur jenes wechselseitige Verhältnis, die Wechselwirkung zwischen Bewusstsein und Materie in einer zeitlichen Streckung.

Bewusstseinsebenen

Der Anfang liegt nicht im Urknall, sondern im gemeinsamen Grund von Materie und Bewusstsein. Das können wir Logik, Gesetz, Rationalität, Brahman, Schöpfer, Nirwana nennen, das ist eigentlich an dieser Stelle erst mal egal, wir haben es hier mit a priori zu tun. Nicht im epistemologischen Sinn, sondern im ontologischen.

Naturgesetze werden nicht durch Materie geschaffen, sondern Materie folgt ihnen. Was, wenn das Universum einem Gesetz folgt, das ihm vorausgeht? Das ist irgendwie die Grundannahme des reduktionistischen naturwissenschaftlichen Weltbildes. Jedoch erklärt dieses Weltbild nicht, wo die Gesetze herkamen. Waren die vor dem Urknall schon da? Oder entstanden sie gemeinsam während des Urknalls? Ganz sicher entstanden sie nicht nach dem Urknall…

Mir scheint es wesentlich plausibler, anzunehmen, dass es Bewusstsein gibt, das selbst agieren kann – unterschiedliche Formen des Bewusstseins, auf unterschiedlichen Bewusstseinsebenen.

Der freie Wille liegt nicht in der Fragestellung, ob die Wahl zwischen einem Apfel und einer Birne im Gehirn schon getroffen wurde, bevor sie im Bewusstsein erscheint. Die Freiheit liegt im Denken. Das Abenteuer des Denkens ist offen und weitet sich aus. Mögen wir uns nicht von Rückschritten blenden lassen.

Auf der Erkenntnisleiter folgen dem Denken Vijnana und Satchitananda. Ein höheres Bewusstsein, das über die rein rationale oder emotionale Denkweise hinausgeht. Vijnana ist ein Denken, das eine Weltsicht beinhaltet. Eine wirkliche Sicht der Welt, in ihrer Komplexität und ihren Implikationen. Ein Verständnis von Welt, das einen hohen Grad an Erkenntnis, Reflexion und Weisheit beinhaltet. Satchitananda sind die höheren Ebenen des spirituellen Bewusstseins. Es ist möglich, diese zu erfahren, es lässt sich aber schlecht darüber streiten. Ich habe Jahrzehnte damit verbracht, mich selbst und andere davon zu überzeugen, dass es das nicht gibt – erfolglos.

hiraṇmáyena pā́treṇa satyásyā́pihitaṃ múkham |
tát-tváṁ pūṣann-ápā́vṛṇu satyádharmāya dṛśtáye |15|

15. The face of Truth is covered with a brilliant golden lid; that do thou remove, O Fosterer, for the law of the Truth, for sight. (Isha Upanishad)

Im Sanskrit gibt es ein schönes Wort: Dvaitadvaita – dualism-non-dualism, also die Dualität von Dualität und Nicht-Dualität.

 

 

1 Eine etwas gewagte Parallele ist im Christentum zu sehen: Die Relation von Vater, Sohn und heiligem Geist versinnbildlicht das gleiche Prinzip. Gott als Schöpfer ist Brahman gleichgesetzt, der Heilige Geist ähnelt Puruscha/Shakti, und Praktriti und Atman werden zusammengezogen und durch den patriarchalen Sohn ersetzt. Das nennt sich dann Dreifaltigkeit.

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Die Kraft der Upanischaden: Klarheit und Spiritualität durch Meditation https://readingdeleuzeinindia.org/de/vibration/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/vibration/#respond Mon, 16 Jan 2023 07:48:16 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2967 Kerala Festival

Entdecke die spirituelle Kraft der Upanischaden und der Rigveda in Indien. Erfahre die Wesensschau und die reine Form der Sinne in der Meditation.

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Kerala Festival

Während ich der Weisheit der Upanischaden und der Kraft des Rigveda folge, wird mir vieles immer klarer. Die spirituelle Kraft der alten Schriften in Indien liegt in ihrem ungefilterten Zugang zur Erfahrung und der Intuition.

Die Denksysteme, die ich in der westlichen Tradition kennengelernt habe, versuchen im Grunde immer, einen Ausgangspunkt zu finden:

  • Philosophie sucht immer nach dem Anfang. Jedoch tut sie das in der Regel durch den Verstand. Das führt zu der Frage nach einer Axiomatik und Ontologie, also der Frage nach den Grundannahmen und den nicht reduzierbaren Seinsformen.
  • Andere, eher religiöse und mystische Versuche, suchen nach einem Anker im Transzendentalen, Metaphysischen oder Übernatürlichen. Letztlich also in einer Autorität, die erfahrbar ist.
  • Die Wissenschaft mit ihrem materialistischen Zugang zur Welt sucht nach Mustern und versucht, diese zu verallgemeinern, um die daraus abgeleiteten Theorien zu verifizieren bzw. zu falsifizieren.

Was ich hier in Indien kennenlerne, ist die Wesensschau in der Meditation. Die Spiritualität nimmt ihren Ausgang von der Sicht nach innen. Diese Sicht nach innen ist rein und ungetrübt. Sie ist wie geklärtes Butterfett – Ghee.

Meditation zum Selbst

In der Meditation ist der Körper in einer Ruheposition und der Geist lässt die Reize der Außenwelt verklingen. Als Hilfestellung zu Beginn einer Meditation wird oft die Konzentration auf den Atem genommen. Das Zählen der eigenen Atemzüge lenkt das Bewusstsein auf den eigenen Körper, auf die Lebenskraft des Atems, auf das Verhältnis der Außenwelt zur Innenwelt. Wenn der Geist und der Körper so zur Ruhe gekommen sind, fängt die eigentliche Meditation erst an. Die Sinne, die nun weitestgehend aus dem Reiz-Reaktionsschema befreit sind, liegen offen. Und genau hier setzten die Upanischaden an.

Im nächsten Schritt geht es nicht um eine Erfahrung des Transzendentalen, des Mystischen, einer irgendwie anders gearteten Realität, wie so viele Meditierende meinen. In den Upanischaden geht es darum, die Sinne in eine reine Form zu bringen. Sehen wird Sehen, Hören wird Hören, Denken wird Denken etc… Nicht mehr und nicht weniger. Wem es gelingt, auf dieser Bewusstseinsebene zu verweilen, nimmt die Grundstruktur des Bewusstseins wahr. Es wird klar, dass die Sinneseindrücke, angeregt durch die äußeren Sinnesorgane, innerhalb des Bewusstseins erscheinen, aber eben transformiert. In der Philosophie springen viele Denker nun viel zu schnell zu dem Schluss, dass es sich hier um mentale Repräsentativen handelt. Bis wir bei mentalen Bildern angekommen sind, passiert aber noch viel.

Die Kena Upanischad fragt: Wer sieht beim Sehen, wer hört beim Hören, wer denkt beim Denken etc…. Dies ist die Frage aller Fragen. Die Antwort ist klar und rein – Simplicity is complexity resolved – das absolute Selbst. Was heißt das?

Wenn sich mein Bewusstsein in der Meditation auf einen der Sinne konzentriert, so wird er – losgelöst von seinem Objekt der Wahrnehmung und ebenso losgelöst vom Subjekt der Wahrnehmung, zum reinen Bewusstseinsgehalt, einer Form, die einer Vibration entspringt. Vibration ist der Begriff der Upanischaden, für den wissenschaftlichen Geist könnten wir von Bewusstseinsgehalten, die neuronale Ströme begleiten, sprechen. Diese Vibration, die durch die Sinnesorgane ausgelöst ist, konstituiert Bewusstsein. Selbst reduktionistische Materialisten würden hier noch zustimmen. Es ist das, was Hegel sinnliche Gewissheit nennt.

Wer ist es aber, der diese sinnliche Gewissheit hat? Es ist nicht das Subjekt, das die mentalen Bilder, die Repräsentationen synthetisiert, sondern es ist eine Vermischung der Vibrationen. Bewusstsein existiert nicht in Isolation. Bewusstsein ist eine Vermischung von verschiedenen Bewusstseinsinhalten. Die Vibration der Sinne vermischt sich mit unserem Atem und dem Herzschlag, der Natur. Kurz: Bewusstsein ist an die Lebenskraft gebunden (Prakriti), an eine Seele (Purusha) und Identität (Atman).

Atman und Brahman

Innerhalb der Meditation ist die Vermischung der Sinne gut zu beobachten. Das klare Bewusstsein wird sich dieses Gleichklangs bewusst und erfreut sich daran. Es ist hier, wo Ekstase und Seligkeit erfahrbar werden. Und hier, jedenfalls für mich, erwacht das Selbst in einem tieferen Sinn. Denn hier ist das Bewusstsein losgelöst vom Reiz-Reaktions-Schema. Das synthetisierte Bewusstsein (Atman), entfaltet eine eigene Handlungskraft, es wird zu einem Agierenden, d. h. frei. Und in eben jenem Bewusstsein des freien Selbst (was ein wesentlich stärkerer Begriff ist als das recht technische Selbstbewusstsein mit seiner selbstreferenziellen Struktur), erkennt das Selbst seine Einheit mit dem absoluten Selbst. Das freie Bewusstsein erkennt sich als Teil des Bewusstseins überhaupt. Atman ist Brahman und Brahman ist Atman.

Bilder der Rigveda

Von hier aus werden mir auch Bilder Rigvedas klar. Die heiligen Kühe, die als Strahlen der Sonne und in anderen merkwürdigen Konstellationen vorkommen, die Pferde, die angespannt sind und aus den Städten kommen, oder die Götter fahren, das Feuer, das in unterschiedlicher Form, mal rauchend, mal klar, allgegenwärtig ist.

Ich versetzte mich manchmal nach einer Meditation in eine vorhistorische Zeit, in eine Zeit, mit wenigen Werkzeugen, ohne Schrift, unter dem Sternenhimmel, wo die Pferde auf der Wiese grasen und die Milch über dem Feuer gekocht wird und die geschlagene Butter geklärt wird. Das Mysterium des Lebens und des Bewusstseins, die Erfahrung, Teil des Kosmos zu sein, um das Lagerfeuer sitzend, oder die Öllampen mit geklärter Butter für die Götter anzuzünden, ist eine tiefe spirituelle Erfahrung, die teilweise noch in den Tempeln und bei den Festen in Indien zu spüren ist.

Die geklärte Butter der majestätischen, freilaufenden Kühe, die kraftspendend und lichtgebend ist, der Atem der schnaufenden Pferde im Morgengrauen, das Feuer, das wärmt und sich in der Sonne und dem Mond spiegelt. Dies sind ganz konkrete Erfahrungen, die zentraler Gegenstand spiritueller Mediation sind. Die Rishis gehen ganz konkret von dem, was vor ihnen ist, aus, und sie reflektieren nach innen und beschreiben das Geheimnis unserer Existenz hier und jetzt. Es ist keine Spiritualität, die auf Autorität aufbaut oder von Kategorien a priori ausgeht. Diese Spiritualität ist entwickelt aus der allgemeinsten Erfahrungswelt, sie erklärt, wer und was wir sind. Sie gibt den Dingen und Kräften lediglich Namen und beschreibt sie.

Die Götter sind nichts anderes als jene Kräfte, die wir sehen: das Wachsen der Bäume in der Natur, der Kampf und die Liebe bei den Lebewesen, die Kräfte unseres Unterbewusstseins, die Ideale unseres Geistes. Sie sind Teil jeder Kultur, sie sind überall da, sie sind real. Im Hinduismus sind sie Kräfte benannt und als Götter verehrt. Was soll daran falsch sein?

Wir leben in dieser Welt, hier sind wir, und hier ist unsere Spiritualität. Sie liegt nicht im Jenseits, und sie ist auch nicht nicht.

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Art beyond darkness – Kochi-Muziris Biennale 2022/23 https://readingdeleuzeinindia.org/de/kochi-muziris-biennale-2022/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/kochi-muziris-biennale-2022/#respond Fri, 06 Jan 2023 06:32:27 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2881

Warum brauchen wir eine Biennale? Diese Frage habe ich mich oft gestellt. Vor COVID-19 habe ich viele Orte mit internationalen Kulturveranstaltungen besucht. In der Lockdownzeit habe ich ein Künstlerresidenzprogramm mitorganisiert, um über die Auswirkungen, Bedrohungen und Chancen von COVID-19 für Kulturschaffende nachzudenken. Alles lief anders als erwartet. Jetzt versucht jeder, zur Normalität zurückzukehren. Haben wir die Billionen von Euro und Dollar gedankenlos ausgegeben, um ein System aufrechtzuerhalten, das dringend eine Veränderung braucht?

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Why do we need a biennial? I have often asked myself this question. I have been to many places with major international cultural events, i.e., before COVID-19, that was. During Lockdown, I co-organized an artist-in-residence program to think about what the implications, threats, and opportunities of COVID-19 are for cultural practitioners. Everything turned out quite differently than we had hoped, the great upheaval failed to materialize, and in a time marked by crises many are now simply trying to return to the status quo. Have we really used the trillions of Euros and Dollars so thoughtlessly and without reflection, only to maintain a system that urgently needs a change?

The concept of biennials or major cultural events was already discredited before COVID-19. They are dominated by the art market and influencer posing. An international chic and hipster community, old intellectual hardliners, head-shaking know-it-alls, and naive do-gooders met there to applaud a powerless self-promotion of artist-curators and gallerist-egos. Many seriously want to show that the world should become better, but with what example do they go ahead?

 

Kochi-Muziris Biennale

I was at the Kochi Biennale for the first time in 2016, and I already thought that something different was being done here—better—with the heart in the right place and a vision that was oriented towards making a concrete, real difference. There were children’s art camps, public events where anyone could and did come, school children and their mothers came from the villages of Kerala, run-down barracks, warehouses, docks were opened so that art students from all parts of India could exhibit there, international artists were invited to see the locations before they conceived their side-specific installations. There were a large number of art educators, many projects were focused on ecology, social impact, critique of the ruling class. Little children, who use their school vacations to look at art, laughingly ask foreigners on the street where they come from, only to ask even more joyfully with great pride and enchanting charm if they like Kerala.

Fort Kochi is a melting pot of India, where spiritual, colonial, indigenous, national, political, cultural influences have converged for centuries. Kochi is an architectural jewel covered with Che Guevara graffiti and communist election posters. Goats and cows walk among the rickshaws, and everything smells of Kerala’s spice garden. Fresh fish is sold on the beach, while container ships and military reconnaissance vessels pass in the background. It is a vibrant city.

 

The fifth edition 2022/23

The 2022 Biennale started with organizational chaos. This is not really surprising in India, but it does show the challenges that Covid left behind. Many buildings stood empty for four years, or were just used for storage, which further reduced the already fragile building technology infrastructure. An incendiary letter on e-flux from participating artists attests to the frustration. Organizing a major international event in India may not be an easy task in itself, but doing so after two years of pandemic is actually impossible. It is all the more surprising that after two weeks of catastrophically communicated delays, the miracle of the Kochi Biennale happened again. Some things are still under construction even three weeks after the official partial opening. But most of it is professionally installed—in warehouses and barracks. The power of many artworks shines through the chaos.

Some large video installations, such as commissioned work by CAMP’s „Bombay Tilts Down (2021-2022)“ from Mumbai at Aspinwall or Amar Kanwar’s „Such a Morning (2017-19)“ from Delhi at Anand Warehouse, have transformative power. CAMP uses CCTV Surveillance footage and mixes it with percussive chants about solidarity, oppression, and hope in Mumbai’s poorest neighbourhoods.

CAMP - SD 480p

In contrast, Kanwar’s work is poetically quiet, a journey into darkness. A mathematics professor, perhaps going blind, prepares for the darkness. What a task for a visual artist – a preparation for a life without sight! This is not only about the existential questions of survival, but about the limits of art, how far does art reach beyond perception? The video installation is extended by an installation of miniprojectors, in which elements of the film are selected and captured in settings. Lined up next to each other, the film thus becomes a linear copresence that allows the visitor to walk around between the images. The visitor is in a place of reverberation, of memory, the images of the film are faded, transformed, surreal.

Amar Kanwar- SD 480p

A general trend is also intensifying here. More and more artists are using the medium of film. Projections and screens are everywhere. Magically disturbing is the installation of Jitish Kallat „Covering Letter“ (2012), the work has been seen many times before, but in the south of India it unfolds a completely different power. Ghandi sent a letter to Hitler on July 23, 1939. It was addressed ‚Dear friend‘. Ghandi emphasized that Hitler was the only person who could prevent the brutality of this war. The letter is projected continuously by Jitish Kallat on a cloud of mist. A touch of history is felt.

Since we are dealing with time media, it is impossible to cope with all of this, and so there is a competition of screens and projection sizes. There are many works on political, ethnic and social conflicts to be seen. Every story would be worth to be retold here. But the narrative medium reaches its limits here. The visitor needs time, but she is rewarded with a variety of perspectives from the point of view of the oppressed. In the age of portable pocket screens, it is appropriate to rely on this medium because our viewing habits are changing, the static image and text without dramaturgical staging are lost in the battle for attention.

It is nice to see that the curator shows great diversity in hanging. Large rooms with picture areas completely without text panels are beneficial – these hang in the hallway of the administrative wing of Aspinwall. The biennial gives the works space, the walls never seem crowded. This invites one to linger.

 

Art for the mind

Yohei Imamura „tsurugi“ (2022) is a highlight in technical mastery. Over two years, Imamura used a silkscreen technique to create a 3D model of a mountain by layering. A video explains the process. The reflective layers are almost as varied as the more than 1000 layers of paint that create the 3D model of the mountain. It starts with the topographic maps, which are themselves a layer of abstraction from reality. I think of Baudriallard’s simulacrum, of postmodern concepts of mapping. Imamura traces each elevation plane in order to transfer it individually to a silkscreen plane. This meditative tracing is also a preparation for mountain climbing; knowledge of the terrain is essential for survival.

By reproducing the mountains in 3D through layering, we are reminded of geological processes. It would be interesting to know what are the geological stratifications of the mountain itself, is there any correlation? Probably not. The whole could be created on a 3D printer, but here the inner design principles would be radically different, algorithmic, vector-based, tech-scanned. Criticism of a wide variety of technical media is clearly implied here. And so we find ourselves confronted with an object that combines different levels of representation and abstraction, created through an innovative form of masterful screen printing. Technical reproduction, imagination, construction, the intertwining of space and plane, of creativity and precision meet here.

A radical increase of the conceptual can be found in the works of Iman Issa „Lexicon (2012-19)“ questions the relation of language, image, and imagination. The starting point are art-historical descriptions of images that are not shown. Instead, from these textual descriptions, Issa isolates formal elements that can be seen as sculptures next to the descriptions. It is an intellectual game that seems a bit out of place. However, this kind of textual, Western, critical, perhaps based on postcolonialist discourse does not really resonate.

 

Biennale of the people

This Biennale of the people has a different accent: political, participatory, inviting. This becomes very clear and evident in the works of Marcos Avila-Ferero „Theory of the wild gees, notes on the workers gestures (2019)“.  Avila-Ferero asked retired Japanese workers to repeat their movements of the work processes in their professional life. We see workers moving air in human chains. The whole thing seems so absurd and senseless, so exposing and inhuman, that the whole exploitation of labor becomes immediately tangible. The technical tracing of the physical motion sequences illustrates how the rationalization of labor uses the human body as a tool. We see how, after decades of routine, the body adapts and deforms to the work processes. Over the duration of the exhibition, dancers will be invited to respond to these work processes. This is exciting to imagine.

The curatorial statement reads, „even the most solitary of journeys is not one of isolation, but drinks deeply from that common wellspring of collective knowledge and ideas.“ Nowhere is this more evident than in the works of the Student Biennial. You can feel the verve of young artists, the poetry that unfolds in the warehouses from the colonial era. The works of young artists „drink deeply from that common wellspring of collective knowledge and ideas,“ – they take a big gulp.

This again is not unusual, in fact not that remarkable, because art students all over the world do this. Except in Kochi they are represented at the Biennale, they are visible to an international audience, they are heard, their voice is amplified and sounds in a chorus, they are not alone, they represent a whole generation, the generation to which the future belongs and which is taken away from them by the egoism of the ideals of old white men.

The work of Nilofar Shaikh of VNSGU „Healing Map, Bench“ is such an example. A bench, with murals in the background, invites the viewer to confront the issue of violations and to enter into dialogue with the environment.

Dheeraj Jadhav shares his way of seeing with his installation „Planting Conversation“, which is strong and compelling.

Nabam Hem, Taba Yaniya and Ejum Riba invite us into the world of the Tani clan with their large installation „Tani Nyia Nyji Muj“. It is moving and thought-provoking.

The community art project Bhumi has worked in lockdown with a community in Bangladesh. Local materials and traditions result in a round of figures that exemplify the heart of this biennial. It can be seen on the sidelines of the biennial at the TKM Warehouse.

I always try to spend a few days at a biennial, I find it important to interact with the environment. In Kochi, I drink my chai on the boardwalk and laugh heartily with the people from Kerala, even though we don’t have a common linguistic language. The south of India is incredibly hospitable, warm, carried by a spirituality that perceives life in every counterpart. These encounters are the real energy of the Kochi Biennale, without them none of this would be possible here. And I am beginning to understand what it means to truly live differently. It is the nature and the culture, the people and the spirituality, the harmony of the world that can be heard here. It is a radical counter design to the over saturated affluent societies. In the curatorial statement we find: „The human need to think freely without proscription, in spite of, and sometimes because of repression, all point to the way we react to conflict. The only enemy is apathy. That has no name or face, and it lies entwined with its bedfellow-self-censorship.“

It is the Biennale of the people.

Further reading:

„Curatorial Statement“. Zugegriffen 7. Januar 2023. https://www.kochimuzirisbiennale.org/kmb-22-23/curatorial-statement.
OnManorama. „Kochi-Muziris Biennale venues come alive as show is opened to public“. Zugegriffen 26. Dezember 2022. https://www.onmanorama.com/news/kerala/2022/12/24/kochi-muziris-biennale-venues-opened-to-public.html.
„Open Letter from the Artists of the Kochi-Muziris Biennale 2022–23 – Notes – e-Flux“. Zugegriffen 28. Dezember 2022. https://www.e-flux.com/notes/510681/open-letter-from-the-artists-of-the-kochi-muziris-biennale-2022-23.
The New Indian Express. „Over 50 global artists call for overhaul of Kochi Biennale“. Zugegriffen 26. Dezember 2022. https://www.newindianexpress.com/states/kerala/2022/dec/25/over-50-global-artists-call-for-overhaul-of-kochi-biennale-2531510.html.

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https://readingdeleuzeinindia.org/de/kochi-muziris-biennale-2022/feed/ 0
Wieviele Sinne haben wir? https://readingdeleuzeinindia.org/de/wieviele-sinne-haben-wir/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/wieviele-sinne-haben-wir/#respond Thu, 22 Dec 2022 05:37:03 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2594 Sonnenuntergang Auroville

Entdecke die Bedeutung der fünf Sinne und lerne, wie die Propriozeption als möglicher sechster Sinn eine Revolution darstellt. Tauche ein in die Welt der Wahrnehmung und Bewusstsein. #Philosophie

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Sonnenuntergang Auroville


Manchmal frage ich mich, was ich eigentlich während meines Philosophiestudiums in Heidelberg gelernt habe (und ja, vielleicht hätte ich mehr von den Spinoza- und Bergson-Seminaren besuchen sollen).

Bei all den Diskussionen über Wahrnehmung und Bewusstsein haben wir immer die fünf Sinne thematisiert: Sehen, Hören, Schmecken, Tasten, Riechen. Dies, so lernen wir in der aufgeklärten Philosophie, seien alle, die wir haben. Als ich dann in einem Seminar lernte, dass die Propriozeption, also die nach innen gerichtete Körperwahrnehmung, ein sechster Sinn sein könnte, galt das als Revolution.

Diese Sinne sind in der Theorie so angelegt, dass sie vom Bewusstsein aus bis zu dem Punkt reichen, wo die Außengrenzen des Körpers mit der Welt interagieren:
– Schallwellen treffen auf das Trommelfell
– Geruchsstoffe auf die Nasenschleimhäute
– Geschmacksstoffe auf die Zunge
– Der Tastsinn auf Objekte
– Licht auf die Retina

Was hinter den Körperschnittstellen in der Außenwelt liegt, die Welt an sich also, darüber können wir nichts anderes sagen als das, was uns mittels der Sinne zur Verfügung gestellt wird (Descartes). Sie ist konstruiert (Kant), in einer Epoché ausgeklammert (Husserl), jenseits der Sprache (Wittgenstein), falsifizierbar (Popper), Struktur (Saussure) etc….

Sprache

Jene banalisierten fünf Sinne haben wir in der kulturellen Evolution angeblich erweitert: mit Brillen und Mikroskopen oder Teleskopen, mit Roboter-Exoskeletten oder Mikrofonen bzw. Lautsprechern (ich denke an Marshall McLuhan).

Innerhalb des Bewusstseins gibt es also einen Zulieferer von Daten (die Sinne), die durch das Bewusstsein vereint werden und ein innerliches Bild ergeben, ein Abbild der Außenwelt. Diese Abbilder der Außenwelt sind einem wie auch immer gearteten Ich gegeben. Dieses ist zumindest eine selbstreferenzielle Struktur („Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können„, Kant)

Innerhalb des Bewusstseins selbst können wir dann feiner differenzieren: Wie sind die Bewusstseinsgehalte zusammengesetzt, was ist Erinnerung und Erwartung, Traum und Erkenntnis. Wie werden Bewusstseinsinhalte Sprache zugeordnet und welchen Sätzen korreliert welches Bewusstsein, und wann können wir dann von wahren Sätzen sprechen und wann von falschen? Da kann man dann schließlich tief in die Sprache eindringen oder in die Phänomenologie, oder die Neurowissenschaften etc…

Zurück zum Anfang

Ich möchte nochmal bei den fünf Sinnen ansetzen, weil hier etwas schiefgelaufen ist, und das Denken dann eben auch in die falsche Richtung läuft.

Die Upanischaden sind da viel klarer. Hier wird von 11 Sinnen gesprochen: 5 Sinne des Wissens – Nase, Zunge, Augen, Ohren, Haut – und 5 Sinne der Aktion – Hände, Füße, Anus, Geschlecht, Sprechen – und der elfte Sinn, das Wissen, das dann alles zusammenbringt.

Die Sinne sind hier nicht schon als skeptizistischer Super-GAU angelegt (als ein Gehirn im Aquarium, das trügerisch fünf Typen von Sinnesinformationen zugespielt bekommt, ich denke hier an Descartes), sondern als die realen Kontaktpunkte unseres Körpers zur Welt.

Das ist doch eine ganz andere Ausgangslage, die Welt zu beschreiben. Der Körper wird hier ernst genommen, er ist in der Welt, interagiert mit ihr, über mindestens 11 Kontaktpunkte. Das Wissen ist ein Wissen um das Sein in der Welt, um den eigenen Körper und die Möglichkeit zu agieren und zu wissen, aber auch ein Wissen um ein größeres Bewusstsein. Das Problem des Dualismus der westlichen Philosophie in der Nachfolge von Descartes wird hier gedehnt, auseinandergezogen, klarer. Es löst sich, nicht auf, sondern wir transformiert, flüssig, ineinanderfließend (intermiscence).

Zwischen den Extremitäten und Sinnesorganen und dem Denken selbst ist der Körper. Der Körper ist nicht nur materiell gedacht, sondern biologisch, als lebender Körper, der eine Lebenskraft (ich denke hier an Bergson) hat. Auch diese können wir eigentlich nicht wirklich leugnen, wir erfahren sie immerzu. Sie hat ihren Ursprung in Purusha – der Weltseele, dem reinen Bewusstsein (Chit) Purusha ist der Ausgangspunkt von allem.

Purusha entgegengesetzt ist Prakriti. Die Natur in ihrer Urmaterie, mit drei Eigenschaften ausgestattet: Trägheit (Materie?), Energie, und Harmonie. Und es wäre nun wirklich zu einfach, ein solches Schema zu öffnen, Purusha und Prakriti sind zwei Seiten von Shiva….

In den Upanischaden gibt es ein unglaublich komplexes System von 7 Ebenen:

  1. Materie
  2. Leben
  3. Geist
  4. Wissen (Vijnana)
  5. Bliss (Ananda)
  6. reines Bewusstsein (Chit)
  7. reine Existenz (Sat)

Und das ist nur der Anfang. Wieso denken wir im Westen so banal, rein in der Dualität von Geist und Materie?

Wer denkt beim Denken?

So richtig interessant wird es in Aurobindo’s Kommentaren zu der Kena Upanishad (Vol 18 Upanishads-II : Kena and Other Upanishads) und den Kommentaren in den Hymns to the Mystic Fire (Vol 16).

Mehr dazu später hinter dem Konzept der Intermiscence (ineinanderfließen).

 

p.s. Kann es wirklich sein, dass in der westlichen Philosophie über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende die Sexualorgane nicht als Sinne mitgemacht wurden?

 

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Meditation https://readingdeleuzeinindia.org/de/meditation/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/meditation/#respond Sat, 01 Oct 2022 01:47:18 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=807

Ich habe mich immer gegen das Wort Meditation gewehrt. Vieles daran war mir suspekt. Ich habe aber zugleich seit jeher meine Formen der Meditation praktiziert, ohne diese so genannt zu haben, oder ohne sie gelernt zu haben. Für mich gehören in den Bereich der Meditation: a.) die Kontemplation, d. h. das Versinken in einen Gedanken und das gezielte Nachspüren von Gedankenimpulsen zu einem Thema, ein Umkreisen, bis das mentale Bild klarer wird und vor dem inneren Auge erscheint. b.) auf…

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Ich habe mich immer gegen das Wort Meditation gewehrt. Vieles daran war mir suspekt. Ich habe aber zugleich seit jeher meine Formen der Meditation praktiziert, ohne diese so genannt zu haben, oder ohne sie gelernt zu haben.

Für mich gehören in den Bereich der Meditation: a.) die Kontemplation, d. h. das Versinken in einen Gedanken und das gezielte Nachspüren von Gedankenimpulsen zu einem Thema, ein Umkreisen, bis das mentale Bild klarer wird und vor dem inneren Auge erscheint. b.) auf den eigenen Atem zu achten. Dabei wird der eigene Körper bewusst. D. h., durch das bewusste Ein- und Ausatmen richtet sich auch der Körper auf, die Wirbelsäule wird entlastet und die eigene physische Existenz wird bewusst. Mit diesem Existenzbewusstsein lassen sich dann neue Bewusstseinsebenen erschließen. c.) in der transzendentalen Meditation verbindet sich das Selbst mit dem allgemeinen Bewusstsein und kann nun nahezu beliebige Formen annehmen. Spannend ist in dem Zusammenhang der Begriff des Werdens. Das Selbst kann nun ganz in einem anderen aufgehen. Z. B. kann sich das Selbst öffnen oder es kann sich gedanklich in einen anderen Raum oder in eine andere Zeit versetzen. Die Gedanken sind frei. Dies sind Meditationsformen, die ich in der Regel eine halbe Stunde praktiziere.

Bei längeren Meditationen im Lotussitz von bis zu 1,5 Stunden passieren dann noch einmal ganz andere Dinge. Das hat auch etwas mit dem Schmerz zu tun, den die Sitzhaltung mit sich bringt. Ich sitze quasi durch den Schmerz hindurch. Das führt zu einer Art Trance. Diese Grenzerfahrung überschreitet die Trennung von Selbst und Welt, in ihr finde ich eine Realität, wo alles im Einklang ist.

Indien

In Indien habe ich das Gefühl, dies aufschreiben zu können, ohne wie ein Träumer zu klingen. Es fühlt sich natürlich an, dies zu tun und auch darüber zu sprechen. Vielleicht hat meine Sehnsucht nach Indien auch damit etwas zu tun. Ich habe das Gefühl, hier meinem Bewusstsein Raum geben zu können, ohne mich rechtfertigen zu müssen. Diese Erfahrungen dürfen einfach sein und müssen sich nicht dem Reduktionszwang einer materialistischen Philosophie gegenüber beweisen. Vielmehr erlaubt mir das Sein hier, das Bewusstsein überhaupt erst zu erkunden und von diesen Erfahrungen aus die Zwänge der Dreifaltigkeit, des Kapitals und der Neurobiologie überhaupt erst als solche zu verstehen.

Ich bin keine Maschine und möchte auch nicht als solche verstanden werden.

Eine schöne Beschreibung dessen, was Meditation sein kann, findet sich in den Shvetashvatara Upanischaden 2. Kapitel. in: „Die Upanischaden. Eingeleitet und übersetzt von Eknath Easwaran“ ISBN-10: 3-442-21826-8  S.294f.

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Wachstumsschmerzen https://readingdeleuzeinindia.org/de/wachstumsschmerzen/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/wachstumsschmerzen/#respond Fri, 12 Aug 2022 12:34:31 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1403

Ein intensiver Monat endet. Umzug, räumliche Trennung, Freunde, die sich trennen, die Liebe von Patenkindern, neue Freundschaften, Sehnsüchte, Warten… Ich könnte ein Drehbuch schreiben über die letzten Wochen in der Provence. Jeder Tag gefüllt von Schmerz, Mitgefühl und Liebe – kollektiv in verschiedenen Konstellationen. Ich möchte aber nicht diese kleinen Geschichten erzählen, obgleich Marcel Pagnol vielleicht seine Freude daran gehabt hätte. Was mich beschäftigt, ist die Frage nach dem Schmerz. Leben ist Leiden, sagen Buddhisten – sehr verkürzt. Das Wollen…

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Ein intensiver Monat endet. Umzug, räumliche Trennung, Freunde, die sich trennen, die Liebe von Patenkindern, neue Freundschaften, Sehnsüchte, Warten… Ich könnte ein Drehbuch schreiben über die letzten Wochen in der Provence. Jeder Tag gefüllt von Schmerz, Mitgefühl und Liebe – kollektiv in verschiedenen Konstellationen. Ich möchte aber nicht diese kleinen Geschichten erzählen, obgleich Marcel Pagnol vielleicht seine Freude daran gehabt hätte.

Was mich beschäftigt, ist die Frage nach dem Schmerz. Leben ist Leiden, sagen Buddhisten – sehr verkürzt. Das Wollen und Verlangen sind die Ursachen für Frustration und Leid. Aber auch das Leben selbst, Durst und Hunger, das Verlangen des Körpers, es erzeugt Leiden. Ich habe das nie ganz verstanden. Ich verstehe, dass Verlangen, das nicht zur Ruhe kommt, immer mehr Verlangen erzeugt. Dieses Verlangen zur Ruhe zu bringen, ist Teil meditativer und spiritueller Praxis. Und die Momente des Glücks? Erzeugen die nur mehr Verlangen, oder können wir diese nicht als solche einfach sein lassen? D.h. im Loslassen genießen können.

Heute traf ich einen Nachbarn. Bei all den Veränderungen im Moment weiß ich immer nicht, wie ich Nachfragen beantworten soll. Meistens sage ich: Ich weiß es nicht. Er hatte das sofort verstanden, er verteidigte mich in der Runde und sagte, er weiß das einfach nicht, das ist es, was es heißt, loslassen zu können. Ich habe mich darüber sehr gefreut.

Wenn wir an etwas sehr hängen, fällt es uns schwer, es loszulassen. Manchmal sind das praktische Zwänge. Wir hatten uns daran gewöhnt. Nun heißt es Abschied nehmen. Das erzeugt Leid. Besser also gar nicht z. B. eine Verbindung eingehen? Und wenn eine Verbindung sich löst, dann einfach gelassen bleiben? Geht das überhaupt? Ist es nicht vielmehr das, was unser Leben ausmacht, diese intensiven Erfahrungen?

Eine Phase vielleicht. Unser geistiges und spirituelles Wachsen durchläuft diese Phasen. Siddhartha wurde nicht im Alter von 5 erleuchtet, sondern als Erwachsener, der schon sehr viel erlebt hatte, vieles gesehen hatte… Wachstumsschmerzen also. Was uns nicht umwirft, macht uns stark? Das ist natürlich Quatsch, im Kern aber doch interessant, denn die Grenzerfahrung lässt uns wachsen. Neues entdecken, es durchleben und dann loslassen können. Nur so können wir uns wirklich entfalten. Schön wäre es, wenn wir in dem Durchleben nicht den Planeten ruinieren. Achtsam bleiben!

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