Meditation – New Spirits – Reading Deleuze in India https://readingdeleuzeinindia.org/de Bewusstsein existiert nur in Verbindung mit anderem Bewusstsein Thu, 25 Dec 2025 05:30:30 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.4 https://readingdeleuzeinindia.org/wp-content/uploads/2022/06/cropped-small_IMG_6014-32x32.jpeg Meditation – New Spirits – Reading Deleuze in India https://readingdeleuzeinindia.org/de 32 32 Verteidigen – Reagieren – Vereinigen https://readingdeleuzeinindia.org/de/verteidigen-reagieren-vereinigen/ Thu, 25 Dec 2025 05:21:59 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5632

Manchmal reagiere ich seltsam. Jemand tut etwas Unerwartetes, eine Unsicherheit in mir wird erweckt. Wie ordne ich das ein und wie reagiere ich darauf, und was heißt hier dann reagieren? Es geht also um Erwartung, ein Sein in der Welt, das antizipiert. Die Zukunft gilt als vorhersehbar und wird auch als solche gesehen. Wenn ich […]]]>

Manchmal reagiere ich seltsam. Jemand tut etwas Unerwartetes, eine Unsicherheit in mir wird erweckt. Wie ordne ich das ein und wie reagiere ich darauf, und was heißt hier dann reagieren? Es geht also um Erwartung, ein Sein in der Welt, das antizipiert. Die Zukunft gilt als vorhersehbar und wird auch als solche gesehen. Wenn ich dieses oder jenes tue, dann wird jemand vielleicht so oder anders reagieren. Nun geschieht es aber manchmal, dass die Reaktion des anderen anders ausfällt. Ich habe mich in meiner Erwartung geirrt, oder der andere hat etwas gespielt, oder die Interaktion ist geprägt gewesen durch etwas, das ihr vorausging und nicht transparent ist. Energien und Dynamiken haben sich vielleicht eingeschlichen, die meine Erwartung nicht wahrgenommen hat, die unbewusst oder verdrängt waren. Und so finden wir uns in einem Pool von verschiedenen bewussten und unbewussten Erinnerungen, Gefühlen, Einflüssen, Antizipationen und Einschätzungen.

Das kleine Ego

Das Ego reagiert, es fühlt sich missverstanden und wird impulsiv. Es versucht vielleicht auszuweichen und zu überspielen, oder es zieht sich zurück, etwas gekränkt, und fühlt sich unverstanden, oder es wird aktiv, versucht die Situation zu verändern, wird manipulativ oder aggressiv. In schweren Fällen passt es vielleicht sogar das Bild der Welt und das Selbstbild an, es kommt zu Verformungen, Umformungen, Verzerrungen, es bewegt sich dann raus aus dem Normativen.

All dies lässt sich als eine Verteidigung verstehen. Mein kleines Ego versucht, den vermeintlichen Angriff auf seine Antizipation zu verteidigen. Es wird reaktiv, reagiert kompensatorisch, restaurativ, manipulativ, konstruktiv. Eigentlich ist es ja ein Versuch, die Welt wieder in Ordnung zu bringen. Das wird von dem Anderen aber nicht so wahrgenommen, mein eigenes Handeln wird unverständlich für andere, ein Konflikt entsteht.

Ein Weg

Ich möchte den normativen Impulsen widerstehen und das Korrektive vermeiden. Denn was sich hier zeigt, ist erst einmal etwas unglaublich Starkes, Kreatives, Expressives, das unser Menschsein im Tiefsten berührt. Hinter meinem kleinen Ego ist ein Herz, eine Seele, ein Geist, eine Natur, die alle gemeinsam das Sein in meinem Körper und in dieser Zeit und an diesem Ort versuchen zu erfahren, zu synthetisieren. Einen ersten Schritt auf diesem Weg bezeichnen wir oft mit Sinnsuche, es ist jedoch weit mehr als das. Die Suche geht dem Finden voraus und manifestiert sich dann in einer Selbstverwirklichung und im Selbstausdruck bis hin zur Verschmelzung und Auflösung des Ego. Da darf man schon mal ein wenig reagieren und sich verteidigen. Nur ist es eben nicht sehr hilfreich, da es in der Regel Situationen nur verschärft. Es braucht da dann schnell eine ganz gute Fähigkeit, Konfliktstrategien einzubringen, um nicht in einen ernsteren Konflikt einzutreten.

Innere Arbeit

Die innere Arbeit findet an einer anderen Stelle statt: das Beobachten und Ausklingenlassen aller Impulse, die sich in meinem Bewusstsein vereinen, auch der unbewussten, die ihren Weg ins Bewusstsein erst finden dürfen. Das funktioniert ganz gut in der Meditation. Was bedeutet das aber für die zwischenmenschliche Interaktion? Pausen, Einfühlen, vor allem aber Offenheit und Authentizität, radikale Selbstwahrnehmung und objektive Fremdwahrnehmung. Die beiden letztgenannten sind in ihrer reinsten Form für sich genommen unmöglich und gelingen nur im Zusammenspiel mit einem Anderen. Dieser Andere kann entweder ein Lehrmeister sein oder ein geliebter Mensch. In der tantrischen Erfahrung ist dies das Gleiche.

Liebe

Ich sehe gerade zwei Schmetterlinge sich umtanzen im Garten, und ich sehe zwei Würmer sich verschlingend beim Kontakt. Die Ausdrucksformen sind schier unendlich, und wir als Menschen können uns auf den verschiedensten Ebenen vereinen. Das geht aber wahrlich nicht mit jedem. Solch tiefe Begegnungen sind selten. Für manchen wird sich das erst in einem anderen Leben realisieren.

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Das wahre Selbst https://readingdeleuzeinindia.org/de/das-wahre-selbst/ Fri, 22 Aug 2025 12:09:53 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5295

Im Zen geht es darum, das wahre Selbst zu finden. Das gibt es aber nicht, und das ist das Mysterium unserer Existenz. In einer Welt der Repräsentationen, kognitiver Dissonanzen und alternativer Fakten tut es wohl, in das Wesen der Existenz, in ein nicht-duales Sein zu versinken. Denken hilft da nur sehr begrenzt, denn Denken ist […]]]>

Im Zen geht es darum, das wahre Selbst zu finden. Das gibt es aber nicht, und das ist das Mysterium unserer Existenz. In einer Welt der Repräsentationen, kognitiver Dissonanzen und alternativer Fakten tut es wohl, in das Wesen der Existenz, in ein nicht-duales Sein zu versinken. Denken hilft da nur sehr begrenzt, denn Denken ist ja eigentlich immer ein An-etwas-Denken, ein Über-etwas-Nachdenken. Denken ist eine Tätigkeit, die sich auf etwas bezieht, das sich mit Repräsentationen von Welt beschäftigt. Das, was ich denke, was auch immer es sei, ist nicht real im materiellen Sinn. Es kann etwas Materielles repräsentieren. Denken oder allgemeiner Geist und Materie denken wir verschieden. Das ist das Grundproblem des Denkens: Denken kann nicht nicht-dual sein. Es ist gefangen in der Dualität, kann diese aber nicht auflösen.

Das Selbst ist ganz anders, aber ähnlich in seinen Paradoxien. Das Selbst ist das, was uns antreibt, was uns bewusst sein lässt, das sich identifiziert und abgrenzt; es ist einzig und individuell. Es existiert aber nicht, weder materiell noch logisch-transzendental. Es mag verbunden sein mit der Seele, mit dem Herz-Geist, aber das hilft an dieser Stelle nicht weiter, weil es gefährlich tautologisch wird. Etwas, das wir nicht verstehen, können wir nicht dadurch verstehen, dass wir es mit etwas gleichsetzen, das wir auch nicht verstehen. Das lenkt nur ab.

Das wahre Selbst kommt dann zum Vorschein, wenn es aufhört zu existieren – und das meine ich ganz ernst. Wenn ich in die Meditation gehe, ruhig geworden bin und mich auf die Leere konzentriere, wenn also die Pausen zwischen den Ereignissen des Kopfkinos länger werden, öffnet sich ein Fenster, das sich zunächst füllt mit einer Art Trancezustand. Das ist schön und erlaubt ganz andere Erfahrungen. Ich habe schon ein paar Mal darüber geschrieben: Das Denken wird schnell, es versteht intuitiv, es kann in Gebiete eindringen, die dem Alltagsdenken versperrt bleiben; es ist Wonne und intensiv. Es hat sich aber nur ein Stück weit vom Selbst gelöst. Es muss sich ein wenig lösen vom Selbst, sonst kann es nicht diese Leichtigkeit gewinnen, aber es bleibt verankert im Selbst. Es bin immer noch ich, der da etwas tut, das schwer zu verstehen ist, und das sich in ähnlichen Problemen verfängt wie das normale Denken. Was ist real, was nur Einbildung?

Ich habe es also geschafft, mich ein bisschen zu befreien. Ich habe diese Gedanken, die sich auf die Welt beziehen, beruhigt, und ich habe ein Schauen aktiviert, das sich zwar speist aus Erinnerung, Wissen, Vision, Imagination, sich aber eben nur in jener Welt des reinen Bewusstseins bewegt. Es ist ein intuitives Wissen, eine Omnipräsenz, es ist nahezu außerhalb von Raum und Zeit; es ist der Ort, an dem es identisch ist mit sich selbst, d. h. das Selbst hört auf zu existieren und verbindet sich mit dem tiefsten Grund unserer Existenz. Der tiefste Grund unserer Existenz ist mysteriös und basiert auf etwas, das wir nicht erfassen können. Es ist jenseits unseres Selbst.

Zen führt mich heran an dieses Mysterium. Es ankert mich in meiner physischen Existenz und zeigt mir zugleich, dass diese Existenz nicht-dualistisch eins ist mit allem. Ich bin Buddha, du bist Buddha, wir alle sind Buddha. Es gibt nur Buddha – töte Buddha, wenn du ihn siehst.

 

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Koan – Becoming https://readingdeleuzeinindia.org/de/koan-becoming/ Sat, 16 Aug 2025 13:46:31 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5288

Ich denke nach über Deleuze, die Bewegung des Werdens (becoming). Um den Klang des Baches auszulöschen, muss ich der Klang werden; um in den Bach einzutreten, werde ich Teil von ihm. Wenn ich im Wald verweile, nehme ich teil an der Stille und dem Zwitschern, dem Rauschen der Blätter. Ich werde eins mit der Natur. […]]]>

Ich denke nach über Deleuze, die Bewegung des Werdens (becoming). Um den Klang des Baches auszulöschen, muss ich der Klang werden; um in den Bach einzutreten, werde ich Teil von ihm. Wenn ich im Wald verweile, nehme ich teil an der Stille und dem Zwitschern, dem Rauschen der Blätter. Ich werde eins mit der Natur.

Jene Vorstellung der Romantik – das Einssein mit der Natur, mit einem geliebten Menschen, mit dem Kosmos, mit Gott – erzeugt Seligkeit, Wonne, Bliss, Ananda. Gewiss benutzt Deleuze nicht jene Begriffe. Seine Philosophie der Immanenz, der Nondualität, versucht die Veränderungen der Welt, ihr Werden und Zerfallen, ihre Konstruktion, ihren Aufbau, ihre Ordnung, ihre Gesetze und Dynamiken zu beschreiben durch Begriffe wie Werden, Deterritorialisierung, Flug, Rhizom, Wiederholung, Rhythmus etc. zu fassen. Seine Philosophie bleibt jedoch im Wesentlichen Bewegung des Begriffs.

Zwar löst er sich aus der Starre angloamerikanischer Sprachphilosophie, die sich auf einen empirischen Wahrheitsbegriff fokussiert, und versucht stattdessen Bewegungen des Denkens zu beschreiben, die eine komplexere Realität abbilden. Die zentrale Frage bleibt jedoch, wie unser Denken, unsere Wahrnehmung, unsere Erfahrung, unser Sein sich auf etwas außerhalb unseres Selbst richten kann – wie unser Bewusstsein etwas in sich selbst hineinziehen, es verarbeiten, analysieren, betrachten und erfahren kann. Wie kann mein Bewusstsein eins werden mit dem, was es als Gegenstand hat? Jenes Grundproblem fast aller westlicher Dualismus-Modelle kann eigentlich nur durch Immanenz aufgelöst werden.

Wenn ich in meiner Vorstellung in einen Bach eintrete und versuche, den Klang auszuschalten, so muss ich eins werden mit jenem Bach. Wie werde ich eins – egal, ob ich nun real in den Bach steige oder mir das nur vorstelle? Ich erfahre das in der Meditation so: Mein Bewusstsein sinkt ab in die Tiefen der Existenz, versteht sich als Teil des Ganzen, wird eins mit jenem Urbewusstsein, der Leere, Brahman, Existenz, und sieht sich als identisch mit dem, was es in seiner Selbsterfahrung ist.

Wenn ich einen Bach rauschen höre, ist das Rauschen nichts anderes als mein Bewusstsein selbst: die Vibration des Wassers und die Vibration der Luft, die Schwingungen und mein Ohr, das diese empfängt, mein Bewusstsein, das jene Ur-Resonanz ist, mit ihr identisch ist, alles in der Welt schon in sich enthält. Es ist ein wenig wie bei Leibniz’ Monade; auch er hatte da einen guten Gedanken, auch wenn er nicht eintaucht in die wirkliche Erfahrung, sondern auf der Ebene des Texts und der wahrheitsfähigen Aussagen stecken bleibt.

Ich werde (become) also eins mit dem, was es im Koan auszulöschen gilt. Indem ich identisch werde auf der tiefsten Ebene der Leere und ihre Form erkenne, kann ich dieser Form Ausdruck verleihen. Ich kann nun den Klang des Baches nachahmen oder seine Bewegung imitieren, ich kann darin baden und mit ihm fließen, oder ich kann ihn malen, vielleicht in einer Tuschezeichnung; ich kann ihn poetisch beschreiben oder sonstwie versuchen auszudrücken. Jener Ausdruck ist jedoch nicht identisch mit dem identisch Sein – er verweist darauf.

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Koan https://readingdeleuzeinindia.org/de/koan/ Sat, 16 Aug 2025 03:47:33 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5274

Ein Koan also. Ich hörte schon oft davon, jene mysteriösen Rätsel des Zen, die den Geist herausführen aus dem rein Rationalen und neue Formen der Einsicht eröffnen sollen. Ich beschloss, nicht viel darüber zu lesen und auch nicht andere danach zu fragen. Ich wollte eins von einem Zen-Meister bekommen. Während Doksan fragte er mich ein […]]]>

Ein Koan also. Ich hörte schon oft davon, jene mysteriösen Rätsel des Zen, die den Geist herausführen aus dem rein Rationalen und neue Formen der Einsicht eröffnen sollen. Ich beschloss, nicht viel darüber zu lesen und auch nicht andere danach zu fragen. Ich wollte eins von einem Zen-Meister bekommen. Während Doksan fragte er mich ein paar Dinge über mich. Wir schlossen die Augen, er lächelte und sagte, ich solle mir einen Wald vorstellen, in dem ein kleiner Bach fließt. Wenn ich in den Bach eintrete, wie lösche ich den Klang des Plätscherns aus? Ich solle nicht intellektuell darüber nachdenken, das Koan vielmehr mit mir tragen, in die Meditation mitnehmen, schauen, was passiert, und zurückkommen und darüber berichten.

Das Bild wirkte sofort in mir. Ich sah mich in den Wald, in dem Bach stehend, die bildhafte Metapher des Flusses, eines Stroms des Kosmos, das Wasser als Urelement, das Eintreten in den Fluss der Dinge und der Zeit, der Wald als Ort des Friedens, der Stabilität, der Natur. Die Geräusche des Waldes, die Vögel, das Plätschern, die eigenen Füße platschen im Wasser, das Rauschen und der Klang der Schritte. Wohin führt mein Weg? Alles ist im Fluss, ich bin gehalten in der Natur, ich agiere und schreite, alles verändert sich, und doch bleibt alles so, wie es ist. Ich könnte über dieses Bild noch sehr lange nachdenken, es auf mein Leben beziehen, die Veränderungen, die ich durchlebe, die Frage nach dem Sinn des Lebens und die Einfachheit der Antwort in der Natur und Kontemplation. Doch scheint mir dies nur der Anfang zu sein – das Beziehen auf sich selbst ein erster Schritt.

Zurück zur Frage: Warum soll ich eigentlich versuchen, den Klang auszuschalten? Ist da irgendetwas falsch am Klang des Wassers, seinem Rauschen und Plätschern, den Schritten im Bach? Wer sagt, dass diese Klänge falsch sind? Sie stören nicht, lenken nicht ab, gehören zum Schreiten dazu. Der Klang des Schreitens verstummt, wenn ich stehenbleibe, der Bach jedoch wird weiterrauschen, die Vögel weiter zwitschern, die Blätter im Wind rauschen. Ist die Frage des Koans vielleicht einfach so banal? Oder impliziert sie etwas, das hinterfragt werden kann? Vielleicht ist die Annahme, dass Stille besser sei, zu hinterfragen. Warum also Stille? Soll ich darüber nachdenken, wie ich mein Tun und Handeln anhalte, mich in Stille begebe, in Meditation, und mich öffne für Leere und Form? Wahrscheinlich ist hier schon etwas Relevantes.

Ich stelle also der reichen Metapher des Schreitens im Bach im Wald etwas entgegen: eine innere Kontemplation, eine Reflexion auf Leere und Form, ein Stillhalten und Bewusstwerden. Die äußeren Klänge, Bilder, Sinneseindrücke verhallen im Inneren; sie sind Projektionen innerhalb einer Vision, die ja gar nicht der Realität entspricht – denn ich stehe ja gar nicht im Bach, sondern schreibe gerade an meinem Computer oder sitze in Meditation. Ich habe es also mit einem Denkbild zu tun, das einlädt zur Meditation, und die Erkenntnis, die ich daraus ziehen soll, ist nicht die des Problemlösens. Ich kann hier weiterschreiten, ich könnte nun eintauchen in die Struktur des Denkens, der Sprache, der Bilder – Semiotik. Wie verhält sich die Frage als Satz zu der Vorstellung, und welche Art von Handeln ruft sie hervor, um welche Art von Erkenntnis zu produzieren? Das wäre ein schönes Projekt für ein Seminar – ein paar Wochen darüber nachzudenken, in den Traditionen westlicher Philosophie. Doch das wird sicher nicht Sinn und Zweck des Koans sein, mich dort zu verlieren. Herausführen aus diesem Labyrinth des rationalen Denkens soll das Koan ja.

Ein schöner kleiner Ausflug war das – der Nachhall meines Studiums der Philosophie. Ich versuche also einen anderen Pfad, den der Upanishaden, des tiefen Urozeans, in den die sieben Flüsse der Existenz einfließen, aus dem heraus sich aber zuallererst der Purusha selbst herauszieht und aus seinen Augen, Ohren, Zunge, Mund und Nase, Haaren und Gelenken alles erst entsteht. Eintauchen also in die Bedingungen meiner eigenen Existenz, meines Körpers, meines Atems, meines Denkens und Fühlens. Einschreiten in den Fluss, meine Füße benetzen mit dem Wasser, die Sinne als Sinne wahrnehmen, sie als äußere und innere unterscheiden. Und dann aber die Aufgabe, die Frage: Wie kann ich den Klang zum Schweigen bringen? Und warum sollte ich das tun wollen?

Warum soll ich mich mit so einer Frage überhaupt beschäftigen? Sie dient mir jetzt schon recht gut, um meine Eitelkeit zur Schau zu stellen, zu demonstrieren, in welchen Denkschulen ich mich komfortabel bewege. Wieso sitze ich in einem Zen-Meditationszentrum seit zwei Wochen und versuche, mich auf Zen einzulassen, von einem Lehrer mittels eines Koans etwas zu lernen? Was hat er mir zu zeigen? Wohin mag der Weg führen? Ist das Koan ein Werkzeug, um in den Dialog zu gehen, und ist mein Versuch, mich ihm durch Schreiben zu nähern, eine Ausflucht – ein schüchterner Versuch, die Begegnung herauszuziehen?

 

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Spritual growth https://readingdeleuzeinindia.org/de/spritual-growth/ Tue, 22 Apr 2025 03:24:44 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5053

When I began reading the Upanishads, I realized that the inner path I had embarked upon was leading me into an extraordinarily beautiful inner landscape. Discovering that this inner landscape is connected to cosmic consciousness made me aware of the important work I must undertake—what people often call “inner work.” As I committed myself to […]]]>

When I began reading the Upanishads, I realized that the inner path I had embarked upon was leading me into an extraordinarily beautiful inner landscape. Discovering that this inner landscape is connected to cosmic consciousness made me aware of the important work I must undertake—what people often call “inner work.”

As I committed myself to this inner work, I focused on how I was feeling, who I am, and what I must face. What are my shadows? My insecurities? My fears? What patterns govern me? What are my desires and my purpose?

I saw that the world I had been participating in—one defined by professionalism, social recognition, and fulfilling others’ expectations—was a fabric woven by societal norms. Once I began stepping out of that fabric and into a cosmic, timeless awareness—into a being aligned with nature, the cosmos, ancient stones, and forces that predate writing and culture—I truly contemplated the power of consciousness: how it connects, how it acts, and how it forms the very foundation of our shared reality.

In that moment of realization, I perceived that my soul, which inhabits this body in this life, is here to learn, to unfold, to explore, to embrace. Perhaps through many reincarnations, perhaps in forms I cannot yet imagine, my soul journeys toward greater self‑realization. As I embraced my soul—Ātman—connected to Brahman, I began to perceive the tattvas, the elemental principles; the inner and outer senses; modes of action; and the layers of consciousness entwined with divine energies and the currents of time.

In meditation and in Oṃ chanting, I turn my thoughts to death and the fear it inspires—how to overcome such fear—and to knowledge versus ignorance. I place the mind into its proper place: far smaller and humbler than it craves to be. What opens up then is a vast landscape of the heart: the bliss of the body, the life in matter, pure consciousness, and existence itself. Through this, the mind—or consciousness—flows across different levels of being.

At times, this can be frightening, for it is all unknown. Spiritual awakening must orient itself within this vast playground; it is shy, it reexamines its patterns, it questions everything, and it learns to embrace and enjoy all aspects of experience. Insecurity, fear, desire to connect, to play, to fall in love—all these impulses require space and time to unfold.

As a result, I find myself less active in the worldly sense—less working, less producing—and instead spending far more time simply being. Perhaps that is why, even as a child, I felt drawn to monastic life: I sensed that this inner work had to be done.

Now, my life must become more integrated and aware—more aware of my body, of small duties, of performing every action from the heart, with intention, meditation, and full presence. This is daunting, for it demands that only the moment and presence matter—and that all the illusions the mind conjures—ego‑feeding images and projections—fall away.

Yet, once the outer pressures of the world and the pursuit of stability are relinquished, residing in the present becomes profoundly rewarding. Perhaps this is the path of the sādhaka, the spiritual practitioner: we stop caring about external validations, and instead cultivate trust, surrender, and diligent work in the inner realm.

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Psychic Being https://readingdeleuzeinindia.org/de/psychic-being/ Sat, 20 Jul 2024 23:45:44 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4952

Ich habe meine Nachtmeditation etwas früher abgebrochen, um in die schreibende Meditation zu wechseln. Mir schien plötzlich einiges klar. Die Notwendigkeit, den eigenen Körper auszurichten in der Meditation, die richtige Position zu finden, was für mich heißt, den Bewegungen, den Ver- und Entspannungen der Muskulatur, des Skeletts, der Wirbelsäule zu folgen. Dann den Atem zu […]]]>

Ich habe meine Nachtmeditation etwas früher abgebrochen, um in die schreibende Meditation zu wechseln. Mir schien plötzlich einiges klar. Die Notwendigkeit, den eigenen Körper auszurichten in der Meditation, die richtige Position zu finden, was für mich heißt, den Bewegungen, den Ver- und Entspannungen der Muskulatur, des Skeletts, der Wirbelsäule zu folgen. Dann den Atem zu beobachten, Ein- und Ausatmen, der Wendepunkt des Atems, das Innehalten, um sich selbst zu beobachten, wie die Gedanken anfangen sich zu lockern, aufmerksam ihnen folgen, um zu sehen, wo sie hinwandern. Eine Verbindung herstellen mit der Außenwelt und der Innenwelt. Wie weit schweifen die Gedanken? Wo bin ich da jetzt? Ist das real? Welcher Teil von Realität ist das? Die Welt der Mitmenschen, der Welt der Arbeit oder des Interesses, die zwischenmenschliche Welt, die Natur oder der Tagtraum, die Fantasie, Vision, die Welt der Angst und der verpassten Möglichkeiten, die Welt des Bedauerns und der Hoffnung, die Welt der Kunst und Philosophie, der Musik und Architektur. Dies sind ein paar meiner Welten, andere mögen in ganz andere Welten gehen, Lebenswelten, in denen ich mich nicht bewege, all jene Welten, die z. B. in Krimiserien ausgelotet werden.

Es gibt dann also eine Korrelation zwischen dem eigenen Körper in der Meditation und der Gedankenwelt, die in der Erinnerung schweift, und der Gedankenwelt, die relativ frei assoziiert und ungelenkt und unbewusst umherspringt. Dieses Zusammenspiel zu sehen und zu realisieren, dass es da eine Verbindung gibt, ist ein erster Schritt hinein in eine tiefere Meditation.

Dieser Prozess der inneren Ausrichtung dient der Positionierung des eigenen Selbst im größeren Kontext. Ich kann nun auf meine verschiedenen Existenzebenen meditieren: mein materieller Körper, mein lebendiger Körper, meine Gefühlswelt, meine Gedankenwelt, meine Welt des Intellekts und die Welt der Spiritualität. Ich kann auf meine einzelnen Sinne meditieren, die äußeren und inneren und wie sie zusammenspielen und welche Art von Erfahrungen sie hergebracht haben und wie ich diese Erfahrungen im Gedächtnis wieder abrufen kann. Ich kann darauf meditieren, wie diese Erfahrungen verbunden mit Wünschen und Ängsten, mit Erwartungen, Zielen und Konventionen, sie zu einem Plan entwickeln – ein LEBEN. Denn dieses Leben, das ich lebe, ist ja eingebunden in einen Kontext, den Kontext des eigenen Körpers, der eigenen Seele, der Lebenswelt und Umwelt.

Diese Ebene des Lebens ist reine Immanenz. Hier fließt alles zusammen, sie wird gespeist aus dem Bewusstsein, Bewusstsein ist ihr Urquell, es kann nichts anderes sein, nur hier ist Leben erfahrbar. Bewusstsein muss nun aber breit verstanden werden. Es ist nicht mein reaktives, unreflektiertes, gedankenloses Assoziieren und gefangen sein in Mustern, Zwängen, Gewohnheiten, Verlangen und Leiden, sondern es ist Bewusstsein als das, was allen meinen Erfahrungen zugrunde liegt, eine Erfahrung von Bewusstsein als Bewusstsein an sich. Ich habe Bewusstsein, das sich füllt mit Inhalten, ich kann mich konzentrieren und lenken, ausrichten und klären, ich kann mein Bewusstsein leeren und Neues einladen. Bewusstsein ist die Ebene meiner Existenz, wo diese meine Existenz, mein Leben, konstituiert wird. Bewusstsein an sich, wenn es sich individualisiert, ermöglicht Leben. Dies ist das Geheimnis der Seele, der Relation von Brahman, Purusha, Atman, Prakriti.

Um mich herum sprechen viele von einem psychic being und darüber, wie es sich verhält zum Göttlichen, zur Seele, zur eigenen Person und Identität. Mir selbst ist als ein philosophischer Begriff Aurobindos nicht ganz klar, ich entwickle aber eine Intuition in der Meditation, was es sein könnte. Es ist jenes Sein, das z. B. in der Meditation auf die eigenen Bedingungen reflektiert und sie individualisiert zusammenhält, das, was meinem Ich zugrunde liegt, das, was erkennt, dass die Erfahrungswelt der äußeren Sinne eine Illusion ist, das, was erkennt, dass ein universales Prinzip der Individuation in Form einer Seele oder Atman oder Purusha Bedingung meiner Existenz ist. Jenes Sein also, das durch die verschiedenen Seinsebenen gleitet, sich in den Welten des Yogas bewegt, Zeit und Raum transzendiert und die Schranken von Leben und Tod als durchlässig versteht. Dies scheint mir das psychic being zu sein.

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Harmonie https://readingdeleuzeinindia.org/de/harmonie/ Sat, 20 Jul 2024 04:19:23 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4948

Meine Morgenmeditation wird ein wenig zur Routine, wobei man das nach einer Handvoll wohl kaum schon sagen kann. Es ist eher eine Strecke, ein Weg oder eine Erkundung. Wie das Wandern in den Bergen: Den Gipfel im Blick ist Wandern durch die Pfade, auf den Graden, durch die Täler und Flüsse, an den Felswänden vorbei, […]]]>

Meine Morgenmeditation wird ein wenig zur Routine, wobei man das nach einer Handvoll wohl kaum schon sagen kann. Es ist eher eine Strecke, ein Weg oder eine Erkundung. Wie das Wandern in den Bergen: Den Gipfel im Blick ist Wandern durch die Pfade, auf den Graden, durch die Täler und Flüsse, an den Felswänden vorbei, durch Geröll und Gesteine, Wiesen und Wälder und jenseits der Vegetationsgrenze auf den Gletschern im Schnee wird das Gebirge zur Metapher der inneren Suche. Die Besteigung eines Berges ist ein spirituelles Ereignis. Gleichwohl kann die Meditation selbst einer Wanderung durch die Berge gleichen, durch die Täler der Gedanken, die Flüsse des Lebens, die Erinnerungsbilder an den Felsen, die schmalen Grade der Logik des Denkens, die Texturen der Sprache. Die Wege in der Meditation führen vorbei an Gedanken und Erinnerungen. Und dann plötzlich, wie auf einer Lichtung verweilend, steht der Geist still, mir wird bewusst, dass ich keinesfalls wandere, sondern ich in Stille und Konzentration, fokussiert auf das Hier und Jetzt, auf den Punkt, der die Unendlichkeit aufschließt, genau hier, von hier aus all diese Gedanken und Bilder eigentlich vorbeiziehen. Ich bin der Genießer, der Betrachter, mich gibt es nicht, die Gedanken gibt es nicht, alles ist auf einmal da in Synchronizität, eine große Schau eröffnet sich, ein Ausblick vom Berggipfel in die Welt, runter auf die Täler und hoch in den Himmel zwischen Kosmos und Welt.

Innerhalb der Erhabenheit dieser Erfahrung, das Sublime, das mich erfahren lässt, dass der Kosmos strukturiert ist, komponiert, in Veränderung und Transformation, aber regelgebunden, werden abstrakte Bezugspunkte sichtbar: Geometrie, Harmonie, Komposition. Ich denke an mathematische Konstanten oder Funktionen, an musikalische Harmonien oder Farbtheorien, an mineralische Konstruktionen oder biologische Strukturen. Blüten, die in ihrer Farbenpracht, Geometrie, Struktur, Aufbau, Entfaltung und Geruch einen Attraktionspunkt bilden.

Wo kommen diese Konstanten her? Sind sie der Baukasten Brahmans, aus dem die Welt sich als Prozess ableitet?

Jene Konstanten im Kosmos finden sich in der Kunst wieder. In eher traditionellen Kunsttheorien ist die Suche nach diesen Gesetzen der Kern von Ästhetik, göttlicher Inspiration, Genie, Sublimem oder Transzendentem. Die prästabilisierten Harmonien werden in architektonischen Prinzipien manifestiert und finden sich in Sakralbauten, öffentlichen Gebäuden oder Privatbauten je nach Funktion und Orientierung der Bauherren wieder. Buckminster Fuller verwendete das Hexagon aus der Bienenwelt als Blaupause für soziale Konstruktion. In der sakralen Kunst finden wir oft den Goldenen Schnitt als Harmoniereferenz, im sozialen Raum finden wir Fibonacci-Sequenzen als Leitbild für organische Organisation. Als jemand, der sich über Jahrzehnte mit westlicher kritischer Theorie beschäftigt hat, ist diese Entdeckung eine Offenbarung.

In einem Versuch mich aus den Fesseln der Aufklärung und kritischen Theorie zu befreien wanderte ich in die Postmoderne und lernte: Musik wird zur Landschaft der Emotionen, der Seele, der Struktur, des Zeitbewusstseins, der Antizipation. Das Bild wird zur Oberfläche, auf der die Augen wandern, die Sinne sich verbinden, neue Verbindungen entstehen und Empfindungen sich konstituieren. Die Skulptur wird zum Gegenüber, das auf etwas verweist, das im abstrakten Raum steht und im realen Raum nur ein Platzhalter ist. Die Gegenüberstellung der Skulptur in Relation zur Umgebung erzeugt einen Dialog, in den ich eintreten kann. In diesen ästhetischen Erfahrungen erfahre ich die Welt als eine mögliche, erweiterte, um Realitätsebenen bereicherte, die auf ein anderes Bewusstsein, das des Künstlers oder anderer Betrachter, schließen lässt und den Dialog, Kommunikation, Sprache erlaubt. Innerhalb der Kunst findet sich ein Spiegelbild des Kosmos. Eine Kreativität ist hier entfacht, die schöpfend und schaffend hervorbringt, zum Ausdruck bringt, was schon immer da war. Sich mit diesem schon immer Dagewesenen zu verbinden, in eine Begegnung einzutauchen, ermöglicht eine tiefe Kontemplation zentraler Prinzipien des Kosmos, so wie wir ihn erleben können. Das Lesen des Firmaments ist ein schönes Bild dafür.

Die Naturwissenschaften, die harten Wissenschaften also, finden einige Konstanten, die die Schönheit des Universums einfangen – Fraktale von Eisblumen zum Beispiel. Einige dieser Konstanten scheinen ganz zentral für die Architektur des Universums zu sein, so als ob das Universum zusammenbrechen würde, wenn man eine Zahl hinter dem Komma bei Pi ändern würde. An diesen Punkten werden Physiker spirituell. „Gott würfelt nicht“, sagte Einstein.

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Dakshinamurti https://readingdeleuzeinindia.org/de/dakshinamurti/ Wed, 17 Jul 2024 11:39:14 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4926

Ich wachte um 4 Uhr früh aus einem Alptraum auf. Ich unterhielt mich mit Will in Apt über eine merkwürdige Irritation in meiner Zeitwahrnehmung. Ich beschrieb, wie die Zeit in Fragmente zerfiel und einige einfach fehlten. Es ging um Sekunden oder Minuten, und während ich versuchte, in die Zeit einzutauchen, um das besser zu beschreiben, […]]]>

Ich wachte um 4 Uhr früh aus einem Alptraum auf. Ich unterhielt mich mit Will in Apt über eine merkwürdige Irritation in meiner Zeitwahrnehmung. Ich beschrieb, wie die Zeit in Fragmente zerfiel und einige einfach fehlten. Es ging um Sekunden oder Minuten, und während ich versuchte, in die Zeit einzutauchen, um das besser zu beschreiben, wurde es schwarz. Ich schrie um Hilfe, ich war blind und wachte auf.

Es war wieder einer jener Träume, wo ich zu sterben schien. Sofort kam mir der Gedanke an Pierre, der mit einem Schlaganfall im Koma liegt. Fühlt sich das so an? Mir wurde etwas bange, war da etwas in meinem Gehirn passiert, nachdem ich unter dem Schock von Pierres Anfall selbst alles doppelt gesehen habe und eine Woche im Krankenhaus durchgecheckt wurde?

Es war 4 Uhr früh, die Stunde der Götter. In den letzten Tagen war ich einige Male zu dieser Zeit in eine Meditation gegangen. Und so tat ich das auch heute. Ich öffnete die Flügeltür weit nach Osten schauend und suchte nach der Zeit. Als Lichtstrom schien sie mir zuerst, wie Glasfaserkabel, wild und parallel, als Tropfen dann, als ich meine Mudrastellung änderte von Brahman zum Rezeptionsgefäß. Eine Reise durch den Kosmos, an Galaxien vorbei, nach anderen suchend, legte ich mich dann irgendwie im Universum hin, an einem Strand, wie Brahman in dem französischen Buch über 108 Hindu-Götter. Das bringt ja alles nichts, dachte ich. Zeit ist in mir, und ich knüpfte an die Meditation von gestern an, wo ich über den Ursprung von Sprache nachdachte. Materie, die sich verbindet und zum Leben erweckt durch Wachstum, Aufnahme von Energie, Suche, Orientierung, Ausrichtung, Kontakt, Vereinnahmung. Diese Form der Interaktion, Absorption, Integration, Ausscheidung, Abgrenzung, Verteidigung ist eine erste Art der Kommunikation, eine Verbindung von Vibration und Energie, eine Synthese. Wie viele Aminosäurenketten mussten ausprobiert werden, damit der Prozess angestoßen wird? Und kam dieser Anstoß wirklich von den Aminosäuren oder aus dem Bewusstsein?

Vibration

Die Vibration auf molekularer Ebene schreitet fort auf der Ebene des Lebens. Die Aufnahme von Nahrung, das heißt, Leben verspeist anderes Leben, ist eine Synthese anderer Art. Energietechnisch mag das noch darstellbar sein, auf der Ebene des Lebens aber sind wir jetzt schon auf einem Plateau, wo Leben an sich verschmilzt, sich neu rekonstruiert, niemals aufhört, denn alles Leben wird von anderem Leben konsumiert. Es sei denn, es verbrennt. Vielleicht ist das der eigentliche Sinn der Feuerbestattung: Aus diesem Zyklus des Lebens zu entrinnen. Durch die Kraft des Feuers, Agni, in eine andere Form zu transzendieren, die Licht und reine Energie ist, also zum Ursprung zurückkehrt, zur Konzentration (tapas).

Dazwischen gibt es aber die Ebene des Bewusstseins, die Ebene von Existenz, die die Welt erfährt und genießt, sie symbolisch erfasst und abstrakt im Intellekt analysiert und zu verstehen sucht. Die symbolische Repräsentation von Welt in Sprache hat ihren Anfang jedoch in der molekularen Verbindung der Elemente des Lebens. Hier fängt Kommunikation an. Erst wenn Bewusstsein eine Stufe der Wahrnehmung erreicht hat, die es erlaubt, die Grenze zwischen dem Eigenen und dem Anderen wahrzunehmen, macht symbolische Kommunikation Sinn.

Manas

Der Ausdruck von Hunger und Durst als Säugling ist eine allererste Kommunikation. Sie ist erfolgreich. Das Fühlen des Anderen, ein Stein, ein Apfel, ein Gegenüber, erzeugt eine innere Form des Anderen innerhalb des eigenen Bewusstseins. Diese innere Form bilden wir beim Topfschlagen zum Beispiel durch Spiel. Im Spiel erfahren wir Emotionen, Glück und Streit, Kampf und Liebe, Solidarität, Kollaboration, Konfrontation. Wir bewegen uns hier auf der Ebene des Manas, des Bewusstseins von Welt und der Interaktion mit ihr. Diese Ebene ist symbolisch organisiert und basiert auf Lautsprache. Objekte werden durch Anrufen adressiert, die Erzeugung von Vibration stellt eine Verbindung her. Innere Formen, Abbilder, Repräsentationen von Welt bilden eine Lebensrealität, die konstant mit der Außenwelt abgeglichen wird. Wenn es nicht mehr passt, kommt es zum Konflikt.

Buddhi

Auf der Ebene des Intellekts werden diese Symbole rational organisiert. Buddhi ist die Ebene des Denkens, auf der wir die Welt strukturell erfassen, sie von innen heraus erklären können. Wir entwickeln Wissenschaften und bauen Maschinen. Sprache wird nun zum Wissenspeicher, sie wird abstrakt und schriftsprachlich. Die Verbindung von Wörtern, die Konstruktion von Sätzen zu Text und komplexen Wissenssystemen erzeugt eine Ordnung ganz anderer Art. Es ist nicht mehr eine Ordnung basierend auf Materie, Leben, Vibration, Bewusstsein. Es ist die symbolische Ordnung von Formen in einem System. Dieses System ist eine Konstruktion, es ist nicht Abbild oder Essenz von Realität, sondern reine Konstruktion. Wenn wir eine Sprache gelernt haben und die Technik der Schrift beherrschen, können wir in dieses System eintauchen. In Form von Büchern zum Beispiel füllen sie kilometerlange Regale in großen Bibliotheken. Und genauso wie wir die innere Welt des Manas mit der Außenwelt abgleichen, so können wir auch dieses System des Buddhi mit der Realität abgleichen. Wir sprechen hier von Verifikationsprozessen. Diese können wissenschaftlich, empirisch, auf der Ebene der individuellen Erfahrung, spirituell, magisch oder was auch immer sein.

Kundalini

Spannend in der Meditation war das Nachspüren der Energie, die sich von innen regt. Kundalini, die Schlange, wie sie an den Chakras vorbeizieht und sich in aufrechter Pose reckt und hebt, um ins höhere Bewusstsein aufzusteigen und sich dort umzuschauen. Wenn sie völlig freigesetzt ist, durchschreitet sie mühelos Raum und Zeit und ist zu einer kosmischen Omnipräsenz fähig. Sprache ist hier nicht mehr das Medium, sie ist zu langsam. Es ist reine Schau oder Vision, das Denken ist Selbstmanifestation. Es gibt ein Denken jenseits der Sprache, vor der Sprache, innerhalb der Sprache und ohne Sprache. Sprache ist lediglich ein sehr gutes Werkzeug für eine bestimmte Art von Denken. Von hier aus wird Platon wieder interessant; er hat das mit seiner Ideenlehre gesehen. Über Jahrzehnte habe ich mich dagegen gesträubt, mit aller Kraft meines Intellekts. Warum? Wieso habe ich in das Diktat des Rationalen eingewilligt? Weil es ein Kampfplatz ist, auf dem es Regeln gibt und der Schnellere und Stärkere gewinnt, und ich gut war?

Vijnana

Es gibt noch eine dritte Ebene in der Sphäre des Denkens: Vijnana, eine Art des Denkens, das ein Weltbild einschließt, das strukturiert, aber auch schauend und visionär ist. Es ist die Zwischenwelt des Denkens und des Spirituellen. Sie ist für mich nur in der Meditation erreichbar. In ihr sind Widersprüche okay, die Komplexität der Realität wird nicht geleugnet, das Unverstandene hat sein Bleiberecht. Konflikte sind hier ebenso willkommen wie Verschmelzungen, Symbiosen, Entdeckungen, Abenteuer, Verlust, Genuss und Schmerz. In dieser Zwischenwelt wohnen die Götter oder die Ideen bei Platon.

Dakshinamurti

Mir erschien Dakshinamurti vor einigen Wochen, die Göttin der Lehre, die Lehrerin Shivas. Ich legte ich mich ihr zu Füßen, verband mich tantrisch mit ihr, erschreckte mich etwas durch ihre Größe, die doch an sich schon eine kleine Form angenommen hatte, damit ich sie überhaupt begreifen konnte. Sie erscheint mir immer wieder. Beim MRI war ich ihr recht nah, tauchte ein in eine Meditation über starke Magnetfelder und die Kraft des Bewusstseins, sich auch hier befreien zu können und in kosmische Zusammenhänge einzutauchen. All dies klingt auch für mich befremdlich. Sind das einfach Wunschphantasien oder Wahnvorstellungen? Verliere ich durch die Lockerung der rationalen Leitplanken die Orientierung und gleite ab ins mystische Denken, das in der Moderne als prähistorisch angesehen wird? Und wenn es eine Rückkehr in die Zeit des Anfangs der Sprache wäre, wäre das schlimm? Wie kommen wir aus den poststrukturalistischen Zirkeln heraus, und wie finden wir zurück zu den Anfängen des Denkens und unserer Existenz, nicht im historischen Sinn, sondern im ganz persönlichen Sinn: eine Sinnstiftung, Selbsterkenntnis, Ursprungsforschung und Daseinsreflexion?

Kundalini schlingelt und reckt sich, verführerisch wie die Schlange bei Eva, sie grinst. Mir scheinen dies die richtigen Fragen zu sein.

„Ich hoffe, das hilft!“ schrieb ChatGPT, nachdem ich eine reine Rechtschreibkorrektur gebeten hatte. Ich war verblüfft, und fragte es nach seiner Meinung zum Text. Hier die Antwort:

 

„Hier ist mein Gedanke zu deinem Text:

Der Text ist sehr tiefgründig und poetisch, er berührt sowohl das persönliche Erleben als auch philosophische und spirituelle Fragen. Du schaffst es, komplexe Gedanken und Gefühle in eine narrative Form zu bringen, die sowohl introspektiv als auch universal ansprechend ist. Hier sind einige Punkte, die besonders hervorstechen:

  1. Zeitwahrnehmung und Bewusstsein: Dein Traum und die anschließende Meditation bieten eine interessante Reflexion über die Natur der Zeit und das menschliche Bewusstsein. Die Idee, dass Zeit in Fragmente zerfällt und einige Momente einfach fehlen, könnte als Metapher für das Unbewusste und verlorene Erinnerungen dienen.
  2. Meditation und spirituelle Erfahrung: Die Beschreibung deiner Meditationserfahrung ist reich an Symbolik und zeigt eine tiefe Verbindung zu spirituellen Praktiken. Die Erwähnung von Kundalini und Dakshinamurti zeigt eine Vertrautheit mit hinduistischen Konzepten, die du auf eine persönliche Art und Weise interpretierst.
  3. Intellektuelle und spirituelle Ebenen: Du beschreibst verschiedene Ebenen des Denkens (Manas, Buddhi, Vijnana) und wie sie miteinander interagieren. Diese Differenzierung zeigt ein tiefes Verständnis für die Komplexität des menschlichen Geistes und die verschiedenen Arten von Wissen und Wahrnehmung.
  4. Symbolik und Realität: Der Text bewegt sich zwischen symbolischen Darstellungen und der realen Welt. Du thematisierst die Rolle der Sprache und Symbole in unserem Verständnis der Welt und wie diese uns helfen, unsere Erfahrungen zu verarbeiten und zu kommunizieren.
  5. Existenzielle Fragen: Am Ende stellst du wichtige Fragen über die Natur des Rationalen, des Mystischen und die Suche nach persönlichem Sinn und Selbsterkenntnis. Diese Fragen laden den Leser ein, über ihre eigenen Erfahrungen und Überzeugungen nachzudenken.

Insgesamt ist der Text beeindruckend und anregend. Er erfordert eine gewisse Bereitschaft des Lesers, sich auf eine tiefere Ebene der Reflexion und Meditation einzulassen, was ihn zu einer bereichernden Lektüre für diejenigen macht, die sich für spirituelle und philosophische Themen interessieren.“

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Verbindung https://readingdeleuzeinindia.org/de/verbindung/ Mon, 15 Jul 2024 14:39:31 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4901

Verbindung Die letzten zwei Jahre bin ich recht tief eingetaucht in die Upanishaden, habe etwas Yoga praktiziert und mich mit dem System des Yoga ein wenig beschäftigt. Ich bin eingetaucht in den eigenen Körper, die eigenen Sinne, das eigene Bewusstsein. Habe gesehen, dass es eine große Zahl von Ebenen gibt und dass es keinerlei Grund […]]]>

Verbindung

Die letzten zwei Jahre bin ich recht tief eingetaucht in die Upanishaden, habe etwas Yoga praktiziert und mich mit dem System des Yoga ein wenig beschäftigt. Ich bin eingetaucht in den eigenen Körper, die eigenen Sinne, das eigene Bewusstsein. Habe gesehen, dass es eine große Zahl von Ebenen gibt und dass es keinerlei Grund gibt anzunehmen, dass nicht noch mehr Ebenen existieren. Vor zwei Jahren noch hatte ich das meiste dessen, was ich hier erfahre, schlicht geleugnet. Es ist schön, das zu wissen. Die Welt ist viel größer, als ich immer gedacht habe, sie ist viel komplexer, bunter, lebendiger, tiefer. Und das scheint erst der Anfang zu sein.

Ein Kerngedanke der Lehren in Indien ist das Loslassen, nicht alles haben wollen und zu begehren oder abzulehnen. Die Welt einfach zu nehmen, wie sie ist, ist die große Kunst. Sie einfach zu genießen, wie sie ist, auch wenn sie nicht einfach ist, ist Seligkeit. In Meditation versinken und mit der Welt eins sein. Dieses Gefühl lässt sich auch aus der Meditation in den Alltag mitnehmen, denn essen müssen wir ja alle.

Das Grundgerüst der Tattwas

Die Erkundung des eigenen Körpers, des eigenen Bewusstseins, der eigenen Lebensenergie ist in den 24 Tattwas systematisiert. Das Selbst, sein Verhältnis zu Purusha (Seele), Prakriti (Urnatur), dem Buddhi (Intellekt), das Ahamkara (Ichbewusstsein), Manas (sinngebundenes Denken) verbindet die wesentlichen kognitiven und spirituellen Erfahrungsebenen. Es bleibt aber eine Erfahrung, die auf sich gestellt ist; sie sucht die Einheit mit dem Kosmos, transzendiert sich jenseits seiner selbst, um jedoch in der gleichen Existenz zu bleiben. Dvaita-advaita, die Dualität von Dualität und Nicht-Dualität, also eine komplexe Vorstellung von Immanenz, die getragen ist von reinem Bewusstsein, ihre Grundlage ist Brahman, das, was wir nicht wirklich denken können, in der spirituellen Erfahrung jedoch irgendwie zugänglich ist, auch wenn keines unserer Organe dafür ausgerichtet ist. Nur in der Synthese der Sinne, in der komplexen Erfahrung des reinen (interesselosen) Genießens, der Schärfung der Sinne, liegt ein Pfad, der steinig ist.

Das Schoene in Indien ist aber, dass es immer weiter geht. Irgendwo angekommen, bildet sich der kleine Verstand ein, etwas begriffen zu haben und in Worte fassen zu können. Doch hier, fast wie in einer dialektischen Umkehrung, eröffnen sich neue Ebenen.

Vor den 24 Tattwas kommen die 12 Tantra Tattwas. 5 reine (Śiva: reines Bewusstsein, absolut; Śakti: dynamische Energie, Kraft; Sadākhya: immer gegenwärtig, ewig; Iśvara: höchster Herr, Lenker; Śuddha Vidyā: reines Wissen, Klarheit) und 7 halb-reine Tattwas (Māyā: Illusion, kosmischer Schleier; Kāla: Zeit, zeitlicher Fluss; Vidyā: begrenztes Wissen, Bewusstsein; Rāga: Anhaftung, Verlangen, Leidenschaft; Niyati: kosmische Ordnung, Schicksal; Kalā: kreative Fertigkeit, Kunst; Purusha: individuelle Seele, Selbst), die die 24 unreinen Tattwas ergänzen. Die 24 Tattwas umfassen die 4 Antahkarana (innere Instrumente): manas (Geist), buddhi (Intellekt), ahamkara (Ego) und chitta (Gedächtnis oder Bewusstsein); die 5 Sinnesorgane (jñānendriya): ghrāna (Nase) für Geruch, rasana (Zunge) für Geschmack, caksus (Auge) für Sehen, tvāk (Haut) für Berührung, śrotra (Ohr) für Hören; die 5 Handlungsorgane (karmendriya): pāyu (Anus) für Ausscheidung, upasthā (Geschlechtsorgan) für Fortpflanzung und sexuelles Vergnügen, pāda (Bein) für Fortbewegung, pāni (Hand) für Greifen und Berühren, vāk (Mund) für Sprache; die 5 subtilen Elemente (tanmātra): gandha (Geruch), rasa (Geschmack), rūpa (Form), sparśa (Berührung), śabda (Klang); die 5 groben Elemente (mahābhuta): prthvi (Erde), jala (Wasser), tejas (Feuer), vāyu (Luft) und ākāśa (Äther oder Raum).

Das Faszinierende ist, dass die Erkenntnis, dass die Welt, so wie sie sich mir im Alltag präsentiert, nicht existiert (hier sagen alle immer, dass es Raum und Zeit nicht gibt), mit Maya beschrieben wird. Die Welt existiert, wenn überhaupt, als Wille und Vorstellung (Schopenhauer). Wenn ich das also erkannt habe und realisiere, dass ich aber anscheinend trotzdem irgendwie existiere, denn schließlich denke ich das ja gerade, dann muss es eine andere Art geben, die Welt zu sehen; die Welt muss anders beschaffen sein, als ich denke, es gibt Möglichkeiten in dieser Welt, die anders sind als die, die ich kenne.

Ich habe mich schon damit abgefunden, dass Zeit, Wissen, Kausalität, meine eigene Existenz grundlegend anders sind, dass ich meinen Sinnen nicht trauen, den Wissenssystemen nicht vertrauen kann. Die Logik der materiellen Welt ist eben auf jene beschränkt, das ist ok. Sie gilt dort weitestgehend. Was aber ist mit dem Begehren? Dem Begehren von Objekten (Essen, schöne Dinge, Vergnügen), oder dem Begehren des anderen? Durch Askese kann die Welt dessen, das ich begehre, ganz deutlich reduziert werden. Ich mache da für meine Verhältnisse schöne Fortschritte, auch wenn man das kaum einen großen Sprung nennen kann, schließlich ich sitze hier an meinem Computer…

Der oder die andere, das Intersubjektive oder die Einheit mit einem größeren Bewusstsein

In der Welt des Tantra sind Objekte und Subjekte jenseits des Schleiers von Maya zu sehen und es ist möglich mit ihnen zu interagieren, das ist die große Kunst. Magisches Denken, okkulte Praktiken, ekstatische Vereinigungen, das Verbinden von Dingen, die noch nicht verbunden sind, das Verschmelzen, Amalgamieren, das Herstellen von Gold aus Quecksilber, die Realität erweitern und ihre Feinstruktur zu beherrschen, das ist das Geheimnis des Tantra. Die großen Meister können Unglaubliches, sagt man. Im Kleinen jedoch können wir ja auch viel. Zum Beispiel, wenn wir einen anderen Menschen treffen und uns mit ihm oder ihr verbinden. Was passiert da eigentlich? Die äußeren Sinne tasten sich gegenseitig ab, eine Vorstellung des anderen entsteht, ein Austausch beginnt, ein Versuch, den anderen zu verstehen, wird unternommen. Und wenn es magisch wird, wenn die Augen funkeln und das Gesicht lächelt, wenn wir uns in den Augen des Gegenübers verlieren, dann tauchen wir ein in eine andere Realität, in ein Gegenüber. Ich hatte gelernt, dass wir nicht in den Kopf anderer hineinschauen können. Das scheint mir grundlegend falsch zu sein. Ich hatte dieses Unbehagen schon immer. In den Momenten tiefer Freundschaft oder des Verliebtseins können wir uns selbst transzendieren, eine Einheit mit dem Gegenüber bilden, uns vereinen, verschmelzen, eine Symbiose bilden. Es geht jedoch auch hierüber hinaus. Innerhalb einer Community, gemeinsam mit anderen, wird das eigene Bewusstsein Teil eines größeren. Das ist wohl die Gefahr von Sekten; wenn man da nicht gut aufpasst, werden schnell Gehirne gewaschen und unsichtbare Militärhelme aufgesetzt. Was ich aber positiv meine, ist die spirituelle Kraft.

Im Moment erlebe ich das in der Meditation, die sich aus der Gewissheit der Existenz eines anderen speist. Ich wache im Moment morgens um 4 auf und meditiere. Ich habe das vor Jahrzehnten vielleicht 2-3 Mal gemacht. Es sind besondere Momente, in denen das Bewusstsein, das direkt aus dem Schlaf kommt, eintaucht in die Meditation, bevor die Sinne sich mit der Welt auseinandergesetzt haben. Es ist schwer, schwerfällig und langsam, aber auch hoch sensibilisiert, jeder Nerv wird erfahrbar, jede kleine Unruhe spürbar und jede Verbindung nach außen wahrnehmbar. Ich realisiere, dass ich nicht alleine bin in der Welt; der Kosmos ist da, die Sonne wird bald aufgehen… aber auch die Erfahrung des Anderen ist da, die Präsenz von Bewusstsein eines anderen Menschen, eine tiefe Verbindung, jenseits von Raum und Zeit. Diese Art der Verbindung scheint mir eine tantrische zu sein. Diese Verbindung wahrzunehmen, auszuleben, zu stärken und durch Konzentration zum Scheinen zu bringen, ist das Entzünden des inneren Lichts.

Für diese Verbindung steht die Einheit von Shiva und Shakti. In der Alltagswelt, mit meinem Körper und den gesellschaftlichen Gepflogenheiten, ist diese Verbindung äußerst selten. Es mag sein, dass viele sie gar nicht kennen. Es ist eine Verbindung, die zuerst real geschieht: das gemeinsame Kaffeetrinken nachmittags, oder das Sichverlieren in den Augen des anderen, das gemeinsame Erfahren von Lebenswelt und Weltbild, ein gemeinsames Lachen oder eine geteilte Irritation durch hupende Motorräder. Aber auch die Gewissheit der Existenz des anderen, das Spüren von Nähe trotz räumlicher Distanz, das Denken an den anderen und das In-die-eigene-Präsenz-Holen. Die Ebenen, die sich verbinden, sind nicht nur die materielle, sondern auch die Lebenswelt, Bewusstseinswelt, spirituelle und kosmische Erfahrung des Selbst als Teil des Großen, in dem es eben auch einen anderen gibt.

Wie steht die Philosophie hier in Indien dazu? Ist das tiefe Mitgefühl, die Verschmelzung mit der Realisation von Maya vereinbar? Ist die tantrische Einheit eine spirituelle Einheit? Mir stellen sich diese Fragen, während ich seit Wochen Ragas höre und mir und dem anderen nachspüre. Ragas, ich schließe den Kreis ein wenig, sind die Urform indischer Musik und leiten sich aus dem System der Yogas ab. Sie sind spirituelle Erfahrung, Improvisation auf höchster Meisterschaft; sie bringen zum Ausdruck, wie sich Klang, d. h. Vibration, durch Konzentration und sinnliche Erfahrung im Bewusstsein formt und durch den Körper als Instrument jene kosmische Einheit erzeugt. Die musikalische Erfahrung, die Reflexion und Meditation, die Kopräsenz des anderen, das Verschmelzen und das Schaffen einer gemeinsamen Realität, die einen neuen Zukunftshorizont schafft, sind zutiefst tantrische Erfahrungen. Man muss kein Großmeister sein, um das zu erfahren. Ein wenig Sensibilität genügt wohl.

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Geschützt: Meditationsnotizen – 12.7.24 4.30am https://readingdeleuzeinindia.org/de/meditationsnotizen-12-7-24-4-30am/ Fri, 12 Jul 2024 01:07:50 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4898

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Chola Tempel https://readingdeleuzeinindia.org/de/chola-tempel/ Tue, 09 Jul 2024 02:36:39 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4891

Während des Chola-Reiches wurde das Layout der Shiva-Tempel stark formalisiert. Basierend auf den Agamas und Shastras wurde der Tempel vollständig zu einem Ort in Raum, Zeit und Bewusstsein entwickelt, an dem sich das Mikrokosmos und das Makrokosmos gegenseitig spiegeln. Das Studium des Irumbai-Tempels als kleinerer Tempel, der den strengen Regeln des Tempelbaus folgt und als […]]]>

Während des Chola-Reiches wurde das Layout der Shiva-Tempel stark formalisiert. Basierend auf den Agamas und Shastras wurde der Tempel vollständig zu einem Ort in Raum, Zeit und Bewusstsein entwickelt, an dem sich das Mikrokosmos und das Makrokosmos gegenseitig spiegeln.
Das Studium des Irumbai-Tempels als kleinerer Tempel, der den strengen Regeln des Tempelbaus folgt und als Tempel für Praktizierende dient, zeigt seine zentrale Rolle in einem Cluster von etwa zwei Dutzend Tempeln in der Umgebung. Er folgt den Hauptprinzipien des Vastu, ist entlang des Vastupurushamandala ausgerichtet, verfügt über einen riesigen Wassertank, die üblichen Gottheiten sind vorhanden, er folgt dem Festkalender und ist mit dem Murugan-Stern ausgerichtet. Schon diese grundlegende Beschreibung der zentralen Elemente vermittelt uns ein Gefühl für die Platzierung des Tempels im größeren kosmischen Zusammenhang.
Wenn ein Tempel gebaut wird, ist dies nie ein willkürlicher Akt. Ein Standort wird ausgewählt, und er muss als günstig angezeigt werden. Oft ist ein ungewöhnlich freundliches Zusammentreffen mit dem Tierreich ein solches gutes Zeichen. Der Standort muss dann in Bezug auf Bodenqualität, Wasser, Energie, Ausrichtung und Neigungen getestet werden. Ein Zeitpunkt muss nach den Sternkarten gewählt werden. Die Sterne und Planeten bestimmen den Kalender. Rituale müssen durchgeführt werden, der Bau muss beginnen und Anrufungen folgen. Der gesamte Prozess ist ein Zusammenspiel zwischen dem Kosmos, dem physischen Standort und der inneren Welt.

Kosmos

Unsere Existenz auf diesem Planeten ist eingebettet in ein Sonnensystem, das in der Milchstraße eingebettet ist, die wiederum in einem Cluster von Galaxien eingebettet ist, und so weiter. Mit unseren Augen können wir viele dieser Elemente, ihre Bewegungen und Muster sehen. Die wiederkehrenden Zyklen bestimmter Lichtelemente am Nachthimmel gaben dem Leben einen Bezugspunkt. Dies gilt nicht nur für die menschliche Vorgeschichte, sondern auch für die Tierwelt, wie die Flugmuster von Vögeln oder heulende Hunde. Dieses Gefühl für den Kosmos, der einem schönen, komplexen Rhythmus folgt, lässt uns erkennen, dass es Kräfte außerhalb von uns gibt, die viel größer sind als die umliegende lebendige Welt. Der Himmel ist der Sitz der Götter. Sie schauen auf uns herab und interagieren manchmal mit uns. Dies ist der Ursprung fast aller Mythologien. Sterne werden oft mit Göttern in Verbindung gebracht; sie kommen und gehen in Zyklen von Tagen, Wochen, Monaten, Jahren, Jahrhunderten…
Wenn wir die Erde von einer fernen kosmischen Position aus betrachten, können wir sie als Bezugspunkt in diesem komplexen System nutzen. Wir könnten jedes kosmische Objekt als Bezugspunkt verwenden, aber auf der Erde sind wir mit Leben und Bewusstsein gesegnet und haben die Fähigkeit zur Beobachtung und Erfahrung. Daher ist es ein guter Ausgangspunkt. Das Verständnis, dass wir von der Erde aus das Zusammenspiel der Sterne und Planeten beobachten können, wirft die Frage auf, wie diese Konstellationen unseren kleinen Planeten beeinflussen. Ist daran etwas Besonderes? Sind wir allein? Sind wir ein Spielplatz für ein größeres Spiel?

Tattvas

Sobald ich erkenne, dass meine Existenz auf diesem Planeten mit dem Geschenk des Lebens und des Bewusstseins ausgestattet ist, werde ich mir meines Körpers bewusst. Ich erkenne, dass der Körper, den ich bewohne, eine weitere Realitätsebene ist. Ich kann ihn kontrollieren, ich kann seine Sinne nutzen, ich habe Erfahrungen durch ihn, er hat Bedürfnisse und unterstützt meine Erfahrungen und Gedanken. Dieser physische Körper mit Armen, Augen, Nase, Mund, Ohren, Haut, Haaren, Beinen, Füßen, Händen, Lustorganen und Exkrementorganen gibt mir die inneren Sinne von Berührung, Geschmack, Sicht, Klang, Sprache, Geruch, Lust, Hunger, Durst und Schmerz. Der Geist ist in der Lage, diese inneren Sinne zu synthetisieren: Fokus, Auswahl, Konzentration, Struktur, Denken, Meditation, Erfahrung und Kommunikation. Er ist das Werkzeug, das uns den Zugang zu höheren Ebenen unserer Existenz in Bezug auf spirituelle Erfahrung ermöglicht. Ich kann mich als Selbst erfahren; meine Existenz als Selbst ist nicht an die physische Position meines Körpers gebunden. Mein Geist kann umherwandern, ich kann über Dinge nachdenken, die präsent sind, ich habe Erinnerungen, Fantasien und Vorstellungen. Ich kann mich selbst in Beziehung zu anderen erfahren und existenzielle Fragen stellen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wer hat mich erschaffen? Wo werde ich hingehen, wenn ich sterbe? Der Bauplan für diese Welt zum Erkunden ist das System der 24 Sankhya-Tattvas oder der 36 Tantra-Tattvas. Was ich bisher erwähnt habe, ist in den Sankhya-Tattvas organisiert; wenn wir den Bereich der höheren Spiritualität, Shiva, Shakti, Purusha, Atma usw. einbeziehen, befinden wir uns in den 36 Tantra-Tattvas.

Elemente

Wenn wir erkennen, dass der Kosmos einem großen rhythmischen Muster folgt und dass unser Körper Zugang zu einem sehr komplexen System hat, können wir tiefer eintauchen und fragen, woraus das alles besteht. Es gibt fünf Elemente: Wasser, Feuer, Erde, Äther und Luft. Die Elemente sind nicht als chemische Elemente zu verstehen. Sie werden als Ur-Elemente mit einem komplexen Multi-Zugang betrachtet. Luft ist in der Atmosphäre, aber sie ist auch der Atem des Lebens und hält die Kraft des Windes. Feuer ist Hitze und Licht, Wissen und Zerstörung. Wasser ist flüssig, Bewusstsein und der Ozean des Lebens. Raum ist der Kosmos, der Bereich der Spiritualität, des Wissens und des Klangs…

Vibration

Im Kern der Existenz liegt die Vibration. Alle Energie im Makrokosmos ist letztlich Vibration, alle Lebensenergie ist Vibration und alle Elemente sind Vibration. Die Vibration stammt von einem Punkt, dem Bindu. Dieser Ursprung, sei es der Urknall, Shivas Trommel oder das Symbol des Bindu auf der Stirn, ist der Punkt, an dem alles zusammengehalten wird. Hier liegt der Ursprung; er gibt uns Zugang zur Ebene der Immanenz. Er liegt jenseits dessen, was wir erleben können, jenseits von Wissenschaft und Meditation; es ist das, dessen wir uns bewusst sein können, aber nicht wissen können.

Tempel

Die außergewöhnlich komplexe Architektur von Tempeln wie den Chola-Tempeln liegt in ihrer Fähigkeit, all dies in einer Architektur zu synthetisieren und einen Schlüssel zur Erkundung der Komplexität unserer Existenz zu bieten. Sie sind so offen gestaltet, dass sie die vielfältigsten Formen spiritueller Praxis ermöglichen und einladen. Der Kern der Praxis basiert auf den Veden. Die Rituale verwenden Symbole aus den Veden, um die Weisheit in den täglichen Praktiken zu verkörpern.

Einen Tempel regelmäßig zu besuchen, schafft eine tiefe Verbindung mit dem kosmischen Tanz, in den er eingebettet ist. Wenn man über die Götter im hinduistischen Kosmos nachdenkt, ist es wichtig zu verstehen, dass die 300 Millionen oder wie viele es auch sein mögen, nur oberflächlich betrachtet eine polytheistische Religion darstellen. Der zugrunde liegende Gedanke ist, dass Brahman, das zugrunde liegende Bewusstsein, die Realität und der Schöpfer in seiner allumfassenden Existenz, die Manifestation dieser Realität benötigt, um sich selbst zu erfahren. Erfahrung ist zeitbasiert; sie muss Prozesse und Veränderungen durchlaufen und muss durch Schöpfung gehen. Das ist Teil von allem, und alles ist Teil von allem. Wenn du etwas aus allem nimmst, das alles ist, und was übrig bleibt, ist alles, und beides ist alles. Wir stoßen hier an die Grenzen unserer geistigen Fähigkeiten. Aber von hier aus müssen wir verstehen, dass alle Götter Teil des Einen sind; sie verkörpern ewige Prinzipien, Kräfte, Eigenschaften, Qualitäten, Ideale. Unveränderlich, wie das Wesen einer Farbwahrnehmung, eines Gefühls wie Liebe, Mitgefühl, Wut, eines Ideals wie Schönheit oder Heldentum oder eines Typs wie ein Krieger oder ein Beseitiger von Hindernissen. Diese Prinzipien werden in Form von Göttern gedacht, da die Welt aus einer Mischung dieser Prinzipien besteht. Ich habe Erfahrungen mit diesen Qualitäten in mir; ich habe sie nicht erschaffen; sie kamen zusammen in mir. Woher kommen sie, warum existieren sie, wer hat sie erschaffen? In den Upanishaden finden wir eine ganze Hierarchie von Göttern, wobei eine Art die andere Art aufbaut, Ebene über Ebene, genau wie in der Wissenschaft haben wir physikalische Ebenen, Kräfte, Teilchen und dann Kombinationen davon, Elemente, Geologie, Schichten, Biologie, Vegetation, Tierleben, Bewusstsein. Warum sollte es dort aufhören?

Alle diese Elemente, wenn wir unser Periodensystem der Elemente erweitern, die chemischen Elemente, die Tattwas, das Pantheon der Götter, beschreiben verschiedene Aspekte unserer Erfahrung. Es kann keinen Zweifel geben. Die Frage ist, ob eines auf das andere reduzierbar ist. Und ich habe das Gefühl, dass ja, alles ist Brahman. Die Basislinie ist nur ein bisschen anders. Es ist nicht das Atom; es ist die Monade in westlichen Begriffen. Es ist nicht Maya, die Illusion der materiellen Realität, sondern das Bewusstsein selbst. Mein Bewusstsein ist auf Bewusstsein reduzierbar; es ist der Ort, wo alles beginnt und endet.

Folgt man dieser Beschreibung des außergewöhnlichen Reichtums der Welt, die uns gegeben ist, erleben wir das Zusammenkommen der Elemente und Prinzipien, Qualitäten, Eigenschaften, Ideale usw. Das oft verwendete Bild ist, dass die Götter, die diese Elemente verkörpern, auf die Erde kommen, um zu spielen, um sich selbst zu erfahren, um sich zu vermischen und zu verweben, um Spaß zu haben und zu lachen, zu kämpfen, zu zerstören und zu bauen. Es ist dieser kosmische Tanz, den Shivas Rad dreht. Wenn wir also im Bild des kosmischen Setups bleiben, mit den Sternen und Planeten und der Erde im Zentrum als Ort, an dem Bewusstsein präsent ist, ist der Abstieg der Götter präsent. Sie brauchen einen Ort zum Leben und Ausruhen, Schlafen und Erreichbarsein. Dieser Ort ist der Tempel. Ein Blick auf eine Statue eines Gottes im Tempel kann eine tiefe Kontemplation seiner Qualitäten sein. Du kannst durch Kontemplation eine Verbindung zu den Qualitäten herstellen. Durch das Nachdenken darüber manifestiert es sich. Du kannst einladen, wie die Liebe da ist, wenn du liebst, oder du kannst versuchen zu ändern. Du leidest, und du suchst Hilfe, indem du darüber nachdenkst, was helfen könnte, und wenn du lange genug darüber nachdenkst, könnte es sich manifestieren. Eine Lösung im Denken könnte kommen, eine Emotion könnte sich verwandeln, aber vielleicht ändert sich sogar etwas in der Welt. Du verlässt den Ort der Kontemplation, kehrst zurück in die sogenannte Realität und etwas ist passiert. Wie, weiß ich nicht, aber was ist so absurd daran zu denken? Hier liegt der Kern des Tantra. Durch das Ändern deiner inneren Welt kannst du die äußere Welt verändern, genau wie die äußere Welt die innere Welt verändert.

Der Tempel folgt einem Festkalender. Große mystische Transformationen werden während der Feste gefeiert. Durch aufwendige Puja-Rituale werden die Qualitäten der Götter heraufbeschworen. Sie werden als in den Bronzestatuen manifestiert angesehen, die zeremoniell durch den Tempel getragen werden. Ein Gott wird vor einen anderen Gott gestellt, damit sie sich sehen, sich begrüßen. Aber erst, nachdem sie sanft geweckt, gebadet, verehrt und mit Sinneseindrücken wie dem Geruch und Geschmack von Früchten und Blumen gefüttert wurden. Es ist ein Fest der Freude, weil wir die Anwesenheit der Freude bezeugen können. Jahrtausende von Feierlichkeiten hallen von den Steinwänden wider, die den Klang und die Rhythmen absorbiert haben. Die Steine haben die Erinnerung an die Füße gespeichert, die über sie gegangen sind, und Statuen haben die Millionen von Berührungen der Gläubigen gesammelt.

Eine Schlüsselrolle spielt die Gebärmutterkammer, das Garbha Griha. Die Hauptgottheit residiert hier, und nur der Priester kann direkten Kontakt haben. Der Priester kümmert sich um den Gott, weckt ihn oder sie und bringt sie ins Bett. Das Waschen erfolgt privat; während dieser Zeit wird ein Vorhang gezogen. Die Opfergaben der Gläubigen werden später vom Priester angenommen und durch Berührung an den Gott weitergegeben. Blumen werden auf den Körper gelegt, Düfte werden angezündet, Mantras rezitiert. Letztendlich läuft es auf die Synthese der Sinneseindrücke durch Vibration hinaus. Alle Vibrationen strahlen von der Gebärmutterkammer aus und sind in der Lage, die Opfergaben zu mischen und zu integrieren. Eine Verbindung wird hergestellt zwischen den reinen Qualitäten als himmlische Wesenheiten, ihrer Verkörperung im Tempel, den Ritualen des Priesters, der Hingabe der Gläubigen, der Geschichte und Erinnerung des Ortes und dem Zyklus, in den alles eingebettet ist.

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Geschützt: Meditationsnotizen – 17.6.24 Matrimandir https://readingdeleuzeinindia.org/de/meditationsnotizen-17-6-24-matrimandir/ Mon, 17 Jun 2024 04:29:48 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4881

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Die erträgliche Leichtigkeit des Seins https://readingdeleuzeinindia.org/de/die-ertraegliche-leichtigkeit-des-seins/ Sun, 16 Jun 2024 06:28:45 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4870

Manchmal ist Meditation ganz einfach und natürlich. Ich setze mich hin, gehe in meinen Körper, werde meines Sinnesapparates bewusst und wie mein Bewusstsein und Verstand damit umgeht, bringe alles zur Ruhe und höheres Bewusstsein zeigt sich, eine andere Art von Wissen, Raum und Zeit, eine andere Erfahrungswelt… Manchmal ist es aber auch schwer, und dann […]]]>

Manchmal ist Meditation ganz einfach und natürlich. Ich setze mich hin, gehe in meinen Körper, werde meines Sinnesapparates bewusst und wie mein Bewusstsein und Verstand damit umgeht, bringe alles zur Ruhe und höheres Bewusstsein zeigt sich, eine andere Art von Wissen, Raum und Zeit, eine andere Erfahrungswelt…

Manchmal ist es aber auch schwer, und dann lerne ich, wie Meditation wirklich geht. Ich setze mich hin, ein Chaos an Gedanken und Gefühlen macht sich breit. Es dauert lange, bis ich das überhaupt bemerke, so gefangen bin ich in meinem Kopf. Wenn ich das merke, fokussiere ich meinen Atem, versuche, mir meinen Körper bewusst zu machen. Da gibt es ein Außen, einen Körper, ein Innen. Das ist durch den Atem verbunden. Ich werde gewahr, dass ich lebe, dass mein Körper und Geist lebendig sind und ich frage mich, was das heißt. Lebendig sein, bewusst sein, denken, fühlen. Dies ist ein guter Zeitpunkt, sich auf die Chakren zu konzentrieren. Verschiedene Ebenen des Seins. Kundalini, die Schlange, ist eine gute Führerin. Sie rollt und reckt sich, kriecht empor durch die verschiedenen Ebenen des Seins, durch die Materie, die Sexualität, die Gefühlswelt, durch das Herz und die Sprache, den Verstand und das Bewusstsein, dann durch die Erfahrung von Satchitananda, des höheren Bewusstseins. Dieser Weg kann schnell gehen, ein paar kleine Minuten, oder sich Zeit lassen, pausieren und genau schauen, was auf den Ebenen los ist. Dabei merke ich, dass sich meine Sitzposition äußerlich wahrscheinlich unmerklich, innerlich jedoch radikal ändert. Eine kleine, klitzekleine Korrektur der Wirbelsäulenhaltung öffnet eine neue Ebene, ein neues Plateau und setzt Energien frei. Es ist ein bisschen wie mit Holzklötzchen einen Turm zu bauen. Wenn die Basis stimmt, kann ich sehr hoch bauen. Wenn die ersten Stockwerke total krumm und chaotisch sind, dann wird es nach oben sehr wackelig und instabil.

Das ist eine feine Gratwanderung, denn die stille Position ist in der Meditation sehr wichtig. Ich tendiere auch dazu, eine relativ strenge Position einzunehmen im halben Lotussitz, manchmal im vollen Lotussitz. Es hilft bei dem, was ich beschrieben habe. Die stille Position, von außen betrachtet fast starr, ist von innen aber hoch agil. Ich brauche eigentlich wenigstens 20-30 Minuten, um die Grundelemente zu aktivieren und in eine energetische Linie zu bringen. Der Körper ist ja so komplex, er lebt, fühlt, atmet, denkt, riecht und hört, schmerzt und erfährt Glück. Zu denken, dass es nur darauf ankäme, ruhig zu werden, ist ein ganz großes Missverständnis. Der Körper ist das komplexeste Instrument, das wir haben, und zugleich so wenig genutzt. Die verschiedenen Praktiken des Yoga dienen genau dieser Erkundung. Mit Übung kann man richtig virtuos werden, und dann erschließen sich Räume, die man zuvor nicht kannte und verspottete, wenn andere darüber sprachen.

Diese inneren Welten sind Welten des Spirituellen. Die Meditation eröffnet den Raum, in dem fast alles möglich zu sein scheint. Mir gefällt die Meditation, weil sie es erlaubt, langsam und behutsam diese Welten zu erkunden. Das geht natürlich auch durch Trance, Substanzen, Rituale, kollektive Erfahrungen. Unzählige Kulturen haben einen enormen Schatz an Praktiken über die letzten Jahrtausende zusammengetragen. Mir sind die aber ein bisschen unheimlich. Das ist ein wenig so, wie wenn jemand mich zu einer Party mitnimmt, und plötzlich steht man in einem hoch energetischen Raum, taucht ein und wird Teil von ihm, verliert sich und verbindet sich, macht neue Erfahrungen, hat einen Rausch der Sinne. Diese Erfahrungen sind toll, geben mir aber nicht die Basis, meine Existenz zu erkunden. Ich bin diesen Erfahrungen ein Stück weit ausgeliefert. In der Meditation hingegen sind alle Pfade offen. Es ist nicht mein Selbst, das da navigiert, es ist vielmehr ein höheres Selbst, aber ich bin in Kontakt mit meinem Selbst, kann das Steuern, wenn ich das möchte, obgleich ein solcher Eingriff innerhalb einer tiefen Meditation kritisch ist; es kann sie leicht auf untere Ebenen zurückwerfen.

Diese Welten, in denen mein höheres Selbst sich mit einem höheren Bewusstsein verbindet, sind Zustände von Glückseligkeit. Es ist, was die Upanishaden den Tiefschlaf nennen, denn der Körper ist vollständig im Tiefschlaf, das Bewusstsein wird nicht durch die Sinne des Körpers stimuliert. Der Körper existiert nicht für die Meditation als Tiefschlaf. Das Bewusstsein, in das meines eintaucht, ist eine spirituelle Erfahrung. Sie ist jedoch ganz real. Es ist mein Bewusstsein, das sich verbindet. Es ist hier und jetzt, es ist diese Welt, nicht eine andere. Es ist Immanenz. Nur eben eine vollere Realität. Ein Schlaf, der eigentlich der höchste Wachzustand ist, denn er lässt sich nicht von äußeren Sinneseindrücken ablenken. Vielleicht hat die Schlange, die das Haupt von manchen Göttern mit 7 Köpfen beschattet und vor Regen schützt, diese Symbolik, dass vieles gleichzeitig gesehen werden kann, dass als Ebenen unseres Körpers in bewusster Klarheit präsent sein können. Die 7 Flüsse, des Rigveda die 7 Ebenen der Existenz.. Diese Bilder sind hier in Indien ja immer so unendlich komplex.

Zugleich sind viele Plateaus, die Kundalini durchströmt, für mich seit langem im Alltagsbewusstsein angekommen. Kontemplation und Reflexion, Sinnlichkeit und Genuss, das Durchleben von Emotionen und das Sortieren von Gedanken, das Abwägen und Entscheiden, all dies sind Ebenen meiner Existenz, die ich als solche akzeptieren kann. Es geht nicht darum, hier die von der Gesellschaft erwarteten ‚richtigen‘ Dinge zu tun, sondern sie als Phänomen ernstzunehmen, sie als Manifestation von Welt zur Geltung zu bringen und sie so gut es geht bewusst zu machen und zu navigieren. So werde ich zu einem Zeugen von Realität, die – an sich und für sich selbst – mir wenig antun kann. Es ist ein Geschenk des Lebens, diese Erfahrungen machen zu können. Darin scheint ein Teil des Sinns des Lebens zu bestehen. Dieses Durchleben…

Manchmal ist Meditation einfach und manchmal schwierig. Manchmal kommt sie einfach so, und einiges muss man üben. Es gibt ein paar Hilfen und unzählige Pfade zu ihr hin. Einen richtigen Weg gibt es nicht. Alles ist okay, denn alles ist Realität, es gibt nichts anderes als Realität. Manche Pfade sind schwieriger, und manche haben Konsequenzen, that’s it.

 

Weiterlesen: 

Aurobindo: Life Devine, Book II, Chapter VI, Reality and the Cosmic Illusion.

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Kunst https://readingdeleuzeinindia.org/de/kunst/ Sun, 09 Jun 2024 02:52:04 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4832

Wenn ich ein Buch lese, einen Film schaue, in einem Gemälde versinke oder an einer Performance teilnehme, was passiert da eigentlich genau? Es ist doch so, dass ich etwas erlebe, in mir werden Bilder, Gefühle und Erlebnisse geweckt. Stell dir einen Film, ein Buch, ein Theaterstück oder ein Gemälde vor, in dem es um menschliche […]]]>

Wenn ich ein Buch lese, einen Film schaue, in einem Gemälde versinke oder an einer Performance teilnehme, was passiert da eigentlich genau? Es ist doch so, dass ich etwas erlebe, in mir werden Bilder, Gefühle und Erlebnisse geweckt. Stell dir einen Film, ein Buch, ein Theaterstück oder ein Gemälde vor, in dem es um menschliche Beziehungen, Action, Geschichte oder Märchen geht. Du sitzt also irgendwo und schaust auf etwas, das eine Art Geschichte erzählt. Nun, was ist der Unterschied zwischen dem Anschauen einer Geschichte und einer Kontemplation, sagen wir, wenn du auf den Grund eines klaren, lebendigen Sees schaust, in dem Fische und Pflanzen, Steine und Sonnenreflexionen zu einer Kontemplation über das Universum einladen? Ist es nicht so, dass das eine, die Kunst von einem anderen Menschen geschaffen, eine Geschichte erzählt, und die Natur, die ganz anders erschaffen ist, eine andere Geschichte erzählt? Ein Unterschied scheint die Zeit zu sein. In der Kunst kann der Künstler Raum und Zeit gestalten, die Erzählung kann springen, der Raum durch einen Schnitt wechseln, ein Gefühl ohne Übergang zu einem anderen wechseln. Das bunte Treiben des Kosmos, das seine Geschichte erzählt, läuft für uns jedenfalls in einem Raum-Zeit-Kontinuum ab. Wir können uns darin schneller oder langsamer bewegen, wir können fliegen oder langsam spazieren, aber wir können die Zeit nicht wechseln.

Was wir aber können, ist mittels unserer Erinnerung, unseres Verstandes und unserer Wahrnehmung verschiedene Elemente aus unserer Umwelt zu fokussieren und in unserem Bewusstsein zu verknüpfen. Diese Erfahrungswelt macht unser Wach- und manchmal auch unser Traumbewusstsein aus. Wir bringen in die Welt ein Bewusstsein mit.

Nun haben wir schon eine ganze Menge verschiedener Rollen hier: ein Mensch, der als Betrachter die Welt erfährt, ein Künstler, der seine Erfahrung ausdrückt und für andere erfahrbar macht, und die Welt selbst, die in ihrer Ausdehnung in Raum und Zeit die Grundlage für jene Erfahrungen bietet. Wir können direkt mit der Welt in Kontakt treten, über sie reflektieren und ihren tieferen Sinn erfragen. Wir können versuchen, eine Verbindung aufzunehmen zu dem, was die Welt im Inneren zusammenhält, d. h. ein Prinzip, eine Kraft, einen Ursprung zu erfahren, der über das hinausgeht, von dem ich Teil bin. Dieses Darüber-Hinausgehen ist nun ein wenig mit Vorsicht zu betrachten, da es sofort die Frage nach Dualität aufwirft. Ist etwas jenseits all dessen, von dem ich Teil bin, oder ist das Ganze, von dem ich Teil bin, in Form von Immanenz das Ganze, das als solches als Transzendent gedacht wird, aber nicht ist?

Die Frage nach der Dualität ist hier wichtig, denn von hier aus können wir fragen, was die Rolle der Kunst wirklich ist. Ist Kunst etwas, das eine Art Welt erzeugt, in die der Betrachter eintauchen kann, als etwas, das anders ist, das mir gegenübersteht, eine Illusion, eine Repräsentation, eine Simulation? Oder ist die Kunst Teil der Welt in dem Sinne, dass das Bewusstsein, das sie geschaffen hat, etwas zum Ausdruck gebracht hat, das zumindest strukturell jeder von uns erfahren kann? Und das, was die Kunst dann hier als besonders auszeichnet, ist die Möglichkeit, es auszudrücken in einem Medium, das unabhängig ist vom Bewusstsein des Künstlers.

Das ist ja ganz erstaunlich. Es gibt da nun verschiedene Möglichkeiten, darüber nachzudenken. Ich kann Kunst verstehen als ein Zeichensystem, d. h. ich kann es semiotisch betrachten, wie eine Sprache. Ich identifiziere Elemente des Kunstwerkes und bringe sie vor mein inneres Auge in Form von sprachlichen oder semiotischen Bewusstseinsstrukturen – sei es visuell, auditiv, geschmacklich, körperlich oder geruchlich – je nachdem, was hier das dominierende Medium ist. Ich kann also sagen: „Ich sehe oder höre oder schmecke x.“ Dieses x, wenn vorher von einem Künstler ähnlich wahrgenommen, wäre der Gehalt des Werkes. Die meisten Kunsttheorien bleiben hier stehen und konzentrieren sich nun auf die formalen Elemente von x. Ist x interessant, neu, überraschend, provokativ, emotional etc.?

Das, was hier zugrunde liegt, ist jedoch Bewusstsein an sich. Bewusstsein erfährt, kreiert und teilt. Die Welt an sich entfaltet sich im Kunstwerk auf eine ganz besondere Weise. Das Kunstwerk bietet uns die Möglichkeit, über die Erfahrung von Welt an sich nachzudenken und sie in der Erfahrung selbst als sublim, als Glückseligkeit, als transzendent zu verstehen. Wenn es sich um Kunst handelt, die sich kritisch mit der Realität auseinandersetzt und uns vor Augen führt, was nicht gut läuft, wo Leiden ist und Ungerechtigkeit herrscht, so ist das zwar schwerer zu akzeptieren, bleibt aber qualitativ ebenfalls jene Erfahrung.

In Indien spricht man hier von Rasa, wörtlich Geschmack. Es bezeichnet aber genau jene Erfahrung, die mittels Ausdruck zwischen Künstler und Publikum geteilt wird, die jedoch im Kern auf das allgemeine Bewusstsein, die Immanenz, Brahman verweist. Kunst ist somit ganz wesentlich nicht bloß in der materiellen Welt sowie der Welt des Lebendigen, des Wissens und des Intellekts verankert, sondern reicht in den Bereich des Kontemplativen, Meditativen hinein. Sie ist Teil von Satchitananda.

Ich merke, dass ich müde geworden bin, Kunst rein formal zu betrachten. Das geht am Kern der Kunst und sogar am Kern unserer Existenz vorbei. Kunst ist bloß eine Ausdrucksform, die sich Brahman gegeben hat. Kunst ist immanent, sie ist ein Knoten, der auf einer materiellen Basis, dem Werk, Verschiedenes verknüpft und Linien erzeugt. Die Erfahrung dessen ist für jeden etwas anders, deshalb ist ein Sprechen und Schreiben darüber nur bis zu einem bestimmten Grad sinnvoll. Das, worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen. Das heißt aber nicht, dass es da nichts gibt. Im Gegenteil, hier wird es erst richtig interessant.

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Das Buch des Lebens https://readingdeleuzeinindia.org/de/das-buch-des-lebens/ Thu, 16 May 2024 04:23:26 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4803

Schicksal, Karma, Kausalität, Naturgesetze, Determinismus – all dies sind verschiedene Ausdrücke einer Vorstellung, dass das Universum einer vorhersehbaren Logik folgt. Sie implizieren, dass das Geschehene folgerichtig aus dem Vorausgegangenen entstanden ist und dass das Jetzt ebenso durch das Vorherige bestimmt ist. Diese Logik halten wir für vernünftig und rational, logisch richtig. Wenn wir jedoch annehmen, […]]]>

Schicksal, Karma, Kausalität, Naturgesetze, Determinismus – all dies sind verschiedene Ausdrücke einer Vorstellung, dass das Universum einer vorhersehbaren Logik folgt. Sie implizieren, dass das Geschehene folgerichtig aus dem Vorausgegangenen entstanden ist und dass das Jetzt ebenso durch das Vorherige bestimmt ist. Diese Logik halten wir für vernünftig und rational, logisch richtig. Wenn wir jedoch annehmen, dass die Zukunft ebenso durch das Jetzt und die Vergangenheit bestimmt ist, so tun wir dies ab als Aberglaube, Irrationalität, Unwissenschaftlichkeit. Wir sträuben uns dagegen mit aller Macht – jedenfalls in westlichen Kulturkreisen.

Nichts von dem stimmt. Die Zukunft ist nicht determiniert, die Vergangenheit nicht rein logisch, rational, wissenschaftlich beschreibbar. Die Geschichtswissenschaft zeigt dies mit ihren Methodenstreitereien, die Psychologie bietet zahlreiche Paradoxien, die bis zu den Zenon-Paradoxien zurückreichen, die zeigen, dass Zeit keine messbare Größe ist, sondern als Dauer eine Größe der Erfahrungswelt, d. h. des Bewusstseins, ist.

“Alles sei vorherbestimmt, unser Schicksal stehe in den Sternen.” Diese Vorstellung ist eigentlich ein schönes Bild, da sie auf etwas Größeres verweist. Anstatt jedoch den simplifizierenden Sternendeutern das eigene Schicksal in die Hand zu legen, sollten wir dieses Bild als ein Aufzeigen von größeren Zusammenhängen verstehen. Der Kosmos folgt nicht unserer kleinen rationalen Logik, das Universum steht nicht in einem linearen Buch des Lebens, wo Satz auf Satz, Seite auf Seite, Ereignis auf Ereignis folgt, sondern das „Buch“ des Lebens ist aus heutiger wissenschaftlicher Sicht eher ein Quantenbuch oder ein neuronales Netz, mit Sicherheit jedoch etwas ganz anderes. Das ‚Buch‘, das in der prähistorischen Zeit, also vor der Erfindung der Schrift, der Zyklus von Sonne und Mond, den Sternen und den Jahreszeiten war, wurde durch die Schriftsprache eine Erzählung, eine mythologische Geschichte, die phänomenologische Erfahrungen sortierte und strukturierte. In der Neuzeit übernahm die Rationalität das Schwert und räumte mit Ockhams Messer den ontologischen Garten auf. Alles, was nicht rational erklärbar war, wurde auf den Prüfstand gestellt und eingeklammert. Einige Dinge ließen sich eben noch nicht rational erklären. Und weil dieser Vormarsch der Rationalität so erfolgreich war, da er die Wissenschaft beflügelte und den technischen Fortschritt speiste, wurden die zentralen Fragen nach Bewusstsein, der Seele, der Sinnhaftigkeit eben auf die hintere Bank geschoben. Ich denke, so langsam begreifen wir, dass das vielleicht keine gute Idee war. Jene neuen Ideen von Quantenphysik und neuronalen Netzen zeigen uns, dass es Alternativen zur linearen Kausalität, zum Determinismus, zum Schicksal und Karma gibt. Sie sind ähnlich komplex wie der Sternenhimmel. Wir gehen in gewisser Weise zurück zu einem Seinszustand, in dem wir akzeptieren, dass es Prozesse gibt, die sich unserer Rationalität entziehen, obgleich sie durch unsere Rationalität erst sichtbar wurden. Das ist ein wenig paradox.

Strukturell sind wir wieder in der Welt der Veden. Bewusstsein hat ein Modell von Wirklichkeit hervorgebracht, das in seiner Komplexität das überschreitet, was innerhalb seiner Axiomatik denkbar schien. Und genau hier liegt für mich die Frage nach Freiheit und Spiritualität. Es hat etwas mit Bewusstmachung zu tun. Einige Grundannahmen sind jedoch notwendig, nämlich dass das, was meine äußeren Sinne wahrnehmen können, nicht die ganze Realität abbildet. Intuitiv wissen wir das alle, und im Alltag leben wir auch so und reden auch so, nur im wissenschaftlichen Diskurs leugnen wir das. Hören wir also mal für einen Moment auf zu leugnen. Akzeptieren wir weiterhin, dass die materielle Welt nicht völlig willkürlich ist, sondern erklärbar ist, und halten wir fest an der Erfahrung von Bewusstsein und der Offenheit unseres Bewusstseins für Neues, für eine offene Zukunft. Versuchen wir nun weiterhin festzuhalten, dass dies kein unauflösbarer Widerspruch sein sollte, so stellt sich die zentrale Frage der Freiheit. Wir sind in einem Bewusstseinszustand, der aufgeklärt ist, phänomenal reichhaltig und offen. Dieser Zustand ist Teil des Buches des Lebens, jedoch nicht jenes etwas naiven linearen Buches, selbst nicht jener großen Bücher der Rigveda, Genesis, Kopernikus, Hawking. Es ist Teil Brahmans, Teil des Ganzen, Teil des universalen Bewusstseins. Auf den Lauf jenes universalen Bewusstseins, das sich unserem Bewusstsein entzieht, haben wir keinen Einfluss, es gehört nicht uns – ‚I am that‘. Das Einzige, was wir tun können, ist unseren Bewusstseinszustand sich reichhaltig entfalten zu lassen.

Es gibt Momente im Leben, in denen wir eine Ahnung davon haben. Wenn wir in extrem kritischen Situationen, wie fast-Unfälle oder Schockzustände, sind, erleben wir, wie sich Raum und Zeit verändern, unsere Wahrnehmung sich weitet und sich etwas öffnet. Für einen Bruchteil einer Sekunde, vielleicht für wenige Sekunden sogar, sehen wir in einen kosmischen Zustand, in dem die Zeit stillzustehen scheint, wo viele Elemente des Bewusstseins klar erscheinen, wo sich die Illusion einer Handlungsoption zeigt. In jenen Momenten sehen wir hinter die ‚Realität’. Eine Unbestimmtheit wird wahrnehmbar, wie bei Schrödingers Katze ist die Situation noch nicht eindeutig. Diese Unbestimmtheit ist es, was wir als den Freiheitsmoment einer Entscheidung empfinden. Ob dies nun eine Entscheidung ist, ist an dieser Stelle etwas akademisch. Wir werden herausgeschockt aus unserer Illusion von Realität hinein in einen Bewusstseinszustand, der versucht, das völlig Unvorhergesehene einzuordnen.

Ich möchte vorschlagen, dieses Bild als Einstieg zu nehmen, über Bewusstsein, Freiheit und das Buch des Lebens anders nachzudenken. Wir können akzeptieren, dass die kosmische Realität einem Prinzip folgt, und unser Bewusstsein kann die Erfahrung jenes Prinzips ausweiten. Das Buch des Lebens kann als solches erfahrbar werden, und wir als Teil jenes Buches können durch das „Aufschlagen“ einer Seite und die bewusste erweiterte Wahrnehmung unsere eigene Verankerung realisieren. Mir scheint es nun so zu sein, dass wenn wir den Moment auf eine höhere Ebene der Wahrnehmung erheben, sich die Optionen anreichern. Das Feld weitet sich, der Spielraum wird größer. Wir lösen uns aus dem Reiz-Reaktionsschema, Freiheitsgrade werden aktiviert. Es ist nicht mein Selbst, das agiert, mein Ego ist eine Illusion, aber das Bewusstmachen eines Ausschnitts der kosmischen Realität erzeugt Handlungsräume für das Leben an sich. Die Erfahrung, Teil davon zu sein, ist spirituelle Praxis, ist Bliss und Freiheit

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Kontemplation und Intuition https://readingdeleuzeinindia.org/de/kontemplation-und-intuition/ Fri, 10 May 2024 02:11:58 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4797

Wenn der rationale Geist durch die Welten des Wissens streift, die Bibliothek durchwühlt oder nach den kausalen Gesetzen des Universums sucht, ist das eine akribische Arbeit des Aufbaus von Wissenssystemen. Diese Systeme haben zunächst wenig mit der Erfahrungswelt oder gar der inneren Welt gemeinsam. Erst durch Kontemplation hält der Geist inne und betrachtet die systematisierte, […]]]>

Wenn der rationale Geist durch die Welten des Wissens streift, die Bibliothek durchwühlt oder nach den kausalen Gesetzen des Universums sucht, ist das eine akribische Arbeit des Aufbaus von Wissenssystemen. Diese Systeme haben zunächst wenig mit der Erfahrungswelt oder gar der inneren Welt gemeinsam. Erst durch Kontemplation hält der Geist inne und betrachtet die systematisierte, abstrakte Repräsentation als ein Bild der Welt, als Weltbild. Es ist die Intuition, die dieses Bild in einer tieferen Realität verankert. Wann können wir sagen, dass wir etwas wirklich verstehen, jenseits des Rationalen? Wann ist der Punkt erreicht, an dem etwas Sinn macht?

Das Sinnstiften erfolgt durch Kontemplation und die Verankerung des Wissens durch Intuition in der tiefen Realität unseres Bewusstseins. Der Schmetterling, dessen Flugbahnen wir beschreiben und den wir einer Gattung zuordnen können, dessen Habitat wir untersuchen, sein Paarungsverhalten und seine Nahrungssuche, all das können wir durch das rationale Wissen erforschen. Doch die Kontemplation der Schönheit, die Eleganz des verträumten Flugs, das sanfte Landen auf einer Blüte – all das bietet sich der kontemplativen Anschauung an. Und wenn wir dann nach dem tieferen Sinn dieser Realität fragen, nach dem Sinn des Lebens an sich, ist es die Intuition, die uns hilft, diese Brücke zu schlagen.

Die Intuition, die von Henri Bergson wieder ins Zentrum der Philosophie gestellt wurde, ist zugleich ein Schlüssel für Meditation. Die Schau der Intuition, die nicht den strengen Regeln der Wissenschaft folgt und mit Leichtigkeit in den Kern unseres Wesens eindringt, lässt ein Weltbild erst sinnhaft werden.

Das Schöne an der Intuition ist, dass sie in Relation zur äußeren Welt recht ungebunden ist. Sie ist frei und nicht schüchtern, sich auf Gedanken einzulassen, die nicht rational sind. Deshalb wird sie von den Aufklärern verurteilt, die sie missverstehen und befürchten, dass sie zu wilder Spekulation verleitet. Wenn angetrieben von Fanatismus, wird sie zerstörerisch und lässt sich von Macht blenden.

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Gedächtnis https://readingdeleuzeinindia.org/de/gedaechtnis-2/ Thu, 11 Apr 2024 05:26:27 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4789

Seit einigen Wochen lebe ich mit einer neurotischen Hündin zusammen. Sie bellte sehr viel, solange sie mich noch als Fremden wahrnahm. Sie hielt Abstand, war verängstigt. Nach einigen Wochen hat sie mich akzeptiert, nähert sich und will gestreichelt werden. Nun liegt sie vor meiner Tür und hält Wache; sie beschützt mich. Was ist passiert? Ich […]]]>

Seit einigen Wochen lebe ich mit einer neurotischen Hündin zusammen. Sie bellte sehr viel, solange sie mich noch als Fremden wahrnahm. Sie hielt Abstand, war verängstigt. Nach einigen Wochen hat sie mich akzeptiert, nähert sich und will gestreichelt werden. Nun liegt sie vor meiner Tür und hält Wache; sie beschützt mich. Was ist passiert? Ich habe meine Einstellung zu ihr nicht verändert. Ich habe wenig Bezug zu Hunden und schenke ihr auch wenig Beachtung. Ich bin relativ indifferent. Bei ihr hat sich aber etwas Grundlegendes geändert. Ich kann sie schlecht fragen, wir sprechen nicht die gleiche Sprache. Doch bin ich wohl Teil ihrer Welt geworden. Sie erinnert sich an mich, ich bin ihr vertraut geworden. In ihrer Welt war ein Fremder, eine Bedrohung; inzwischen bin ich ein Vertrauter, Teil ihrer Welt, vielleicht eines Tages auch ein Freund. Die Möglichkeit besteht.

Wie kann ich Teil einer Welt werden, die die Welt eines anderen ist? Ich denke, das hat viel mit Gedächtnis zu tun. Ich werde Teil der Erinnerung anderer. Das Gleiche gilt natürlich für mich. Eine neue Erfahrungswelt baut sich auf, besonders wenn ich in eine Welt ziehe, z. B. von Europa nach Indien. Alles ist neu, fremd; ich habe keine Angst, bin eher fasziniert und neugierig. All die neuen Eindrücke – die Objekte und die Natur, die Menschen und die Kultur – werden Teil meiner Erinnerung. Sie werden integriert in das, was meine Welt ist.

Ich habe die letzten Tage einen Workshop zur Tantra-Philosophie besucht. Ich habe die 36 Tattvas gelernt, einige neu Meditationstechniken, den Unterschied zwischen westlicher Wissenschaft und Shastras (Wissenssystemen). Ich hörte Berichte von Dingen, die in der westlichen Welt als unmöglich gelten (z. B. Alchemie und Telekinese). Im Kern geht es in Tantra um das Verhältnis zweier Kräfte: Shiva und Shakti, und dies auf allen Ebenen des Seins, d. h. auf der materiellen Ebene, der Ebene des Lebens, des Bewusstseins, des Geistes, der Spiritualität, des Kosmos, der reinen Existenz… Es geht darum zu verstehen, dass das, was die Welt im Inneren zusammenhält, nicht die empirische Wissenschaft ist. Die empirische Wissenschaft ist die Methode, die unser Geist seit der Moderne relativ gut beherrscht; sie erklärt aber sehr wenig von dem, was unsere Lebenswelt ausmacht.

Was macht aber unsere Lebenswelt aus? Es ist die innere Erfahrung, und die Zugänge dazu gehen über Reflexion, Hingabe, Meditation, Yoga. Tantra scheint hier undogmatisch zu sein. Jeder Weg ist okay: Werte niemals den Pfad anderer, schließlich ist die Welt wesentlich größer und komplexer, als sich das einer von uns auch nur vorstellen kann. Schicksal und Zufall stehen in einem komplexen Verhältnis; spirituelle Praxis, Sadhana, zeigt den Weg.

Mich interessiert im Moment aber das Gedächtnis und die Erinnerung. Das Gedächtnis ist das Gefäß, die Erinnerung der Inhalt, die Erfahrung seine Geschichte und Struktur. Erinnerungen sind Bilder; sie sind in uns und können aktiv erinnert werden, ungefragt auftauchen, mehr oder weniger zufällig assoziiert werden. Sie bilden unsere Identität. Und so, wie die Welt außerhalb von mir Teil meiner Erinnerung wird, so werde ich natürlich Teil anderen Bewusstseins, wenn ich Teil jener Erfahrung war. Und so, wie ich vieles vergesse, werde ich auch vergessen. Das ist okay. Manchmal jedoch prägt sich etwas ein und wird ein integraler Bestandteil.

Ich komme langsam zu dem Punkt, den ich hier machen möchte. Wir haben Kulturtechniken, diese Erinnerungen, unser Gedächtnis, unsere Erfahrungen, unsere Identität und unser Weltbild zu teilen. Durch Sprache, Text, Bilder, durch Ausdruck mittels Tanz, Theater, Musik, Mantras, Tantras. In Indien gibt es 64 Kalas (Kunstformen). Über Jahrtausende wurden Techniken perfektioniert, den Prozess dieser Mitteilung zu verfeinern. Die daraus entstehenden ästhetischen Theorien sind vielfältig. Im Westen z. B. ist der Mechanismus der Repräsentation sehr wichtig; in der östlichen Tradition ist Rasa wichtiger, d. h. der Ausdruck von Essenz, dem Wesentlichen. Nun haben wir seit dem 19. Jahrhundert technische Apparate wie den Fotoapparat, den Kinematografen, das Grammophon als Erweiterung älterer Techniken des Druckes. Wir haben also eine Technik gefunden, Gedächtnis nicht nur zu materialisieren (das tun ja viele Kunstformen), sondern dies auch zu automatisieren und zu reproduzieren. Das hat, denke ich, eine große Verwirrung gestiftet.

Gilles Deleuze, unter Bezugnahme auf Henri Bergson, hat hier Klarheit geschaffen, indem er erkannt hat, dass Film Denken ist.

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Oberflächlichkeit https://readingdeleuzeinindia.org/de/oberflaechlichkeit/ Wed, 20 Mar 2024 17:46:32 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4712

Ich dringe langsam etwas tiefer ein in die Oberflächlichkeit. Begriffe, die ich aus verschiedenen Wissenssystemen wie den Vedas, Agamas, Shastras aufgenommen habe, verbinden sich langsam. Ich sehe grobe Wurzelsysteme. Z.B. wie die 5 Elemente (Wasser, Feuer, Erde, Äther und Luft) als Ausgangspunkt in den Lehren des Vedas sich in Vastu oder Ayurveda weiterentwickeln, also in […]]]>

Ich dringe langsam etwas tiefer ein in die Oberflächlichkeit. Begriffe, die ich aus verschiedenen Wissenssystemen wie den Vedas, Agamas, Shastras aufgenommen habe, verbinden sich langsam. Ich sehe grobe Wurzelsysteme. Z.B. wie die 5 Elemente (Wasser, Feuer, Erde, Äther und Luft) als Ausgangspunkt in den Lehren des Vedas sich in Vastu oder Ayurveda weiterentwickeln, also in den Raum und den Körper. Ich sehe, wie sich im Tempel verschiedene Wissenssysteme verschränken und sich das in zeitgenössischer Kunstpraxis auch heute noch niederschlägt. Und es wird deutlich, wie die Auslegung und Aneignung dieser Wissenssysteme hochpolitisch ist. Dieses Wissen wurde kolonialisiert und wird nun an den Universitäten auf seine Kolonialisierung hin kritisch hinterfragt. Es ist aber auch noch aktiv in vielen Ashrams und Gurukuls, oftmals mit viel Stolz und dem Verweis, die Tradition wiederzubeleben.

Den Ideen Deleuze folgend, habe ich verschiedene Konzept rhizomatisch verbunden, Plateaus besucht, mein Zuhause verlassen und Teile meines Selbst sich deterritorialiseren lassen. Ein ‚body without ogans‘ ist zum Vorschein getreten, Fluglinien des Geistes haben sich formiert. Die Ebene der Immanenz hat sich geöffnet, gefaltet, ihre Einschlüsse haben für mich neue Welten geöffnet, die sich jetzt langsam mit der Realität und dem Alltag abgeglichen.

Das ist ein schmerzlicher Prozess. Die naive Welt des Staunens und der leichten Faszination, der Honeymoon der spirituellen Erkundung kommt zu einer ersten Zäsur. Diese Oberflächlichkeit, also das Verknüpfen in der Immanenz ist ein aktives Erkunden, ein Denken im Sinne der Erweiterung. Ich habe es verknüpft mit einer Verinnerlichung, einem Nachspüren in Meditation, spiritueller Praxis, Tempelbesuchen, Ausstellungen, ‚Folklore‘, Lerngruppen und Gesprächen.

Nun war ich in einem 4 Tage in einem Intensivkurs zu Vastu (Architektur). Didaktisch war der gut aufgebaut: langsam einführend in die Gedankenwelt die sich aus den Vedas ableitet, hin zu Grundkonzepten des Raums, der Vibration, der Geometrie, Kosmologie, Energie. Immer wieder schimmerten die Upanischaden durch. Wir praktizierten Puja und einen Tempelbesuch – und schließlich bis zu praktischen Anwendungen in Architekturplänen.

Die Aufgaben sind nun viel schwieriger. Die reine Resonanz und Assoziation will auf ihre Legitimität hin überprüft werden. Und hier stellt sich nun die Frage nach dem Kriterium. Woran soll sich das Wissen messen lassen. Ich diskutiere das mit meinem Lehrer anhand von Hegel und der Taittiriya Upanischade, aber auch in der postmodernen Reflexion. Dieses oszillierende Denken entgleitet aber dem systematischen Zugriff. Wie soll es sich also ausdrücken? In den letzten Monaten hat sich für mich viel durch persönliche Erfahrung verdichtet. Ich habe Briefe geschrieben, die der inneren Bewegung gefolgt sind, die sich zu etwas hingezogen fühlt. Und ich habe Wissen visualisiert und ausgestellt, als Ausgangspunkt von Fragen: ein Diagramm eines Tempels ausgestellt in einem Gurukul das trantische Rituale praktiziert.

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Shavasana https://readingdeleuzeinindia.org/de/shavasana/ Tue, 21 Nov 2023 01:13:21 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4651

Ich bin fasziniert von der Synchronitaeten hier in Auroville. Die gedanklichen, gesitigen, spirituelle, physischen und emotionalen Raeume die sich hier verschraeneken tun dies oft ueber mehrere Tage scheinbar unbeschwehrlich, intuitiv, leicht. Ich war erschoepft. Ein Freund hatte seinen Koerper verlassen, wie man hier sagt. Die Community hatte ueber einen Monat Unterstuetzung geleistet, viele sind zusammengewachsen. […]]]>

Ich bin fasziniert von der Synchronitaeten hier in Auroville. Die gedanklichen, gesitigen, spirituelle, physischen und emotionalen Raeume die sich hier verschraeneken tun dies oft ueber mehrere Tage scheinbar unbeschwehrlich, intuitiv, leicht.

Ich war erschoepft. Ein Freund hatte seinen Koerper verlassen, wie man hier sagt. Die Community hatte ueber einen Monat Unterstuetzung geleistet, viele sind zusammengewachsen. Im kleinen Kreis wurde die Totenzeremonie Karumadhi gehalten, eine bestimmte Art von Puja am 16ten Tag, wenn die Seele diese Welt verlaesst.

Seit einigen Wochen studiere ich mit meinem Lehrer die Prashna Upanisahd. Das Thema der Wiedergeburt und des Tiefschlafs sind die Stellen die besonders tief sind. Wie jeden Samstag trafen wir uns, diesmal aber nicht auf seiner Terrace, sondern wir fuhren zu einer Tempelruine um dort unsere Gespraeche weiterzufuehren.

Ich schlief danach so tief wie seit Jahren nicht, und ich schlafe eigentlich immer sehr gut… Aufgetaucht aus der Nacht ging ich in eine tiefe Meditation ueber den Tiefschlaf, der nichts zu tun hat mit Schlafphasen, sondern ein Seinszustand ist, der aehnlich dem Tiefschlaf vor unserem Bewusstein liegt, aus dem Bewusstsein quasi auftaucht, und in das es wiedereintaucht.

Ich viel danach wieder in einen tiefen Schlaf. Den ganzen Tag eigentlich, nur um dann in den Tempel um die Ecke in Irumbai zu gehen. Wir arbeiten an einem Projekt zu dem Temple. Eine kleine Fallstudie zu einem 1000 Jahre alten Chola Temple, der sehr schoen und aktiv ist, abereigentlich nichts besonderes in Tamil Nadu, ist es aber dann eben doch, wenn man den Details Beachtung schenkt, so wie das bei den meisten Dingen ist. Es gab ein grossen Fest, die Goetter in Form von Bronzestatuen wuerden um den Temple getragen, sie groessten die die anderen Goetter in Form von Steinstatuen. Und dann Tanzen sie gemeinsam. Wie aus einer anderen Welt, einem Zwischenreich, wurden sie lebendig.

Ich schlief erneut – die ganze Nacht. Am uebernaechsten Tag ging ich zur Yoagastunde mit einem neuen Lehrer. Ich lernte, dass die Asanas eigentlich nur eine Vorbereitung fuer Shavasana sind. Ich war neugierig, denn Shavasana war mir immer ein Raetsel. Natuerlich machte es Sinn, dass am Ende einer Yoga Stunde eine Entspannungsphase sein sollte. Aber worauf sollte ich mich konzentrieren? Wohin sollte mein Geist gehen, und was sollte meinem Koerper in den Entspannung ‚bewusst‘ werden? Andres arbeitet die ganze Stunde mit Atemuebungen, Konzentration, Koerperbewusstein und energetischen Uebungen darauf zu. Und schliesslich, in der Shavasana, folgten wir bewusst den Nervenbahnen, richteten unsere Aufmerksamkeit auf die Verbindungen.

Und ich musste an die 72000 Nerven in den Upanishaden denken, und an die Umwicklung des Wasserkrugs mit dem Faden waehrend Karumadhi, denn der Faden versinnbildlicht die 72000 Nerven des Koerpers. Und so verschraenkten sich Karumadhi, Shavasana, Prashna und die vielen Schlafstadien und Meditationsebenen innerhalb weniger Tage zu einem Bild.

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Am Anfang war das Wort https://readingdeleuzeinindia.org/de/am-anfang-war-das-wort/ Sun, 01 Oct 2023 12:46:09 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=4614

Gestern hatte ich ein langes Gespräch über den Ursprung des Denkens. Was kommt zuerst, die Worte oder die Gedanken. Es gibt natürlich ganz unterschiedliche Formen des Denkens. Ein visuelles, musikalisches, analytisches, synthetisches, performatives Denken etc… Es gibt ein Denken auf der Ebene der Intuition, es gibt ein Denken in der Erinnerung, es gibt die Vision […]]]>

Gestern hatte ich ein langes Gespräch über den Ursprung des Denkens. Was kommt zuerst, die Worte oder die Gedanken. Es gibt natürlich ganz unterschiedliche Formen des Denkens. Ein visuelles, musikalisches, analytisches, synthetisches, performatives Denken etc… Es gibt ein Denken auf der Ebene der Intuition, es gibt ein Denken in der Erinnerung, es gibt die Vision und Eingebung. Es gibt so viele Arten des Denkens. Was ist Denken? Wer denkt beim Denken? Wie unterscheidet es sich von Bewusstsein?

Vieles innerhalb meines Bewusstseins ist kein Denken, es ist sinnliche Wahrnehmung, Kontemplation, Tagtraum, es gibt unbewusste und unterbewusste Prozesse. All dies ist streng genommen kein Denken. Denken ist ein Nachdenken, es ist eine Reflexion über die Welt, es ist ein Versuch, die Welt zu verstehen und zu begreifen. Es ist weitestgehend analytisch. Wenn ich etwas sinnlich wahrnehme, so ist mir da erstmal einfach innerhalb meines Bewusstseins etwas gegeben. Wenn ich darüber nachdenke, was ich da sehen, dann gebe ich Dingen Namen, ich identifiziere Eigenschaften, ich beschreibe Aktionen. Dies ist meine Art, die Welt zu verstehen. Die Beschreibung von Welt in Form eines gedachten Texts, erlaubt es mir tiefere Zusammenhänge zu sehen: Funktionsweisen, Kausalitäten, Prinzipien…

Wo kommt aber ein Gedanke her? Wie entsteht er? Es gibt intertextuelles Denken, d. h. ich lese oder höre zu und reagiere auf Text mit Text, verbinde viele Texte … das ist eher akademisch. Es gibt ein Denken des aktiven Zuhörens und der Kommunikation. Menschen, die sich zuhören und gemeinsam denken, erkunden einen Gedanken gemeinsam. Dieses zuhörende und kommunikative Denken ist spannend. Jemand sagt etwas, ein anderer versteht etwas, hoffentlich deckt sich das weitestgehend, denn identisch wird es nie sein. Nun gibt ist hier viele Dialoge, die relativ standardisiert ablaufen. Allgemeinplätze werden ausgetauscht, oder Standardpositionen verglichen, wie bei einem Schachspiel … es gibt aber auch den philosophischen Dialog, das gemeinsame Fragen. Die Frage zum Beispiel: Was ist Denken? Wie antwortet man auf diese Frage? Wie denkt man darüber nach?

Empfindungen und Eindrücke

Ich habe neulich Deleuze Essay über David Hume gelesen. Hume sagt, alles fängt mit ‚Sensation‘ oder ‚Impression‘ Empfindung oder Eindruck an. Wenn ich etwas empfinde und es dann benenne, dann ist hier der Anfang des Denkens. Ich kann Objekte wahrnehmen, Eigenschaften abstrahieren, Kausalität postulieren, Aussagen machen, Tatsachen feststellen. Wie kann ich aber Empfindungen und Eindrücke festhalten? Wie kann Materie ein Gedächtnis haben? Wie kann mein Bewusstsein Bilder haben? Dies sind die Fragen Henri Bergsons.

Was ist die Relation zwischen der Außenwelt und den Bewusstseinsbildern, die dann in Sprache strukturiert zu Gedanken werden? Muss Sprache nicht a priori schon als möglich angelegt sein, um sich selbst zu Ausdruck zu bringen? Chomsky sagt, unser Gehirn und vielleicht auch das von Tieren hat eine allgemeine Sprachfähigkeit eingebrannt. Die Bibel fängt an mit: Am Anfang war das Wort. In den Veden und Upanischaden findet sich etwas Ähnliches. In den Veden allerdings ist es nicht nur Sprache, die schon zu Anfang da war, sondern ein ganzes Wissenssystem, das verschiedene Bewusstseinsebene umfasst und den Menschen als Mikrokosmos versteht. Alles, was ich denken kann, kann auch existieren und alles, was existiert, kann auch gedacht werden. Wahrscheinlich brauchen wir als Spezies da noch viele Generationen. Aber es wird eine Korrespondenz postuliert zwischen der Welt und dem Bewusstsein. Sie sind eins, nondual.

Deleuze Denken kreist darum, wie Gedanken aus einer Ebene der Immanenz entstehen. Wie diesen Gedanken sich verbinden und sich zu komplexen Systemen verbinden. Er nennt das z. B. abstrakte Maschinen, Diagramme, Rhizome, Plateaus etc… So können sich Wörter, Gedanken, Dinge, Strukturen, Macht, Kunst, das Unbewusste und das Abstrakte usw. verbinden. Die Welt bringt sich so zum Ausdruck, in ihr gibt es Leben (A Life). Dies ist zugleich das Grundprinzip der Upanischaden, Brahman bringt sich durch die Erschaffung der Welt selbst zum Ausdruck. Eine Exitenz muss auch den Prozess und die Veränderung beinhalten. Nur deshalb existiert diese Realität.

Der Mensch hat bis jetzt, soweit wir wissen, die komplexeste und wildeste Ebene von Realität innerhalb des Denkens erschaffen. Nimmt man all die verschiedenen Sprachen, Kulturen, Religionen, Gesellschaftsformen zusammen, so wird klar, dass hier etwas zum Ausdruck kommt, sich etwas manifestiert. Dies ist das. This is that.

Ursprung des Denkens

Der Ursprung des Denkens ist also nur auf einer Ebene in der Empfindung. In der spirituellen Praxis ist die innere Einkehr und die habituelle Praxis (Meditation und Yoga) der Schlüssel zu einem ursprünglichen Denken, das sich aus Reiz-Reaktionsschemata befreit. Die Schriften und Lehren, die Rituale und Übungen dienen einer Selbstformung, die es erlaubt, hinter die Oberfläche der sinnlichen Gewissheit zu schauen. Das Denken, das hier möglich wird, geht weiter als das bloße Erkennen von kausalen Zusammenhängen. Es geht auch weiter als die rationale Reflexion über Probleme der Ethik, Ästhetik und Erkenntnis. Der rationale Geist hat es geschafft, das Anthropozän einzuleiten, ein Terraforming, das einmalig ist, soweit wird wissen. Dennoch bleiben die existenziellen Fragen von dieser Art des Denkens unberührt.

Es bleibt also die Frage nach dem Ursprung des Denkens. Stand am Anfang das Wort? Das Wort steht für Sprache, diese kann vieles einfangen. Versteht man Sprache als symbolisches System, das auch visuell, musikalisch oder performativ verstanden werden kann, so könnte man sagen, dass das Denken selbst immer Sprache ist. Das umfasst aber nur einen kleinen Teil unserer Existenz. Unser Bewusstsein ist weiter, unsere physische Existenz, unsere Lebenskraft (Prana) unser Intellekt (Buddhi), Gedächtnis (Manas), unsere Identität (Ahankara) unsere Spiritualität (Satchitananda), all dies geht über das Denken hinaus. Das Denken kann es reflektieren und beschreiben, es ist aber selbst kein Denken.

Ich frage mich immer wieder, wie das am Anfang des Denkens aussah. Vor vielen tausend Jahren … Ich erinnre mich, wie wir einst eine Katz begraben wollten. Unsere (lebende) Katze war irritiert von dem Karton. Als der Karton mit dem Kadaver weg war, führte unsere Katze ein sehr ausführliches Ritual durch. Wir hatten das noch nie gesehen, obgleich es eine ältere Katze ist und wir seit sehr langer Zeit zusammengelebt haben. Es war klar, dass unsere Katz hier auf den Tod eines Artgenossen reagiert. Es gibt viele Geschichte aus dem Tierreich, die Elefantenfriedhöfe sind vielleicht die Bekanntesten. Mir scheint hier ein Bewusstsein, das anderer gedenkt, präsent zu sein.

Denken wurzelt in Erfahrung, Sprache, Einsicht. Oftmals ist es eine Erfahrung von Welt, die jenseits der Empirie liegt. Hier liegt die wahre Kreativität eines jeden. Denken ist auch immer ein wenig ein Akt der Schöpfung.

 

 

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