{"id":5682,"date":"2026-03-22T16:44:06","date_gmt":"2026-03-22T11:14:06","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=5682"},"modified":"2026-03-22T16:44:08","modified_gmt":"2026-03-22T11:14:08","slug":"der-geniesser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/zh\/der-geniesser\/","title":{"rendered":"Der Genie\u00dfer"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin f\u00fcr eine kurze Zeit wieder in Europa, und ich sehe eine Gesch\u00e4ftigkeit, eine Energie des st\u00e4ndigen Tuns. Arbeiten, Diskutieren, Aufr\u00e4umen, Besorgungen machen, Verpflichtungen nachgehen, Organisieren, Optimieren, Darstellen, Hinterfragen, Austauschen. St\u00e4ndig wird etwas getan. Etwas zu tun scheint wichtig zu sein, nichts zu tun scheint unproduktiv und bedarf einer Rechtfertigung. Nicht produktiv zu sein hat aber viele wichtige Qualit\u00e4ten, so ist Nicht-Handeln manchmal eine Form des Widerstands, oder die stille Einkehr kann als innere Arbeit verstanden werden, eine Arbeit, die nicht im Bruttosozialprodukt auftaucht, aber deswegen keinesfalls weniger kraftvoll und bewegend ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann gibt es den Genie\u00dfer, so wie er in den Upanishaden beschrieben ist. Zwei V\u00f6gel auf einem Baum: Der eine isst die Frucht, der andere schaut zu und genie\u00dft. Sicherlich genie\u00dft auch der Fruchtesser die Frucht, aber doch wohl eher als einen sinnlichen Genuss, eine Befriedigung von Verlangen, als eine Notwendigkeit. Der Genie\u00dfer, der zuschaut, hingegen tut nichts, er sitzt und schaut, und doch ist diese Schau, jener Genuss ein tiefer, erhabener \u2013 ein interesseloses Wohlgefallen, wie Kant sagt. Es ist eine Kunst, ohne L\u2019art pour l\u2019art zu sein. Der Genuss der Anschauung, der Kontemplation, des Sinnens und der Vertiefung, die Ichlosigkeit und die Abwesenheit von Verlangen, die Pr\u00e4senz im Jetzt und die Ruhe in der Bewegungslosigkeit, kurz: die Meditation, ist jener Teil unserer Existenz, der grundlegend ist f\u00fcr unser Sein in der Welt. Er hat nichts zu tun mit der Funktion, die wir einnehmen, unserer Leistung und Produktivit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Meditation ist aber etwas, das in vielen sogenannten modernen, d. h. leistungsorientierten Gesellschaften negativ gesehen wird: Faulheit, Arbeits- und Konsumverweigerung, Esoterik, d. h. Nicht-Anschlussf\u00e4higkeit an dominierende Diskurse, oder Unheimlichkeit, d. h. fremd und der Heimat fern, sind g\u00e4ngige Reaktionsweisen auf jenen Zustand der Meditation und Kontemplation, der sich \u00fcber den Moment des Sitzens hinaus weitet. In Indien nennt man Menschen, die sich auf diesen Pfad begeben, Yogis. Keinesfalls muss es so sein, dass sich Yogis der Welt entziehen. Sie nehmen die Welt als eine Form der Realit\u00e4t wahr, in der wir uns bewegen. Diese Realit\u00e4t hat Anforderungen an das \u00dcberleben, an eine Praxis des Lebens und an Verantwortung f\u00fcr sich und andere. Die materielle Realit\u00e4t ist jedoch eingebunden in eine weitere Realit\u00e4t unseres Seins: unser Bewusstsein, unser Selbst, eine Verbundenheit mit einer tieferen, spirituellen Realit\u00e4t. Wir haben den Funken des Lebens in uns; er ist verbunden und identisch mit dem g\u00f6ttlichen Prinzip. Wir wandern in den Welten des Wachseins, des Traumes, des Schlafes und der Erkenntnis.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZwei V\u00f6gel, innig verbunden, Gef\u00e4hrten, sitzen auf demselben Baum.<br>Der eine isst die s\u00fc\u00dfe Frucht; der andere schaut zu, ohne zu essen.\u201c<br>Mundaka Upanishad 3.1.1<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin f\u00fcr eine kurze Zeit wieder in Europa, und ich sehe eine Gesch\u00e4ftigkeit, eine Energie des st\u00e4ndigen Tuns. 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