Ich komme auf den Straßen des westlichen Denkens. Sie sind seit den Römern gut befestigt, verbinden Zentren der Macht und etablierten eine ganz eigene Logik des Wissensaustausches. Sie verbinden Punkte, ihre Knoten sind zentral, der Weg selbst ist lästig, mühselig. Auf diesen Straßen entwickelte sich eine Kultur der Monumente, sie führten zu Akkumulationen von Wissen und Macht. Arbeitsteilung führte zu Spezialisierung und Fortschritt. Eine Gesellschaft entsteht, in der das Individuum als soziales Wesen verstanden wird, dessen soziale Realität durch Regeln bestimmt ist. Und seit der Renaissance versucht sich der Mensch durch die Beobachtung der Außenwelt selbst zu verstehen. Wir entwickeln Modelle unseres Menschseins, simulieren uns in Theorien und Analysen.
Nach mehr als 2000 Jahren hat uns das geprägt. Das Soziale ist Religion, Politik, Psychologie, Sozialwissenschaft. Das Miteinander ist funktional. Das Selbst, die Seele als Ausgangspunkt ist diskreditiert und reduziert auf Identität. Wie sollen sich da zwei Menschen liebend begegnen? Mit Liebe meine ich natürlich nicht biochemische Funktionen, die zur Arterhaltung dienen, soziale Konstrukte stabilisieren oder kapitalistisch verwertbare Wunschvorstellungen bedienen. Mit Liebe meine ich die Verbindung einer erwachten Seele, die sich mit ihrem Urgrund verbindet durch die Begegnung eines Anderen. In dieser Dreiecksstruktur liegt ein mehrfaches Paradox. Wie kann sich ein Einzelnes mit der Gesamtheit über ein Drittes verbinden? Wie kann ich mich als Teil des Ganzen verstehen, in dem es ein Anderes gibt, das verschieden ist von mir?
Ist der innere Pfad zum Grund des Bewusstseins durch einen Anderen möglich? Viele spirituelle Pfade sind monastisch; der Andere ist entweder nur Teil der Welt und nicht wirklich als Anderes gedacht, oder er ist idealisiert in Form einer Figur – so sind christliche Nonnen z. B. mit Jesus verheiratet, Mönche leben im Zölibat.
In der indischen Kultur gibt es den tantrischen Pfad. Dies ist der schwerste, komplexeste, da er nicht ausschließt. Alles, was das Leben, die Welt, das Erleben zu bieten hat, ist möglich. Es bedarf aber einer tiefen Reflexion, diese Vielheit nicht als Ablenkung, Zeitvertreib, Illusion, Ersatz, Sucht oder Selbstdarstellung zu missverstehen. Die Yantras, Mantras, Tantras dienen dazu, all das, was existiert, im Kontext zu sehen, ihr inneres Wesen wahrzunehmen und es in sich selbst wiederzuerkennen, um es aktivieren oder besänftigen zu können.
Vielleicht ist aber gerade dieser steinige Weg gemeinsam mit einem Anderen der, der auf die Gipfel führt. Oftmals treibt es wahrscheinlich Einzelne auf den Berg, weil sie verletzt wurden, weil der Andere nicht erreichbar war, sich entzogen hat, verschwunden ist oder sich verändert hat. Das Ersteigen eines Gipfels, um sich dort in einer Höhle der Erkundung der Seele zu verschreiben, ist eine Abkehr. Ich frage mich aber nach einer Alternative zu dieser Abkehr, also vielmehr nach einer gemeinsamen Einkehr. Im Herzen des Hinduismus liegt die Verbindung von Shiva und Shakti – sie sind kosmische Prinzipien der Individualität und der Natur.
Wenn man sich auf jenen inneren Pfad begibt, beginnt das mit einer faszinierenden Reise durch Unbekanntes, Versperrtes, Unterdrücktes, Erhebendes, Furchtsames, Schockierendes, Erleuchtendes. Ich werde mir meiner Komplexität und Potentialität bewusst, und wenn ich diesen Weg alleine, idealerweise angeleitet durch einen Lehrer beschreite, steht die Unendlichkeit und Unsterblichkeit bereit.
Was passiert aber, wenn ich den Pfad mit einem Anderen beschreite? Wenn ich konfrontiert werde durch die Augen des Anderen? Was passiert, wenn die innere Erfahrung geteilt werden will und sich dann im Anderen anders spiegelt, und so die eigene Erfahrung hinterfragt? Werden so nicht die Unsicherheiten verstärkt, der Pfad vernebelt, die Abgründe tiefer, der Weg steiniger? Aber werden so nicht auch Gebiete erleuchtet, die verborgen waren, Erfahrungen geteilt, die sich nur gemeinsam erschließen, Energien ausgetauscht, die nur in der Zirkulation durch den Anderen freigesetzt werden? Dieser gemeinsame Pfad, der, wenn er abbricht, Herzen bricht, ist der ambitionierteste Pfad. Er beinhaltet existenzielle Kämpfe, Schattenbilder, Verzerrungen, Wut zur Zerstörung, Lüge und Selbstbetrug, Verantwortung und Scheitern.
Es gibt nun aber diese romantische Vorstellung einer Seelenverwandtschaft, einer Bindung für die Ewigkeit, vielleicht sogar über mehrere Leben hinweg. In der Literatur gibt es die Vorstellung von verbundenen Seelen, die sich in den nächsten Leben wiederfinden können. Warum auch nicht? Wenn die Vorstellung ist, dass wir mehrere Leben brauchen, um uns selbst zu erkennen, warum sollte das dann nicht auch für eine Bindung gelten? Wie erkennen wir die Seele, mit der wir verbunden sind, und wie erkennen wir, dass wir uns getäuscht haben? Die meisten von uns kennen die Erfahrung gescheiterter Beziehungen. Wir sahen etwas, lebten etwas, liebten jemanden und dann stellt sich heraus, dass es doch nicht passt, dass die Konflikte zu groß sind. Haben wir uns getäuscht? Manchmal machen wir Fehler, über die möchte ich nicht sprechen, das passiert. Was ist aber, wenn die Liebe wirklich und aufrichtig war, die Seelen sich verbunden haben, das Band aber nicht hielt, die Umstände nicht günstig waren, die innere Arbeit nicht geleistet wurde? Haben wir uns in der Verbindung getäuscht oder in der Auflösung? Das ist die zentrale Frage jeder Trennung.
Ich denke, wir können da auf verschiedene Weisen darauf schauen. Wir fragen uns, ob es im Alltag funktioniert, dann stellt sich die Frage, ob wir den Alltag ändern oder den Partner. Keine einfache Frage. Wir können versuchen, den Anderen zu ändern oder uns selbst. Das mit den Anderen geht meistens schief. Wie stark bin ich aber bereit, mich zu ändern – nicht, um dem Anderen zu gefallen, sondern um selbst zu wachsen? Und wenn beide wachsen, wachsen sie in dieselbe Richtung?
Die Menschen, die ich liebte, haben alle noch einen Platz in meinem Herzen. Das ist kompliziert. Mir geht es dabei nicht um das Nicht-loslassen-Können, sondern um eine Verbindung, die real ist, aber ihre Wirkkraft verändert hat. Liebe kann zur Freundschaft oder zur Erinnerung werden, sie kann in einem selbst weiterleben, ohne sich auf den Anderen zu beziehen. Liebe transformiert – manchmal auch sich selbst. Sie ist ja nichts Statisches, es ist kein starrer Zustand. Liebe heilt, wächst, berauscht und verletzt, sie umschließt und grenzt sich ab, sie löst das Selbst auf, bringt die Seele zum Vorschein, fordert heraus.
Gibt es ein Ankommen in der Liebe?




