Der Genießer

Ich bin für eine kurze Zeit wieder in Europa, und ich sehe eine Geschäftigkeit, eine Energie des ständigen Tuns. Arbeiten, Diskutieren, Aufräumen, Besorgungen machen, Verpflichtungen nachgehen, Organisieren, Optimieren, Darstellen, Hinterfragen, Austauschen. Ständig wird etwas getan. Etwas zu tun scheint wichtig zu sein, nichts zu tun scheint unproduktiv und bedarf einer Rechtfertigung. Nicht produktiv zu sein hat aber viele wichtige Qualitäten, so ist Nicht-Handeln manchmal eine Form des Widerstands, oder die stille Einkehr kann als innere Arbeit verstanden werden, eine Arbeit, die nicht im Bruttosozialprodukt auftaucht, aber deswegen keinesfalls weniger kraftvoll und bewegend ist.

Und dann gibt es den Genießer, so wie er in den Upanishaden beschrieben ist. Zwei Vögel auf einem Baum: Der eine isst die Frucht, der andere schaut zu und genießt. Sicherlich genießt auch der Fruchtesser die Frucht, aber doch wohl eher als einen sinnlichen Genuss, eine Befriedigung von Verlangen, als eine Notwendigkeit. Der Genießer, der zuschaut, hingegen tut nichts, er sitzt und schaut, und doch ist diese Schau, jener Genuss ein tiefer, erhabener – ein interesseloses Wohlgefallen, wie Kant sagt. Es ist eine Kunst, ohne L’art pour l’art zu sein. Der Genuss der Anschauung, der Kontemplation, des Sinnens und der Vertiefung, die Ichlosigkeit und die Abwesenheit von Verlangen, die Präsenz im Jetzt und die Ruhe in der Bewegungslosigkeit, kurz: die Meditation, ist jener Teil unserer Existenz, der grundlegend ist für unser Sein in der Welt. Er hat nichts zu tun mit der Funktion, die wir einnehmen, unserer Leistung und Produktivität.

Meditation ist aber etwas, das in vielen sogenannten modernen, d. h. leistungsorientierten Gesellschaften negativ gesehen wird: Faulheit, Arbeits- und Konsumverweigerung, Esoterik, d. h. Nicht-Anschlussfähigkeit an dominierende Diskurse, oder Unheimlichkeit, d. h. fremd und der Heimat fern, sind gängige Reaktionsweisen auf jenen Zustand der Meditation und Kontemplation, der sich über den Moment des Sitzens hinaus weitet. In Indien nennt man Menschen, die sich auf diesen Pfad begeben, Yogis. Keinesfalls muss es so sein, dass sich Yogis der Welt entziehen. Sie nehmen die Welt als eine Form der Realität wahr, in der wir uns bewegen. Diese Realität hat Anforderungen an das Überleben, an eine Praxis des Lebens und an Verantwortung für sich und andere. Die materielle Realität ist jedoch eingebunden in eine weitere Realität unseres Seins: unser Bewusstsein, unser Selbst, eine Verbundenheit mit einer tieferen, spirituellen Realität. Wir haben den Funken des Lebens in uns; er ist verbunden und identisch mit dem göttlichen Prinzip. Wir wandern in den Welten des Wachseins, des Traumes, des Schlafes und der Erkenntnis.

„Zwei Vögel, innig verbunden, Gefährten, sitzen auf demselben Baum.
Der eine isst die süße Frucht; der andere schaut zu, ohne zu essen.“
Mundaka Upanishad 3.1.1

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