{"id":5478,"date":"2025-08-23T20:38:35","date_gmt":"2025-08-23T15:08:35","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=5478"},"modified":"2025-08-29T10:21:48","modified_gmt":"2025-08-29T04:51:48","slug":"die-begierde-der-frucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/die-begierde-der-frucht\/","title":{"rendered":"Die Begierde der Frucht"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein Apfel, eine Erdbeere, eine Melone oder eine Maracuja, eine Banane oder Pflaume, eine Tomate oder Gurke, eine Bohne oder ein Korn, eine Kokosnuss und ein Granatapfel. Fr\u00fcchte wollen verzehrt werden, sie wollen Genuss bereiten, n\u00e4hren und zuweilen auch berauschen. Sie schillern und verg\u00e4ren, verwesen und verstr\u00f6men D\u00fcfte, sie fallen ins Auge, bet\u00f6ren die Sinne, erzeugen Lust und Genuss.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind ja nicht ganz zuf\u00e4llig so. Fr\u00fcchte spiegeln ein Verlangen derjenigen, die sie essen: Menschen, Pferde, Affen, Ameisen, K\u00e4fer, V\u00f6gel, Fische, Igel, Hunde und Katzen, Schnecken, Spinnen, Schlangen, Fliegen, Giraffen und Papageien. Sie alle reagieren auf verschiedene Fr\u00fcchte. Manche Fr\u00fcchte haben eine harte Schale, manche sind ganz weich. Einige sind schwer und gro\u00df, andere klein und leicht. Manche sind s\u00fc\u00df oder sauer, bitter, oder salzig, riechen intensiv oder ganz zart, stinken oder bet\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcchte wollen gegessen werden, so bewegen sie sich fort. Ein Apfel sagt: Nimm mich mit, eine Erdbeere will auf der Zunge zerflie\u00dfen, eine Maracuja bietet sich dar in ihrer Wollust, Zartheit und Intensit\u00e4t, eine Kokosnuss will geknackt werden, geworfen und zersto\u00dfen werden, um ihr Fleisch und den Saft als Erfrischung zum Laben darzubieten. Die Bohne h\u00e4ngt und wartet, das Korn verf\u00e4ngt sich im Pelz, die Tomate platzt frech in ihrer R\u00f6te, vernarbt, und schmiegt sich ein, die Hand, die sie greift.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frucht und das Tier vereinen sich im Genuss, in Hingabe und in der Suche. Die Belohnung findet in der Ekstase des Verzehrs statt, die Frucht erreicht ihr Ziel, das Tier ist satt, die Ekstase und der Rausch flammen auf im Verzehr. Am Ende ist das Schei\u00dfen, die Pilze brechen auseinander, was sich nicht im Feuer der Lust den Sinnen als Reiz hingab.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Beeren, Steinfr\u00fcchten, H\u00fclsenfr\u00fcchten, Scheinfr\u00fcchten und Karyopsen geht die Bl\u00fcte voraus. Jenes Duft verstr\u00f6mende Reizorgan der Pflanze, das sich begehren und besamen l\u00e4sst. Ihr Antlitz spricht, sie lacht und \u00f6ffnet sich, sie reiht sich ein in den Reigen des Kranzes. Natur erreicht hier reine Form, Kunst und Sch\u00f6nheit, Konstruktion, Behausung und Ruheplatz. Natur sendet ein Signal, sie kommuniziert, sie agiert im \u00dcberfluss und Rausch.<\/p>\n\n\n\n<p>Georges Bataille (1897-1962) las ich vor vielen Jahren und kam mir in Erinnerung, als ich dies schrieb. So lie\u00dfe sich sagen, dass diese Fr\u00fcchte nicht blo\u00df Nahrung sind, sondern Erscheinungen des \u00dcberflusses selbst, in denen Sch\u00f6nheit, Lust, Verfall und Exkrement untrennbar verschr\u00e4nkt sind. Wie Bataille es sah, will Natur im Rausch vergeudet werden, sie findet ihre Wahrheit in der Verschwendung, in Ekstase und \u00dcberschreitung. Jede Frucht, die wir genie\u00dfen, tr\u00e4gt damit schon die Bewegung von Leben, Tod und \u00dcberschreitung in sich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Apfel, eine Erdbeere, eine Melone oder eine Maracuja, eine Banane oder Pflaume, eine Tomate oder Gurke, eine Bohne oder ein Korn, eine Kokosnuss und ein Granatapfel. Fr\u00fcchte wollen verzehrt werden, sie wollen Genuss bereiten, n\u00e4hren und zuweilen auch berauschen. Sie schillern und verg\u00e4ren, verwesen und verstr\u00f6men D\u00fcfte, sie fallen ins Auge, bet\u00f6ren die Sinne, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5503,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","footnotes":""},"categories":[2],"tags":[312,262,340,145,35,44,201,135,366,212,209],"class_list":["post-5478","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-bewusstsein","tag-affen","tag-andere","tag-essen","tag-feuer","tag-ich","tag-leben","tag-natur","tag-selbst","tag-sinne","tag-tod","tag-voegel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5478","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5478"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5478\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5576,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5478\/revisions\/5576"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5503"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5478"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5478"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5478"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}