{"id":4969,"date":"2024-08-19T21:22:28","date_gmt":"2024-08-19T15:52:28","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=4969"},"modified":"2024-08-19T21:28:38","modified_gmt":"2024-08-19T15:58:38","slug":"vollmond","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/vollmond\/","title":{"rendered":"Vollmond"},"content":{"rendered":"<p>Es ist Vollmond in Indien. Zeit f\u00fcr Selbstreflexion, Meditation und innere Einkehr. Ich habe eigentlich noch nie wirklich \u00fcber den Tod nachgedacht. Er war f\u00fcr mich immer eine Grenze, das, was unsere Existenz negativ definiert. Die Endlichkeit wirft uns auf uns selbst zur\u00fcck, so dachte ich. Ich stimmte hier ein wenig mit Heidegger \u00fcberein. Etwas jenseits des Todes zu denken, schien mir immer willk\u00fcrlich, naiv, romantisch, eskapistisch und leichtgl\u00e4ubig\u2026 Nur in der existenziellen Reflexion schien er mir sinnvoll. Die Toten waren daher einfach tot, der Gedanke, dass sie irgendwie nach dem Tod weiterexistieren oder vor der Geburt schon existiert haben, erschien mir als eine wichtige Frage, deren Beantwortung aber unsinnig war, da diese Grenze eben als absolut definiert ist. Jene, die davon berichteten, sie h\u00e4tten sie \u00fcberschritten und seien wieder zur\u00fcckgekehrt, konnte ich gut als esoterisch abtun. Das fiel mir nicht schwer, und es schien mir richtig.<\/p>\n<p>In der Meditation sieht das aber ganz anders aus. In der Meditation kl\u00e4rt sich das Bewusstsein, es l\u00f6st sich von der Au\u00dfenwelt und dem K\u00f6rper, indem es alles ins Bewusstsein holt. Die Sinne werden zu Sinneseindr\u00fccken, die Au\u00dfenwelt wird zu reinem Sein, Bewusstsein wird zu Bewusstsein an sich, es erkennt, dass es nicht eine Reaktion auf die Welt ist, sondern ihr Ursprung. Es ist ihr Ursprung, weil es identisch ist mit dem Bewusstsein an sich, jenem Bewusstsein, das alles ist. Es gibt kein Teilbewusstsein, es gibt lediglich Bewusstsein, das in Ignoranz lebt. Wenn es aus dieser Ignoranz hinaustritt, so erkennt Atman sich als Brahman, das selbst eins ist mit dem Bewusstsein, das das Universum hervorgebracht hat. Anders kann es nicht sein. Wie sollten ein paar Kilo Materie einen kleinen Teil von Bewusstsein hervorbringen, das unverbunden ist mit anderem Bewusstsein, das nicht in einem gr\u00f6\u00dferen Bewusstsein eingebettet ist? Wie sollten diese paar Kilo Materie, wenn sie zerfallen, Bewusstsein mit sich begraben? Was ist das f\u00fcr eine merkw\u00fcrdige Vorstellung? Ein paar Kilo Gehirn in einem biologischen K\u00f6rper w\u00fcrden einfach so Bewusstsein hervorbringen, in subjektiver Form, unvollkommen und vereinzelt, unf\u00e4hig, sich mit anderem Bewusstsein zu verschmelzen, um dann im Nichts zu verschwinden?<\/p>\n<p>Stattdessen stellt sich mir die Frage nun ganz anders. Wenn mein Bewusstsein der Grund aller Existenz ist und immer schon alles in sich enth\u00e4lt, dann ist der Pfad des individuellen Lebens eine M\u00f6glichkeit, eben dies zu erfahren. Dies zu realisieren ist vielleicht der Kern von Erleuchtung. Was bedeutet das aber in Bezug auf andere Leben? Jene, mit denen ich das Jetzt teile, aber auch jene, die vor meiner Zeit waren, w\u00e4hrend meines Lebens dieses verlie\u00dfen, und jene, die kommen werden, wenn meine Zeit hier vorbei ist? Es gibt ja keinen Anfang oder Ende eines Bewusstseins im eigentlichen Sinne, wenngleich jenes Bewusstsein in dieser Existenz an Leben gebunden ist.<\/p>\n<p>Bewusstsein existiert losgel\u00f6st vom Leben, selbst von Leben in einem reichen Sinne, jenes Leben das nicht die blo\u00df biologische Lebensform meint, sondern Leben als Pfad des Bewusstseins in einem biologischen K\u00f6rper: Lebensenergie (\u00c9lan vital, Prana), die Welt der Gef\u00fchle und des Herzens, die Ebene des Denkens, das auf die Welt gerichtet ist (Manas), und das Denken, das sie reflektiert, analysiert und versteht (Buddhi), ebenso wie das Denken, das die Welt betrachtet und im gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang einordnet (Vijnana), und jene Erfahrung, die uns mit dem h\u00f6heren Bewusstsein verbindet (Satchitananda, jene drei Ebenen, die sich der Sprache weitgehend entziehen und nur in der Erfahrung sich manifestieren). Jenes Leben, das sich noch weiter erstreckt in die Welten der Yogas, des K\u00f6rpers, der K\u00fcnste, der Architektur, des richtigen Lebens \u2013 das kann ich erkunden und ausleuchten. Und wie steht es aber mit dem Leben der anderen und jenen, die nicht in meiner Zeit sind?<\/p>\n<p>Sie sind doch real, sie existieren immer schon und h\u00f6ren nicht auf zu existieren. Sie verlassen lediglich diese Welt der Selbsterfahrung, sie nehmen die gesammelten Erfahrungen in sich auf, und wenn sie diese Welt verlassen, dann gehen sie zum Mond, sagen die Upanischaden. Dort k\u00f6nnen sie den Reichtum an guten Taten genie\u00dfen, bevor sie wiedergeboren werden, das hei\u00dft, bevor sie wieder in die Welt der Erfahrungen eintauchen. Jener Zwischenzustand im Mond, der Tiefschlaf, der dem n\u00e4chtlichen Schlaf nur oberfl\u00e4chlich \u00e4hnlich ist, ist eine Verbindung mit den G\u00f6ttern, sagen die Upanischaden. Es ist letztlich die Verbindung mit Brahman, und jene Verbindung ist tiefer als das Identischsein mit Brahman, was jetzt nur f\u00fcr den rationalen Geist ein wenig widerspr\u00fcchlich klingt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Vollmond in Indien. Zeit f\u00fcr Selbstreflexion, Meditation und innere Einkehr. Ich habe eigentlich noch nie wirklich \u00fcber den Tod nachgedacht. Er war f\u00fcr mich immer eine Grenze, das, was unsere Existenz negativ definiert. Die Endlichkeit wirft uns auf uns selbst zur\u00fcck, so dachte ich. Ich stimmte hier ein wenig mit Heidegger \u00fcberein. 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