{"id":4963,"date":"2024-08-02T09:27:22","date_gmt":"2024-08-02T03:57:22","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=4963"},"modified":"2024-08-02T09:27:43","modified_gmt":"2024-08-02T03:57:43","slug":"erleuchtung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/erleuchtung\/","title":{"rendered":"Erleuchtung"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"western\">Aufkl\u00e4rung \u2013 Erleuchtung: das Paradox des Enlightenment<\/h3>\n<p>Mit dem Enlightenment ist das so eine Sache. Neulich fragte mich jemand, ob ich Enlightenment suche. Ich kam etwas ins Stutzen. Weil ich diesen Menschen aber ganz besonders sch\u00e4tzte, versuchte ich ehrlich zu sein \u2013 ja, nein, \u00e4hm, ich wei\u00df nicht so genau, eigentlich schon, wenn ich ganz ehrlich bin&#8230; Wieso dieses Rumeiern? Wieso nicht einfach direkt sagen, ja, das tue ich, so wie sie, als sie antwortete, sie denke, die meisten suchen danach. Ich bin mir da nicht so sicher.<\/p>\n<p>Jedenfalls l\u00f6ste die Frage ein Unbehagen in mir aus. Soll ich eingestehen, dass ich Erleuchtung suche, vielleicht sogar ein St\u00fcck gefunden habe? Geht das, ein St\u00fcck Erleuchtung zu finden, oder ist das nicht eine ganz oder gar nicht Sache? Welche Abschattungen gibt es, welche Pfade, welche Irrwege, 1000? Abends sprach ich mit einem Freund: Wie viele Menschen kennst du, die von sich behaupten, sie seien erleuchtet? Er lachte. \u201eKeinen &#8211; zum Gl\u00fcck\u201c, sagte er. Und so sprachen wir kurz dar\u00fcber, was die Frage eigentlich soll. Im Gespr\u00e4ch vermischte ich Aufkl\u00e4rung und Erleuchtung. Aha! Hier ist des Pudels Kern.<\/p>\n<p>Als ich meiner Freundin antwortete, benutzte ich das Bild eines Lichtes, das ich irgendwo vor vielen Jahren mal gefunden habe als ich \u00fcber den Kosmos nachdachte, und dass ich dieses Licht nun mit mir trage und hier und da versuche, etwas zu erhellen. In seiner Essenz war diese Erfahrung die Einsicht, dass die Welt, wie sie sich mir durch meine Sinneswahrnehmung und die daraus abgeleiteten mentalen Repr\u00e4sentationen einer Au\u00dfenwelt darstellt, so nicht sein kann, dass vielmehr die Grundannahmen von Raum, Zeit, Materie und Bewusstsein radikal anders sind. Die Erfahrung dieser radikalen Andersheit motivierte mich zum Philosophiestudium.<\/p>\n<p>Ich lernte also etwas \u00fcber die Aufkl\u00e4rung und den deutschen Idealismus. Ich lernte den Verstand zu nutzen, und die Vernunft, und die \u00c4sthetik. Mal ist das, was sich da dann erhellt, gut und sch\u00f6n und spannend, mal abschreckend, falsch und verlogen. Dies, so denke ich, beschreibt den Prozess der Aufkl\u00e4rung. Das Licht der Rationalit\u00e4t l\u00e4sst alles in ihrem Glanz erstrahlen und entlarvt es als das, was es in Wahrheit ist. Sich seines eigenen Verstandes zu bedienen um aus der eigenen Unm\u00fcndigkeit herauszukommen, dies war Kants Vorstellung von Aufkl\u00e4rung. Sich seines eigenen Verstandes klar zu werden, ist ein Akt transzendentaler Reflexion, reines Denken, in Kategorien und auf Grundlage von a priori gegebener Raum und Zeit. Und mein Unbehagen kam daher, dass ich das eigentlich gar nicht meinte. Jahrelang habe ich dar\u00fcber nachgedacht, Jahrzehnte mit meinen Studenten diskutiert. Immer mit dem Gef\u00fchl, dass das im Kern nicht ganz falsch ist, in der Sache aber am Thema vorbeigeht.<\/p>\n<p>Denn was Enlightenment auch bedeutet, ist Erleuchtung. Und das ist geradezu das Gegenteil. Es ist jener Erfahrung, die mich zu meinem Philosophiestudium zuerst bewegte, viel \u00e4hnlicher. In der \u00f6stlichen Philosophie und Spiritualit\u00e4t ist es die zentrale Erfahrung. Es gibt nat\u00fcrlich unz\u00e4hlige Pfade.<\/p>\n<p>Hier m\u00f6chte ich kurz auf die Advaita-Philosophie eingehen. Eine Philosophie der Immanenz, so m\u00f6chte ich sie jedenfalls verstehen. Ganz wesentlich ist hierbei, dass es eine Erfahrung und keine Erkenntnis ist, oder wenn eine Erkenntnis, dann im Sinne einer Erfahrung. Es geht um das Erfahren der Einheit, dass es keinen Unterschied gibt zwischen mir und dem Sch\u00f6pfer, zwischen Atman und Brahman. Dies ist eine Erfahrung, die sich nicht argumentativ erschlie\u00dft, sie ist nicht deduzierbar, erkl\u00e4rbar oder falsifizierbar. Sie geht \u00fcber die Verstandesgrenzen hinaus, wenngleich sie diese umschlie\u00dfen kann. Sie ist nicht irrational, aber auch nicht rational. Sie ist strukturiert und offen, sie h\u00e4lt Widerspr\u00fcche aus, sie ist einschlie\u00dfend, umarmend, verst\u00e4ndnisvoll, nachsichtig, undogmatisch. Sie ist erf\u00fcllt mit Licht. Ist es das, was die mittelalterlichen Mystiker sahen?<\/p>\n<p>Pfade, die ich hier in Indien erfahren darf, sind z. B. Jnana Yoga: Wissen und Weisheit, Bhakti Yoga: Hingabe und Liebe zu einem pers\u00f6nlichen Gott, Karma Yoga: Selbstloses Handeln, Raja Yoga: Meditation und Kontrolle des Geistes, Tantra Yoga: Einheit von Gegens\u00e4tzen, Kundalini Yoga: Erweckung der Kundalini-Energie. All diese Pfade f\u00fchren nicht auf etwas zu, sondern haben ihren Ausgangspunkt in Brahman. Diese Form der Erleuchtung zeigt sich, offenbart sich, wird erfahrbar, manifestiert sich durch Praxis. Ich m\u00f6chte das hier mit aller Vorsicht und Bescheidenheit verstanden wissen, denn die Fallstricke, Illusionen, Irrwege sind immens. Hat sich etwas gezeigt, so verschwindet es zugleich, denn nichts ist permanent. Halte ich einen Gedanken, so schwindet er, wenn ich dar\u00fcber nachdenke; sp\u00fcre ich meiner eigenen Existenz nach, so verliere ich mich in Erinnerung und Wunsch; denke ich, sehe etwas im Sinne einer Vision, so kann es sich schnell als Illusion, als Scheinbild entlarven. Ich versuche, auf dem Pfad der Upanishaden zu bleiben, dies scheint ein guter Wegbegleiter zu sein. Erleuchtung kommt von innen, auf all seinen Ebenen, sie kommt nicht durch aufkl\u00e4rerische Rationalit\u00e4t \u2013 Verstand und Vernunft.<\/p>\n<p>In Heidelberg hatten wir diesen virtuellen Giftschrank mit Philosophen die einem den Kopf verdrehen, die Welt so anders sehen, dass alles konventionelle Denken infrage gestellt wird. Wir lachten oft dar\u00fcber und waren fasziniert aufgrund ihrer schirren M\u00f6glichkeit ihrer Existenz. Schopenhauer, Spinoza, Whitehead waren da drin. Eigentlich war dieser \u201eGiftschrank\u201c der Schrank der Gegenseren, zu den Ausw\u00fcchsen der Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufkl\u00e4rung \u2013 Erleuchtung: das Paradox des Enlightenment Mit dem Enlightenment ist das so eine Sache. Neulich fragte mich jemand, ob ich Enlightenment suche. Ich kam etwas ins Stutzen. 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