{"id":4948,"date":"2024-07-20T09:49:23","date_gmt":"2024-07-20T04:19:23","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=4948"},"modified":"2024-07-20T09:51:02","modified_gmt":"2024-07-20T04:21:02","slug":"harmonie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/harmonie\/","title":{"rendered":"Harmonie"},"content":{"rendered":"<p>Meine Morgenmeditation wird ein wenig zur Routine, wobei man das nach einer Handvoll wohl kaum schon sagen kann. Es ist eher eine Strecke, ein Weg oder eine Erkundung. Wie das Wandern in den Bergen: Den Gipfel im Blick ist Wandern durch die Pfade, auf den Graden, durch die T\u00e4ler und Fl\u00fcsse, an den Felsw\u00e4nden vorbei, durch Ger\u00f6ll und Gesteine, Wiesen und W\u00e4lder und jenseits der Vegetationsgrenze auf den Gletschern im Schnee wird das Gebirge zur Metapher der inneren Suche. Die Besteigung eines Berges ist ein spirituelles Ereignis. Gleichwohl kann die Meditation selbst einer Wanderung durch die Berge gleichen, durch die T\u00e4ler der Gedanken, die Fl\u00fcsse des Lebens, die Erinnerungsbilder an den Felsen, die schmalen Grade der Logik des Denkens, die Texturen der Sprache. Die Wege in der Meditation f\u00fchren vorbei an Gedanken und Erinnerungen. Und dann pl\u00f6tzlich, wie auf einer Lichtung verweilend, steht der Geist still, mir wird bewusst, dass ich keinesfalls wandere, sondern ich in Stille und Konzentration, fokussiert auf das Hier und Jetzt, auf den Punkt, der die Unendlichkeit aufschlie\u00dft, genau hier, von hier aus all diese Gedanken und Bilder eigentlich vorbeiziehen. Ich bin der Genie\u00dfer, der Betrachter, mich gibt es nicht, die Gedanken gibt es nicht, alles ist auf einmal da in Synchronizit\u00e4t, eine gro\u00dfe Schau er\u00f6ffnet sich, ein Ausblick vom Berggipfel in die Welt, runter auf die T\u00e4ler und hoch in den Himmel zwischen Kosmos und Welt.<\/p>\n<p>Innerhalb der Erhabenheit dieser Erfahrung, das Sublime, das mich erfahren l\u00e4sst, dass der Kosmos strukturiert ist, komponiert, in Ver\u00e4nderung und Transformation, aber regelgebunden, werden abstrakte Bezugspunkte sichtbar: Geometrie, Harmonie, Komposition. Ich denke an mathematische Konstanten oder Funktionen, an musikalische Harmonien oder Farbtheorien, an mineralische Konstruktionen oder biologische Strukturen. Bl\u00fcten, die in ihrer Farbenpracht, Geometrie, Struktur, Aufbau, Entfaltung und Geruch einen Attraktionspunkt bilden.<\/p>\n<p>Wo kommen diese Konstanten her? Sind sie der Baukasten Brahmans, aus dem die Welt sich als Prozess ableitet?<\/p>\n<p>Jene Konstanten im Kosmos finden sich in der Kunst wieder. In eher traditionellen Kunsttheorien ist die Suche nach diesen Gesetzen der Kern von \u00c4sthetik, g\u00f6ttlicher Inspiration, Genie, Sublimem oder Transzendentem. Die pr\u00e4stabilisierten Harmonien werden in architektonischen Prinzipien manifestiert und finden sich in Sakralbauten, \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden oder Privatbauten je nach Funktion und Orientierung der Bauherren wieder. Buckminster Fuller verwendete das Hexagon aus der Bienenwelt als Blaupause f\u00fcr soziale Konstruktion. In der sakralen Kunst finden wir oft den Goldenen Schnitt als Harmoniereferenz, im sozialen Raum finden wir Fibonacci-Sequenzen als Leitbild f\u00fcr organische Organisation. Als jemand, der sich \u00fcber Jahrzehnte mit westlicher kritischer Theorie besch\u00e4ftigt hat, ist diese Entdeckung eine Offenbarung.<\/p>\n<p>In einem Versuch mich aus den Fesseln der Aufkl\u00e4rung und kritischen Theorie zu befreien wanderte ich in die Postmoderne und lernte: Musik wird zur Landschaft der Emotionen, der Seele, der Struktur, des Zeitbewusstseins, der Antizipation. Das Bild wird zur Oberfl\u00e4che, auf der die Augen wandern, die Sinne sich verbinden, neue Verbindungen entstehen und Empfindungen sich konstituieren. Die Skulptur wird zum Gegen\u00fcber, das auf etwas verweist, das im abstrakten Raum steht und im realen Raum nur ein Platzhalter ist. Die Gegen\u00fcberstellung der Skulptur in Relation zur Umgebung erzeugt einen Dialog, in den ich eintreten kann. In diesen \u00e4sthetischen Erfahrungen erfahre ich die Welt als eine m\u00f6gliche, erweiterte, um Realit\u00e4tsebenen bereicherte, die auf ein anderes Bewusstsein, das des K\u00fcnstlers oder anderer Betrachter, schlie\u00dfen l\u00e4sst und den Dialog, Kommunikation, Sprache erlaubt. Innerhalb der Kunst findet sich ein Spiegelbild des Kosmos. Eine Kreativit\u00e4t ist hier entfacht, die sch\u00f6pfend und schaffend hervorbringt, zum Ausdruck bringt, was schon immer da war. Sich mit diesem schon immer Dagewesenen zu verbinden, in eine Begegnung einzutauchen, erm\u00f6glicht eine tiefe Kontemplation zentraler Prinzipien des Kosmos, so wie wir ihn erleben k\u00f6nnen. Das Lesen des Firmaments ist ein sch\u00f6nes Bild daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Die Naturwissenschaften, die harten Wissenschaften also, finden einige Konstanten, die die Sch\u00f6nheit des Universums einfangen \u2013 Fraktale von Eisblumen zum Beispiel. Einige dieser Konstanten scheinen ganz zentral f\u00fcr die Architektur des Universums zu sein, so als ob das Universum zusammenbrechen w\u00fcrde, wenn man eine Zahl hinter dem Komma bei Pi \u00e4ndern w\u00fcrde. An diesen Punkten werden Physiker spirituell. &#8222;Gott w\u00fcrfelt nicht&#8220;, sagte Einstein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Morgenmeditation wird ein wenig zur Routine, wobei man das nach einer Handvoll wohl kaum schon sagen kann. Es ist eher eine Strecke, ein Weg oder eine Erkundung. 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