{"id":4832,"date":"2024-06-09T08:22:04","date_gmt":"2024-06-09T02:52:04","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=4832"},"modified":"2024-07-17T22:17:34","modified_gmt":"2024-07-17T16:47:34","slug":"kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/kunst\/","title":{"rendered":"Kunst"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich ein Buch lese, einen Film schaue, in einem Gem\u00e4lde versinke oder an einer Performance teilnehme, was passiert da eigentlich genau? Es ist doch so, dass ich etwas erlebe, in mir werden Bilder, Gef\u00fchle und Erlebnisse geweckt. Stell dir einen Film, ein Buch, ein Theaterst\u00fcck oder ein Gem\u00e4lde vor, in dem es um menschliche Beziehungen, Action, Geschichte oder M\u00e4rchen geht. Du sitzt also irgendwo und schaust auf etwas, das eine Art Geschichte erz\u00e4hlt. Nun, was ist der Unterschied zwischen dem Anschauen einer Geschichte und einer Kontemplation, sagen wir, wenn du auf den Grund eines klaren, lebendigen Sees schaust, in dem Fische und Pflanzen, Steine und Sonnenreflexionen zu einer Kontemplation \u00fcber das Universum einladen? Ist es nicht so, dass das eine, die Kunst von einem anderen Menschen geschaffen, eine Geschichte erz\u00e4hlt, und die Natur, die ganz anders erschaffen ist, eine andere Geschichte erz\u00e4hlt? Ein Unterschied scheint die Zeit zu sein. In der Kunst kann der K\u00fcnstler Raum und Zeit gestalten, die Erz\u00e4hlung kann springen, der Raum durch einen Schnitt wechseln, ein Gef\u00fchl ohne \u00dcbergang zu einem anderen wechseln. Das bunte Treiben des Kosmos, das seine Geschichte erz\u00e4hlt, l\u00e4uft f\u00fcr uns jedenfalls in einem Raum-Zeit-Kontinuum ab. Wir k\u00f6nnen uns darin schneller oder langsamer bewegen, wir k\u00f6nnen fliegen oder langsam spazieren, aber wir k\u00f6nnen die Zeit nicht wechseln.<\/p>\n<p>Was wir aber k\u00f6nnen, ist mittels unserer Erinnerung, unseres Verstandes und unserer Wahrnehmung verschiedene Elemente aus unserer Umwelt zu fokussieren und in unserem Bewusstsein zu verkn\u00fcpfen. Diese Erfahrungswelt macht unser Wach- und manchmal auch unser Traumbewusstsein aus. Wir bringen in die Welt ein Bewusstsein mit.<\/p>\n<p>Nun haben wir schon eine ganze Menge verschiedener Rollen hier: ein Mensch, der als Betrachter die Welt erf\u00e4hrt, ein K\u00fcnstler, der seine Erfahrung ausdr\u00fcckt und f\u00fcr andere erfahrbar macht, und die Welt selbst, die in ihrer Ausdehnung in Raum und Zeit die Grundlage f\u00fcr jene Erfahrungen bietet. Wir k\u00f6nnen direkt mit der Welt in Kontakt treten, \u00fcber sie reflektieren und ihren tieferen Sinn erfragen. Wir k\u00f6nnen versuchen, eine Verbindung aufzunehmen zu dem, was die Welt im Inneren zusammenh\u00e4lt, d. h. ein Prinzip, eine Kraft, einen Ursprung zu erfahren, der \u00fcber das hinausgeht, von dem ich Teil bin. Dieses Dar\u00fcber-Hinausgehen ist nun ein wenig mit Vorsicht zu betrachten, da es sofort die Frage nach Dualit\u00e4t aufwirft. Ist etwas jenseits all dessen, von dem ich Teil bin, oder ist das Ganze, von dem ich Teil bin, in Form von Immanenz das Ganze, das als solches als Transzendent gedacht wird, aber nicht ist?<\/p>\n<p>Die Frage nach der Dualit\u00e4t ist hier wichtig, denn von hier aus k\u00f6nnen wir fragen, was die Rolle der Kunst wirklich ist. Ist Kunst etwas, das eine Art Welt erzeugt, in die der Betrachter eintauchen kann, als etwas, das anders ist, das mir gegen\u00fcbersteht, eine Illusion, eine Repr\u00e4sentation, eine Simulation? Oder ist die Kunst Teil der Welt in dem Sinne, dass das Bewusstsein, das sie geschaffen hat, etwas zum Ausdruck gebracht hat, das zumindest strukturell jeder von uns erfahren kann? Und das, was die Kunst dann hier als besonders auszeichnet, ist die M\u00f6glichkeit, es auszudr\u00fccken in einem Medium, das unabh\u00e4ngig ist vom Bewusstsein des K\u00fcnstlers.<\/p>\n<p>Das ist ja ganz erstaunlich. Es gibt da nun verschiedene M\u00f6glichkeiten, dar\u00fcber nachzudenken. Ich kann Kunst verstehen als ein Zeichensystem, d. h. ich kann es semiotisch betrachten, wie eine Sprache. Ich identifiziere Elemente des Kunstwerkes und bringe sie vor mein inneres Auge in Form von sprachlichen oder semiotischen Bewusstseinsstrukturen \u2013 sei es visuell, auditiv, geschmacklich, k\u00f6rperlich oder geruchlich \u2013 je nachdem, was hier das dominierende Medium ist. Ich kann also sagen: &#8222;Ich sehe oder h\u00f6re oder schmecke x.&#8220; Dieses x, wenn vorher von einem K\u00fcnstler \u00e4hnlich wahrgenommen, w\u00e4re der Gehalt des Werkes. Die meisten Kunsttheorien bleiben hier stehen und konzentrieren sich nun auf die formalen Elemente von x. Ist x interessant, neu, \u00fcberraschend, provokativ, emotional etc.?<\/p>\n<p>Das, was hier zugrunde liegt, ist jedoch Bewusstsein an sich. Bewusstsein erf\u00e4hrt, kreiert und teilt. Die Welt an sich entfaltet sich im Kunstwerk auf eine ganz besondere Weise. Das Kunstwerk bietet uns die M\u00f6glichkeit, \u00fcber die Erfahrung von Welt an sich nachzudenken und sie in der Erfahrung selbst als sublim, als Gl\u00fcckseligkeit, als transzendent zu verstehen. Wenn es sich um Kunst handelt, die sich kritisch mit der Realit\u00e4t auseinandersetzt und uns vor Augen f\u00fchrt, was nicht gut l\u00e4uft, wo Leiden ist und Ungerechtigkeit herrscht, so ist das zwar schwerer zu akzeptieren, bleibt aber qualitativ ebenfalls jene Erfahrung.<\/p>\n<p>In Indien spricht man hier von Rasa, w\u00f6rtlich Geschmack. Es bezeichnet aber genau jene Erfahrung, die mittels Ausdruck zwischen K\u00fcnstler und Publikum geteilt wird, die jedoch im Kern auf das allgemeine Bewusstsein, die Immanenz, Brahman verweist. Kunst ist somit ganz wesentlich nicht blo\u00df in der materiellen Welt sowie der Welt des Lebendigen, des Wissens und des Intellekts verankert, sondern reicht in den Bereich des Kontemplativen, Meditativen hinein. Sie ist Teil von Satchitananda.<\/p>\n<p>Ich merke, dass ich m\u00fcde geworden bin, Kunst rein formal zu betrachten. Das geht am Kern der Kunst und sogar am Kern unserer Existenz vorbei. Kunst ist blo\u00df eine Ausdrucksform, die sich Brahman gegeben hat. Kunst ist immanent, sie ist ein Knoten, der auf einer materiellen Basis, dem Werk, Verschiedenes verkn\u00fcpft und Linien erzeugt. Die Erfahrung dessen ist f\u00fcr jeden etwas anders, deshalb ist ein Sprechen und Schreiben dar\u00fcber nur bis zu einem bestimmten Grad sinnvoll. Das, wor\u00fcber man nicht sprechen kann, dar\u00fcber soll man schweigen. Das hei\u00dft aber nicht, dass es da nichts gibt. Im Gegenteil, hier wird es erst richtig interessant.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich ein Buch lese, einen Film schaue, in einem Gem\u00e4lde versinke oder an einer Performance teilnehme, was passiert da eigentlich genau? Es ist doch so, dass ich etwas erlebe, in mir werden Bilder, Gef\u00fchle und Erlebnisse geweckt. 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