{"id":4803,"date":"2024-05-16T09:53:26","date_gmt":"2024-05-16T04:23:26","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=4803"},"modified":"2024-07-17T22:17:35","modified_gmt":"2024-07-17T16:47:35","slug":"das-buch-des-lebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/das-buch-des-lebens\/","title":{"rendered":"Das Buch des Lebens"},"content":{"rendered":"<p>Schicksal, Karma, Kausalit\u00e4t, Naturgesetze, Determinismus \u2013 all dies sind verschiedene Ausdr\u00fccke einer Vorstellung, dass das Universum einer vorhersehbaren Logik folgt. Sie implizieren, dass das Geschehene folgerichtig aus dem Vorausgegangenen entstanden ist und dass das Jetzt ebenso durch das Vorherige bestimmt ist. Diese Logik halten wir f\u00fcr vern\u00fcnftig und rational, logisch richtig. Wenn wir jedoch annehmen, dass die Zukunft ebenso durch das Jetzt und die Vergangenheit bestimmt ist, so tun wir dies ab als Aberglaube, Irrationalit\u00e4t, Unwissenschaftlichkeit. Wir str\u00e4uben uns dagegen mit aller Macht \u2013 jedenfalls in westlichen Kulturkreisen.<\/p>\n<p>Nichts von dem stimmt. Die Zukunft ist nicht determiniert, die Vergangenheit nicht rein logisch, rational, wissenschaftlich beschreibbar. Die Geschichtswissenschaft zeigt dies mit ihren Methodenstreitereien, die Psychologie bietet zahlreiche Paradoxien, die bis zu den Zenon-Paradoxien zur\u00fcckreichen, die zeigen, dass Zeit keine messbare Gr\u00f6\u00dfe ist, sondern als Dauer eine Gr\u00f6\u00dfe der Erfahrungswelt, d. h. des Bewusstseins, ist.<\/p>\n<p>\u201cAlles sei vorherbestimmt, unser Schicksal stehe in den Sternen.\u201d Diese Vorstellung ist eigentlich ein sch\u00f6nes Bild, da sie auf etwas Gr\u00f6\u00dferes verweist. Anstatt jedoch den simplifizierenden Sternendeutern das eigene Schicksal in die Hand zu legen, sollten wir dieses Bild als ein Aufzeigen von gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen verstehen. Der Kosmos folgt nicht unserer kleinen rationalen Logik, das Universum steht nicht in einem linearen Buch des Lebens, wo Satz auf Satz, Seite auf Seite, Ereignis auf Ereignis folgt, sondern das \u201eBuch\u201c des Lebens ist aus heutiger wissenschaftlicher Sicht eher ein Quantenbuch oder ein neuronales Netz, mit Sicherheit jedoch etwas ganz anderes. Das \u201aBuch\u2018, das in der pr\u00e4historischen Zeit, also vor der Erfindung der Schrift, der Zyklus von Sonne und Mond, den Sternen und den Jahreszeiten war, wurde durch die Schriftsprache eine Erz\u00e4hlung, eine mythologische Geschichte, die ph\u00e4nomenologische Erfahrungen sortierte und strukturierte. In der Neuzeit \u00fcbernahm die Rationalit\u00e4t das Schwert und r\u00e4umte mit Ockhams Messer den ontologischen Garten auf. Alles, was nicht rational erkl\u00e4rbar war, wurde auf den Pr\u00fcfstand gestellt und eingeklammert. Einige Dinge lie\u00dfen sich eben noch nicht rational erkl\u00e4ren. Und weil dieser Vormarsch der Rationalit\u00e4t so erfolgreich war, da er die Wissenschaft befl\u00fcgelte und den technischen Fortschritt speiste, wurden die zentralen Fragen nach Bewusstsein, der Seele, der Sinnhaftigkeit eben auf die hintere Bank geschoben. Ich denke, so langsam begreifen wir, dass das vielleicht keine gute Idee war. Jene neuen Ideen von Quantenphysik und neuronalen Netzen zeigen uns, dass es Alternativen zur linearen Kausalit\u00e4t, zum Determinismus, zum Schicksal und Karma gibt. Sie sind \u00e4hnlich komplex wie der Sternenhimmel. Wir gehen in gewisser Weise zur\u00fcck zu einem Seinszustand, in dem wir akzeptieren, dass es Prozesse gibt, die sich unserer Rationalit\u00e4t entziehen, obgleich sie durch unsere Rationalit\u00e4t erst sichtbar wurden. Das ist ein wenig paradox.<\/p>\n<p>Strukturell sind wir wieder in der Welt der Veden. Bewusstsein hat ein Modell von Wirklichkeit hervorgebracht, das in seiner Komplexit\u00e4t das \u00fcberschreitet, was innerhalb seiner Axiomatik denkbar schien. Und genau hier liegt f\u00fcr mich die Frage nach Freiheit und Spiritualit\u00e4t. Es hat etwas mit Bewusstmachung zu tun. Einige Grundannahmen sind jedoch notwendig, n\u00e4mlich dass das, was meine \u00e4u\u00dferen Sinne wahrnehmen k\u00f6nnen, nicht die ganze Realit\u00e4t abbildet. Intuitiv wissen wir das alle, und im Alltag leben wir auch so und reden auch so, nur im wissenschaftlichen Diskurs leugnen wir das. H\u00f6ren wir also mal f\u00fcr einen Moment auf zu leugnen. Akzeptieren wir weiterhin, dass die materielle Welt nicht v\u00f6llig willk\u00fcrlich ist, sondern erkl\u00e4rbar ist, und halten wir fest an der Erfahrung von Bewusstsein und der Offenheit unseres Bewusstseins f\u00fcr Neues, f\u00fcr eine offene Zukunft. Versuchen wir nun weiterhin festzuhalten, dass dies kein unaufl\u00f6sbarer Widerspruch sein sollte, so stellt sich die zentrale Frage der Freiheit. Wir sind in einem Bewusstseinszustand, der aufgekl\u00e4rt ist, ph\u00e4nomenal reichhaltig und offen. Dieser Zustand ist Teil des Buches des Lebens, jedoch nicht jenes etwas naiven linearen Buches, selbst nicht jener gro\u00dfen B\u00fccher der Rigveda, Genesis, Kopernikus, Hawking. Es ist Teil Brahmans, Teil des Ganzen, Teil des universalen Bewusstseins. Auf den Lauf jenes universalen Bewusstseins, das sich unserem Bewusstsein entzieht, haben wir keinen Einfluss, es geh\u00f6rt nicht uns &#8211; &#8218;I am that&#8216;. Das Einzige, was wir tun k\u00f6nnen, ist unseren Bewusstseinszustand sich reichhaltig entfalten zu lassen.<\/p>\n<p>Es gibt Momente im Leben, in denen wir eine Ahnung davon haben. Wenn wir in extrem kritischen Situationen, wie fast-Unf\u00e4lle oder Schockzust\u00e4nde, sind, erleben wir, wie sich Raum und Zeit ver\u00e4ndern, unsere Wahrnehmung sich weitet und sich etwas \u00f6ffnet. F\u00fcr einen Bruchteil einer Sekunde, vielleicht f\u00fcr wenige Sekunden sogar, sehen wir in einen kosmischen Zustand, in dem die Zeit stillzustehen scheint, wo viele Elemente des Bewusstseins klar erscheinen, wo sich die Illusion einer Handlungsoption zeigt. In jenen Momenten sehen wir hinter die \u201aRealit\u00e4t\u2019. Eine Unbestimmtheit wird wahrnehmbar, wie bei Schr\u00f6dingers Katze ist die Situation noch nicht eindeutig. Diese Unbestimmtheit ist es, was wir als den Freiheitsmoment einer Entscheidung empfinden. Ob dies nun eine Entscheidung ist, ist an dieser Stelle etwas akademisch. Wir werden herausgeschockt aus unserer Illusion von Realit\u00e4t hinein in einen Bewusstseinszustand, der versucht, das v\u00f6llig Unvorhergesehene einzuordnen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte vorschlagen, dieses Bild als Einstieg zu nehmen, \u00fcber Bewusstsein, Freiheit und das Buch des Lebens anders nachzudenken. Wir k\u00f6nnen akzeptieren, dass die kosmische Realit\u00e4t einem Prinzip folgt, und unser Bewusstsein kann die Erfahrung jenes Prinzips ausweiten. Das Buch des Lebens kann als solches erfahrbar werden, und wir als Teil jenes Buches k\u00f6nnen durch das \u201eAufschlagen\u201c einer Seite und die bewusste erweiterte Wahrnehmung unsere eigene Verankerung realisieren. Mir scheint es nun so zu sein, dass wenn wir den Moment auf eine h\u00f6here Ebene der Wahrnehmung erheben, sich die Optionen anreichern. Das Feld weitet sich, der Spielraum wird gr\u00f6\u00dfer. Wir l\u00f6sen uns aus dem Reiz-Reaktionsschema, Freiheitsgrade werden aktiviert. Es ist nicht mein Selbst, das agiert, mein Ego ist eine Illusion, aber das Bewusstmachen eines Ausschnitts der kosmischen Realit\u00e4t erzeugt Handlungsr\u00e4ume f\u00fcr das Leben an sich. Die Erfahrung, Teil davon zu sein, ist spirituelle Praxis, ist Bliss und Freiheit<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schicksal, Karma, Kausalit\u00e4t, Naturgesetze, Determinismus \u2013 all dies sind verschiedene Ausdr\u00fccke einer Vorstellung, dass das Universum einer vorhersehbaren Logik folgt. Sie implizieren, dass das Geschehene folgerichtig aus dem Vorausgegangenen entstanden ist und dass das Jetzt ebenso durch das Vorherige bestimmt ist. Diese Logik halten wir f\u00fcr vern\u00fcnftig und rational, logisch richtig. 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