{"id":4789,"date":"2024-04-11T10:56:27","date_gmt":"2024-04-11T05:26:27","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=4789"},"modified":"2025-08-24T10:05:08","modified_gmt":"2025-08-24T04:35:08","slug":"gedaechtnis-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/gedaechtnis-2\/","title":{"rendered":"Ged\u00e4chtnis"},"content":{"rendered":"\n<p>Seit einigen Wochen lebe ich mit einer neurotischen H\u00fcndin zusammen. Sie bellte sehr viel, solange sie mich noch als Fremden wahrnahm. Sie hielt Abstand, war ver\u00e4ngstigt. Nach einigen Wochen hat sie mich akzeptiert, n\u00e4hert sich und will gestreichelt werden. Nun liegt sie vor meiner T\u00fcr und h\u00e4lt Wache; sie besch\u00fctzt mich. Was ist passiert? Ich habe meine Einstellung zu ihr nicht ver\u00e4ndert. Ich habe wenig Bezug zu Hunden und schenke ihr auch wenig Beachtung. Ich bin relativ indifferent. Bei ihr hat sich aber etwas Grundlegendes ge\u00e4ndert. Ich kann sie schlecht fragen, wir sprechen nicht die gleiche Sprache. Doch bin ich wohl Teil ihrer Welt geworden. Sie erinnert sich an mich, ich bin ihr vertraut geworden. In ihrer Welt war ein Fremder, eine Bedrohung; inzwischen bin ich ein Vertrauter, Teil ihrer Welt, vielleicht eines Tages auch ein Freund. Die M\u00f6glichkeit besteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kann ich Teil einer Welt werden, die die Welt eines anderen ist? Ich denke, das hat viel mit Ged\u00e4chtnis zu tun. Ich werde Teil der Erinnerung anderer. Das Gleiche gilt nat\u00fcrlich f\u00fcr mich. Eine neue Erfahrungswelt baut sich auf, besonders wenn ich in eine Welt ziehe, z. B. von Europa nach Indien. Alles ist neu, fremd; ich habe keine Angst, bin eher fasziniert und neugierig. All die neuen Eindr\u00fccke \u2013 die Objekte und die Natur, die Menschen und die Kultur \u2013 werden Teil meiner Erinnerung. Sie werden integriert in das, was meine Welt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe die letzten Tage einen Workshop zur Tantra-Philosophie besucht. Ich habe die 36 Tattvas gelernt, einige neu Meditationstechniken, den Unterschied zwischen westlicher Wissenschaft und Shastras (Wissenssystemen). Ich h\u00f6rte Berichte von Dingen, die in der westlichen Welt als unm\u00f6glich gelten (z. B. Alchemie und Telekinese). Im Kern geht es in Tantra um das Verh\u00e4ltnis zweier Kr\u00e4fte: Shiva und Shakti, und dies auf allen Ebenen des Seins, d. h. auf der materiellen Ebene, der Ebene des Lebens, des Bewusstseins, des Geistes, der Spiritualit\u00e4t, des Kosmos, der reinen Existenz\u2026 Es geht darum zu verstehen, dass das, was die Welt im Inneren zusammenh\u00e4lt, nicht die empirische Wissenschaft ist. Die empirische Wissenschaft ist die Methode, die unser Geist seit der Moderne relativ gut beherrscht; sie erkl\u00e4rt aber sehr wenig von dem, was unsere Lebenswelt ausmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Was macht aber unsere Lebenswelt aus? Es ist die innere Erfahrung, und die Zug\u00e4nge dazu gehen \u00fcber Reflexion, Hingabe, Meditation, Yoga. Tantra scheint hier undogmatisch zu sein. Jeder Weg ist okay: Werte niemals den Pfad anderer, schlie\u00dflich ist die Welt wesentlich gr\u00f6\u00dfer und komplexer, als sich das einer von uns auch nur vorstellen kann. Schicksal und Zufall stehen in einem komplexen Verh\u00e4ltnis; spirituelle Praxis, Sadhana, zeigt den Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich interessiert im Moment aber das <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/gedaechtnis\/\">Ged\u00e4chtnis<\/a> und die Erinnerung. Das Ged\u00e4chtnis ist das Gef\u00e4\u00df, die Erinnerung der Inhalt, die Erfahrung seine Geschichte und Struktur. Erinnerungen sind Bilder; sie sind in uns und k\u00f6nnen aktiv erinnert werden, ungefragt auftauchen, mehr oder weniger zuf\u00e4llig assoziiert werden. Sie bilden unsere Identit\u00e4t. Und so, wie die Welt au\u00dferhalb von mir Teil meiner Erinnerung wird, so werde ich nat\u00fcrlich Teil anderen Bewusstseins, wenn ich Teil jener Erfahrung war. Und so, wie ich vieles vergesse, werde ich auch vergessen. Das ist okay. Manchmal jedoch pr\u00e4gt sich etwas ein und wird ein integraler Bestandteil.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme langsam zu dem Punkt, den ich hier machen m\u00f6chte. Wir haben Kulturtechniken, diese Erinnerungen, unser Ged\u00e4chtnis, unsere Erfahrungen, unsere Identit\u00e4t und unser Weltbild zu teilen. Durch Sprache, Text, Bilder, durch Ausdruck mittels Tanz, Theater, Musik, Mantras, Tantras. In Indien gibt es 64 Kalas (Kunstformen). \u00dcber Jahrtausende wurden Techniken perfektioniert, den Prozess dieser Mitteilung zu verfeinern. Die daraus entstehenden \u00e4sthetischen Theorien sind vielf\u00e4ltig. Im Westen z. B. ist der Mechanismus der Repr\u00e4sentation sehr wichtig; in der \u00f6stlichen Tradition ist Rasa wichtiger, d. h. der Ausdruck von Essenz, dem Wesentlichen. Nun haben wir seit dem 19. Jahrhundert technische Apparate wie den Fotoapparat, den Kinematografen, das Grammophon als Erweiterung \u00e4lterer Techniken des Druckes. Wir haben also eine Technik gefunden, Ged\u00e4chtnis nicht nur zu materialisieren (das tun ja viele Kunstformen), sondern dies auch zu automatisieren und zu reproduzieren. Das hat, denke ich, eine gro\u00dfe Verwirrung gestiftet.<\/p>\n\n\n\n<p>Gilles Deleuze, unter Bezugnahme auf Henri Bergson, hat hier Klarheit geschaffen, indem er erkannt hat, dass Film Denken ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einigen Wochen lebe ich mit einer neurotischen H\u00fcndin zusammen. Sie bellte sehr viel, solange sie mich noch als Fremden wahrnahm. Sie hielt Abstand, war ver\u00e4ngstigt. Nach einigen Wochen hat sie mich akzeptiert, n\u00e4hert sich und will gestreichelt werden. Nun liegt sie vor meiner T\u00fcr und h\u00e4lt Wache; sie besch\u00fctzt mich. Was ist passiert? Ich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4769,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","footnotes":""},"categories":[372,912,3,374,375,911,910],"tags":[28,35,16,14,10,24,899,22],"class_list":["post-4789","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-deleuze","category-kosmos","category-kultur","category-meditation","category-philosophie","category-tantra","category-tattwas","tag-denken","tag-ich","tag-identitaet","tag-moderne","tag-repraesentation","tag-schicksal","tag-tantra","tag-technik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4789","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4789"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4789\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5549,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4789\/revisions\/5549"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4769"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4789"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4789"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4789"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}