{"id":4685,"date":"2024-02-03T23:53:31","date_gmt":"2024-02-03T18:23:31","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=4685"},"modified":"2024-07-17T22:17:36","modified_gmt":"2024-07-17T16:47:36","slug":"das-reale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/das-reale\/","title":{"rendered":"Das Reale"},"content":{"rendered":"<p>Gestern habe ich w\u00e4hrend einer Paneldiskussion auf der India Art Fair jemanden Platon zitieren h\u00f6ren. Sie sagte, Platon sagte, Kunst sei die Reflexion der Reflexion des Realen. Ob das in dieser Verk\u00fcrzung so stimmt, sei mal dahingestellt. Es ist ein interessanter Gedanke.<\/p>\n<p>Was ist das Reale, was eine Reflexion, was Kunst? F\u00fcr Platon gibt es ja die Welt der Ideen, die Welt der Schatten, die der Unwissende in der <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/platons-hoehle\/\">H\u00f6hle<\/a> als wahr wahrnimmt, und den Philosophen, der ihn da herausf\u00fchren m\u00f6chte. Platon war kein gro\u00dfer Freund der Kunst, was soll man auch mit einem gemalten Apfel machen, wenn man den realen Apfel ja essen kann? Und kommt das gemalte Abbild wirklich der reinen Idee in irgendeiner Weise nahe? Kunst scheint uns zum Nachdenken zu bringen, aber das f\u00fchrt uns nicht zwangsl\u00e4ufig der Wahrheit n\u00e4her. Kunst entspringt und l\u00e4dt ein zu einer Art des Denkens, das nicht rational ist. Ein Denken, das sich auf die Sinne fokussiert, oder die Intuition, auf die Vision, oder eine Reflexion, ein Denken, das etwas sch\u00f6ner hervorbringen will. Diese Art des Denkens, die \u00c4sthetik, die Theorie der Wahrnehmung, nimmt etwas f\u00fcr wahr an, das dem eigenen Denken entspringt.<\/p>\n<p>Es dieses eigene Denken, das zwar angeregt ist durch die Wahrnehmung der Schattenwelt, aber doch weitestgehend von ihr abstrahiert, d. h. sich von ihr losl\u00f6st, um etwas Eigenes zu entwickeln. Das, was dann entwickelt wird, das Kunstwerk, wird Realit\u00e4t, ist aber nicht real. Das Reale, und ich denke mal, dass das eingangs zitierte Zitat auf Lacan anspielt, ist doppelt reflektiert. Diese zwei Spiegel, die zu einem visuellen Feedbackloop f\u00fchren, erzeugen einen Raum der Illusion, der zu einem Experimentiertraum wird. Das Reale bleibt der Kunst ebenso unzug\u00e4nglich, wie dem reinen Denken.<\/p>\n<p>Was m\u00f6chte uns das sagen? Diese erneute Variation des Problems der <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/kunst-als-begegnung\/\">Repr\u00e4sentation<\/a>. Ich denke, dass das Problem von Subjekt und Objekt, Bewusstsein und Materie, hier implizit enthalten ist. Zwar sind die Probleme bei Platon \u201aidealistisch\u2018, d. h. sie beziehen sich auf die Welt der Ideen, also eine Welt, die weder Subjekt noch Objekt ist, die weder Geist noch Materie ist. Doch die Art und Weise, wie unser Denken Schwierigkeiten hat, die Welt zu verstehen, ohne die eigentliche Realit\u00e4t wahrnehmen zu k\u00f6nnen, verweist darauf, dass das Problem des Dualismus der Ausgangspunkt der philosophischen Reflexion ist. Das Ziel des Denkens, d. h, die Erkenntnis des Realen, der Welt der Ideen, bleibt Utopie.<\/p>\n<p>Und genau dies kehren die Upanischaden um. Die wenigen Hauptupanischaden, die ich nun im Detail studiert habe, gehen immer vom Realen aus, Brahman, der Erzeuger des Universums, und die Wahrheit an sich ist Ausgangspunkt. Nur durch seine Entfaltung im Prozess der Realit\u00e4t erf\u00e4hrt sich Existenz. Das, was wir wahrnehmen, denken, erschaffen ist Ausdruck des absoluten Seins. Kernpunkt der Philosophie der Upanischaden ist die Erkenntnis, dass das Selbst (Atman) das gleiche ist wie Brahman (Kosmos). Wenn sich also das Reale in der Reflexion reflektiert, so mag das Kunst sein. So herum macht das Sinn, und nur so.<\/p>\n<p>Wieso f\u00e4ngt die westliche Philosophie so oft mit dem kleinen gemeinsamen Nenner an zu denken, einer Axiomatik, einer Ontologie, die durch Okheims Messer getrimmt wurde. Es ist der Gedanke der Aufkl\u00e4rung, der das Prinzip der rationalen Reduktion auf die Spitze getrieben hat. Sie ist zum Paradigma des wissenschaftlichen Fortschritts mutiert. Und seit Jahrhunderten, wenn nicht seit Jahrtausenden st\u00f6\u00dft dieses kleine rationale Denken an seine Grenzen. Es ist sich dabei sehr wohl bewusst, dass es einen K\u00f6rper hat, und Bewusstsein, und ein Selbst oder eine Seele, doch tut es immer so, als ob das nicht relevant sei, da es ja nicht vollst\u00e4ndig in der Rationalit\u00e4t aufgeht. Und so galt es eine Revolution als die Ph\u00e4nomenologie das Bewusstsein erst nahm und Merlon-Ponty den K\u00f6rper, als die Postmoderne \u00c4sthetik die Sinne rehabilitiert, und der Existenzialismus unser Scheitern zelebriert.<\/p>\n<p>Kunst ist nicht die Reflexion der Reflexion des Realen, sondern das Reale reflektiert sich in der Reflexion und so entsteht Kunst. Und so sogar eine Transhumane, denn die Natur ist Kunst, und der Kosmos, die Sterne und die Seelen. Alles wird zur Kunst, wenn es sich in der Reflexion reflektiert. Wenn Brahman durch Atman die Welt erf\u00e4hrt und die G\u00f6tter tanzen und singen, dann werden all die ph\u00e4nomenalen Qualit\u00e4ten, die der westliche Geist so dreist leugnet, von einem G\u00f6tterchor orchestriert. Unser Empfinden ist real, unser Bewusstsein ist real, die Welt ist real, Kunst ist real. Das Reale ist real.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4687\" aria-describedby=\"caption-attachment-4687\" style=\"width: 770px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\"  decoding=\"async\" class=\"wp-image-4687 size-large\" src=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_20240203_122617_edit_84444766277738-1-1024x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"770\" height=\"770\" srcset=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_20240203_122617_edit_84444766277738-1-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_20240203_122617_edit_84444766277738-1-500x500.jpg 500w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_20240203_122617_edit_84444766277738-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_20240203_122617_edit_84444766277738-1-768x768.jpg 768w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_20240203_122617_edit_84444766277738-1-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_20240203_122617_edit_84444766277738-1-600x600.jpg 600w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_20240203_122617_edit_84444766277738-1.jpg 1638w\" sizes=\"(max-width: 770px) 100vw, 770px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4687\" class=\"wp-caption-text\">N1022<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_4688\" aria-describedby=\"caption-attachment-4688\" style=\"width: 1048px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\"  decoding=\"async\" class=\"wp-image-4688 size-full\" src=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_20240203_234103_edit_93122640851935-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1048\" height=\"1920\" srcset=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_20240203_234103_edit_93122640851935-1.jpg 1048w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_20240203_234103_edit_93122640851935-1-273x500.jpg 273w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_20240203_234103_edit_93122640851935-1-559x1024.jpg 559w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_20240203_234103_edit_93122640851935-1-82x150.jpg 82w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_20240203_234103_edit_93122640851935-1-768x1407.jpg 768w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_20240203_234103_edit_93122640851935-1-838x1536.jpg 838w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/IMG_20240203_234103_edit_93122640851935-1-600x1099.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 1048px) 100vw, 1048px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4688\" class=\"wp-caption-text\">N2032<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern habe ich w\u00e4hrend einer Paneldiskussion auf der India Art Fair jemanden Platon zitieren h\u00f6ren. 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