{"id":4614,"date":"2023-10-01T18:16:09","date_gmt":"2023-10-01T12:46:09","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=4614"},"modified":"2024-07-17T22:17:37","modified_gmt":"2024-07-17T16:47:37","slug":"am-anfang-war-das-wort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/am-anfang-war-das-wort\/","title":{"rendered":"Am Anfang war das Wort"},"content":{"rendered":"<p>Gestern hatte ich ein langes Gespr\u00e4ch \u00fcber den Ursprung des Denkens. Was kommt zuerst, die Worte oder die Gedanken. Es gibt nat\u00fcrlich ganz unterschiedliche Formen des Denkens. Ein visuelles, musikalisches, analytisches, synthetisches, performatives Denken etc\u2026 Es gibt ein Denken auf der Ebene der Intuition, es gibt ein Denken in der Erinnerung, es gibt die Vision und Eingebung. Es gibt so viele Arten des Denkens. Was ist Denken? Wer denkt beim Denken? Wie unterscheidet es sich von Bewusstsein?<\/p>\n<p>Vieles innerhalb meines Bewusstseins ist kein Denken, es ist sinnliche Wahrnehmung, Kontemplation, Tagtraum, es gibt unbewusste und unterbewusste Prozesse. All dies ist streng genommen kein Denken. Denken ist ein Nachdenken, es ist eine Reflexion \u00fcber die Welt, es ist ein Versuch, die Welt zu verstehen und zu begreifen. Es ist weitestgehend analytisch. Wenn ich etwas sinnlich wahrnehme, so ist mir da erstmal einfach innerhalb meines Bewusstseins etwas gegeben. Wenn ich dar\u00fcber nachdenke, was ich da sehen, dann gebe ich Dingen Namen, ich identifiziere Eigenschaften, ich beschreibe Aktionen. Dies ist meine Art, die Welt zu verstehen. Die Beschreibung von Welt in Form eines gedachten Texts, erlaubt es mir tiefere Zusammenh\u00e4nge zu sehen: Funktionsweisen, Kausalit\u00e4ten, Prinzipien\u2026<\/p>\n<p>Wo kommt aber ein Gedanke her? Wie entsteht er? Es gibt intertextuelles Denken, d. h. ich lese oder h\u00f6re zu und reagiere auf Text mit Text, verbinde viele Texte \u2026 das ist eher akademisch. Es gibt ein Denken des aktiven Zuh\u00f6rens und der Kommunikation. Menschen, die sich zuh\u00f6ren und gemeinsam denken, erkunden einen Gedanken gemeinsam. Dieses zuh\u00f6rende und kommunikative Denken ist spannend. Jemand sagt etwas, ein anderer versteht etwas, hoffentlich deckt sich das weitestgehend, denn identisch wird es nie sein. Nun gibt ist hier viele Dialoge, die relativ standardisiert ablaufen. Allgemeinpl\u00e4tze werden ausgetauscht, oder Standardpositionen verglichen, wie bei einem Schachspiel \u2026 es gibt aber auch den philosophischen Dialog, das gemeinsame Fragen. Die Frage zum Beispiel: Was ist Denken? Wie antwortet man auf diese Frage? Wie denkt man dar\u00fcber nach?<\/p>\n<h2 class=\"western\">Empfindungen und Eindr\u00fccke<\/h2>\n<p>Ich habe neulich Deleuze Essay \u00fcber <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/gespraeche-mit-der-ki\/\">David Hume<\/a> gelesen. Hume sagt, alles f\u00e4ngt mit \u201aSensation\u2018 oder \u201aImpression\u2018 Empfindung oder Eindruck an. Wenn ich etwas empfinde und es dann benenne, dann ist hier der Anfang des Denkens. Ich kann Objekte wahrnehmen, Eigenschaften abstrahieren, Kausalit\u00e4t postulieren, Aussagen machen, Tatsachen feststellen. Wie kann ich aber Empfindungen und Eindr\u00fccke festhalten? Wie kann Materie ein Ged\u00e4chtnis haben? Wie kann mein Bewusstsein Bilder haben? Dies sind die Fragen Henri Bergsons.<\/p>\n<p>Was ist die Relation zwischen der Au\u00dfenwelt und den Bewusstseinsbildern, die dann in Sprache strukturiert zu Gedanken werden? Muss Sprache nicht a priori schon als m\u00f6glich angelegt sein, um sich selbst zu Ausdruck zu bringen? Chomsky sagt, unser Gehirn und vielleicht auch das von Tieren hat eine allgemeine Sprachf\u00e4higkeit eingebrannt. Die Bibel f\u00e4ngt an mit: Am Anfang war das Wort. In den Veden und Upanischaden findet sich etwas \u00c4hnliches. In den Veden allerdings ist es nicht nur Sprache, die schon zu Anfang da war, sondern ein ganzes Wissenssystem, das verschiedene Bewusstseinsebene umfasst und den Menschen als Mikrokosmos versteht. Alles, was ich denken kann, kann auch existieren und alles, was existiert, kann auch gedacht werden. Wahrscheinlich brauchen wir als Spezies da noch viele Generationen. Aber es wird eine Korrespondenz postuliert zwischen der Welt und dem Bewusstsein. Sie sind eins, nondual.<\/p>\n<p>Deleuze Denken kreist darum, wie Gedanken aus einer Ebene der Immanenz entstehen. Wie diesen Gedanken sich verbinden und sich zu komplexen Systemen verbinden. Er nennt das z. B. abstrakte Maschinen, Diagramme, Rhizome, Plateaus etc\u2026 So k\u00f6nnen sich W\u00f6rter, Gedanken, Dinge, Strukturen, Macht, Kunst, das Unbewusste und das Abstrakte usw. verbinden. Die Welt bringt sich so zum Ausdruck, in ihr gibt es Leben (A Life). Dies ist zugleich das Grundprinzip der Upanischaden, Brahman bringt sich durch die Erschaffung der Welt selbst zum Ausdruck. Eine Exitenz muss auch den Prozess und die Ver\u00e4nderung beinhalten. Nur deshalb existiert diese Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Der Mensch hat bis jetzt, soweit wir wissen, die komplexeste und wildeste Ebene von Realit\u00e4t innerhalb des Denkens erschaffen. Nimmt man all die verschiedenen Sprachen, Kulturen, Religionen, Gesellschaftsformen zusammen, so wird klar, dass hier etwas zum Ausdruck kommt, sich etwas manifestiert. Dies ist das. This is that.<\/p>\n<h2 class=\"western\">Ursprung des Denkens<\/h2>\n<p>Der Ursprung des Denkens ist also nur auf einer Ebene in der Empfindung. In der spirituellen Praxis ist die innere Einkehr und die habituelle Praxis (Meditation und Yoga) der Schl\u00fcssel zu einem urspr\u00fcnglichen Denken, das sich aus Reiz-Reaktionsschemata befreit. Die Schriften und Lehren, die Rituale und \u00dcbungen dienen einer Selbstformung, die es erlaubt, hinter die Oberfl\u00e4che der sinnlichen Gewissheit zu schauen. Das Denken, das hier m\u00f6glich wird, geht weiter als das blo\u00dfe Erkennen von kausalen Zusammenh\u00e4ngen. Es geht auch weiter als die rationale Reflexion \u00fcber Probleme der Ethik, \u00c4sthetik und Erkenntnis. Der rationale Geist hat es geschafft, das Anthropoz\u00e4n einzuleiten, ein Terraforming, das einmalig ist, soweit wird wissen. Dennoch bleiben die existenziellen Fragen von dieser Art des Denkens unber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Es bleibt also die Frage nach dem Ursprung des Denkens. Stand am Anfang das Wort? Das Wort steht f\u00fcr Sprache, diese kann vieles einfangen. Versteht man Sprache als symbolisches System, das auch visuell, musikalisch oder performativ verstanden werden kann, so k\u00f6nnte man sagen, dass das Denken selbst immer Sprache ist. Das umfasst aber nur einen kleinen Teil unserer Existenz. Unser Bewusstsein ist weiter, unsere physische Existenz, unsere Lebenskraft (Prana) unser Intellekt (Buddhi), Ged\u00e4chtnis (Manas), unsere Identit\u00e4t (Ahankara) unsere Spiritualit\u00e4t (Satchitananda), all dies geht \u00fcber das Denken hinaus. Das Denken kann es reflektieren und beschreiben, es ist aber selbst kein Denken.<\/p>\n<p>Ich frage mich immer wieder, wie das am Anfang des Denkens aussah. Vor vielen tausend Jahren &#8230; Ich erinnre mich, wie wir einst eine Katz begraben wollten. Unsere (lebende) Katze war irritiert von dem Karton. Als der Karton mit dem Kadaver weg war, f\u00fchrte unsere Katze ein sehr ausf\u00fchrliches Ritual durch. Wir hatten das noch nie gesehen, obgleich es eine \u00e4ltere Katze ist und wir seit sehr langer Zeit zusammengelebt haben. Es war klar, dass unsere Katz hier auf den Tod eines Artgenossen reagiert. Es gibt viele Geschichte aus dem Tierreich, die Elefantenfriedh\u00f6fe sind vielleicht die Bekanntesten. Mir scheint hier ein Bewusstsein, das anderer gedenkt, pr\u00e4sent zu sein.<\/p>\n<p>Denken wurzelt in Erfahrung, Sprache, Einsicht. Oftmals ist es eine Erfahrung von Welt, die jenseits der Empirie liegt. Hier liegt die wahre Kreativit\u00e4t eines jeden. Denken ist auch immer ein wenig ein Akt der Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern hatte ich ein langes Gespr\u00e4ch \u00fcber den Ursprung des Denkens. Was kommt zuerst, die Worte oder die Gedanken. Es gibt nat\u00fcrlich ganz unterschiedliche Formen des Denkens. 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