{"id":4608,"date":"2023-09-27T11:19:45","date_gmt":"2023-09-27T05:49:45","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=4608"},"modified":"2024-07-17T22:17:37","modified_gmt":"2024-07-17T16:47:37","slug":"ein-jahr-auroville","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/ein-jahr-auroville\/","title":{"rendered":"Ein Jahr Auroville"},"content":{"rendered":"<h1 class=\"western\">Ein Jahr Auroville<\/h1>\n<p lang=\"de-DE\">Ich habe einige intensive Jahre durchlebt. In ein neues Land zu ziehen ist immer eine starke Transformation, das war so als ich nach London bin, dann in die USA, Frankreich, nun Indien. Mir ist es immer wichtig, soweit es geht meine eigene Kultur im Hintergrund zu lassen und mich auf das neue einzulassen, das nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht neu ist, nur eben f\u00fcr mich. Und so ist eine bedeutungsvolle Aufgabe \u2013 gerade im ersten Jahr \u2013 das vergessen. Platz machen im Kopf, Vorurteile abzubauen, sich dem Zauber hingeben und den Rausch ein wenig zu genie\u00dfen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Die Sinne f\u00fchlen sich ganz frisch an, das Selbst ganz jung, eine kindliche Neugierde und Naivit\u00e4t macht sich breit, die alles unvoreingenommen erst mal wirken l\u00e4sst.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Ich bewege mich immer weiter weg von dem Ort, der mich sozialisiert hat, und mit immer klarer, warum ich das tue. Zwei Dinge geh\u00f6ren da zusammen, das Unbehagen in einer Kultur, die ich immer irgendwie als fremd empfunden habe und die Sehnsucht nach einer Kultur, die mehr eine Heimat w\u00e4re.<\/p>\n<h2 class=\"western\">Indien<\/h2>\n<p lang=\"de-DE\">Indien war immer dieser Sehnsuchtsort, und da bin ich wahrlich nicht der Einzige. Es ist nat\u00fcrlich die Suche nach Spiritualit\u00e4t, die Menschen wie mich nach Indien bringt. Mutter Indien ruft und tr\u00e4gt. Das Abenteuer, das einen hier erwartete, ist schier unbegreiflich. Es kann kaum begriffen werden, weder durch den Akt des Greifens noch durch den Akt des Begreifens. Die Welt als solche zeigt sich als eine andere. Die europ\u00e4ischen Traditionen der christlichen Religion, des Okkultismus, Exorzismus, Aufkl\u00e4rung, Empirismus, Romantizismus, Transzendentalismus, Modernismus, Postmodernismus, etc. greifen hier nicht. Sie werden wahrgenommen als m\u00f6gliche Sichtweisen, aber nicht mehr.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">In der indischen Spiritualit\u00e4t geht es um ein synthetisches Verst\u00e4ndnis des Lebens. Es geht nicht prim\u00e4re um ein wissenschaftliches Bild, um die Erkl\u00e4rung der materiellen Welt, oder der Konstruktion einer Simulation. Im Zentrum steht in Indien die Frage nach dem Bewusstsein. Bewusstsein ist Ausgangspunkt von allem. Es hat seinen Ausgangspunkt in Bewusstsein an sich. Es ist eigentlich evident, dass Bewusstsein an sich existieren muss, ich habe eins, der oder die Lesende hat eins, wir k\u00f6nnen uns mit anderen Bewusstseinen austauschen. Warum f\u00e4llt es im Westen so schwer, das zu akzeptieren? (Husserl war recht nah dran) Aber warum wird die Feststellung dieser Tatsache als spekulativ gebrandmarkt? Blo\u00df, weil es sich dem kleingeistigen Paradigma der Wissenschaftlichkeit entzieht? Es ist nicht viel mehr so, dass nur das, was ich in meinem Bewusstsein finde, irgendeine Art von Relevanz hat? Ist das nicht, warum der Westen die sogenannte Kultur so feiert. Sie ist aber objektiviert, l\u00e4dt nicht zu einem ernsthaften Austausch \u00fcber unsere eigene Existenz ein, sondern zu einer diskursiven Reflexion. Sie ist repr\u00e4sentativ, sie repr\u00e4sentiert etwas als etwas anderes und sie wird genutzt um zu repr\u00e4sentieren, das hei\u00dft Macht und Ohnmacht zu kommunizieren.<\/p>\n<h2 class=\"western\">Abenteuer<\/h2>\n<p lang=\"de-DE\">Es ist dieses Abenteuer des Bewusstseins, das das Reisen im indischen Kosmos so faszinierend macht. Nat\u00fcrlich muss man seinen Skeptizismus z\u00e4hmen und das \u00f6ffnet sofort Pforten f\u00fcr alle m\u00f6glichen Arten der Weltsicht. Viele sind mir sehr fremd. Sie haben aber eine subjektive G\u00fcltigkeit. Es w\u00e4re anma\u00dfend, mein Bewusstsein, \u00fcber das eines anderen stellen zu wollen. Die Widerspr\u00fcche, die das erzeugt, gilt es erst mal auszuhalten. Das ist nicht einfach und ruft eine gro\u00dfe Anzahl von Krisen in mir hervor. Krisen im Sinne einer Orientierungslosigkeit und einer Unruhe und Ungeduld. Das sch\u00f6ne ist aber, dass sich diese Krisen schnell umformen lassen in Chancen. Es sind Einladungen zu Meditation. Ein Abenteuer der inneren Synthese.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Diese Synthese ist aber nur m\u00f6glich, wenn ich mir eingestehe, dass meine Existenz nicht nur aus rationalem Bewusstsein besteht. Ich einen materiellen und biologischen K\u00f6rper, einen Lebensgeist und rationales Denken, ich habe eine Weltsicht und bin der Erfahrung des Sublimen f\u00e4hig. Ich kann h\u00f6here Bewusstseinsstufen erreichen, die sich \u00fcber das Reiz-Reaktionsschema hinaus bewegen. Und ich kann mich der gro\u00dfen Frage nach unserer Existenz n\u00e4hern. Ich kann sie nicht beantworten, mich aber in ihrer N\u00e4he aufhalten. Viele Fragen, die sich dem rationalen Geist als Dilemma darstellen, sind auf anderen Ebenen meiner Existenz nahezu irrelevant, oder l\u00f6sen sich dort gar auf.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Dieses Abenteuer wird m\u00f6glich durch eine ganze Reihe verschiedener Wissenssysteme, die ihren Ursprung in der Vorzeit haben, also der Zeit vor der Schriftsprache. Das Komplexe System der Vedas w\u00fcrde ja nicht \u00fcber Nacht geschrieben. Es gilt, dass sich das darin enthalte Wissen den Rishis offenbart hat. Und egal wie skeptisch man dieser Vorstellung gegen\u00fcber sein mag, eine ganz zentrale Frage bleibt. Wo kommt die Vorstellung einer Sch\u00f6pfung her? Und noch wesentlich bedeutender, was ist die Sch\u00f6pfung? Wie konnten am Anfang der Geschichte, der geordneten Zeit, so komplexe Wissenssysteme entstehen? Was sieht die Sicht nach innen? Wer h\u00f6rt beim H\u00f6ren, wer sieht beim Sehen?<\/p>\n<h2 class=\"western\">Tempel<\/h2>\n<p lang=\"de-DE\">Ich habe beschlossen, mich der indischen Kultur durch die Tempel zu n\u00e4hern. Sie sind unendlich komplex und ich muss mir gegen\u00fcber geduldig sein. Es braucht mehrere Leben um hier auch nur die Oberfl\u00e4che zu kratzen, dennoch m\u00f6chte ich versuchen, eine Ann\u00e4herung zu versuchen und festzuhalten. Es wird dilettantisch werden, aber vielleicht gerade deshalb doch auch interessant.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">In den Tempeln vereinigt sich das Wissen der Vedas, der Agamas, Tantras\u2026 Es ist Architecture, Skulptur, Tanz und Musik. Se sind Orte der Anbetung, des Lernens und des Zusammenkommens. Sie sind eingebettet in die \u00d6konomie, \u00d6kologie und Sozialstrukturen. Sie sind verwunden mit der Kosmologie, Meditation, und Spiritualit\u00e4t. Der Bindu, die Mantras, Yantras, Tantras, beschreiben die Beziehung den einzenen Bewusstsein zum gro\u00dfen, zum einen. Einheit und Vielfalt, manifestieren sich im Tempel. Sie sind lebendiger Kern indischer Spiritualit\u00e4t. Viele Traditionen scheinen ungebrochen seit Jahrtausenden zu existieren.<\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">Ich verfolge immernoch mein Projekt Deleuze in Indien zu lesen. Abgesehen von schwierigen Ideen wie der Immanenz bei Deleuze interessiert mich bei Deleuze das Haus in Bezug zur Kunst:<\/span><\/p>\n<p align=\"left\">\u201c<span lang=\"de-DE\">Die Kunst beginnt vielleicht mit dem Tier, zumindest mit dem Tier, das ein Territorium absteckt und eine Behausung errichtet (beides erga\u0308nzt sich oder verschmilzt bisweilen im sogenannten Habitat). Mit dem System Territorium\/ Haus vera\u0308ndern sich viele organische Funktionen &#8211; Sexualita\u0308t, Zeugung, Aggressivita\u0308t, Nahrung; aber nicht diese Vera\u0308nderung erkla\u0308rt das Auftreten von Territorium und Behausung, eher umgekehrt: <\/span><span lang=\"de-DE\"><b>das Territorium impliziert die Emergenz von reinen sinnlichen Qualita\u0308ten, sensibilia, die nicht la\u0308nger blo\u00df funktional sind, statt dessen Ausdrucksmerkmale werden und darin eine Transformation der Funktionen ermo\u0308glichen.<\/b><\/span><span lang=\"de-DE\"> Gewi\u00df ist diese Expressivita\u0308t bereits weit im Leben verstreut, und man kann sagen, da\u00df schon die Feldlilie den Ruhm der Go\u0308tter preist. Doch erst mit Territorium und Haus wird sie konstruktiv und errichtet die rituellen Monumente einer Tier-Messe, die die Qualita\u0308ten feiert, bevor sie aus ihnen neue Kausalita\u0308ten und Finalita\u0308ten gewinnt. Diese Emergenz ist bereits Kunst, nicht nur in der Behandlung a\u0308u\u00dferlicher Materialien, sondern in den Stellungen und Farben des Ko\u0308rpers, in den Gesa\u0308ngen und Schreien, die das Territorium markieren.\u201d (<\/span>Deleuze, Gilles, F\u00e9lix Guattari, 2003. <i>Was ist Philosophie?<\/i> p.218)<\/p>\n<p align=\"left\"><a name=\"tw-target-text\"><\/a><span lang=\"de-DE\">Mich fasziniert bei Deleuze, dass seine Philosophie im wesentlich beschreibt, wie Ideen in Existenz treten. Sie treten aus der <\/span>Implizitheit,<span lang=\"de-DE\"> der Immanenz heraus. Ideen werden aktiv, sie fliegen, bilden eine Fluglinie und verbinden sich so. Sie erzeugen Komplexit\u00e4t. Diese Art zu denken, die ohne eine Axiomatik auskommt und ohne Ideologie scheint mir strukturell sehr \u00e4hnlich zu dem Denken der Upanischaden. Brahman entfaltet sich selbst um sich erfahren zu k\u00f6nnen. Wo anders als im Tempel lie\u00dfe sich das am besten erfahren?<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">Ich sitzt also viel in Tempeln, h\u00f6ren den Ges\u00e4ngen zu, beuge mich vor der Verg\u00e4nglichkeit, indem ich Asche auf mein Haupt schmiere. Aus der inneren Kammer <\/span><span lang=\"de-DE\">Garbhagriha<\/span><span lang=\"de-DE\"> breitet sich die Vibration aus und manifestiert sich im Bildern an den W\u00e4nden der Tempel. Die <\/span><span lang=\"de-DE\">Garbhagriha wird nur vom Priester betreten, er rezitiert die Mantras f\u00fcr die Gl\u00e4ubigen. Die Glocke, die R\u00e4ucherst\u00e4bchen, die Waschung und Bettung der G\u00f6tter, all diese geschieht in der Garbhagriha. Hier ist der Ursprung. \u201e<\/span><span lang=\"de-DE\"><b>das Territorium impliziert die Emergenz von reinen sinnlichen Qualita\u0308ten, sensibilia, die nicht la\u0308nger blo\u00df funktional sind, statt dessen Ausdrucksmerkmale werden und darin eine Transformation der Funktionen ermo\u0308glichen.<\/b><\/span><span lang=\"de-DE\">\u201c (s.o.)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Jahr Auroville: Ein eindringlicher Bericht \u00fcber die Transformation und die Suche nach Spiritualit\u00e4t in Indien. 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