{"id":4572,"date":"2023-09-11T08:41:42","date_gmt":"2023-09-11T03:11:42","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=4572"},"modified":"2024-07-17T22:17:37","modified_gmt":"2024-07-17T16:47:37","slug":"gespraeche-mit-der-ki","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/gespraeche-mit-der-ki\/","title":{"rendered":"Gespr\u00e4che mit der KI"},"content":{"rendered":"<p>Neulich stolperte ich wieder \u00fcber David Hume. Ich erinnere mich, wie intensiv das Studium seiner Schriften in Heidelberg war. Wir sind da sehr tief in den Text reingegangen, sehr akribisch und systematisch. Es war das Gegenteil jener angloamerikanischen Ideengeschichtsvorlesungen. Ich stolperte also \u00fcber den Begriff des Geschmacks bei Hume, als Kern seiner \u201a\u00e4sthetischen\u2019 Theorie. Ich dachte an Rasa und begann ein <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/unterhaltung-mit-ki-david-hume-immanuel-kant-abhinavagupta-bharata-muni-zeami-motokiyo-gilles-deleuze-und-ein-brahman-priester-ueber-kunst-art\/\">Gespr\u00e4ch mit der KI.<\/a> Gr\u00f6\u00dfere Zusammenh\u00e4nge wurden mir klar, Linien, die ich nie gesehen hatte. Jedoch war ich etwas entt\u00e4uscht von der Oberfl\u00e4chlichkeit. Wenn ich das Gespr\u00e4ch aber mit anderen Gespr\u00e4chen, die ich mit Menschen bei einem Abendessen hatte, vergleiche, so war es aber doch eines der Interessanteren.<\/p>\n<p>Ich wollte es also etwas genauer wissen und schlug bei Gilles Deleuze nach. Er nahm ja schon fiktiv an der Unterhaltung mit der KI teil, sein sp\u00e4ter Essay zu David Hume ist allerdings doch auf einem ganz anderen Niveau. Deleuze&#8216; Analyse ist brillant. Er zeigt die volle Kraft von Humes revolution\u00e4rem Ansatz, ein Denken, das empirisch und positivistisch ist, das Kraft des Intellekts, der mit Kausalit\u00e4tsvermutungen arbeitet, und auch mit der Kraft der Assoziation und der Intuition, um zu zeigen, wie der Mensch ein Gedankengeb\u00e4ude errichtet. Dieses Gedankengeb\u00e4ude ist nicht an metaphysischen Konzepten wie Selbst, Gott oder Welt ausgerichtete, sondern zeigt auf, wie sich Denken selbst bewegt und entfaltet. Es wird schnell klar, warum Deleuze sich gegen Ende seines Lebens noch einmal David Hume annimmt.<\/p>\n<h2><span lang=\"de-DE\">Dvaitadvaita<\/span><\/h2>\n<p>Mich st\u00fcrzt das aber ein wenig in eine Krise, oder hoffentlich an einen Punkt zu einer neuen Synthese. Denn eigentlich unterscheiden sich Krisen und Neuanf\u00e4nge ja oft gar nicht so sehr. Da ich mich hier an den R\u00e4ndern dessen bewege, was ich denken kann, wird es schwer das zu formulieren. Dennoch ein Versuch: Der Dualismus der westlichen Denktradition ist eine Falle, aus der es schwer ist, sich hinauszubewegen. Das h\u00e4ngt zu einem gro\u00dfen damit zusammen, dass dieser Dualismus dem Selbst eine gro\u00dfe Bedeutung beimisst. Hat man f\u00fcr sich selbst einmal angenommen, das Zentrum der Welt zu sein, seine eigenen Rechte \u00fcber die von allem anderen zu stellen und sie nur Kraft von rationalen Prinzipien wieder einzuz\u00e4unen, so entsteht ein Weltbild, das auf den einzelnen Menschen konzentriert ist, das sich religi\u00f6s in der Leidensgeschichte einzelner Propheten ausdr\u00fcckt. Die Irrungen und Wirrungen dieser Leidensgeschichte sind Teil gro\u00dfer subjektiver Narrative, die sich in der Kunst ausdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Der Weg hieraus ist nicht, den Dualismus einseitig aufzul\u00f6sen, also in eine materialistische Position, oder in eine reine metaphysische Position, sondern in eine Philosophie der Immanenz. Jene Immanenz, also die Vorstellung, dass es nur eine Welt gibt, die in ihrer Komplexit\u00e4t alles enth\u00e4lt, fordert ein neues Denken. Raum und Zeit, Ver\u00e4nderung und Prozess, Relation und Individuum, Unterschied und Wiederholung, Resonanz und Sprache und so vieles mehr, m\u00fcssen neu gedacht werden. Das war das Projekt von Deleuze. Und das ist das auch das Projekt der Upanischaden. Und das ist der Grund, warum ich Deleuze in Indien lese.<\/p>\n<p>Nun lese ich Deleuze Gedanken zu Hume und erinnere mich an mein Philosophiestudium, und die verzweifelten Grabenk\u00e4mpfe im Dualismus. Ich sehe aber, dass Hume und die Veden etwas \u00c4hnliches anstreben. Eine tiefe Einsicht in die Natur des Kosmos, die ohne eine \u00fcbersteigerte Selbst\u00fcberh\u00f6hung des Selbst auskommt. Das mag etwas absurd klingen, da in den Upanischaden Atman, das Selbst als Prinzip, Puruscha als die Urseele, und Brahman als der Sch\u00f6pfer Ausgangspunkt des Denkens sind. Aber genau hier ist auch die Verbindung. Die Upanischaden denken es zusammen, als eine Art Selbstdifferenzierung wie bei Hegel in der Ph\u00e4nomenologie des Geistes. Diese Ausdifferenzierung ist nur m\u00f6glich in einem Denken der Immanenz, hier laufen die unterschiedlichen Denktraditionen \u00fcber die Jahrtausende und Kontinente hinweg zusammen.<\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\">Die Krise, die das f\u00fcr mich ausl\u00f6st, ist also die: Ich verstehe die Perspektive des Empiristen, und die Perspektive der Veden. Beide \u00fcberkommen den Dualismus, in zwei Formen, in einer dualistischen Weise. Und in den Veden spricht man dann von <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/freier-wille\/\">Dvaitadvaita \u2013 dualism-non-dualism<\/a>, also die Dualit\u00e4t von Dualit\u00e4t und Nicht-Dualit\u00e4t. Und w\u00e4hrend ich mich selbst diesem Konzept des Dvaitadvaita ein wenig ann\u00e4here, so entsteht meine Verwirrung, daraus, dass dies mit der Hilfe der KI geschieht.<br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neulich stolperte ich wieder \u00fcber David Hume. Ich erinnere mich, wie intensiv das Studium seiner Schriften in Heidelberg war. Wir sind da sehr tief in den Text reingegangen, sehr akribisch und systematisch. Es war das Gegenteil jener angloamerikanischen Ideengeschichtsvorlesungen. Ich stolperte also \u00fcber den Begriff des Geschmacks bei Hume, als Kern seiner \u201a\u00e4sthetischen\u2019 Theorie. 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