{"id":4382,"date":"2023-08-07T16:53:12","date_gmt":"2023-08-07T11:23:12","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=4382"},"modified":"2023-08-17T22:05:18","modified_gmt":"2023-08-17T16:35:18","slug":"manifst-dance-film-festival","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/manifst-dance-film-festival\/","title":{"rendered":"Manifest Dance-Film Festival"},"content":{"rendered":"<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Liberation Sans, serif;\"><span style=\"font-size: xx-large;\"><b>Manifest<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Dance-film festival <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\"><span lang=\"de-DE\"><i>28 Jul 2023<\/i><\/span> <span lang=\"de-DE\"><i>to 30 Jul 2023<\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\"><span style=\"color: #000080;\"><u><a href=\"https:\/\/auroapaar.org\/festival\/\"><span lang=\"de-DE\">https:\/\/auroapaar.org\/festival\/<\/span><\/a><\/u><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Was hat sich da eigentlich manifestiert? Die bewegten Bilder, die aus den latenten Bildern entstanden und in ihrer Abfolge von wenigsten 24 Bildern pro Sekunde zum \u201aLeben erweckt\u2018 werden, diese Bilder von T\u00e4nzern, die ihrem Genre nach schon am Anfang der Cinematographie standen, diese Bilder zeigten sich auf den Dance-Film Festival Manifest vom 28 bis 30 Juli 2023 in der Alliance Fran\u00e7aise in Pondicherry.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">W\u00e4hrend den 2,5 Tagen Festival im Veranstaltungsraum der Alliance Fran\u00e7aise, wurden 40 Kurzfilme gezeigt. Eigentlich wollte ich nur mal kurz vorbeischauen und das ersten Set von Filmen \u201aunterst\u00fctzten\u2018, da ich wei\u00df, dass die oft nicht gut besucht sind. Ich blieb 2,5 Tage und schaute mit jeden Film an, jede Live Performance und besuchte, soweit das Programm dies zuliess, die Meisterklassen. Ich war wie elektrisiert. Ein so intensives Kunsterlebnis kenne ich eigentlich nur von gro\u00dfe Biennalen oder Medienfestivals. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Ich fragte mich immer wieder, was sich hier manifestiert. Verschieden Medientheorien kamen mir in den Sinn: Dziga Vertovs Kinoeye und die universale Sprache des Films, die an keine Sprache gebunden ist und es der Welt erm\u00f6glicht, sich im Sinne einer proletarischen Revolution zu vereinen. Oder Godards ber\u00fchmtes Zitat, dass die Wahrheit aus 24 Bildern pro Sekunde besteht, und die daraus abgeleiteten medienkritischen Theorien, die sich mit Fiktionalit\u00e4t, L\u00fcgen und Repr\u00e4sentation besch\u00e4ftigen. Und nat\u00fcrlich Gilles Deleuze und seine Hommage an Henri Bergsons Theorie des Cinematografen. Deleuze kehrt Bergson Kritik des Films in einem Lobgesang, indem er die technische Qualit\u00e4t, den Filmschnitt als aktives Denken, als reine Philosophie versteht. Doch all dies, selbst die Theorie den Bewegtbildes, schienen mir das Ph\u00e4nomen dieses Tanzfilmfestivals nicht zu greifen. <\/span><\/p>\n<h2 class=\"western\" align=\"left\">Ein neues Genre?<\/h2>\n<p class=\"western\" align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Die Organisatoren stellten durch ihre Arbeit die Frage, ob sich hier ein neues Genre formiert. Was ist ein Genre? Was formiert sich in welcher Manifestation? Tanz! Eine archaische Ausdrucksform, die bis ins Tierreich zur\u00fcckgeht, und zugleich eine der komplexesten, da sie den ganzen K\u00f6rper als Ausdrucksmedium versteht. Tanz ist eine Bewegung eines K\u00f6rpers im Raum. Die Verbindung von K\u00f6rper, Raum und Zeit, verwoben durch Rhythmus ist vielleicht eine der komplexesten und herausforderndsten Ausdrucksformen f\u00fcr ein 2-dimensionales, linearen Medien wie den Film. Die vorgegebene Kameraperspektive, der Rahmen des Bildes, die technische Struktur des Apparates, all dies arbeitet Tanz entgegen. Und so waren f\u00fcr mich Tanzfilme eigentlich immer experimentell oder banal. Banal, wenn es einfach eine Aufzeichnung einer Auff\u00fchrung war, experimentell, wenn durch Schnitt und Montage einzelne Segmente eines sonst kontinuierlichen Ausdrucks erweitert und kontextualisiert werden und oft in einer recht kryptischen Sequenz von Bewegungsintervallen endeten, die nur Eingeweihten erschlie\u00dfbar war.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Vielleicht fange ich ganz konkret an, mit dem Ort, an dem dies alles stattfindet. Ein Veranstaltungsraum, der sich wundervoll als Kino eignet. Eine B\u00fchne davor. Das Festival ist in Pondicherry, eine ehemalige franz\u00f6sische Kolonie in Indien, diesem farbenfrohen Subkontinent mit unz\u00e4hligen Sprachen und Traditionen. Dieser multikulturelle Subkontinent, der recht willk\u00fcrlich von den Briten 1947 durch eine nationale Grenze vereint wurde, hat als eine ihrer zentralen, einenden Kulturformen den Tanz ausgew\u00e4hlt. Getanzt wird viel, auf Hochzeiten und auf Tempelfesten, in Bollywood und auf Dorffesten. Tanz ist in Indien in vielen Bereichen der Gesellschaft allgegenw\u00e4rtig. Umso erstaunlicher war es zu sehen, dass im Programm des Festivals keine gr\u00f6\u00dferen indischen Produktionen vertreten waren. Tanz war live auf der B\u00fchne. Das sagt viel, doch dazu sp\u00e4ter mehr.<\/span><\/p>\n<h2 class=\"western\" align=\"left\">Rasa<\/h2>\n<p class=\"western\" align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Die Wurzel indischer \u00c4sthetik liegt im Begriff von Rasa, oftmals als Geschmack \u00fcbersetzt, aber weniger im Sinne eines Kunstgeschmacks, sondern ganz konkret im Sinne der Geschmackssinne. Die Aktivierung der inneren Sinne, die den Sinneseindr\u00fccken eine Art Qualit\u00e4t gibt. Die nach au\u00dfen gerichteten Sinne sehen, tasten oder h\u00f6ren ETWAS, richten sich auf ETWAS. Der Geschmack von s\u00fc\u00df oder sauer ist eher eine Eigenschaft ETWAS schmeckt <\/span><span lang=\"de-DE\"><b>s\u00fc\u00df<\/b><\/span><span lang=\"de-DE\"> oder <\/span><span lang=\"de-DE\"><b>sauer<\/b><\/span><span lang=\"de-DE\">, es hat die <\/span><span lang=\"de-DE\"><u>Eigenschaft<\/u><\/span><span lang=\"de-DE\"> s\u00fc\u00df oder sauer zu sein. Diesen Eigenschaften korrespondiert eine innere sinnliche Erfahrung. Diese l\u00e4sst sich \u00fcbertragen durch die Ausdruckskraft von Theater, Poesie, Musik und Tanz. Im <\/span><a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/na%e1%b9%adyasastra\/\"><i>Natya shastra <\/i><\/a>gibt es die vier Grundprinzipen Liebe\/Erotik (\u015a\u1e5bng\u0101ram), Heldentum (V\u012bram), Wut (Raudram) und Ekel (B\u012bbhatsam<i>). <\/i>Jemand liebt, ist ein Held, ist w\u00fctend oder angeekelt. Das ganz wird beliebig komplex, die emotionalen Eigenschaften differenzieren sich aus, ihnen werden Farben und Kost\u00fcme zugeordnet und ihren Kr\u00e4ften korrespondieren G\u00f6tter, und kulminiert im Tanz.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\">Mir kommt es an dieser Stelle nur darauf an festzuhalten, dass im Kern dieser \u00c4sthetik, die bis heute Grundlage traditionellen Tanzes in Indien ist, der innere Gef\u00fchlszustand steht. Dieser Gef\u00fchlszustand wird verk\u00f6rpert und manifestiert sich durch die Darsteller und evoziert im Betrachter das gleiche Gef\u00fchl. Dies ist Basis \u00e4sthetischer Theorie in Indien.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\">Sie steht der Tradition europ\u00e4ischer \u00c4sthetiken seit Platon, mit ihrem Fokus auf Repr\u00e4sentation, entgegen. Diese <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/fokuspunkt\/\">retinale<\/a> Kunstauffassung, der Idee also das sich die Kunst im Auge abspielt, brachte die Zentralperspektive, den Photoapparat und den Cinematografen hervor.<\/p>\n<h2 class=\"western\" align=\"left\">Bewegte Bilder<\/h2>\n<p class=\"western\" align=\"left\">Was passiert also, wenn sich das Auge der Kamera auf die T\u00e4nzer richtet? Wie \u00fcbertr\u00e4gt sich der Ausdruck eines T\u00e4nzers auf der Leinwand? Welche neuen Narrationsformen erschlie\u00dfen sich durch den Schnitt und die Montage? Walter Benjamin sah in seinem Essay \u201eDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit\u201c 1935 den Verlust der Aura durch die neuen Medien wie Rundfunk und Film keineswegs nur negativ. Der Schnitt und die Montage befreiten die \u201adarstellenden\u2018 K\u00fcnstler aus den Zw\u00e4ngen eines Theaterraums, und erm\u00f6glichten das zu visualisieren, was sonst nur in der Imagination evoziert werden konnte. Mir scheint dieser historische Ansatzpunkt bei der Frage nach einem neuen Genre des Tanzfilms vielversprechend zu sein. Das Theater hat sich durch den Film in gewisser Hinsicht befreit, es wurde in den USA z. B. nahezu vollst\u00e4ndig durch die Filmtheater ersetzt. Bezeichnenderweise entzogen sich die Broadwaytheater, die Musicals also, die Tanz als eines ihrer zentralen Prinzipien bewahren, diesem Trend. Sie sind bis heute popul\u00e4r. Die Erfahrung von Tanztheater als Live Erfahrung hat einen hohen Stellenwert in fast allen Kulturen, die eine B\u00fchnenkultur besitzen. Selbst die Musikvideos von MTV konnten daran nicht viel \u00e4ndern.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\">Was auf Manifest sichtbar wurde, ist kein neues Ph\u00e4nomen. Der Fokus von Manifest war aber bewusst auf der Verschmelzung von Filmkunst und Theater gerichtet. Strategisch richtig war die Entscheidung, nur Filme zuzulassen, die das Medium Film bewusst in seiner k\u00fcnstlerischen Ausdruckskraft ausreizen. So wurde etwas konzentriert und sichtbar. Vielleicht in neues Genre. Es ist etwas anderes als \u201eSinging int the Rain\u201c oder Wim Wenders Dokumentarfilm \u201ePina Bausch\u201c, es sind auch nicht Michel Jacksons MTV Videos, oder Bollywoods \u201eDilwale Dulhania Le Jayenge\u201c. Man k\u00f6nnte sagen, die 40 Filme, die auf dem Festival ausgesucht wurden, waren Kurzfilme, die als Sprache Tanz gew\u00e4hlt haben. Eine internationale Sprache ohne Wort, so wie Dziga Vertov es forderte, und eine Sprache, die den Kern der bewegten Bilder kontrastiert, n\u00e4mlich die Sprache der Bewegung. W\u00e4hrend Bergson und Godard den Cinematografen der L\u00fcge bezichtigen, und Deleuze die Wahrheit rein in der materialisierten Form des Denkens im Film identifiziert, versucht der Tanzfilm das Unm\u00f6gliche, die Quadratur des Kreises: die Konzentration von Film auf Bewegung als Sprache im 3-dimensionalen Raum. Diese restriktive Fokussierung kommt einem Manifest gleich, so wie es die zahlreichen Kunststr\u00f6mungen der Avantgarde hervorgebracht hat.<\/p>\n<h2 class=\"western\" align=\"left\">Raum und Leinwand<\/h2>\n<p class=\"western\" align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Spannend waren die Experimente der Hybriden Filme des Incubator Labs. Tanzchoreografien wurden im Filme umgesetzt und auf der B\u00fchne aufgef\u00fchrt. Es ging vor allem darum, den Unterschied als Publikum zu f\u00fchlen. Was ist gleich und was anders? Was funktioniert und was nicht? Die Produktionen waren kleinere Experimente, die zur Reflexion einluden.<\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Der Katalog der Festivals ist hier abrufbar: <\/span><span style=\"color: #000080;\"><u><a href=\"https:\/\/auroapaar.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/MANIFEST-2023-CATALOG.pdf\"><span lang=\"de-DE\">https:\/\/auroapaar.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/MANIFEST-2023-CATALOG.pdf<\/span><\/a><\/u><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Ein Blick hierein lohnt sich, mir gefielen die Filme auf den folgenden Seiten sehr gut: 9, 10, 12, 14, 15, 16, 19, 25, 26, 29, 30, 32, 34, 35, 37, 41, 42, 56<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_4389\" aria-describedby=\"caption-attachment-4389\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\"  decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4389\" src=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_20230728_202036-500x326.webp\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_20230728_202036-500x326.webp 500w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_20230728_202036-1024x668.webp 1024w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_20230728_202036-150x98.webp 150w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_20230728_202036-768x501.webp 768w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_20230728_202036-1536x1003.webp 1536w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_20230728_202036-2048x1337.webp 2048w, https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_20230728_202036-600x392.webp 600w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4389\" class=\"wp-caption-text\">Alliance Francasie Pondicherry<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manifest Dance-film festival 28 Jul 2023 to 30 Jul 2023 https:\/\/auroapaar.org\/festival\/ Was hat sich da eigentlich manifestiert? 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