{"id":4125,"date":"2023-05-27T21:57:17","date_gmt":"2023-05-27T16:27:17","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=4125"},"modified":"2025-08-24T10:18:34","modified_gmt":"2025-08-24T04:48:34","slug":"warum-bist-du-hier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/warum-bist-du-hier\/","title":{"rendered":"Warum sind wir eigentlich hier? &#8211; Die Bedeutung von Sinn und Gemeinschaft in der Stadt"},"content":{"rendered":"\n<p>Vor einigen Jahren hatte ich in meinem Seminar einen Gastk\u00fcnstler. Ein junger, erfolgreicher, sozial engagierter K\u00fcnstler, der etwas ver\u00e4ndern wollte. Er kam in unser Seminar, wir sa\u00dfen alle in einem Kreis, und er fragte jede Student:in warum er\/sie hier sei. Es war ein Seminar auf einem Campus einer Kunstuniversit\u00e4t f\u00fcr ein Auslandssemester, und so erz\u00e4hlten die Student:innen sie seien hier wegen der Kultur, oder der Erfahrung, um Frankreich kennenzulernen etc&#8230; aber er, der Gastk\u00fcnstler, lies diese Antworten nicht gelten, fragte weiter: Sei ehrlich, warum bist DU hier? oder: Mach dir nichts vor warum bist du HIER? oder: geh ein bisschen tiefer: WARUM bist du hier? Jeder musste sich dieser Frage stellen. Ich lernte vor allen, wie schwierig es ist, diese Frage ernsthaft zu stellen. Dass es nicht leicht ist, die Frage zu beantworten ist, ist ja eh klar.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir alle sollten uns immer wieder mal diese Frage stellen. Warum sind wir eigentlich hier? Je nach Kontext gewinnt die Frage nat\u00fcrlich andere Dimensionen: politisch, sozial, \u00f6konomisch, pers\u00f6nlich, perspektivisch, kollektiv etc&#8230;. Am Ende aller kontextuellen Fragen bleibt aber die nackte Frage. Es ist Frage nach dem Sinn des Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun rennen viele Menschen \u2013 gefangen in Alltagszw\u00e4ngen, aus denen es sehr schwierig zu entkommen zu sein scheint \u2013 einem Leben hinterher, das durch Konventionen oder medial vermittelte Konsumwelten bestimmt ist. Ich m\u00f6chte das an sich gar nicht bewerten, das steht niemanden zu. Letztlich muss das jede f\u00fcr sich entscheiden, solange &#8230; und hier kommt nun die Frage, auf die ich hinaus m\u00f6chte, solange die Gemeinschaft nicht leidet. Gemeinschaft ist nun etwas salopp gesagt, das kann vieles hei\u00dfen, und das ist auch gut so. Es gibt aber eine Struktur, die seit der Antike immer wieder als Model herangezogen wird, das ist die <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wie-baut-man-eine-stadt\/\">Stadt<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Stadt<\/h3>\n\n\n\n<p>Wie soll eine Stadt aussehen, wie soll sie organisiert sein, wer \u00fcbernimmt welche Aufgabe, gibt es dort Regeln, wenn ja, wie werden die von wem gemacht f\u00fcr wen und warum? Denn in einer Stadt leben Menschen zusammen, in einer Arbeitsteilung, die nicht <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/marx\/\">entfremdet<\/a> sein soll. Jede soll dort ihren Platz finden, der ihren F\u00e4higkeiten und Erwartungen an ein gutes Leben gerecht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lekture von <a href=\"https:\/\/archive.org\/details\/A.K.Coomaraswamy\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">A. K. Coomaraswamy<\/a> hat mich heute wieder mit diesem Gedanken konfrontiert, er fragt in einem Essay nach der Zivilisation. Platon kam zu dem Schluss, dass letztlich nur ein Philosophenk\u00f6nig wisse, was f\u00fcr die Gemeinschaft und die Stadt gut sei, denn nur er oder sie, die Philosophenk\u00f6nigin w\u00fcrde sich losgel\u00f6st von Machtinteressen und pers\u00f6nlichem Vorteil um die Bewohnerinnen k\u00fcmmern k\u00f6nnen. Nur sie k\u00f6nnte sicherstellen, dass die inneren Werte eines jeden sich frei entfalten k\u00f6nnen. Das klingt sehr verkopft, und auch ziemlich autorit\u00e4r, selbst wenn der Philosophenk\u00f6nig Autorit\u00e4t verbieten w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kapitalismus wird das alles \u00fcber das Einkommen gesteuert. Angebot und Nachfrage bestimmen, wer wie viel bekommt und wer wo einen Platz findet. Aber ist das dann auch der Platz, der bei der Frage danach, warum Du hier bist, auch der richtige ist? Ist die Frage nach dem Platz \u00fcberhaupt so wichtig? Dabei geht es in der Welt der Werbung nur darum, wie Du Deinen Platz durch mehr Konsum verbessern kannst. Das nervt inzwischen sehr viele und es ist auch klar, dass der Planet das nicht mehr lange mitmacht, und die KI das wahrscheinlich auch nicht l\u00f6sen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Demokratie, das kleinste \u00dcbel, hat auch keine wirklich Antwort, es ist ein ewiger Verhandlungsprozess, der sich nach Mehrheiten richtet. Das ist gut f\u00fcr die Mehrheit, und das ist schon mal nicht wenig. Moderne Demokratien sind zudem von Prinzipien geleitet. Die stehen in der Verfassung, und k\u00f6nnen nur von Supermehrheiten, oder gar nicht mehr ver\u00e4ndert werden. Es mag daf\u00fcr gute Gr\u00fcnde aus den Lehren der Geschichte geben. Eine echte Antwort darauf, warum Du hier bist, ist das aber auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Auroville<\/h3>\n\n\n\n<p>Nun k\u00f6nnte der Einwand gemacht werden, dass das ja eigentlich eine recht pers\u00f6nliche Frage ist, die politisch oder gesellschaftlich gar nicht gekl\u00e4rt werden muss. Dass die Stadt ja nur die Rahmenbedingungen liefern muss, damit sich jede dann dort ganz privat dieser Frage stellen kann, sich sein eigenes <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/haus\/\">Haus<\/a> bauen oder suchen kann. Das ist pragmatisch, aber keine Antwort. Es wird deutlich, die Frage ist alles andere als trivial. Und als, derjenige, der diese Zeilen schreibt, also ich, der Autor, m\u00f6chte eigentlich auch nicht, dass irgendjemand diese Frage f\u00fcr mich beantwortet. Ich m\u00f6chte aber in einer Stadt leben, wo diese Frage im Zentrum steht. Wo jede sich diese Frage stellen darf, kann und soll. Diese Stadt hei\u00dft Auroville, und ist alles andere als perfekt, gerade jetzt im Jahr 2023.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Stadt ist f\u00fcr alle da, hat als Ideal keine Gesetzte oder Kapital und kommt auch ohne Werbung aus. Die einzige Bedingung, die diese Stadt stellt, ist, dass sich jede Bewohnerin als Dienerin des g\u00f6ttlichen Bewusstseins versteht. F\u00fcr Einsteiger kann man da bei Mirra Alfassa oder Sri Aurobindo nachlesen, was das hei\u00dfen k\u00f6nnte. Muss man aber nicht. Jede kann das f\u00fcr sich entscheiden, solange es keine organisierte Religion ist. Diese Einschr\u00e4nkung ist wichtig, und verweist auf die Ausgangsfrage: warum bist Du hier? Warum bist Du in diesem Leben? Die ganze Stadt existiert eigentlich nur, um diese Frage zu beantworten. Sie ist ein riesiges Labor, eine lebendige Universit\u00e4t ohne Verwaltungsstrukturen. Alles wird aus dieser Frage motiviert. Das eigene Leben ist in einem Akt der Hingabe als Voluntariat an eine gro\u00dfe Idee ausgerichtet. Denn die Frage: Warum bist du hier? beinhaltet ganz wesentliche Begriffe. 1.) Ein Du oder impliziertes ich, das 2.) existiert, 3.) einen physikalischen Ort hat, 4.) als Frage eine Antwort einfordert und damit einen Akt der Reflexion, 5.) schlie\u00dflich in Sprache formuliert ist. All dies verweist auf ein Bewusstsein, das \u00fcber sich selbst hinausw\u00e4chst. Ein Selbstbewusstsein, das sich auf seine eigene Existenz hin befragt, und wenn es das authentisch, aufrichtig, und mit Ausdauer tut, dann f\u00fchrt das auf einen spirituellen Pfad. Das ist der Sinn hinter der Einschr\u00e4nkung, dass jeder sich als Deiner des g\u00f6ttlichen Bewusstseins verstehen soll. Und deshalb gibt es auch keinen Platz f\u00fcr Religion. Es gibt einen Raum f\u00fcr Meditation, der ist offen und frei, und jeder mag da tun, was er\/sie will. Meditation, oder Konzentration, ist immer und \u00fcberall m\u00f6glich, hat aber auch einen besonderen Raum in Auroville, n\u00e4mlich das Zentrum. Dieser Raum ist weitestgehend leer, soweit es Leere \u00fcberhaupt gibt. Der Raum ist schlicht und ist im Matrimandir.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich h\u00f6re manchmal die Idee Auroville zu exportieren, auf der ganzen Welt viele kleine Aurovilles, also Communitys zu gr\u00fcnden und so etwas in der Welt beizutragen, das versucht solche wichtigen Freir\u00e4ume zu schaffen. Geht das? Wie unterscheidet sich das von K\u00fcnstlerd\u00f6rfern, selbstverwalteten Bauernh\u00f6fen, Kibbuz oder revolution\u00e4ren Kommunen? Auroville ist eines der ganz wenigen Experimente, das es \u00fcber die erste Generation hinaus geschafft hat. Auroville steht im Moment aber vor seiner gr\u00f6\u00dften Herausforderung und Bedrohung. Alte gewachsene verkrustete Strukturen werden brutal durch neue \u00e4u\u00dfere Strukturen aufgebrochen. Das ist unglaublich schmerzhaft. Diversit\u00e4t in Einheit, das Motto Auroville&#8217;s, scheint zentrifugalen Fliehkr\u00e4ften ausgesetzt zu sein. M\u00f6gen nicht mehr fehlgeleiteten Interessen die Gunst der Stunde daf\u00fcr nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Text geht es um die Frage nach dem Sinn des Lebens und wie eine Stadt organisiert sein sollte, um den Bed\u00fcrfnissen ihrer Bewohner gerecht zu werden.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4143,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","footnotes":""},"categories":[2,374,375],"tags":[156,35,57,44,14,20,135,234],"class_list":["post-4125","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-bewusstsein","category-meditation","category-philosophie","tag-geschichte","tag-ich","tag-jetzt","tag-leben","tag-moderne","tag-religion","tag-selbst","tag-stadt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4125","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4125"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4125\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5564,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4125\/revisions\/5564"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4143"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4125"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4125"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4125"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}