{"id":3690,"date":"2023-04-10T19:52:54","date_gmt":"2023-04-10T14:22:54","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=3690"},"modified":"2023-04-11T08:39:22","modified_gmt":"2023-04-11T03:09:22","slug":"haus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/haus\/","title":{"rendered":"Haus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Art begins not with flesh but with the house. (Deleuze)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich praktiziere nun Meditation. Es hat lange gedauert, mir das einzugestehen. Ich habe das irgendwie schon immer getan, nur wusste ich es nicht. Ich habe wie die meisten Menschen Phasen, in denen ich in mich reinschaue, oder mich auf etwas kontemplativ konzentriere, Phasen, in denen ich versuche meinen Geist zu beruhigen, oder herauszufinden, was dieses Ich in mir eigentlich ist, Phasen, wo ich versuche das zu verstehen, was mein rationaler Geist nicht verstehen kann (z.\u00a0B. die Unendlichkeit, oder den Anfang der Zeit etc.).<\/p>\n<p>Ich habe das getan, wenn ich eine Krise hatte (sei das nun intellektuell, emotional, biografisch\u2026) oder ich tue das, wenn ich mein Bewusstsein kl\u00e4re (wie gekl\u00e4rte Butter) oder schaue, welche Kr\u00e4fte in mir am Wirken sind, so als ob gro\u00dfe Tiere in mir nach vorn und noch oben dr\u00e4ngen, als wenn Pferde und K\u00fche unruhig versuchen sich zu befreien und zum Licht streben.<\/p>\n<h3>Licht<\/h3>\n<p>Im Angesicht des Lichts dann also, wenn der Geist zur Ruhe gekommen ist, der rationale Geist Frieden geschlossen hat mit der Tatsache, nicht alles verstehen zu k\u00f6nnen und doch in der Lage ist, die Welt intuitiv zu erfassen, ein Moment also der Einheit mit der Welt auf einer Bewusstseinsstufe, die den Alltag transzendiert, dort ist das, wof\u00fcr es im Deutsch keine unbelasteten Worte gibt: Wonne, Seeligkeit, im englischen Bliss in Sanskrit Ananda.<\/p>\n<p>Dieser Zustand war mir aber immer irgendwie unheimlich. Denn dort sah ich dann Ph\u00e4nomene, die ich von kitschigen New Age Postkarten kannte, oder von einem Mitbewohner aus meiner Studienzeit in London, der immer auf LSD gemalt hat\u2026 Ich denke, ich tat gut daran, diesen Visionen gegen\u00fcber kritisch zu sein, denn es ist eine etwas effekthascherische Ablenkung des meditativen Bewusstseins. Farbe, Geometrien, Licht, kosmische Weite&#8230; all dies sind sch\u00f6ne Erfahrungen und Bilder, doch f\u00fchren sie nicht weit. Sie lassen das kleine Ego denken, etwas besonders zu sein. Diese Bilder entstehen ja leiht innerhalb einer l\u00e4ngeren Meditation, vor allen im Lotossitz nach einer halben Stunde oder so, wenn also die Beine anfangen einzuschlafen. Wenn der Schmerz der Sitzhaltung nachl\u00e4sst und die Endorphine nun nicht mehr die Reize des K\u00f6rpers kontrollieren m\u00fcssen, sondern frei und wild sich im Bewusstsein austoben k\u00f6nnen, es ist sch\u00f6n, f\u00fchrt aber, wie gesagt, nirgendwo hin. Mir war das also immer suspekt.<\/p>\n<h3>Raum<\/h3>\n<p>Spannender finde ich, wenn in diesem Bewusstsein sich ein Raum \u00f6ffnet und das geistige Auge anf\u00e4ngt, klar zu sehen. Bei geschlossenen Augen meditiert das Bewusstsein auf sich selbst. Es l\u00f6st sich aus dem Reiz-Reaktionsschema, da eigentlich nicht mehr viele Reize da sind (vorausgesetzt die Meditation findet in einem wirklich ruhigen und reizarmen Raum statt). Bewusstsein ist jetzt mit sich allein. Wo will es hin? In die Erinnerung? In das Nachdenken und das Probleme l\u00f6sende Denken? In die Kontemplative Schau? In die Fantasie und Kreativit\u00e4t? In die Gef\u00fchle, das Herz?<\/p>\n<p>Um dem ein wenig zu helfen und zu systematisieren, gibt es das Bild der 7 Chakras (<em>Sahasrara, Ajna, Vishuddha, Anahata, <\/em><em>Manipura<\/em><em>, Svadhisthana, Muladhara<\/em>). Ich kann diese Chakren in der Meditation besuchen und schauen, ob das eine oder andere Chakra ein wenig Aufmerksamkeit ben\u00f6tigt. Eine Art inneres Gleichgewicht kann so hergestellt werden. Auch hier versuche ich die kitschigen Farbkreise zu vermeiden. Ich finde das nicht hilfreich, das mag f\u00fcr andere aber anders sein. Ich schweife aber ab, es gibt viele solcher \u201aTechniken\u2018.<\/p>\n<h3>Konzept, Perzept, Affekt<\/h3>\n<p>Wo will das Bewusstsein hin? Wer oder was ist hinter dem Bewusstsein, wo kommt es her? Gibt es eine Seele? Ist sie unsterblich? Ist sie Teil von etwas Gr\u00f6\u00dferem? Kann ich das Universum, Existenz an sich, mit all ihrer Komplexit\u00e4t und ihrem Facettenreichtum als Einheit denken?<\/p>\n<p>Hier komme ich mit meinen Konzepten an schnell an die Grenzen des Denkbaren (Kants Antinomien). Mein kleines Hirn, wie soll sich das dem n\u00e4hern? Solange ich daran festhalte, dass mein Bewusstsein allein aus Sinneseindr\u00fccken \u2013 Perzepten \u2013 besteht, die aus den Sinnesorganen meines K\u00f6rpers erzeugt werden, kann ich diese subjektive Perspektive nicht verlassen. Meine Intuition und meine Kreativit\u00e4t helfen hier aber weiter. In meinem Bewusstsein gibt es Affekte, es ist affiziert, es agiert. Genau dieses Agieren geleitet von Intuition und Kreativit\u00e4t ist f\u00fcr mich der Schl\u00fcssel f\u00fcr eine tiefe Meditation. Konzept und Perzept haben ihre Rolle und Aufgabe, doch sie sind begrenzt in ihrer Reichweite und ihrem Verst\u00e4ndnisverm\u00f6gen. Affekte jedoch sind anders. Ein Affekt, was ist das?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eBy whom missioned falls the mind shot to its mark? By whom yoked moves the first life-breath forward on its paths? By whom impelled is this word that men speak? What god set eye and ear to their workings?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">That which is hearing of our hearing, mind of our mind, speech of our speech, that too is life of our life-breath and sight of our sight. The wise are released beyond and they pass from this world and become immortal.\u201c (Kena Upanischade)<\/p>\n<p>Wer h\u00f6rt beim H\u00f6ren, wer sieht beim Sehen, wer denkt beim Denken? Eine Lebenskraft, ein Elan Vital, ein Werden (Becoming), eine Ver\u00e4nderung (change)? Wenn sich die Vibrationen der Sinne vermischen (<a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/intermiscence-kena-upanischade\/\">intermiscence<\/a>), entsteht ein Perzept. Wenn sich dieses Perzept ausdr\u00fccken will, so tut es das in Sprache, einer anderen Form von Vibration. Ein Konzept entsteht. Diese Konzepte sind zuweilen abstrakt, sie m\u00f6gen Ideen sein. Diese Ideen sind aber Teil einer anderen Realit\u00e4t. Schon bei Platon f\u00fchrt das zu einem Idealismus, der jedoch im westlichen Rationalismus zu einer Transzendentalphlosophie verk\u00fcmmert.<\/p>\n<p>Bei Deleuze bleiben Konzept, Perzept und Affekt jedoch agil, sie entstehen, wenn der K\u00f6rper mit der Au\u00dfenwelt in eine Begegnung tritt. Konzept, Perzept und Affekt ver\u00e4ndern sich, sind jedoch wiedererkennbar, sie bilden Muster. Sie sind die Grundformen von Vibrationen, also energetische Muster. Sie sind auch bedingt kommunizierbar. Vor allem aber bilden sie einen inneren Raum, der in der Meditation erfahrbar ist.<\/p>\n<p>Raum ist dabei nur bedingt w\u00f6rtlich zu verstehen. In der Meditation ist der Geist frei, sich zu bewegen. Raum und Zeit sind keine Begrenzungen mehr. So wie beim Assoziieren von Gedanken, die Gegenst\u00e4nde der Gedanken nicht mitbewegt werden, so kann im Raum der Meditation der Geist frei von einer Schau zur n\u00e4chsten eilen. Ich denke, das ist, was mit dem Sehen des inneren Auges gemeint ist und was bei manchen bis zu Visionen gesteigert wird.<\/p>\n<h3>Visionen<\/h3>\n<p>Diese Visionen, wie ich das mal altmodisch nennen will, geben Zugang zu mehr als blo\u00df einer inneren Erfahrungswelt. Ein Haus errichtet sich dort, eine Stadt, in der Kr\u00e4fte einfach nur Kr\u00e4fte sind, losgel\u00f6st aus Kausalketten. Es mag da neurochemische Prozesse geben, die ablaufen, wenn der Geist so aktiv ist, und wer mag, der m\u00f6ge doch Reduktion hier vornehmen. Doch ist das eine sehr gewagte Theorie, durch nichts gest\u00fctzt, ist reine Science-Fiction \u2013 denn wir haben es hier bestenfalls mit Korrelationen zu tun, eine Kausalbeziehung ist nicht nachweisbar. Wir wissen ja nicht mal, was das ist, was wir in eine Kausalbeziehung setzen wollen.<\/p>\n<p>Nehmen wir das Bewusstsein doch einfach als das, was es ist: Bewusstsein. Wieso dieser Reduktionismus? Ich reduziere mein Leben ja auch nicht auf Biochemie.<\/p>\n<p>In diesem Bewusstsein also entsteht ein Raum, d. h. eine Architektur. Bei Deleuze klingt das so:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201cInterlocking these frames or joining up all these planes wall section, window section, floor section, slope section- is a composite system rich in points and counterpoints. The frames and their joins hold the compounds of sensations, hold up figures, and intermingle with their upholding, with their own appearance. These are the faces of a dice of sensation. Frames or sections are not coordinates; they belong to compounds of sensations whose faces, whose interfaces, they constitute. But however extendable this system may be, it still needs a vast plane of composition that carries out a kind of deframing following lines of flight that pass through the territory only in order to open it onto the universe, that go from house-territory to town-cosmos, and that now dissolve the identity of the place through variation of the earth, a town having not so much a place as vectors folding the abstract line of relief. On this plane of composition, as on &#8222;an abstract vectorial space,&#8220; geometrical figures are laid out cone, prism, dihe-dron, simple plane-which are no more than cosmic forces capable of merging, being transformed, confronting each other, and alternating; world before man yet produced by man. The planes must now be taken apart in order to relate them to their intervals rather than to one another and in order to create new affects. We have seen that painting pursued the same movement.\u201d (Deleuze: What is Philosophy? p.187)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Art begins not with flesh but with the house. (Deleuze) &nbsp; Ich praktiziere nun Meditation. Es hat lange gedauert, mir das einzugestehen. Ich habe das irgendwie schon immer getan, nur wusste ich es nicht. 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