{"id":3684,"date":"2023-03-30T20:50:05","date_gmt":"2023-03-30T15:20:05","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=3684"},"modified":"2024-07-17T22:17:39","modified_gmt":"2024-07-17T16:47:39","slug":"manifestation-latenter-bilder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/manifestation-latenter-bilder\/","title":{"rendered":"Manifestation latenter Bilder"},"content":{"rendered":"<p><em>Exhibition &#8222;Roots From the Sky&#8220; by Cedric Bregnard at Centre d&#8217;Art, Auroville M\u00e4rz 2023<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Cedric Bregnard ist Artist in Residence at the Centre d\u2019Art in Auroville. Er wird in den n\u00e4chsten 2 Monaten ein Foto vom Banyan Baum im Matrimandirgarten machen. Dieses Foto wird dann auf die Gr\u00f6\u00dfe einer Wand (ca.3x7m) in der Galerie skaliert. Bewohner von Auroville sind eingeladen, Licht und Schatten auf der Rinde, den Bl\u00e4ttern, den Wurzeln, mit Tusche auf der Wand nachzuzeichnen. Was hinter diesem Prozess steckt, ist komplex und ber\u00fchrt das Wesen der Fotografie, die Materialit\u00e4t von B\u00e4umen und die Kraft des Lebens. Der Baum selbst ist das geografische Zentrum von Auroville und stellt f\u00fcr viele Menschen einen ganz besonderen Ort dar, ein Ort der Kontemplation, Konzentration und Meditation. Dieser Baum ist f\u00fcr viele mehr als nur en Sinnbild von Natur, Mensch und Kosmos. Er manifestiert etwas.<\/p>\n<p>Worum geht es also? Fangen wir mit der Fotografie an, denn Cedric Bregnard ist Fotograf. 1998, als Abschlussarbeit seines Studiums an der Ecole de Photographie de Vevey fotografierte Bregnard Verstorbene. Er nahm sich mehrere Monate Zeit, vier Menschen in einer Palliativklinik in der Schweiz auf der letzten Etappe zu begleiten. Sie willigten ein, dass Cedric Bregnard ein Foto von ihnen macht. Nachdem das Leben den K\u00f6rper verlassen hatte, nahm er sich 3 Stunden Zeit allein mit dem Verstorben zu verbringen, eine Art Totenwache, um dann genau ein Foto, das einzige Foto, von dem K\u00f6rper zu machen &#8211; ein Portr\u00e4t. Der Bogen, der hier aufgespannt wird, ist existenziell: Was ist der \u00dcbergang von\u00a0 Leben zum Tod? Was ist ein Portr\u00e4t? Was kann Fotografie darstellen? Was passiert eigentlich genau, wenn ein Foto einen Moment festh\u00e4lt \u2013 technisch, zeitlich, metaphysisch?<\/p>\n<p>Fotografien sind technische Bilder. 1826 gelang Joseph Nic\u00e9phore Ni\u00e9pce da erste Lichtbild. Louis Daguerre entwickelte den fotochemischen Prozess 1839 bis zur Patentreife weiter, und es waren die Br\u00fcder Louis und Auguste Lumi\u00e8re, die 1895 den Kinematografen erfanden. Dieser Apparat erlaubte es, Filme sowohl zu drehen, also auch zu projizieren. Die lebensgro\u00dfen laufenden Bildprojektionen verdr\u00e4ngten die Laterna Magica und die Phantasmagorien.<\/p>\n<p>1907 kritisierte Henri Bergson in seinem Buch Creative Evolution den Kinematografen als einen Apparat, der Trugbilder erzeugt. Die Abfolge von Einzelbildern, die die Illusion von Bewegung erzeugen, seien letztlich eine L\u00fcge. \u00c4hnlich argumentierte schon Platon: Malerei sei L\u00fcge, denn einen gemalten Apfel k\u00f6nne man ja nicht essen. 1985 \u201arettete\u2018 Deleuze das Kino vor dem Vorwurf der L\u00fcge, indem er argumentierte, dass die Kritik zwar richtig sei, aber kurzsichtig. Der Filmstreifen enthielte doch mehr als nur Einzelbilder, er sei nicht die Illusion von Bewegung, sondern reines Denken, sei materielle Philosophie. Die Schnitte und Kollagen lie\u00dfen Gedankenstr\u00f6me zu, die nur dem Film m\u00f6glich sei. Film sei nicht \u201aWahrheit 24-mal pro Sekunde\u2018 (Godard), sondern reine Philosophie. Der Elan Vital (Bergson), d. h. die Lebenskraft, die dem Kinematografen fehle, wird durch die Kraft des Denkens erweitert.<\/p>\n<h3>Latente Bilder<\/h3>\n<p>Cedric Bregnard Performances verhalten sich implizit zu dieser Diskussion, wenn auch mit deutlich anderer Tonlage. Denn es geht darum, wie Fotografie das technische Bild transzendieren kann.<\/p>\n<p>Also noch einmal zur\u00fcck zum Anfang der Lichtbilder. Mithilfe von fotochemischen Verfahren werden Lichtstrahlen eingefangen. Ein latentes Bild entsteht, d. h. es gibt einen Lichtabdruck in einem chemischen Film, der sich auf einem Tr\u00e4germaterial befindet. Sichtbar wird das latente Bild dann, wenn die durch das Licht ver\u00e4nderten durchsichtigen chemischen Verbindungen durch farbige chemische Verbindungen ersetzt werden. Bei Daguerre war das noch Silber auf eine Glasplatte. Durch den Kodakfilm wurde aber das Arbeiten mit Negativen popul\u00e4r und kosteng\u00fcnstig. Die Negative konnten im gro\u00dfen Labor effizient vergr\u00f6\u00dfert werden. Diese Abz\u00fcge bezeichnen wir als allgemein als Fotografien. Es ist also die Natur, die hier \u201amalt\u2018, das Licht wird mithilfe eines Apparates eingefangen und durch Chemie sichtbar gemacht. Der Fotograf w\u00e4hlt lediglich den Ort, die Zeit und den Ausschnitt.<\/p>\n<p>Bei Bregnard\u2019s Prozess und seine Leistungen gibt es eine ganz wesentliche Verschiebung innerhalb dieses \u201aMalen der Natur\u2018. Auch er w\u00e4hlt einen Ort, die Zeit und den Ausschnitt \u2013 d. h. ein Objekt \u2013 konkret einen Baum &#8211; den er mit einer Kamera fotografiert. Anstatt jedoch einen fotochemischen Prozess zu verwenden, verwendet er einen sehr hochaufl\u00f6sende digitalen Prozess. Die Pixel, die ein wenig wie ein latentes Bild fungieren, werden durch einen Ausdruck auf Papier sichtbar gemacht. Die mathematische Beschreibung jedes einzelnen Pixels wird mithilfe eines Algorithmus und eines Druckers in eine grafische Darstellung transformiert. Die meisten Fotografen, die digital arbeiten, nehmen diese Ausdrucke als Endresultate. Sie sind das \u00c4quivalent zu analogen Abz\u00fcgen, d. h. Fotografien.<\/p>\n<h3>Gemeinsam sichtbar machen<\/h3>\n<p>Bregnard arbeitet etwas feiner. F\u00fcr ihn sind die Ausdr\u00fccke quasi Negative. Eine Zwischenstufe zum endg\u00fcltigen Bild. Der Abzug dieses Negatives entsteht in der Performance. Und hier wird es ein wenig magisch.<\/p>\n<p>Das \u201aNegativ\u2018 das Bregnard ausdruckt, ist schwarz-wei\u00df ohne Grauwerte. D.h. jeder durch die Kamera eingefangen Lichtreflex wird auf entweder Schwarz oder Wei\u00df, \u201aLicht oder Schatten\u2018 festgelegt. Dieses Negativ dient als Grundlage f\u00fcr die Performance. Jeder kann nun teilnehmen und die Spuren von Licht und Schatten nachzeichnen. Das Bild des Baums wird kollektiv mit Tusche nachgezeichnet. Ein sch\u00f6nen Detail hierbei ist, dass Tusche aus Kohle gemacht wird, die wiederum verkohltes Holz ist \u2013 abgestorbener Baum.<\/p>\n<p>Das kollektive Nachzeichnen mit Tusche selbst ist ein Prozess, den Bregnard \u201alaufen l\u00e4sst\u2018. Er nimmt sich selbst da raus. Es ist wiederum Natur, die hier zeichnet. Natur im Sinne von Gegensatz zu Technik. Aber es ist eine h\u00f6her Form von Natur, es ist Bewusstsein im kollektiv. Dass dieser Prozess nun hier in Auroville in Bezug auf den Banyonbaum stattfindet, ist wunderbar. Dass dies in einer Zeit geschieht, wo Auroville\u2019s treibende Kraft \u201aDiversity in Unity\u2018 einer Kraftprobe unterzogen ist, mag f\u00fcr einige nicht blo\u00df symbolisch sein.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Bergson, Henri. <em>Creative Evolution<\/em>. New York: Henry Holt &amp; Company, 1911.<\/p>\n<p>Deleuze, Gilles. <em>Cinema 1: The Movement-Image<\/em>. 9. print. Minneapolis: University of Minnesota Press, 1986.<\/p>\n<p>\u2014\u2014\u2014. <em>Cinema 2: The Time-Image<\/em>. Minneapolis: University of Minnesota Press, 1989.<\/p>\n<p>\u201eCedric Bregnard | Cedric Bregnard\u201c. Zugegriffen 10. Februar 2023. <a href=\"https:\/\/www.cedricbregnard.ch\/\">https:\/\/www.cedricbregnard.ch\/<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exhibition &#8222;Roots From the Sky&#8220; by Cedric Bregnard at Centre d&#8217;Art, Auroville M\u00e4rz 2023 Cedric Bregnard ist Artist in Residence at the Centre d\u2019Art in Auroville. Er wird in den n\u00e4chsten 2 Monaten ein Foto vom Banyan Baum im Matrimandirgarten machen. Dieses Foto wird dann auf die Gr\u00f6\u00dfe einer Wand (ca.3x7m) in der Galerie skaliert. 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