{"id":3670,"date":"2023-03-29T07:47:34","date_gmt":"2023-03-29T02:17:34","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=3670"},"modified":"2025-08-10T19:39:48","modified_gmt":"2025-08-10T14:09:48","slug":"universitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/universitaet\/","title":{"rendered":"Universit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Neulich erz\u00e4hlte mir eine Freundin, wie sie in der Aschramschule aufgewachsen war. Mirra Alfassa gr\u00fcndete diese Schule mit einer radikalen P\u00e4dagogik. Kinder konnten frei w\u00e4hlen, was sie wann lernen wollen. Ganz radikal: Es gab zwar einen Stundenplan f\u00fcr Sprachen, Geschichte, Mathematik, Philosophie, Klatsch und Tratsch, Sport usw., doch konnten die Kids dorthin gehen, wo sie wollten. Und so bekam jedes Kind genau das, was es f\u00fcr seine eigene Entwicklung ben\u00f6tigte. Wenn ein Kind Klatsch und Tratsch ben\u00f6tigte, dann war das eben so, dieses Bed\u00fcrfnis wurde dann abgearbeitet und nach einigen Wochen kam dann das Interesse f\u00fcr Philosophie oder Sprachen&#8230;. Die Schule bot Lernangebote bis zum B. A. an, der vom Staat Indien anerkannt wurde, und international transferierbar ist. Das ist bis heute noch so, wenn ich das richtig verstanden habe.<\/p>\n<p>Als Auroville eine Schule wollte, planten die Aurovillianer eine Schule mit einem offenen Curriculum. Als die Aurovillianer Mirra Alfassa recht stolz fragten, wie sie das findet und welchen Namen sie der Schule geben sollte, sagte sie etwas unwillig &#8222;Last School&#8220;. Sie mochte keine Schulen.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich sei noch erw\u00e4hnt, dass Auroville sich als &#8218;living university&#8216; versteht, als ein offenes Laboratorium. Als hier \u00f6fter diskutiert wurde, eine Auroville-Universit\u00e4t zu gr\u00fcnden, gab es viel Widerstand. Die Logik von Abschl\u00fcssen, strengem Curriculum, Fachdisziplinen passt nicht in das Selbstverst\u00e4ndnis von Auroville.<\/p>\n<h3>Humboldt-Ideal<\/h3>\n<p>Mich erinnert das ein wenig an meine eigene Studienzeit in Deutschland. Ich studierte vor dem Bologna-Prozess, d. h., in einem Universit\u00e4tssystem, in dem ich alle Seminare frei besuchen konnte. Niemand hat aufgeschrieben, wer wann kam. Es gab keine Aufgaben, manchmal gab es Klausuren, in den Geisteswissenschaften waren die Seminararbeiten aber \u00fcblich. Wollte man einen Leistungsnachweis, reichte man eine Seminararbeit ein. War die gut, zeigte das ja, dass man sich mit dem Thema auseinandergesetzt hatte. Wie oft man in dem Seminar war, spielte keine Rolle. Und es ging nat\u00fcrlich auch nicht darum, den Stoff der Dozenten wiederzuk\u00e4uen. Das Thema der Arbeit musste in das allgemeine Thema des Seminars passen, ansonsten war das frei. Wir nannten das Humboldt-Ideal. Forschung und Lehre waren eins. Dozenten forschten und teilten ihren Forschungsprozess mit den Studenten. Diese lernten das Prinzip Forschung und schrieben ihre eigenen Arbeiten.<\/p>\n<p>Die Zwischenpr\u00fcfung demonstrierte, dass man sich in eine Disziplin eingearbeitet hatte. Die Magisterarbeit zeigte, dass man nun die Grundprinzipien der Forschung beherrscht, d. h. Recherche, Argumentation, Gliederung, Ausdruck &#8211; das Ganze eingebettet in ein Thema, das versucht, eine Forschungsfrage \u00fcberblicksartig abzubilden und eine Fragestellung zu formulieren. Die Doktorarbeit zeigt dann, dass man in der Lage ist, eigenst\u00e4ndig eine neue Frage zu formulieren, eine Frage oder ein Thema zu erschlie\u00dfen, das bis zu dem Zeitpunkt bisher nicht bearbeitet wurde. Eine Habilitation dokumentiert, dass man einen neuen Beitrag zu einer ganzen Disziplin geleistet hat.<\/p>\n<p>Mir schien dies immer das Ideal der freien Lehre zu sein. Ich halte nicht viel vom Bologna-Prozess \u2013 der amerikanischen Weise, das Schul- und Universit\u00e4tssystem nach Credits flexibel in Leitungseinheiten zu gliedern, die dann wiederum standardisiert sind und daher leicht transferierbar sind zwischen Institutionen und L\u00e4ndern. Ich sehe die Vorteile f\u00fcr eine Bildungsindustrie, aber das hat wenig mit dem menschlichen Geist zu tun.<\/p>\n<h3>Synthesis des Yoga<\/h3>\n<p>Auroville basiert zu einem gro\u00dfen Teil auf der Idee der Synthese des Yoga. Sri Aurobindo hat damit einen Begriff definiert, der wesentlich mehr umfasst als die Welt der Begriffe. Es ist eine Lehre, die mehr ist als eine Schule. Es geht darum, die menschliche Existenz ganzheitlich zu verstehen und in seiner Spiritualit\u00e4t zu verankern. Im Zentrum steht die Selbsterkenntnis, die \u00fcber das eigene Selbst hinausweist. Die Erkenntnis des Selbst, das sich in der Welt manifestiert. Es geht um die Frage nach dem Bewusstsein, das in seiner reinsten Form nur in der Meditation erfahrbar ist. Hier, in der Meditation, d. h. in der radikalen Reduktion auf das eigene Bewusstsein, ist der Keim alles Wissens. Nur von hier aus k\u00f6nnen wir die Welt verstehen.<\/p>\n<p>Es ist daher zentral, dass junge Menschen sich frei entfalten d\u00fcrfen und nicht von Anfang an mit einem abstrakten Wissenssystem \u00fcberformt werden, das nicht in der Lebensrealit\u00e4t, der eigenen Entwicklung und den eigenen Interessen verankert ist. Lernen ist ein intrinsischer Drang aller Menschen. Wir wollen lernen und wachsen, wir m\u00fcssen nicht dazu gezwungen werden. Die Tatsache, dass vieles dessen, was in einem freien Umfeld gelernt wird, nicht in eine kapitalistische Wertsch\u00f6pfungskette passte, sollte nicht dazu verleiten, dieses Lernen kritisch zu hinterfragen, sondern den Kapitalismus zu hinterfragen.<\/p>\n<p>Im Zentrum des Lernens steht also die Erkenntnis des Selbst, nichts sonst, dies aber allumfassend. Hier ist Keim der Synthese des Yoga und einer radikalen P\u00e4dagogik. Es gibt hier keinen Raum f\u00fcr Bologna-Prozesse, sondern einen freien Ort, sich mit dem zu besch\u00e4ftigen, was allein z\u00e4hlt: der Erkundung des Bewusstseins. Nur auf diesem Fundament sollten dann die einzelnen Disziplinen fu\u00dfen. Alles andere ist entfremdet. Marx l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen, wenn auch von der anderen Seite der sieben Fl\u00fcsse.<\/p>\n<p>AUM<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neulich erz\u00e4hlte mir eine Freundin, wie sie in der Aschramschule aufgewachsen war. 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