{"id":3659,"date":"2023-03-25T14:57:07","date_gmt":"2023-03-25T09:27:07","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=3659"},"modified":"2025-08-10T18:25:14","modified_gmt":"2025-08-10T12:55:14","slug":"freier-wille","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/freier-wille\/","title":{"rendered":"Freier Wille"},"content":{"rendered":"<p>In den westlichen analytisch-modernen Theorien des Bewusstseins, also denen, die sich als empirisch-wissenschaftlich verstehen, wird immer von einer Korrelation zwischen Materie und Bewusstsein ausgegangen. Das ist an sich relativ unstrittig, da eigentlich die allermeisten Gedankengeb\u00e4ude davon ausgehen. Geburt und Tod markieren die Eckpunkte dieser Korrelation.<\/p>\n<p>Nun stellt sich die Frage: Wie sieht diese Korrelation aus? Bestimmt das Bewusstsein die Materie, oder die Materie das Bewusstsein, oder ist es eine Wechselwirkung?<\/p>\n<h4>3 Varianten der Relation zwischen Bewusstsein und Materie<\/h4>\n<p><em>Die erste Variante<\/em>, dass Bewusstsein Materie bestimmt, ist eine Position, die wir in den meisten spirituellen Gedankengeb\u00e4uden finden, aber auch in einer analytischen Transzendentalphilosophie oder im Idealismus. Bewusstsein ist hier eine eigene Kraft, die aus sich selbst heraus agiert und gegebenenfalls in einem h\u00f6heren Bewusstsein verankert ist. Diesen Gedankengeb\u00e4uden ist gemeinsam, dass sie von einem selbst im Sinne eines autonomen Ichs oder einer Seele ausgehen.<\/p>\n<p><em>Die zweite Variante<\/em> finden wir in materialistischen Gedankengeb\u00e4uden, also den strikt empirischen Theorien, oder analytisch reduktionistischen Gedankengeb\u00e4uden. Biologische Wesen sind allein durch materialistische Prozesse bestimmt. Bewusstsein ist ein Luxus und rennt den materialistischen Prozessen hinterher. Es gibt keinen freien Willen, dieser ist eine Illusion, die eventuell einen evolution\u00e4ren Vorteil bringt, aber mehr nicht.<\/p>\n<p><em>Die dritte Variante<\/em>, die der Wechselwirkung, ist das, was unserer Alltagsempfindung am n\u00e4chsten ist. Wir f\u00fchlen uns manchmal getrieben durch unsere materielle Existenz, d. h. durch unseren K\u00f6rper oder Zw\u00e4nge unserer Umwelt. Wir haben das Gef\u00fchl, dass wir automatisch funktionieren. Zugleich haben wir aber auch Erfahrungen des freien Willens. Wenn wir uns z. B. nicht entscheiden k\u00f6nnen, oder gewohnte Bahnen verlassen, so denken wir, das sind freie Entscheidungen.<\/p>\n<h4>Was hei\u00dft das?<\/h4>\n<p>In der empirischen Wissenschaft wird oft angemerkt, dass es viele Studien gibt, die die zweite Variante st\u00fctzen. Im Kern sehen die Versuche so aus: Ein Mensch wir an ein EEG angeschlossen, d. h., seine Gehirnstr\u00f6me werden gemessen. Das geht auch etwas differenzierter mit Computertomografie. Dann werden die Versuchspersonen gebeten, eine Entscheidung zu treffen. Wenn nun auf den Messger\u00e4ten ein Ausschlag zu sehen, ist, der anzeigt, dass die Entscheidung im Gehirn gefallen ist, und diese Messung der bewusst mitgeteilten Entscheidung der Versuchsperson vorausgeht. Dann, so die Behauptung, sei der freie Wille eine Illusion. Wichtig ist dabei, dass es \u00fcberhaupt einen Zeitunterschied gibt, nicht wie lang die Zeitdifferenz ist. Das bewegt sich ohnehin im Millisekundenbereich.<\/p>\n<p>Wie s\u00e4he das Gegenmodell aus, also die erste Variante? Die Versuchsperson w\u00fcrde eine Entscheidung treffen, sie \u00e4u\u00dfern, und dann w\u00fcrde das Gehirn den Befehl ausf\u00fchren. Und wie s\u00e4he das empirisch aus? Das Bewusstsein ver\u00e4ndert den Sinnesapparat, den K\u00f6rper, um einen Gedanken, d. h. eine Entscheidung, auszudr\u00fccken, die einerseits schon gefallen ist, anderseits noch nicht physisch materialisiert ist. W\u00e4hrend des Ausdr\u00fcckens des Gedankens wird die Entscheidung auf neuronaler Ebene erst umgesetzt.<\/p>\n<p>Die dritte Variante, die der Wechselwirkung, ist die schwierigste. Zwei sehr unterschiedliche Systeme werden hier als interagierend angenommen. Das eine die physikalisch, biochemische Welt, das andere die Welt des menschlichen Bewusstseins. Eine wichtige Frage ist hier die nach dem Bindeglied. Wie sieht die Br\u00fccke aus? Eine Annahme ist, dass beide Systeme letztlich logisch sind, d. h. sowohl einerseits empirisch wissenschaftlich also auch anderseits rational.<\/p>\n<h4>W\u00fcrfelt Gott?<\/h4>\n<p>Einstein sagte sinngem\u00e4\u00df, Gott w\u00fcrfelt nicht. Das fasst das Paradox eigentlich ganz sch\u00f6n zusammen. Gott, der das Universum erschuf und mit ihm die W\u00fcrfel und die Gesetze des Zufalls, unterliegt ihnen nicht.<\/p>\n<p>In den Vedas ist das ausgedr\u00fcckt durch die Relation von Brahman (universales Selbst, nicht im Sinne eines pers\u00f6nlichen Gottes), Puruscha (Bewusstsein) und Prakriti (die materielle Welt in Bewegung, Natur). In dieser Dreierrelation erscheint Atman, das individualisiert selbst (allerdings nicht im personalisierten Sinn)<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Es ist erstaunlich, wie differenziert die Rishis, also die Seher, vor \u00fcber 3000 Jahren die Relation zwischen Bewusstsein und Materie in tiefer Meditation gesehen haben. Ihre Sichtweise, dass der Evolution eine Involution vorausgeht, klingt heute befremdlich, beschreibt aber eigentlich nur jenes wechselseitige Verh\u00e4ltnis, die Wechselwirkung zwischen Bewusstsein und Materie in einer zeitlichen Streckung.<\/p>\n<h2>Bewusstseinsebenen<\/h2>\n<p>Der Anfang liegt nicht im Urknall, sondern im gemeinsamen Grund von Materie und Bewusstsein. Das k\u00f6nnen wir Logik, Gesetz, Rationalit\u00e4t, Brahman, Sch\u00f6pfer, Nirwana nennen, das ist eigentlich an dieser Stelle erst mal egal, wir haben es hier mit a priori zu tun. Nicht im epistemologischen Sinn, sondern im ontologischen.<\/p>\n<p>Naturgesetze werden nicht durch Materie geschaffen, sondern Materie folgt ihnen. Was, wenn das Universum einem Gesetz folgt, das ihm vorausgeht? Das ist irgendwie die Grundannahme des reduktionistischen naturwissenschaftlichen Weltbildes. Jedoch erkl\u00e4rt dieses Weltbild nicht, wo die Gesetze herkamen. Waren die vor dem Urknall schon da? Oder entstanden sie gemeinsam w\u00e4hrend des Urknalls? Ganz sicher entstanden sie nicht nach dem Urknall&#8230;<\/p>\n<p>Mir scheint es wesentlich plausibler, anzunehmen, dass es Bewusstsein gibt, das selbst agieren kann \u2013 unterschiedliche Formen des Bewusstseins, auf unterschiedlichen Bewusstseinsebenen.<\/p>\n<p>Der freie Wille liegt nicht in der Fragestellung, ob die Wahl zwischen einem Apfel und einer Birne im Gehirn schon getroffen wurde, bevor sie im Bewusstsein erscheint. Die Freiheit liegt im Denken. Das Abenteuer des Denkens ist offen und weitet sich aus. M\u00f6gen wir uns nicht von R\u00fcckschritten blenden lassen.<\/p>\n<p>Auf der Erkenntnisleiter folgen dem Denken Vijnana und Satchitananda. Ein h\u00f6heres Bewusstsein, das \u00fcber die rein rationale oder emotionale Denkweise hinausgeht. Vijnana ist ein Denken, das eine Weltsicht beinhaltet. Eine wirkliche Sicht der Welt, in ihrer Komplexit\u00e4t und ihren Implikationen. Ein Verst\u00e4ndnis von Welt, das einen hohen Grad an Erkenntnis, Reflexion und Weisheit beinhaltet. Satchitananda sind die h\u00f6heren Ebenen des spirituellen Bewusstseins. Es ist m\u00f6glich, diese zu erfahren, es l\u00e4sst sich aber schlecht dar\u00fcber streiten. Ich habe Jahrzehnte damit verbracht, mich selbst und andere davon zu \u00fcberzeugen, dass es das nicht gibt \u2013 erfolglos.<\/p>\n<p><em><span style=\"font-family: Tahoma;\"><span style=\"font-size: small;\">hiran\u0323ma\u0301yena pa\u0304<\/span><\/span>\u0301<span style=\"font-family: Tahoma;\"><span style=\"font-size: small;\">tren\u0323a satya\u0301sya\u0304<\/span><\/span>\u0301<span style=\"font-family: Tahoma;\"><span style=\"font-size: small;\">pihitam\u0323 mu\u0301kham |<br \/>\n<\/span><\/span><\/em><em><span style=\"font-family: Tahoma;\"><span style=\"font-size: small;\">ta\u0301t-tva\u0301m\u0307 pu\u0304s\u0323ann-a\u0301pa\u0304<\/span><\/span>\u0301<\/em><span style=\"font-family: Tahoma;\"><span style=\"font-size: small;\"><em>vr\u0323n\u0323u satya\u0301dharma\u0304ya dr\u0323s\u0301ta\u0301ye |15|<\/em> <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Tahoma;\"><span style=\"font-size: small;\"><strong>15. The face of Truth is covered with a brilliant golden lid; that do thou remove, O Fosterer, for the law of the Truth, for sight. (Isha Upanishad)<\/strong><br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p>Im Sanskrit gibt es ein sch\u00f6nes Wort: <span style=\"font-size: medium;\">D<\/span><span style=\"font-size: medium;\">v<\/span><span style=\"font-size: medium;\">aitad<\/span><span style=\"font-size: medium;\">v<\/span><span style=\"font-size: medium;\">aita <\/span>\u2013 dualism-non-dualism, also die Dualit\u00e4t von Dualit\u00e4t und Nicht-Dualit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1 <\/a>Eine etwas gewagte Parallele ist im Christentum zu sehen: Die Relation von Vater, Sohn und heiligem Geist versinnbildlicht das gleiche Prinzip. Gott als Sch\u00f6pfer ist Brahman gleichgesetzt, der Heilige Geist \u00e4hnelt Puruscha\/Shakti, und Praktriti und Atman werden zusammengezogen und durch den patriarchalen Sohn ersetzt. Das nennt sich dann Dreifaltigkeit.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den westlichen analytisch-modernen Theorien des Bewusstseins, also denen, die sich als empirisch-wissenschaftlich verstehen, wird immer von einer Korrelation zwischen Materie und Bewusstsein ausgegangen. Das ist an sich relativ unstrittig, da eigentlich die allermeisten Gedankengeb\u00e4ude davon ausgehen. Geburt und Tod markieren die Eckpunkte dieser Korrelation. Nun stellt sich die Frage: Wie sieht diese Korrelation aus? 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