{"id":3299,"date":"2023-03-19T09:52:56","date_gmt":"2023-03-19T04:22:56","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=3299"},"modified":"2025-08-10T19:40:42","modified_gmt":"2025-08-10T14:10:42","slug":"schoenheit-und-entzuecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/schoenheit-und-entzuecken\/","title":{"rendered":"Sch\u00f6nheit und Entz\u00fccken"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin im geteilten Deutschland der 80er Jahre sozialisiert. Es war die Zeit einer maximalen atomaren Bedrohung, der nukleare Winter war t\u00e4glich denkbar. Es war die Zeit des Kalten Krieges, ein ideologisches Blockdenken. Kapitalismus oder Kommunismus waren die beiden Optionen. Der Kapitalismus ging mit einer protestantischen Arbeitsethik einher, der Kommunismus mit einem existenzialistischen Materialismus. Der Rest galt als esoterisch.<\/p>\n<p>Es war nicht einfach, sich als Teenager da zurechtzufinden. Ich lebte im Westen, der kapitalistischen Seite, und wenn ich Interesse f\u00fcr den Kommunismus zeigte, h\u00f6rte ich sofort: Dann geh doch r\u00fcber. Erschwerend kam die deutsche Schuld hinzu. Der Holocaust durfte nicht vergessen werden, die Schuld der Deutschen musste im Bewusstsein gehalten werden. Wir alle trugen die Schuld, wenn nicht pers\u00f6nlich, so doch als Kulturgemeinschaft. Wie konnte die &#8218;deutsche&#8216; Kultur das Dritte Reich hervorbringen? Die intellektuellen Debatten im Nachkriegsdeutschland drehten sich im Kern um diese Frage. K\u00f6nnen wir etwas identifizieren, das zu dieser Katastrophe f\u00fchrte? Wie k\u00f6nnen wir danach suchen, und wenn wir es gefunden haben, was k\u00f6nnen wir daraus lernen? In der Philosophie war die Frankfurter Schule am prominentesten. Bis heute ist Habermas das intellektuelle Gewissen Deutschlands.<\/p>\n<h2>Negative Dialektik<\/h2>\n<p>Im Kern ist die Argumentation folgende: Die deutsche Aufkl\u00e4rung (Kant) befl\u00fcgelte das rationale Denken. Diese Rationalit\u00e4t, bei Kant noch gefesselt durch den kategorischen Imperativ, entwickelte die Eigendynamik der Moderne, ein blinder Fortschrittsglaube wurde entfesselt, der eigentlich ungebrochen bis heute wirkt. Im Nationalsozialismus wurde dieser Fortschrittsglaube mit einer Rassentheorie, einer Ideologie von Herrenmenschen, pervertiert. Ihre Instrumente der Macht, des Krieges, der Konzentrationslager wurden jedoch im Sinne einer kalten Rationalit\u00e4t &#8218;perfektioniert&#8216;. Das grausame Beispiel sind die Gaskammern von Auschwitz, die technisch betrachtet effektiv waren, und doch nichts anderes waren als brutalste Vernichtungslager eines systematischen Massenmordes an all denjenigen, die nicht in das Bild der &#8218;Herrenmenschen&#8216; passten.<\/p>\n<p>Die negative Dialektik unterzog das Denken der Moderne einer radikalen Kritik. Kants Kategorientafel war nicht mehr das Fundament, auf dem sich eine aufgekl\u00e4rte Gesellschaft errichten lie\u00df, sondern wurde zum Sinnbild rationalistischen Totalitarismus. Die Konsequenz war eine Philosophie, die nur noch die Kritik kannte. Alles wird auf seine totalit\u00e4ren Strukturen hin befragt und der Diskussion anheimgestellt. Was bei Adorno die unendliche kritische Ausdifferenzierung des Begriffs ist, wird bei Habermas dem Diskurs ausgesetzt. Es gilt nur das, was im Konsens akzeptiert wird. Gibt es keinen Konsens in einer Gesellschaft, muss weiter diskutiert werden&#8230;<\/p>\n<h2>Sch\u00f6nheit und Entz\u00fccken<\/h2>\n<p>Welche Art von \u00c4sthetik sollte sich daraus ableiten lassen f\u00fcr &#8218;meine&#8216; Generation? Begriffe wie Sch\u00f6nheit und Erhabenheit waren nat\u00fcrlich tabu. Sie wurden als totalit\u00e4r gebrandmarkt, da sie auf einer subjektiven und autorit\u00e4ren Empfindung zu beruhen scheinen, die sich einer rationalen Rechtfertigung entzieht und im Diskurs nicht konsensf\u00e4hig ist. &#8218;Politisch korrekt&#8216; erschien eine \u00c4sthetik, die kritisch ist, d. h. eine Avantgarde, die alles Vorangegangene hinterfragt und durch eine neue &#8218;kritische&#8216; Position ersetzt. Das Sch\u00f6ne in der Kunst wurde suspekt, die kritische Haltung ihr Surrogat.<\/p>\n<p>Und dennoch grenzten diese \u00e4sthetischen Positionen in ihren Zuspitzungen an das Sublime: Mark Rothko, John Cage, Yves Klein, Gerhard Richter, Pina Bausch, Bill Viola, Lucio Fontana&#8230; es lie\u00dfe sich eine lange Liste von K\u00fcnstlern aufstellen, die hier nat\u00fcrlich durch meinen pers\u00f6nlichen Geschmack gepr\u00e4gt ist. Das Sublime ist hier nicht eine Schau des G\u00f6ttlichen, sondern \u00e4sthetische Grenzerfahrung.<\/p>\n<h2>Sch\u00f6pfungshymne<\/h2>\n<p>Ich habe sehr lange gebraucht, um mich einem kritisch reflektierten Begriff des Sublimen zu \u00f6ffnen. Meine ganze intellektuelle Schulung str\u00e4ubte sich in mir dagegen. Und nur jene Kunst, die an eine \u00e4sthetische Grenzerfahrung heranf\u00fchrt, die ihrem Gegenstand nach nicht repr\u00e4sentativ ist, erlaubte mir, das, was ich dort erfahre, als sublim zu erfahren und zu benennen: eine wei\u00dfe Leinwand z. B. mit einem Skalpell durchschnitten, deren \u00d6ffnung es erlaubt, dahinterzublicken. <a href=\"https:\/\/www.fondazioneluciofontana.it\/\">Lucio Fontana<\/a>&#8217;s (1899-1968) &#8218;Cut paintings&#8216; &#8211; sie sind sublim.<\/p>\n<p>Mich erinnert das nun an die Sch\u00f6pfungshymne (Rig Veda X.129). Sie beginnt mit:<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><em>na\u0304s\u0301 ad a\u0304si\u0304n no\u0301 sa\u0301d a\u0304si\u0304t tada\u0304n\u0301 i\u0304m\u0307, na\u0304s\u0301 i\u0304d ra\u0301jo no\u0301 vi\u0301oma\u0304 paro\u0301 ya\u0301t |<\/em><br \/>\n<em>ki\u0301m a\u0304v\u0301 ari\u0304vah\u0323 ku\u0301ha ka\u0301sya s\u0301a\u0301rman, a\u0301mbhah\u0323 ki\u0301m a\u0304si\u0304d ga\u0301hanam\u0307 gabhi\u0304ra\u0301m |1|<\/em><\/p>\n<p><strong>1. Then existence was not nor non-existence, the mid-world was not nor the Ether nor what is beyond. What covered all? where was it? in whose refuge? what was that ocean dense and deep? (\u00dcbersetzung Aurobindo)<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>In &#8222;The Soul of Poetic Delight and Beauty&#8220; schreibt Aurobindo:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">&#8222;The earliest surviving poetry of ancient India was philosophical and religious, the Veda, the Upanishads, and our modern notions tend to divorce these things from the instinct of delight and beauty, to separate the religious and the philosophic from the aesthetic sense; but the miracle of these antique writings is their perfect union of beauty and power and truth, the word of truth coming out spontaneously as a word of beauty, the revealed utterance of that universal spirit who is described in the Upanishads as the eater of the honey of sweetness, <em>madhvadam puru\u1e63am<\/em>; and this high achievement was not surprising in these ancient deep-thinking men who discovered the profound truth that all existence derives from and lives by the bliss of the eternal spirit, in the power of a universal delight, Ananda&#8220;(CWSA 26, p.255)<\/p>\n<p>Wie, so frage ich mich, kann ich mein rationales Denken dazu bringen, sich dieser Sichtweise zu \u00f6ffnen? Kann ich dem spirituellen Pfad der Upanishaden folgen, ohne in totalit\u00e4rem Denken zu verfangen?<\/p>\n<p>Die Hymne endet mit:<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 3\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><em>iya\u0301m\u0307 vi\u0301sr\u0325 s\u0323t\u0323ir ya\u0301ta a\u0304babhu\u0304\u0301va ya\u0301di va\u0304 dadhe\u0301 ya\u0301di va\u0304 na\u0301 |<\/em><br \/>\n<em>yo\u0301 asya\u0304d\u0301 hyaks\u0323ah\u0323 parame\u0301 vi\u0301oman so\u0301 an\u0307ga\u0301 veda ya\u0301di va\u0304 na\u0301 ve\u0301da |7|<\/em><\/p>\n<p><strong>7. Whence this creation came into being, whether He established it or did not establish it, He who regards it from above (or presides over it) in the highest ether, He knows, \u2014 or perhaps He knows it not. (\u00dcbersetzung Aurobindo)<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Das gibt mir Trost.<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>OM s\u0301a\u0304ntih\u0323 s\u0301a\u0304ntih\u0323 s\u0301a\u0304ntih\u0323<\/p>\n<p>_<\/p>\n<\/div>\n<p>Dank an Nishtha f\u00fcr das Dokument mit der Transliteration der Hymne<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erfahren Sie mehr \u00fcber die Herausforderungen der Jugendlichen im geteilten Deutschland der 80er Jahre und die philosophischen Debatten, die sich um die deutsche Schuld drehten.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3270,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","footnotes":""},"categories":[2,253,3,373,375],"tags":[178,28,35,33,14,40],"class_list":["post-3299","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-bewusstsein","category-kiss-goodbye","category-kultur","category-kunst","category-philosophie","tag-aufklaerung","tag-denken","tag-ich","tag-kant","tag-moderne","tag-zeit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3299","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3299"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3299\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5211,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3299\/revisions\/5211"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3270"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3299"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3299"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3299"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}