{"id":3250,"date":"2023-03-18T10:14:47","date_gmt":"2023-03-18T04:44:47","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=3250"},"modified":"2023-03-18T10:14:47","modified_gmt":"2023-03-18T04:44:47","slug":"fokuspunkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/fokuspunkt\/","title":{"rendered":"Fokuspunkt"},"content":{"rendered":"<p>Wie s\u00e4he eine Welt aus, ohne den Fokuspunkt einer Linse? Unsere Augen haben eine Linse, die das Licht b\u00fcndelt, auf einer Ebene fokussiert, damit die Retina dieses fokussierte Bild aufnehmen kann \u2013 als Bild in einer Eben. Die Lichtstrahlen werden von Rezeptoren eingefangen und an das Gehirn weitergeleitet. Diese Vibration der Nervenzellen wird in eine andere Vibration, die des Bewusstseins, transkribiert. Dieses Prinzip wurde in der Camera Obskura und dem Cinematografen kopiert und bildet die Grundlage klassischer Fotografie und Film bzw. Videoaufzeichnungen.<\/p>\n<p>Wie s\u00e4he also eine Welt aus, die wahrgenommen wird von einem Bewusstsein, das keine Linse in der visuellen Wahrnehmung dazwischengeschaltet hat? Der Raum w\u00e4re lichtdurchflutet, Farben w\u00e4hren wohl sichtbar, es g\u00e4be aber keine r\u00e4umliche Tiefe, keine Objekte. Wie w\u00fcrde sich ein Bewusstsein darin orientieren?<\/p>\n<h2>Sinne<\/h2>\n<p>Ein Neugeborenes hat die ersten Tage die Augen noch geschlossen. Zuerst muss der eigene K\u00f6rper wahrgenommen werden, Grob- und Feinmotorik, Hunger, Schmerz, M\u00fcdigkeit. All das kommt wohl zuerst. Erst sp\u00e4ter kommen Seh-, Tast-, H\u00f6rsinn. Die Grenzen zwischen dem eigenen K\u00f6rper und der Au\u00dfenwelt m\u00fcssen erkundet werden. Ist der Gegenstand in der Hand Teil des eigenen K\u00f6rpers oder nicht? Wie verh\u00e4lt sich das Hungergef\u00fchl zur Milchflasche? All diese Wahrnehmungen kommen ohne die visuelle Repr\u00e4sentation aus. Die Objekterkennung l\u00e4uft zu gro\u00dfen Teilen \u00fcber die Motorik, den Geschmack und Tastsinn. Also sehr direkt.<\/p>\n<p>Die Wahrnehmung dessen, was nicht in direkter K\u00f6rperkontaktebene ist, kommt sp\u00e4ter \u00fcber Geruch, Sehsinn und H\u00f6rsinn. Das, was weit weg ist, muss sich mir irgendwie darstellen. Der Kontakt ist ein physikalischer, Lichtwelle, Schallwellen, Geruchsstoffe. Sie kommen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit an den Sinnesorganen an und hinterlassen dort einen Eindruck, sie schreiben sich in den Sinnen ein, eine Resonanz, ein Rhythmus, eine Verschmelzung oder Intermission findet statt. Beim Geruch und H\u00f6rsinn sind die Sinne den Vibrationen direkt ausgesetzt. Zwar ist das Geh\u00f6rorgan, das Riechorgan, das Geschmacksorgan ziemlich komplex, denn die wahrgenommenen Vibrationen m\u00fcssen so umgesetzt werden, dass das Gehirn sie verarbeiten kann, doch ist keines dieser Organe so kompliziert wie das Auge.<\/p>\n<h2 class=\"western\">Sind die Probleme der westlichen Philosophie retinal?<\/h2>\n<p>Das Auge erzeugt also ein Abbild. Hier ist die Wurzel der Repr\u00e4sentation. Welche diese Abbilder sind physische Realit\u00e4t, Lebenswelt, Kunst? Mir scheint, dass die meisten Fragen der Philosophie aus diesem retinalen Prozess heraus entstehen. Im Zentrum westliche \u00c4sthetik steht daher die Frage nach der Repr\u00e4sentation. Die Versuche, Repr\u00e4sentation als Grundlage \u00e4sthetischer und epistemologischer Philosophie zu verstehen, f\u00fchrt auf alle m\u00f6glichen Irrwege. Sie f\u00fchren in eine Philosophie die die Welt als Objekte versteht, die sich uns darbieten. Das hat Konsequenzen nicht nur f\u00fcr die Kunst, sondern f\u00fcr die \u00d6konomie, Politik, Gesellschaft, Naturwissenschaft&#8230;<\/p>\n<p>In der indischen \u00c4sthetik ist es Rasa, ein v\u00f6llig anderer Zugang. Es geht hier um einen Bewusstseinszustand, der durch die Sinnesreize erleichtert wird. Sich in diesen Zustand zu begeben und dort zu verweilen, ist Ziel von Kunst. Kunst \u00f6ffnet ein Tor zu h\u00f6herem Bewusstsein \u2013 Satchitananda. Der Ursprung liegt in den Vedas. Rasa ist der Geschmack, Rasa ist nicht retinal. Rasa ist die Essenz.<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<div class=\"csl-bib-body\">\n<div class=\"csl-entry\">Goswamy, B. N., und Vrinda Agrawal. 2018. <i>Oxford Readings in Indian Art<\/i>. Oxford University Press.<\/div>\n<div class=\"csl-entry\">Seturaman, V. S. 2000. <i>Indian Aesthetics:An Introduction<\/i>. Macmillan Publishers India Limited.<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie s\u00e4he eine Welt aus, ohne den Fokuspunkt einer Linse? Unsere Augen haben eine Linse, die das Licht b\u00fcndelt, auf einer Ebene fokussiert, damit die Retina dieses fokussierte Bild aufnehmen kann \u2013 als Bild in einer Eben. Die Lichtstrahlen werden von Rezeptoren eingefangen und an das Gehirn weitergeleitet. 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