{"id":3173,"date":"2023-02-28T22:38:56","date_gmt":"2023-02-28T17:08:56","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=3173"},"modified":"2025-08-24T09:59:39","modified_gmt":"2025-08-24T04:29:39","slug":"kunst-als-begegnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/kunst-als-begegnung\/","title":{"rendered":"Das Missverst\u00e4ndnis der Kunst: Eine neue Perspektive ohne Repr\u00e4sentation"},"content":{"rendered":"\n<p>Kunst wird gerade von den Experten, den Kunsthistorikern und Kritikern, im Kern missverstanden. In der Kunst geht es ja nicht darum, was sie darstellt, oder was sie bedeutet. Kunst ist kein R\u00e4tsel, das es zu entschl\u00fcsseln gilt, und sie ist auch kein Ausdruck eines Kunstgenies, das \u00fcber die K\u00fcnstlerbiografie erkl\u00e4rt werden kann. Kunst ist auch nicht notwendig sch\u00f6n, oder \u00e4sthetisch, oder sublim.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Repr\u00e4sentation<\/h3>\n\n\n\n<p>Kunst ist keine <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/repraesentation\/\">Repr\u00e4sentation<\/a>, das ist das gro\u00dfe Missverst\u00e4ndnis der Moderne. Erst aus diesem Missverst\u00e4ndnis resultiert die Avantgarde. Ihr ging es darum, immer neue Formen der Repr\u00e4sentation zu erfinden, neue Ph\u00e4nomene zum ersten Mal auszudr\u00fccken. Ich denke an das Unterbewusste, an die Konzeption vom vierdimensionalen Raum, syn\u00e4sthetische Wahrnehmung, Funktionalismus, Technikbegeisterung. Diese und viele andere Ph\u00e4nomene aus dem 20. Jahrhundert wurden &#8218;Gegenstand&#8216; von Kunst. Wenn etwas &#8218;Gegenstand&#8216; von Kunst ist, dann repr\u00e4sentiert Kunst diesen &#8218;Gegenstand&#8216;, sie bildet ihn ab \u2013 so die g\u00e4ngige Kunsttheorie. Das Kunstverst\u00e4ndnis, das hier zugrunde liegt, ist eines, das dem Fortschrittsglauben nachh\u00e4ngt, eine objektive Entwicklung einer Geschichte der Kunst postuliert, auf Prinzipien einer rationalen Geschichtsschreibung beruht. All diese Ans\u00e4tze haben in einem begrenzten Rahmen eine gewisse Erkl\u00e4rungskraft. Sie erhellen bestimmte Aspekte. Sie missverstehen aber das Wesen der Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich mich so weit aus dem Fenster lehne und die g\u00e4ngigen Kunstdiskurse des Westens in einem Absatz angreife, so muss ich nat\u00fcrlich auch kurz sagen, was ich dem entgegensetzen m\u00f6chte. Es sind einige Essays von Roland Barthes, einem gro\u00dfen Semiotiker bzw. Semiologen und franz\u00f6sischen Kunstkritiker. Seine Texte zeigen die Grenzen des Repr\u00e4sentierbaren in der Kunst auf. Und ich denke nat\u00fcrlich an Gilles Deleuze, der wesentlich weiter und radikaler gedacht hatte und Kunst als eine Begegnung (Encounter) charakterisierte. Mit ihm verbinde ich eine radikale Kritik am Dogma der Repr\u00e4sentationstheorie der Kunst. Kunst hat eigentlich \u00fcberhaupt nichts mit Repr\u00e4sentation zu tun. Die Vorstellung, dass etwas f\u00fcr etwas anderes steht, ist eigentlich absurd. Sie f\u00fchrt in all die Probleme des Dualismus, seine Paradoxien und Scheinprobleme. Ein Text, ein Bild, eine Komposition, ein Theaterst\u00fcck, eine Oper oder eine Skulptur, selbst eine Fotografie, sie alle repr\u00e4sentieren nichts. Vielmehr sind sie ganz besondere Dinge in der Welt, die uns eine ganz besondere Erfahrung erm\u00f6glichen. Die Tatsache, dass sie manchmal anderen Dingen \u00e4hnlich sind, ist trivial und kaum interessant.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Begegnung<\/h3>\n\n\n\n<p>Wenn ich sage, dass Kunst eine Begegnung ist, oder sie erm\u00f6glicht, dann hei\u00dft das, dass die Kunstwerke das Resultat eines kreativen Prozesses sind. Der Unterschied zwischen dem K\u00fcnstler als dem Produzenten von Werken und den Betrachtern als den Rezipienten ist dabei wesentlich kleiner als man allgemein annimmt. Kunst ist kein Objekt der Kommunikation zwischen K\u00fcnstler und Betrachter. Kunst ist auch kein Medium zwischen einem Sender und einem Empf\u00e4nger. Und Kunst ist auch kein Zeichen, das dekodiert werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Kunst ist Kunst. Versuchen wir einmal, sie nicht sofort auf irgendetwas zu reduzieren. Kunst wird hervorgebracht und wird Teil von Welt. Sie wirkt, wie alles andere in der Welt auch. Es gibt sehr verschiedene Wirkungsweisen, ich denke hier ein wenig an <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/zusammenhang\/\">Schopenhauer<\/a>&#8217;s vierfache Wurzel von Satze des zureichenden Grundes. Ich variiere frei: Es gibt mechanisch kausale Wirkung, es gibt die Dynamik lebendiger, d. h. biologischer Systeme und es gibt soziale Interaktion als Wirkung, es gibt Inspiration und Kreativit\u00e4t. Ihre Wirkungsweisen sind unterschiedlich. Ich m\u00f6chte hier behaupten, dass sie irreduzibel sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Kunst ist Kunst. Sie wird hervorgebracht und steht in Wirkungszusammenh\u00e4ngen. Wir k\u00f6nnen ihr begegnen. Die Begegnung mit Kunst ist dabei nicht nur Menschen vorbehalten. Einige Tiere haben sie auch, wenn auch in begrenzten Umfang, und vielleicht wird die k\u00fcnstliche Intelligenz hier auch noch Fortschritte machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Deleuze lernen wir, dass:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>der <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/kinematograf-bilder-des-denkes\/\">Kinematograph<\/a> einen Film erzeugt und abspielt, der Denken manifestiert (Deleuze &#8218;Cinema&#8216;).<\/li>\n\n\n\n<li>Kunst f\u00fcr uns nicht nur <em>wie<\/em> ein Haus ist, sondern ein Haus <em>ist<\/em>. Als Menschen stehen wir zwischen Erde und Himmel \u2013 dem Kosmos. In dieser Spannung ben\u00f6tigen wir eine Begrenzung, ein Zuhause. Wir ben\u00f6tigen ein Territorium, das wir unseres nennen, und wir m\u00fcssen es verlassen k\u00f6nnen, wir deterritorialisieren und reterritorialisieren. Der Kunst kommt hier eine ganz wesentliche Rolle zu. In der Begegnung mit anderen, mit der Erde und dem Kosmos erbauen wir ein Haus, das ist das Grundprinzip der Kunst. Wir bewohnen das Haus, besuchen andere H\u00e4user. Das ist nat\u00fcrlich sowohl w\u00f6rtlich als auch metaphorisch gemeint (Deleuze &#8218;What is Philosphy&#8216;).<\/li>\n\n\n\n<li>unsere Sinne bei der Begegnung mit Kunst mit der Kunst selbst verschmelzen. Unsere Augen, Ohren, Geschmack und Tastsinne vibrieren beim Kontakt mit der vibrierenden Kunst (Deleuze &#8218;Logic of Sensation&#8216;).<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Was Deleuze vermeidet, und erst in seinem letzten Essay &#8218;Immanenz: A life&#8216; andeutet, ist eine spirituelle Komponente. Teil unseres In-der-Welt-Seins ist unser Verh\u00e4ltnis zu den gro\u00dfen Sinnfragen. Ein Leben, das sich seines Selbst \u2013 wenn nicht voll, so doch reich \u2013 bewusst ist, versteht sich als Teil eines Ganzen. Diese Relation wird auch in der Kunst zum Thema. Wir k\u00f6nnen der Kraft der Sch\u00f6pfung begegnen. Bei Aurobindo hat die Kunst die F\u00e4higkeit, <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/repraesentation\/\">Bhakti<\/a> zu f\u00f6rdern, d. h., ein Medium der Hingabe zu sein &#8211; eine Begegnung mit dem G\u00f6ttlichen \u2013 nicht in Form einer Repr\u00e4sentation des G\u00f6ttlichen wie im Christentum, sondern als Meditationsobjekt, das bei einer kontemplativen Hingabe den Pfad von Bhakti erleichtert.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich interessiert die Relation von Deleuze&#8216; Begriff von Kunst als Haus und Aurobindo&#8216; Konzept von Kunst als Bhakti in den Tempeln. Mir scheint hier eine Parallele zu sein. Beide f\u00fchren aus der Sackgasse der Repr\u00e4sentation hin zu einem Konzept, das der spirituellen Erfahrung gerechter wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ein Link zu einer langen <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/How-Art-History-Changed-my-Perception.pdf\">Pr\u00e4sentation<\/a> (35MB) mit Material zu der Frage, warum ich als Kunsthistoriker Deleuze lese.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Text wird das Missverst\u00e4ndnis \u00fcber Kunst aufgekl\u00e4rt, dass sie eine Repr\u00e4sentation sein soll. Kunst ist keine Kommunikation, sondern eine einzigartige Erfahrung.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3116,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","footnotes":""},"categories":[371,2,372,253,912,3,373,374],"tags":[28,156,35,243,44,197,14,10,135],"class_list":["post-3173","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aurobindo","category-bewusstsein","category-deleuze","category-kiss-goodbye","category-kosmos","category-kultur","category-kunst","category-meditation","tag-denken","tag-geschichte","tag-ich","tag-kinematograf","tag-leben","tag-medien","tag-moderne","tag-repraesentation","tag-selbst"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3173","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3173"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3173\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5543,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3173\/revisions\/5543"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3116"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3173"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3173"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3173"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}