{"id":3153,"date":"2023-02-25T21:49:18","date_gmt":"2023-02-25T16:19:18","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=3153"},"modified":"2025-08-24T10:12:29","modified_gmt":"2025-08-24T04:42:29","slug":"ein-neues-weltbild-erarbeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/ein-neues-weltbild-erarbeiten\/","title":{"rendered":"Ein neues Weltbild erarbeiten"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich habe vielleicht 4 oder 5 mal in meinem Leben mein Weltbild ge\u00e4ndert. Das ist ein aufregender, spannender und extrem anstrengender Prozess. Ich finde das sehr viel, manche haben vielleicht das Weltbild, in das sie hineingeboren wurden, nie verlassen. Ein Philosophiestudium verlangt das eigentlich. Man sollte das nicht zu oft machen, und idealerweise w\u00e4chst man bei jedem neuen Wechsel.<\/p>\n\n\n\n<p>Um sich von einem Weltbild zu verabschieden, um sich auf ein Neues einzulassen, muss man viele Ideen hinter sich lassen. Es ist nicht leicht, sich von Ideen zu verabschieden, die einen jahrelang geleitet haben. Es ist auch nicht so, dass man eines Tages aufwacht und denkt alles ist falsch, von dem man jahrelang \u00fcberzeugt war. Vielmehr schleicht sich ein Gef\u00fchl ein, dass etwas nicht stimmt, dass bestimmte Fragen weiterhin nicht beantwortet sind, dass Dinge, die man interessant fand, pl\u00f6tzlich langweilig werden. Bei mir sind das Mantra \u00e4hnlich Zust\u00e4nde. Die letzten Jahre z. B. habe ich fast t\u00e4glich einen Gedanken gehabt: &#8218;I am done with capitalism&#8216; Diesen Satz habe ich immer wieder im Kopf gehabt. Doch was folgt daraus?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der \u00dcbergang<\/h2>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich bedeutete das, dass ich bestimmte Dinge nicht mehr mittragen konnte. Ganz praktisch f\u00fchlte ich mich nicht mehr wohl f\u00fcr eine teure Privatuniversit\u00e4t zu arbeiten. Ich hatte auch kein Interesse mehr an Dingen, die rein der Logik des Kapitals folgten, das bedeutet auch, dass ich an bestimmten Themen das Interesse verlor. Ich schaute in die vielen Regale mit meine B\u00fcchern und fand nur noch sehr wenige interessant &#8230; Gleichzeitig f\u00fchlte ich mich angezogen von neuen Ideen. Ganz konkret die B\u00fccher von Sri Aurobindo. Ich lese ihn langsam, aber daf\u00fcr eigentlich nur noch ihn, seit Jahren &#8230; Seine Ideen f\u00fchren in eine ganz andere Gedanken- und Erfahrungswelt. Ich bin dann sehr vorsichtig. Manche Autoren sind Verf\u00fchrer, haben schnelle Antworten und versuchen ein wenig missionarisch eine Gedankenwelt aufzuzwingen. Das finde ich gef\u00e4hrlich. Da muss man aufpassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kann man neue \u00dcberzeugungen aufbauen, die alten \u00dcberzeugungen widersprechen? Um alte \u00dcberzeugungen loslassen zu k\u00f6nnen, simplifiziere ich sie. Ich frage mich, was ist der Kern und warum haben sie f\u00fcr mich an Attraktivit\u00e4t verloren? Ich reduziere Komplexit\u00e4t, vereinfache, um Klarheit zu gewinnen. Das ist die Sch\u00f6nheit von <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/simplicity\/\">Simplizit\u00e4t<\/a>. Da meine Weltbilder immer aus soliden philosophischen Systemen bestanden, konnte ich nicht einfach Fl\u00fcchtigkeitsfehler im Denken finden. Vielmehr geht es mir darum, die Implikationen abzuw\u00e4gen. Was bedeutet ein Weltbild f\u00fcr den Planeten? Oder welche Fragen kommen innerhalb eines Weltbildes zu kurz, oder werden nur ausweichend behandelt? Meine kleine Kategorie von <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/category\/kiss-goodbye\/\">Kiss goodbye<\/a> Eintr\u00e4gen hier ist eine kleine Anekdotensammlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute wurde mir also etwas klar. Wie gesagt, es geht hier um radikale Vereinfachungen. Beim Lesen von Aurobindo&#8217;s Kommentaren zu der Isha Upanischad habe ich das Gef\u00fchl, dass das alles klar ist, dass hier etwas ausgedr\u00fcckt wird, das eine h\u00f6here Wahrheit beinhaltet. Ich finde das fast schon unheimlich, denn die Gedankenwelt ist komplex, entspringt einem anderen Kulturkreis, setz unglaublich viel voraus, und eigentlich kann man das gar nicht richtig verstehen, wenn man kein Sanskrit kann. Ich bin daher unendlich dankbar, dass ich diese Texte hier mit einem Freund lesen darf, der nicht nur ein echter Sanskritexperte ist, sondern f\u00fcr mich eine Art Guru ist, der mir Orientierung gibt, in meinem Versuch mich in Aurobindo&#8217;s Gedankenwelt zurechtzufinden. Heute wurde mir also etwas klar. In den gro\u00dfen Denktraditionen des Westens gibt es verschiedene Grundeinstellungen. Eine Art Axiomatik, also grundlegende Annahmen, auf denen alles aufbaut. Mir vertraut sind z. B. folgende Denktraditionen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Ein Weltbild, das auf <strong>Empirie<\/strong> beruht, also auf Dingen, die mir durch Erfahrung gegeben sind. Diese Erfahrungen sind Ausgangspunkt, die Welt zu verstehen. Alles, was in meiner Erfahrung gegeben ist, muss rational erkl\u00e4rbar sein. &#8218;Traue nur deinen Sinnen&#8216;, ist das kurzsichtige Mantra. Dieses Weltbild ist dominierend, da es besonders au\u00dferhalb der Philosophie die treibende Kraft geworden ist. Politik, Wirtschaft, Naturwissenschaften werden durch sie angetrieben.<\/li>\n\n\n\n<li>Ein anderes Weltbild beruht auf der <strong>Rationalit\u00e4t<\/strong>. Nur das, was rational erkl\u00e4rt werden kann, hat G\u00fcltigkeit. Das klingt erstmal fast identisch wie das Erste, hat aber radikal andere Implikationen. Hier geht es um die Strukturen unseres Denkens, um die transzendentalen Strukturen: Logik, Epistemologie, Ethik, \u00c4sthetik, Annahmen a priori etc&#8230;. Aus dieser Art von rationalem Denken lassen sich unterschiedlichste Ideologien ableiten. \u00c4ndert man die Voraussetzungen, indem man sich eine andere Datenlage anschaut, aber zugleich die Argumentationswege im Wesentlichen unver\u00e4ndert l\u00e4sst, so ergeben sich radikal unterschiedliche Weltbilder \u2013 Kommunismus, Kapitalismus, Fanatismus, Faschismus. Sie alle haben eine eigene Rationalit\u00e4t, die umgangssprachlich gar nicht rational ist. Ich denke, der Zweite Weltkrieg veranschaulicht, wo das hinf\u00fchren kann.<\/li>\n\n\n\n<li>Ein drittes Cluster von Weltbildern folgt der Grundannahme, dass es lokale Wissenssysteme gibt. Ein postmodernes Weltbild, das Widerspr\u00fcche aush\u00e4lt und Ver\u00e4nderungen wertsch\u00e4tzt. F\u00fcr mich ist das <strong>prozessuales Denken<\/strong>. Es ver\u00e4ndert sich st\u00e4ndig, weil die Welt sich auch st\u00e4ndig \u00e4ndert.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Das ist sicherlich nur eine kleine Auswahl von M\u00f6glichkeiten. Ich denke aber, dass diese drei Paradigmen hinreichend trennscharf sind, da es dazu auch viele Streitereien in der Fachliteratur gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir scheint nun, dass in Aurobindo&#8217;s Denken all diese Denkweisen zusammenlaufen, wenn auch unter anderen Vorzeichen: Die Empirie ist gegeben durch eine tiefgreifende Analyse der Sinne, die ph\u00e4nomenologisch pr\u00e4zise ist in dem Sinne, dass sie die Konstitution unterschiedlicher Bewusstseinszust\u00e4nde und Ebenen abdeckt (Kena Upanischad). Es ist rational in dem Sinne, dass Aurobindo das Geheimnis der vedischen Schriften erschlie\u00dft und zeigt, dass die spirituelle Erkenntnis der Rishis rational ist, aber auch \u00fcber die Rationalit\u00e4t hinausgeht, ohne irrational zu werden (Isha Upanischad). Es schlie\u00dft eben nur andere Erkenntnisformen und Bewusstseinszust\u00e4nde mit ein. Und sein Denken ist dem prozessualen Denken verbunden, da es die Evolution des Geistes beschreibt (The Life Divine). In Aurobindo&#8217;s Analysen kommen immer alle drei Formen des Denkens gemeinsam. Sein &#8218;System&#8216; ist verschr\u00e4nkt. Alles aufeinander bezogen, und das muss auch so sein, die Welt, das Bewusstsein, das volle Bewusstsein, die Natur, die G\u00f6tter, das Selbst \u2013 Maya, Puruscha, Satcitananda, Prakriti, Brahman, Atman&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Mir scheint, so in etwa kann sich ein Weltbild verschieben bzw. durch ein anderes ersetzt werden. Das hei\u00dft, dass das vorherige Weltbild im pers\u00f6nlichen Denken transformiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dabei helfen:<\/em> Meditation, Leben in einem anderen Land in einer anderen Gesellschaft, spirituelles Wachstum und Mut zur L\u00fccke f\u00fcr den Moment.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">p.s.:<\/span> Statt einer reduktionistischen Sichtweise auf das Bewusstsein, und statt einer Ausrichtung von Sinnhaftigkeit entlang von Akkumulationsbewegungen des Kapitals, findet sich in den vedischen Schriften das Grundprinzip der Vibration. Es ist das energetische Prinzip des Universums, es ist das Grundprinzip der Sinneswahrnehmung. Die Synchronizit\u00e4t von Vibrationen in der Wahrnehmung erlaubt eine bewusste Wahrnehmung und eine \u00dcbersetzung in Laute und Sprache. Das, was unsere Existenz als Menschen ma\u00dfgeblich pr\u00e4gt, ist unser Bewusstsein. Es ist auf wenigstens 7 Ebenen differenziert, und der Versuch, es auf Informationsverarbeitung zu reduzieren, erscheint mir masochistisch, selbstverleugnerisch, fremdbestimmt und fehlgeleitet.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Text geht es um die Ver\u00e4nderung des Weltbildes und den Prozess des Loslassens von alten \u00dcberzeugungen, um Platz f\u00fcr neue Ideen zu machen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3103,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","footnotes":""},"categories":[371,2,372,253,375,376],"tags":[28,159,35,44,138,308,309,135,141],"class_list":["post-3153","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aurobindo","category-bewusstsein","category-deleuze","category-kiss-goodbye","category-philosophie","category-upanischaden","tag-denken","tag-erfahrung","tag-ich","tag-leben","tag-loslassen","tag-postmoderne","tag-rationalitaet","tag-selbst","tag-wachstum"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3153","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3153"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3153\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5556,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3153\/revisions\/5556"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3103"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3153"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3153"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3153"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}