{"id":3118,"date":"2023-02-19T23:24:48","date_gmt":"2023-02-19T17:54:48","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=3118"},"modified":"2025-08-24T10:10:04","modified_gmt":"2025-08-24T04:40:04","slug":"gedaechtnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/gedaechtnis\/","title":{"rendered":"Ged\u00e4chtnis"},"content":{"rendered":"\r\n<p>In Indien werden seit 3000 Jahren die B\u00fccher der Vedas im Ged\u00e4chtnis behalten. Der Rigveda (10,552 Verse), Samaveda (1549 Verse), Yajurveda (4001 Verse) und Atharvaveda (5977 Verse) sowie die Upanischaden (ca. 1800 Verse) werden von Generation zu Generation weitergegeben. Die Grammatik des Sanskrit hat sich nicht wesentlich ver\u00e4ndert und die Aussprache ist durch exakte phonetische Beschreibung genaustens \u00fcberliefert. So klingen diese Texte heute genauso wie vor 3000 Jahren. Sie sind in Form von Mantras geschrieben, d. h. in Versform und der Wahrheit verschrieben. Dem Rezitieren, sogar dem blo\u00dfen Zuh\u00f6ren werden Kr\u00e4fte zugeschrieben, denn die Sprache des Sanskrit entstammt der Legende nach Shiva: Seine Trommeln erzeugen Vokale, aus ihnen entstehen die Konsonanten, daraus die Grammatik und schlie\u00dflich die Sprache.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das Pendant zur Sprache der Vedas sind in der Musik die Ragas. Des Weiteren steht Yoga in Beziehung zu den Vedas, ebenso Ayurveda und Tantra. Dieser Schatz von Weisheit wurde von den Rishis durch tiefe Meditation wahrgenommen und in Mantras festgehalten. Die strikte Codierung in Versform sicherte eine fehlerfreie \u00dcberlieferung \u00fcber Jahrtausende. Auch heute noch leben tausende Menschen in Indien, die die Vedas auswendig k\u00f6nnen und regelm\u00e4\u00dfig rezitieren.<\/p>\r\n<h3>Weitergabe von Wissen<\/h3>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es gibt zwei Formen der Weitergabe dieses Wissens. Die konventionelle Form des Lernens durch \u00dcbung und Wiederholung. Es ist notwendig, damit schon in fr\u00fcher Jugend anzufangen, und es erfordert die Hingabe eines ganzen Lebens, diese F\u00e4higkeit zu entwickeln und am Leben zu halten. Die zweite Form ist die Weitergabe eines Sehers an seinen Sch\u00fcler. Diese Form ist f\u00fcr den rationalen Geist schwer nachzuvollziehen. Innerhalb von Wochen wird das Wissen \u00fcbertragen. Die Beziehung zwischen Guru und Sch\u00fcler ist nat\u00fcrlich eine ganz besondere. Das ist selten. Es wird auch von noch mystischeren Transfers berichtet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Da es sich hier um ein Wissen handelt, das in der Meditation erfahren wurde, ist das ein Wissen, das anders ist als empirisches Wissen, das wir durch unsere \u00e4u\u00dferen Sinne gewonnen haben, oder rationales Wissen, das wir durch Deduktion gewonnen haben. Die westliche Vorstellung, dass \u2013 extrem verk\u00fcrzt \u2013 die \u00e4u\u00dferen Sinnesreize ins Ged\u00e4chtnis eingeschrieben und durch Erinnerung abgerufen werden k\u00f6nnen, greift hier nicht. Auch die Ans\u00e4tze der Transzendentalen Philosophie greifen hier zu kurz, da sie tiefen Strukturen <em>innerhalb<\/em> unseres Denkens suchen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das Wissen der Vedas bezeugt eine wesentlich differenziertere Beschreibung unseres Bewusstseins. Den allgemein akzeptierten drei Zust\u00e4nden von Materie, Leben und Geist korrespondieren in den Vedas auf einer h\u00f6heren Bewusstseinsebene Sat-Chit-Ananda (Existenz, Bewusstsein, Bliss). Eine siebte Ebene &#8211; Vijnana &#8211; ist das Bindeglied. Durch diese Form h\u00f6herer Erkenntnis wird Sat-Chit-Ananda er\u00f6ffnet. Das Ganze ist wundervoll komplex, reich und sch\u00f6n und wird unserer menschlichen Existenz viel mehr gerecht als die dominierende reduktionistische Sichtweise der sogenannten Aufkl\u00e4rung und wird durch die 7 Fl\u00fcsse oder tiefen Wasser beschrieben. Nat\u00fcrlich kommen hier auch noch die G\u00f6tter hinzu, aber das ist erstmal eine andere Geschichte. Mir geht es ja hier um das Ged\u00e4chtnis.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Vedas haben diese h\u00f6heren Ebenen erschlossen. Sie werden von Generation zu Generation m\u00fcndlich weitergegeben. Daher sind sie auch als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt. Dieses Wissen speist sich aus einer Schau und wird immateriell, wie das olympische Feuer, weitergetragen. Es zeugt von einem Ursprung in den \u00e4ltesten zusammenh\u00e4ngenden Texten der Menschheit.<\/p>\r\n<h3>Ged\u00e4chtnis und Bewusstsein<\/h3>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u00c4hnlich wie die Kunst Zeugnis gibt von einer inneren Erfahrung, oder die Erfindung oft auf einer Inspiration beruht, so ist unsere spirituelle Existenz einer Schau verbunden. Die Frage nach dem Sinn unseres Lebens beantwortet sich nicht in Kausalketten oder Deduktionen. Diese Frage verweist auf einen anderen Zusammenhang. Wie ist eine solche Schau m\u00f6glich und was f\u00fcr eine Art von Ged\u00e4chtnis ist daf\u00fcr n\u00f6tig? Ich meine damit nicht die Ged\u00e4chtnisleistung, sich c. 25.000 Verse zu merken, sondern die Frage nach der Art von Bewusstsein, die sich hier zeigt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der Geist kann sich innerhalb der Bewusstseinsebenen frei bewegen, in nahezu unendlicher Geschwindigkeit kann er von einem Ort zum anderen schweifen, durch die Zeit hindurchspringen und neue Welten erschlie\u00dfen \u2013 all das zumindest in der Erinnerung, dem aktivierten Ged\u00e4chtnis. Doch es ist mehr als nur ein Sich-in-Erinnerungen-Verlieren. Die Zust\u00e4nde von Sat-Chit-Ananda sind real. Indien ist von Menschen, die alles aufgegeben haben, um sich diesem Geschenk zu \u00f6ffnen, um Seligkeit und Unsterblichkeit im Hier und Jetzt zu erreichen. Bergson unterscheidet zwischen einem reinen Ged\u00e4chtnis und einem Gewohnheitsged\u00e4chtnis. Das reine Ged\u00e4chtnis erfasst die Erinnerungen, die uns pr\u00e4gen, die einzigartig sind, herausstechen aus dem Alltagsbewusstsein. Das geht in die richtige Richtung&#8230;.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Unser Geist, unser Bewusstsein kann teilhaben an einem gr\u00f6\u00dferen Bewusstsein, kann dieses aktualisieren. Mir scheint, wir missverstehen das als Ged\u00e4chtnis, und vielleicht ist es auch so, dass wir erst \u00fcber unser Ged\u00e4chtnis hinauswachsen m\u00fcssen, um wirkliches Bewusstsein zu erlangen. Erinnerung ist dann nicht die Suche im eigenen individuellen Ged\u00e4chtnis der Gewohnheit, sondern spirituelle Erfahrung. Denn alles ist immer schon \u00fcberall da. Es geht nur um die Zugangsrelationen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Referenz:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Joshi, Kireet. <em>The Portals of Vedic Knowledge <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Bergson, Henri. 1990. <em>Matter and Memory<\/em>. New York: Zone Books.<\/p>\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Indien werden seit 3000 Jahren die B\u00fccher der Vedas im Ged\u00e4chtnis behalten. Der Rigveda (10,552 Verse), Samaveda (1549 Verse), Yajurveda (4001 Verse) und Atharvaveda (5977 Verse) sowie die Upanischaden (ca. 1800 Verse) werden von Generation zu Generation weitergegeben. Die Grammatik des Sanskrit hat sich nicht wesentlich ver\u00e4ndert und die Aussprache ist durch exakte phonetische [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3114,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","footnotes":""},"categories":[371,2,374,375,911,376],"tags":[242,41,28,145,156,35,57,44,191,347,40],"class_list":["post-3118","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aurobindo","category-bewusstsein","category-meditation","category-philosophie","category-tantra","category-upanischaden","tag-bergson","tag-beziehung","tag-denken","tag-feuer","tag-geschichte","tag-ich","tag-jetzt","tag-leben","tag-spiritualitaet","tag-veden","tag-zeit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3118","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3118"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3118\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5218,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3118\/revisions\/5218"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3114"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3118"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3118"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3118"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}