{"id":3070,"date":"2023-02-02T00:32:21","date_gmt":"2023-02-01T19:02:21","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=3070"},"modified":"2025-08-10T19:55:34","modified_gmt":"2025-08-10T14:25:34","slug":"image-of-thought","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/image-of-thought\/","title":{"rendered":"Image of thought"},"content":{"rendered":"\r\n<p>Es gab mal eine Zeit, in der ein Studium Generale Teil der akademischen Welt war. Ich habe das einige Semester getan. Mir schien die Vorstellung einer systematischen Wissenschaft immer etwas widersinnig.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In meinem Philosophiestudium nach der Zwischenpr\u00fcfung in Heidelberg wurde ich dann systematischer, jedoch war ich trotzdem noch ein &#8218;bunter Hund&#8216; im Seminar. Ich fand immer Gegenbeispiele oder merkw\u00fcrdige Beobachtungen, die den Theorien widersprachen. F\u00fcr die Diskussionen in den Seminaren war das belebend. Ich war streitlustig, gab nicht schnell auf. Der Kraft des systematischen Denkens in der Tradition des Deutschen Idealismus hatte ich aber auf Dauer nicht viel entgegenzusetzen, und so fl\u00fcchtete ich in die \u00e4sthetische Theorie.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00c4sthetische Theorie<\/h2>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Alles, was wahrnehmbar ist, ist potenziell Gegenstand \u00e4sthetischer Theorie. Je bunter, desto besser. Jedoch wurde ich auch hier eingeholt von der systematischen und analytischen Denkweise. Wir lasen moderne Denker, keine Postmodernen. Die Kunstgeschichte hatte bemerkenswert wenig zu den Diskussionen beizutragen. Und so gab ich mich dem Gedanken der Avantgarde hin. Ein neuer Gedanke wurde schnell zum alten und durch einen noch radikaleren ersetzt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das Tragische an dieser Bewegung, die oft als Fortschritt (mis)verstanden wird, ist die analytische Reduktion. Das mystische Denken wird zum mythischen, dann zum aufgekl\u00e4rten und schlie\u00dflich zum kritischen Denken. \u00a0Der Gegenstand der Kunst reduziert sich vom Kosmos, zum religi\u00f6s\/ideologischen, dann zum wissenschaftlichen und schlie\u00dflich zum kritischen, zuweilen zynischen. Der semiotischen Reduktion folgte eine kompositorische Reduktion, dann eine Reduktion auf den Wahrnehmungsakt, eine weitere Reduktion auf die Idee (Concept). Dieser Prozess der Analyse, Zerteilung und Resynthetisierung wurde beschleunigt durch die Medientheorie. Ihm liefen parallel die Entwicklung der Drucktechnik, der Fotografie, des Films, Video, Computer, KI&#8230;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die trennende Kraft der Wissenschaft (Scienzia) reduziert den Akt der Kreativit\u00e4t auf das Finden neuer Elemente. Die &#8218;ism&#8216; der Kunstgeschichte: Impressionismus, Futurismus, Kubismus, Symbolismus, Dadaismus etc\u2026 Isolieren Kr\u00e4fte des Sch\u00f6pferischen und radikalisieren sie, bis sie einen Ausdruck gefunden haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Dieser kurze Abriss ist nat\u00fcrlich eine trivialisierende, radikale Verk\u00fcrzung. Kunst wurde auch reicher durch die Aufnahme von Ph\u00e4nomenen aus den Sozialwissenschaften, der Psychologie und der Naturwissenschaft. Die inter- und transdisziplin\u00e4ren Ans\u00e4tze f\u00fchrten K\u00fcnstler:innen in Labore, in die Politik, auf die Stra\u00dfe, in den Aktivismus. Einzelne Kr\u00e4fte wie z. B. &#8218;das Geistige in der Kunst&#8216;, die Kinetik, die Syn\u00e4sthesie, die Geometrie, die Emotion, der Kitsch \u2013 all dies und vieles mehr wurde konzentriert, destilliert, vermischt.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gedankenbilder<\/h2>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mir schienen die verschiedenen Kunststr\u00f6mungen immer verschiedene Weisen des Denkens zu repr\u00e4sentieren. Das dachte ich wirklich! Ich dachte, dass der Urgrund im Denken liegt. Ich teilte zwar die Ahnung der gro\u00dfen westlichen Philosophen, dass die philosophischen Systeme eben genau das sind: Systeme, die unterschiedliche Interpretationen einer Realit\u00e4t liefern, die selbst nicht erkl\u00e4rt werden kann. D. h. die Vorstellung, dass innerhalb des Denkens nur eine Repr\u00e4sentation von Welt geschaffen werden kann, die Welt selbst aber nicht zug\u00e4nglich ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mir war daher die Annahme, dass Kunst ein Akt der Sch\u00f6pfung sei, d. h., kreativ ist, immer suspekt. Wie konnte ein Subjekt Sch\u00f6pfer sein, wenn es rational verstanden wurde? Das klingt naiv, ist aber eigentlich nur ehrlich. Der Westen redet von den &#8218;kreativen&#8216; K\u00fcnstlern in einer materialistisch und kapitalistisch orientierten Weltvorstellung, in der das Heilige, das Sakrale, das G\u00f6ttliche keinen nennenswerten Stellenwert hat. Das Subjekt wird so zum Sch\u00f6pfer stilisiert, dem eine Kreation zugestanden wird, die dem G\u00f6ttlichen abgesprochen wird. Dieser Widerspruch schien f\u00fcr mich nur einseitig aufl\u00f6sbar zu sein. Ich entschied mich f\u00fcr das Rationale, das schien mir innerhalb der westlichen Kultur schl\u00fcssiger.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der Kunst kommt dann innerhalb dieses Denkens die Rolle einer Darstellung zu oder vielleicht sogar die eines Laboratoriums, wo neue Erfahrungen gemacht werden k\u00f6nnen. In den postmodernen Diskursen wird die Kraft der Kunst \u00a0\u2013 durch das Sublime die Welt jenseits des Denkens erreichen zu k\u00f6nnen \u2013 radikal erweitert. In der Dekonstruktion, dem Poststrukturalismus, dem Rhizom er\u00f6ffnet sich die Welt jenseits systematischer Denkmuster. Die Systeme werden quasi transzendiert (auch wenn die Hauptvertreter hier wahrscheinlich gro\u00dfen Einspruch einlegen w\u00fcrden). In den brutalen Verzerrungen, der Suche jenseits der Zeichen, in der freien Verkn\u00fcpfung des Unvereinbaren tritt Neues hervor. Hier f\u00fchlte ich mich zum ersten Mal zu Hause. Bis heute finde ich in den Schriften von Deleuze Trost und Inspiration.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich beginne aber erst jetzt, wirklich zu sehen. Denn diese gesamte Bewegung des Denkens innerhalb des Rationalen f\u00fchrt ja nicht weit. Die Grenzen des Rationalen sind schnell erreicht. Danach kommen die Warnschilder: Vorsicht, das ist nicht wissenschaftlich, oder nicht begr\u00fcndbar.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Wie lassen sich das Denken und die Welt in Deckung bringen? Diese Frage zeigt die Arroganz dieser Denktradition. Der Welt steht ein kleiner denkender Geist gegen\u00fcber, der den gesamten Kosmos mit all seinen Faszinationen fassen will. Und das Ganze auch noch nur aus sich selbst heraus. Eigentlich ist das so dumm, dass ich mich frage, warum ich das nicht viel fr\u00fcher gesehen habe. Und warum haben die sogenannten &#8218;gro\u00dfen Denker&#8216;, die das wussten, das nicht prominenter gesagt, sondern in kleinen posthumen Zetteln versteckt (siehe Kant und Hume z. B.)?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der Weg raus aus diesem Dilemma besteht darin, unser Sein breiter zu fassen, als blo\u00df auf das rationale Denken zu reduzieren. Wir m\u00fcssen uns erlauben, uns als Materie und Leben, als Bewusstsein und rationalen Geist, als intuitiv und spirituell zu verstehen. Nur wenn wir die komplexen inneren Bilder, die diese und weitere Ebenen verschr\u00e4nken, zulassen, k\u00f6nnen wir uns als Teil einer Realit\u00e4t verstehen, die uns einschlie\u00dft.Die Bilder, die dort dann entstehen, sind substanziell andere. Sie verlangen nach einer g\u00e4nzlich anderen Sprache.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Bei Aurobindo habe ich heute folgendes Zitat gefunden:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\r\n<p>&#8222;A certain difficulty arises for our mind in reconciling these different faces or fronts of the One Self and Spirit, because we are obliged to use abstract conceptions and defining words and ideas for something that is not abstract, something that is spiritually living and intensely real. Our abstractions get fixed into differentiating concepts with sharp lines between them: but the Reality is not of that nature; its aspects are many but shade off into each other. Its truth could only be rendered by ideas and <strong>images<\/strong> metaphysical and yet living and concrete, \u2014 <strong>images<\/strong> which might be taken by the pure Reason as figures and symbols but are more than that and mean more to the intuitive vision and feeling, for they are realities of a dynamic spiritual experience.&#8220; (The Life Devine p.372)<\/p>\r\n<\/blockquote>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mir scheint hier ein Hinweis auf ein anderes Kunstverst\u00e4ndnis zu liegen. Ich werde dem nachgehen.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erfahren Sie, wie ein &#8218;bunter Hund&#8216; im Seminar die systematische Wissenschaft hinterfragt und schlie\u00dflich in die \u00e4sthetische Theorie fl\u00fcchtet.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2924,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","footnotes":""},"categories":[371,2,372,912,373,375],"tags":[28,33,197,14,10,191,13],"class_list":["post-3070","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aurobindo","category-bewusstsein","category-deleuze","category-kosmos","category-kunst","category-philosophie","tag-denken","tag-kant","tag-medien","tag-moderne","tag-repraesentation","tag-spiritualitaet","tag-theorie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3070","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3070"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3070\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5221,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3070\/revisions\/5221"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2924"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3070"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3070"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3070"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}