{"id":2967,"date":"2023-01-16T11:48:16","date_gmt":"2023-01-16T07:48:16","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=2967"},"modified":"2025-08-10T19:58:35","modified_gmt":"2025-08-10T14:28:35","slug":"vibration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/vibration\/","title":{"rendered":"Die Kraft der Upanischaden: Klarheit und Spiritualit\u00e4t durch Meditation"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend ich der Weisheit der Upanischaden und der Kraft des Rigveda folge, wird mir vieles immer klarer. Die spirituelle Kraft der alten Schriften in Indien liegt in ihrem ungefilterten Zugang zur Erfahrung und der Intuition.<\/p>\n<p>Die Denksysteme, die ich in der westlichen Tradition kennengelernt habe, versuchen im Grunde immer, einen Ausgangspunkt zu finden:<\/p>\n<ul>\n<li>Philosophie sucht immer nach dem Anfang. Jedoch tut sie das in der Regel durch den Verstand. Das f\u00fchrt zu der Frage nach einer Axiomatik und Ontologie, also der Frage nach den Grundannahmen und den nicht reduzierbaren Seinsformen.<\/li>\n<li>Andere, eher religi\u00f6se und mystische Versuche, suchen nach einem Anker im Transzendentalen, Metaphysischen oder \u00dcbernat\u00fcrlichen. Letztlich also in einer Autorit\u00e4t, die erfahrbar ist.<\/li>\n<li>Die Wissenschaft mit ihrem materialistischen Zugang zur Welt sucht nach Mustern und versucht, diese zu verallgemeinern, um die daraus abgeleiteten Theorien zu verifizieren bzw. zu falsifizieren.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Was ich hier in Indien kennenlerne, ist die Wesensschau in der Mediation. Die Spiritualit\u00e4t nimmt ihren Ausgang von der Sicht nach innen. Diese Sicht nach innen ist rein und ungetr\u00fcbt. Sie ist wie gekl\u00e4rtes Butterfett \u2013 Ghee.<\/p>\n<h2>Meditation zum Selbst<\/h2>\n<p>In der <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/springende-fische\/\">Meditation<\/a> ist der K\u00f6rper in einer Ruheposition und der Geist l\u00e4sst die Reize der Au\u00dfenwelt verklingen. Als Hilfestellung zu Beginn einer Mediation wird oft die Konzentration auf den Atem genommen. Das Z\u00e4hlen der eigenen Atemz\u00fcge lenkt das Bewusstsein auf den eigenen K\u00f6rper, auf die Lebenskraft des Atems, auf das Verh\u00e4ltnis der Au\u00dfenwelt zur Innenwelt. Wenn der Geist und der K\u00f6rper so zur Ruhe gekommen sind, f\u00e4ngt die eigentliche Meditation erst an. Die Sinne, die nun weitestgehend aus dem Reiz-Reaktionsschema befreit sind, liegen offen. Und genau hier setzten die Upanischaden an.<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Schritt geht es nicht um eine Erfahrung des Transzendentalen, des Mystischen, einer irgendwie anders gearteten Realit\u00e4t, wie so viele Meditierende meinen. In den Upanischaden geht es darum, die Sinne in eine reine Form zu bringen. Sehen wird Sehen, H\u00f6ren wird H\u00f6ren, Denken wird Denken etc\u2026 Nicht mehr und nicht weniger. Wem es gelingt, auf dieser Bewusstseinsebene zu verweilen, nimmt die Grundstruktur des Bewusstseins wahr. Es wird klar, dass die Sinneseindr\u00fccke, angeregt durch die \u00e4u\u00dferen Sinnesorgane, innerhalb des Bewusstseins erscheinen, aber eben transformiert. In der Philosophie springen viele Denker nun viel zu schnell zu dem Schluss, dass es sich hier um mentale Repr\u00e4sentativen handelt. Bis wir bei mentalen Bildern angekommen sind, passiert aber noch viel.<\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/intermiscence-kena-upanischade\/\">Kena Upanischad<\/a> fragt: Wer sieht beim Sehen, wer h\u00f6rt beim H\u00f6ren, wer denkt beim Denken etc\u2026. Dies ist die Frage aller Fragen. Die Antwort ist klar und rein \u2013 Simplicity is complexity resolved &#8211; das absolute Selbst. Was hei\u00dft das?<\/p>\n<p>Wenn sich mein Bewusstsein in der Meditation auf einen der Sinne konzentriert, so wird er \u2013 losgel\u00f6st von seinem Objekt der Wahrnehmung und ebenso losgel\u00f6st vom Subjekt der Wahrnehmung, zum reinen Bewusstseinsgehalt, einer Form, die einer Vibration entspringt. Vibration ist der Begriff der Upanischaden, f\u00fcr den wissenschaftlichen Geist k\u00f6nnten wir von Bewusstseinsgehalten, die neuronale Str\u00f6me begleiten, sprechen. Diese Vibration, die durch die Sinnesorgane ausgel\u00f6st ist, konstituiert Bewusstsein. Selbst reduktionistische Materialisten w\u00fcrden hier noch zustimmen. Es ist das, was Hegel sinnliche Gewissheit nennt.<\/p>\n<p>Wer ist es aber, der diese sinnliche Gewissheit hat? Es ist nicht das Subjekt, das die mentalen Bilder, die Repr\u00e4sentationen synthetisiert, sondern es ist eine Vermischung der Vibrationen. Bewusstsein existiert nicht in Isolation. Bewusstsein ist eine Vermischung von verschiedenen Bewusstseinsinhalten. Die Vibration der Sinne vermischt sich mit unserem Atem und dem Herzschlag, der Natur. Kurz: Bewusstsein ist an die Lebenskraft gebunden (Prakriti), an eine Seele (Purusha) und Identit\u00e4t (Atman).<\/p>\n<h2>Atman und Brahman<\/h2>\n<p>Innerhalb der Meditation ist die Vermischung der Sinne gut zu beobachten. Das klare Bewusstsein wird sich dieses Gleichklangs bewusst und erfreut sich daran. Es ist hier, wo Ekstase und Seligkeit erfahrbar werden. Und hier, jedenfalls f\u00fcr mich, erwacht das Selbst in einem tieferen Sinn. Denn hier ist das Bewusstsein losgel\u00f6st vom Reiz-Reaktions-Schema. Das synthetisierte Bewusstsein (Atman), entfaltet eine eigene Handlungskraft, es wird zu einem Agierenden, d. h. frei. Und in eben jenem Bewusstsein des freien Selbst (was ein wesentlich st\u00e4rkerer Begriff ist als das recht technische Selbstbewusstsein mit seiner selbstreferenziellen Struktur), erkennt das Selbst seine Einheit mit dem absoluten Selbst. Das freie Bewusstsein erkennt sich als Teil des Bewusstseins \u00fcberhaupt. Atman ist Brahman und Brahman ist Atman.<\/p>\n<h2>Bilder der Rigveda<\/h2>\n<p>Von hier aus werden mir auch Bilder Rigvedas klar. Die heiligen K\u00fche, die als Strahlen der Sonne und in anderen merkw\u00fcrdigen Konstellationen vorkommen, die Pferde, die angespannt sind und aus den St\u00e4dten kommen, oder die G\u00f6tter fahren, das Feuer, das in unterschiedlicher Form, mal rauchend, mal klar, allgegenw\u00e4rtig ist.<\/p>\n<p>Ich versetzte mich manchmal nach einer Meditation in eine vorhistorische Zeit, in eine Zeit, mit wenigen Werkzeugen, ohne Schrift, unter dem Sternenhimmel, wo die Pferde auf der Wiese grasen und die Milch \u00fcber dem Feuer gekocht wird und die geschlagene Butter gekl\u00e4rt wird. Das Mysterium des Lebens und des Bewusstseins, die Erfahrung, Teil des Kosmos zu sein, um das Lagerfeuer sitzend, oder die \u00d6llampen mit gekl\u00e4rter Butter f\u00fcr die G\u00f6tter anzuz\u00fcnden, ist eine tiefe spirituelle Erfahrung, die teilweise noch in den Tempeln und bei den Festen in Indien zu sp\u00fcren ist.<\/p>\n<p>Die gekl\u00e4rte Butter der majest\u00e4tischen, freilaufenden K\u00fche, die kraftspendend und lichtgebend ist, der Atem der schnaufenden Pferde im Morgengrauen, das Feuer, das w\u00e4rmt und sich in der Sonne und dem Mond spiegelt. Dies sind ganz konkrete Erfahrungen, die zentraler Gegenstand spiritueller Mediation sind. Die Rishis gehen ganz konkret von dem, was vor ihnen ist, aus, und sie reflektieren nach innen und beschreiben das Geheimnis unserer Existenz hier und jetzt. Es ist keine Spiritualit\u00e4t, die auf Autorit\u00e4t aufbaut oder von Kategorien a priori ausgeht. Diese Spiritualit\u00e4t ist entwickelt aus der allgemeinsten Erfahrungswelt, sie erkl\u00e4rt, wer und was wir sind. Sie gibt den Dingen und Kr\u00e4ften lediglich Namen und beschreibt sie.<\/p>\n<p>Die G\u00f6tter sind nichts anderes als jene Kr\u00e4fte, die wir sehen: das Wachsen der B\u00e4ume in der Natur, der Kampf und die Liebe bei den Lebewesen, die Kr\u00e4fte unseres Unterbewusstseins, die Ideale unseres Geistes. Sie sind Teil jeder Kultur, sie sind \u00fcberall da, sie sind real. Im Hinduismus sind sie Kr\u00e4fte benannt und als G\u00f6tter verehrt. Was soll daran falsch sein?<\/p>\n<p>Wir leben in dieser Welt, hier sind wir, und hier ist unsere Spiritualit\u00e4t. Sie liegt nicht im Jenseits, und sie ist auch nicht nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entdecke die spirituelle Kraft der Upanischaden und der Rigveda in Indien. Erfahre die Wesensschau und die reine Form der Sinne in der Meditation.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2873,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","footnotes":""},"categories":[2,912,3,374,375,376],"tags":[28,34,16,18,382,19],"class_list":["post-2967","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-bewusstsein","category-kosmos","category-kultur","category-meditation","category-philosophie","category-upanischaden","tag-denken","tag-hegel","tag-identitaet","tag-liebe","tag-meditation","tag-seele"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2967","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2967"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2967\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5225,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2967\/revisions\/5225"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2873"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2967"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2967"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2967"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}