{"id":2947,"date":"2023-01-07T22:17:35","date_gmt":"2023-01-07T18:17:35","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=2947"},"modified":"2025-08-10T21:25:05","modified_gmt":"2025-08-10T15:55:05","slug":"oestliche-und-westliche-philosophie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/oestliche-und-westliche-philosophie\/","title":{"rendered":"\u00d6stliche und westliche Philosophie?"},"content":{"rendered":"<p>Neulich fragte mich eine Freundin nach dem Verh\u00e4ltnis von \u00f6stlicher und westlicher Kultur. Das ist nat\u00fcrlich eine enorme Frage, die ich mir auch stelle und die nat\u00fcrlich niemand wirklich beantworten kann. Ich will aber ein paar Gedanken formulieren:<\/p>\n<h2>Die Entfernung von einem imaginierten Zentrum<\/h2>\n<p>Der &#8218;westlichen&#8216; Welt, basierend auf der klassischen Antike, dem Christentum, der Aufkl\u00e4rung und dem Materialismus, steht die okzidentale Welt der Assyrer und Perser, des Islam und die Vorstellung eines Gemeinwesens, das g\u00f6ttlich gelenkt ist, gegen\u00fcber. Das ist eine Perspektive aus einem historischen Konflikt heraus, der aus westlicher Sicht durch Alexander den Gro\u00dfen, das R\u00f6mische Reich, und die Kreuzz\u00fcge gepr\u00e4gt ist. Es ist eine eurozentristische, koloniale Perspektive, die den Dialog des Abendlandes mit dem &#8218;anderen&#8216; vermeidet. Die heute islamisch gepr\u00e4gte \u00f6stliche Welt, das Morgenland, hatte ebenso eine missionarische Agenda (Dschihad).<\/p>\n<p>Das Ganze ist nat\u00fcrlich viel komplexer, aber mir geht es hier darum, auf den Bereich hinzuweisen. Dieses zumeist konfrontative Verh\u00e4ltnis spielt sich geografisch zwischen der sogenannten westlichen Hemisph\u00e4re und dem Nahen und Mittleren Osten ab. Nordafrika wird in dieser Perspektive als Kollateral betrachtet. Diese ganze Beschreibung entspringt dem Denken des 19. und 20. Jahrhunderts und wird den Realit\u00e4ten des 21. Jahrhunderts nicht gerecht. Was hier nicht vorkommt, sind die Kulturkreise Chinas und Indiens. In brutaler kolonialer Denktradition ist das lediglich der Ferne Osten. Wir haben also eine geografische Distanzlinie, auf der kulturelle Hemisph\u00e4ren gereiht werden, und f\u00fcr die die Distanz zum Zentrum (Rom, Konstantinopel, Meridian von Greenwich) ausschlaggebend ist. Das ist absurd, aber dennoch ideologisch real. Eigentlich sollte man hier gar nicht weiterdenken. Dies ist eine alte Ideologie, die bestenfalls ins Museum geh\u00f6rt.<\/p>\n<h2>Metaphysische Systeme<\/h2>\n<p>Ergiebiger ist eine Ordnung in metaphysische, also philosophische und spirituelle Systeme:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?s=monotheismus\">Monotheismus<\/a> (weitestgehend einhergehend mit einer rein dualistischen Weltanschauung, die ihren Ursprung im Mittelmeerraum hat)<\/li>\n<li>einem Denken der <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/tag\/immanenz\/\">Immanenz<\/a> (das sich leise durch alle Epochen und Kulturkreise zieht)<\/li>\n<li>dem kapitalistischen, wissenschaftlich gepr\u00e4gten Materialismus des 19. und 20. Jahrhunderts (dessen Begrenztheit und Ignoranz gerade den Planeten bedroht)<\/li>\n<li>die Weisheit der Rishis im Rigveda und den <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/category\/upanischaden\/\">Upanischaden<\/a> in Indien<\/li>\n<li>das, was die kommunistische Kulturrevolution hinterlassen hat.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Meine Formulierung zeigt schon sehr deutlich eine pers\u00f6nliche Pr\u00e4ferenz. Es geht hier um Weltbilder, Weltanschauungen, Selbstverh\u00e4ltnisse zur Welt. Sie sind hochgradig subjektiv. Da es sich hierbei nur scheinbar um Wissenssysteme handelt, und auch nicht um Religionssysteme oder Ideologien, sondern um fundamentale Lebenseinstellungen, sind die Auseinandersetzungen hier besonders spannend.<\/p>\n<p>Die Zukunft wird oft als ein Verteilungskampf um Ressourcen wie Wasser, Klimafolgen, Fundamentalisten, Geopolitik, Kapitalstr\u00f6me, Wissenschaftsutopien und \u2011dystopien beschrieben. Es geht im 21. Jahrhundert aber um das ganz Wesentliche: unser Verh\u00e4ltnis als Mensch zur Welt, und letztlich darum, ob wir in ihr bleiben wollen, und wenn ja, wie. Die Dringlichkeit dieser Frage wird mir hier in Indien sehr bewusst, im Westen wird diese Frage immer noch bel\u00e4chelt. Hier scheint mir der wirklich spannende Unterschied zu liegen.<\/p>\n<h2>Der Ursprung der Sprache<\/h2>\n<p>Um es noch einmal anders zu formulieren: Die universelle Sprache ist auch nicht die Mathematik. Es ist zwar wirklich erstaunlich, wie erkl\u00e4rungswirksam die Mathematik und die auf ihr basierenden Naturwissenschaften sind. Und auch die empirischen Wissenschaften haben eine gewisse Erkl\u00e4rungskraft, da sie Beobachtungen in Theorien formulieren. Doch sie sind eine abstrakte Beschreibungsebene der physischen Welt.<\/p>\n<p>Das eigentliche Mysterium bleibt die Sprache selbst. Am Anfang war das Wort, sagt die Genesis. In den Upanischaden kommt dem Laut eine zentrale Rolle zu. Die Vibration, die Klang erzeugt, der wiederum eine Vorstellung erfasst und eine Form erzeugt, ist ein zentrales Bindeglied unserer Sinne und unseres Geistes. Der spirituelle Laut OM ist ein tiefes Ausatmen, das mit dem Schlie\u00dfen der Lippen endet und den Kern unserer Existenz erfasst.\u00a0 Die Sprache, das Erzeugen von Bedeutung durch Laute, verbindet Wahrnehmung, Ausdruck, geistige Repr\u00e4sentation, Vorstellung und Kommunikation. Am Anfang war nicht das Wort, sondern der Laut. Aus ihm entsteht das Wort, dessen Medium der Geist ist.<\/p>\n<h2>Wer hat eine Antwort?<\/h2>\n<p>Es kann eigentlich nicht mehr darum gehen, einen Status quo zu bewahren, und auch die Idee eines Fortschritts hat sich nun endg\u00fcltig \u00fcberholt. Wie k\u00f6nnen Antworten aussehen?<\/p>\n<ul>\n<li>Die dominierende Variante ist, dar\u00fcber nachzudenken, wie wir das System der Globalisierung verbessern k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Eine individuellere Antwort ist die nach der Ausrichtung des eigenen Lebens an Maximen.<\/li>\n<li>Eine weitere ist die Transformation des Bewusstseins: individuell, kollektiv, universell.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Mir scheint auch hier wieder die Weisheit der Upanischaden schon eine Antwort zu haben. Denn diese drei wesentlichen Ebenen einer Suche nach Antworten geh\u00f6ren zusammen. Sie werden in der Einsicht der Rishis vers\u00f6hnt. Nur wenn wir unsere materielle Existenz mit unseren Lebensidealen und der Einsicht, dass Bewusstsein nicht isoliert existiert, vereinen, haben wir eine Chance.<\/p>\n<p>Die Mantras der Rishi sind die \u00e4ltesten spirituellen, \u00fcberlieferten Texte. Sie zeugen von einem Anfang, der keiner war. Sie zeugen von einem universellen Bewusstsein, das sich nicht aus pers\u00f6nlichen Motiven speist, sondern aus dem menschlichen Geist, einer meditativen Introspektion. Die L\u00f6sung liegt in uns selbst. So trivial das klingt, ist es zugleich die h\u00f6chste Weisheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neulich fragte mich eine Freundin nach dem Verh\u00e4ltnis von \u00f6stlicher und westlicher Kultur. Das ist nat\u00fcrlich eine enorme Frage, die ich mir auch stelle und die nat\u00fcrlich niemand wirklich beantworten kann. 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