{"id":2594,"date":"2022-12-22T09:37:03","date_gmt":"2022-12-22T05:37:03","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=2594"},"modified":"2025-08-10T21:06:32","modified_gmt":"2025-08-10T15:36:32","slug":"wieviele-sinne-haben-wir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wieviele-sinne-haben-wir\/","title":{"rendered":"Wieviele Sinne haben wir?"},"content":{"rendered":"<hr \/>\n<p>Manchmal frage ich mich, was ich eigentlich w\u00e4hrend meines Philosophiestudiums in Heidelberg gelernt habe (und ja, vielleicht h\u00e4tte ich mehr von den Spinoza- und Bergson Seminaren besuchen sollen).<\/p>\n<p>Bei all den Diskussionen \u00fcber Wahrnehmung und Bewusstsein haben wir immer die f\u00fcnf Sinne thematisiert: Sehen, H\u00f6ren, Schmecken, Tasten, Riechen. Dies, so lernen wir in der aufgekl\u00e4rten Philosophie, seien alle, die wir haben. Als ich dann in einem Seminar lernte, dass die Propriozeption, also die nach innen gerichtete K\u00f6rperwahrnehmung, ein sechster Sinn sein k\u00f6nnte, galt das als Revolution.<\/p>\n<p>Diese Sinne sind in der Theorie so angelegt, dass sie vom Bewusstsein aus bis zu dem Punkt reichen, wo die Au\u00dfengrenzen des K\u00f6rpers mit der Welt interagieren:<br \/>\n&#8211; Schallwellen treffen auf das Trommelfell<br \/>\n&#8211; Geruchsstoffe auf die Nasenschleimh\u00e4ute<br \/>\n&#8211; Geschmacksstoffe auf die Zunge<br \/>\n&#8211; Der Tastsinn auf Objekte<br \/>\n&#8211; Licht auf die Retina<\/p>\n<p>Was hinter den K\u00f6rperschnittstellen in der Au\u00dfenwelt liegt, die Welt an sich also, dar\u00fcber k\u00f6nnen wir nichts anderes sagen als das, was uns mittels der Sinne zur Verf\u00fcgung gestellt wird (<a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/descarte\/grunphil\/chap004.html\">Descartes<\/a>). Sie ist konstruiert (Kant), in einer Epoch\u00e9 ausgeklammert (Husserl), jenseits der Sprache (Wittgenstein), falsifizierbar (Popper), Struktur (Saussure) etc&#8230;.<\/p>\n<h2>Sprache<\/h2>\n<p>Jene banalisierten f\u00fcnf Sinne haben wir in der kulturellen Evolution angeblich erweitert: mit Brillen und Mikroskopen oder Teleskopen, mit Roboter-Exoskeletten oder Mikrofonen bzw. Lautsprechern (ich denke an Marshall McLuhan).<\/p>\n<p>Innerhalb des Bewusstseins gibt es also einen Zulieferer von Daten (die Sinne), die durch das Bewusstsein vereint werden und ein innerliches Bild ergeben, ein Abbild der Au\u00dfenwelt. Diese Abbilder der Au\u00dfenwelt sind einem wie auch immer gearteten Ich gegeben. Dieses ist zumindest eine selbstreferenzielle Struktur (&#8222;<span data-react-container=\"true\"><a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/kant\/krvb\/krvb033.html\">Das: <i>Ich denke<\/i>, mu\u00df alle meine Vorstellungen begleiten k\u00f6nnen<\/a>&#8222;, Kant<\/span>)<\/p>\n<p>Innerhalb des Bewusstseins selbst k\u00f6nnen wir dann feiner differenzieren: Wie sind die Bewusstseinsgehalte zusammengesetzt, was ist Erinnerung und Erwartung, Traum und Erkenntnis. Wie werden Bewusstseinsinhalte Sprache zugeordnet und welchen S\u00e4tzen korreliert welches Bewusstsein, und wann k\u00f6nnen wir dann von wahren S\u00e4tzen sprechen und wann von falschen? Da kann man dann schlie\u00dflich tief in die Sprache eindringen oder in die Ph\u00e4nomenologie, oder die Neurowissenschaften etc&#8230;<\/p>\n<h2>Zur\u00fcck zum Anfang<\/h2>\n<p>Ich m\u00f6chte nochmal bei den f\u00fcnf Sinnen ansetzen, weil hier etwas schiefgelaufen ist, und das Denken dann eben auch in die falsche Richtung l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Die Upanischaden sind da viel klarer. Hier wird von <a href=\"https:\/\/upanishads.org.in\/upanishads\/sa\/kenaupanishad\/sense-of-our-senses\">11 Sinnen<\/a> gesprochen: 5 Sinne des Wissens \u2013 Nase, Zunge, Augen, Ohren, Haut \u2013 und 5 Sinne der Aktion \u2013 H\u00e4nde, F\u00fc\u00dfe, Anus, Geschlecht, Sprechen \u2013 und der elfte Sinn, das Wissen, das dann alles zusammenbringt.<\/p>\n<p>Die Sinne sind hier nicht schon als skeptizistischer Super-GAU angelegt (als ein Gehirn im Aquarium, das tr\u00fcgerisch f\u00fcnf Typen von Sinnesinformationen zugespielt bekommt, ich denke hier an Descartes), sondern als die realen Kontaktpunkte unseres K\u00f6rpers zur Welt.<\/p>\n<p>Das ist doch eine ganz andere Ausgangslage, die Welt zu beschreiben. Der K\u00f6rper wird hier ernst genommen, er ist in der Welt, interagiert mit ihr, \u00fcber mindestens 11 Kontaktpunkte. Das Wissen ist ein Wissen um das Sein in der Welt, um den eigenen K\u00f6rper und die M\u00f6glichkeit zu agieren und zu wissen, aber auch ein Wissen um ein gr\u00f6\u00dferes Bewusstsein. Das Problem des Dualismus der westlichen Philosophie in der Nachfolge von Descartes wird hier gedehnt, auseinandergezogen, klarer. Es l\u00f6st sich, nicht auf, sondern wir transformiert, fl\u00fcssig, ineinanderflie\u00dfend (intermiscence).<\/p>\n<p>Zwischen den Extremit\u00e4ten und Sinnesorganen und dem Denken selbst ist der K\u00f6rper. Der K\u00f6rper ist nicht nur materiell gedacht, sondern biologisch, als lebender K\u00f6rper, der eine Lebenskraft (ich denke hier an Bergson) hat. Auch diese k\u00f6nnen wir eigentlich nicht wirklich leugnen, wir erfahren sie immerzu. Sie hat ihren Ursprung in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Purusha\">Purusha<\/a> &#8211; der Weltseele, dem reinen Bewusstsein (Chit) Purusha ist der Ausgangspunkt von allem.<\/p>\n<p>Purusha entgegengesetzt ist <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Prakriti\">Prakriti<\/a>. Die Natur in ihrer Urmaterie, mit drei Eigenschaften ausgestattet: Tr\u00e4gheit (Materie?), Energie, und Harmonie. Und es w\u00e4re nun wirklich zu einfach, ein solches Schema zu \u00f6ffnen, Purusha und Prakriti sind zwei Seiten von <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/shiva\/\">Shiva<\/a>&#8230;.<\/p>\n<p>In den Upanischaden gibt es ein unglaublich komplexes System von 7 Ebenen:<\/p>\n<ol>\n<li>Materie<\/li>\n<li>Leben<\/li>\n<li>Geist<\/li>\n<li>Wissen (Vijnana)<\/li>\n<li>Bliss (Ananda)<\/li>\n<li>reines Bewusstsein (Chit)<\/li>\n<li>reine Existenz (Sat)<\/li>\n<\/ol>\n<p>Und das ist nur der Anfang. Wieso denken wir im Westen so banal, rein in der Dualit\u00e4t von Geist und Materie?<\/p>\n<h2>Wer denkt beim Denken?<\/h2>\n<p>So richtig interessant wird es in Aurobindo&#8217;s Kommentaren zu der Kena Upanishad (<a href=\"https:\/\/www.sriaurobindoashram.org\/sriaurobindo\/writings.php\">Vol 18 Upanishads-II : Kena and Other Upanishads<\/a>) und den Kommentaren in den Hymns to the Mystic Fire (<a href=\"https:\/\/www.sriaurobindoashram.org\/sriaurobindo\/writings.php\">Vol 16<\/a>).<\/p>\n<p>Mehr dazu sp\u00e4ter hinter dem Konzept der <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/intermiscence\/\">Intermiscence (ineinanderflie\u00dfen)<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>p.s. Kann es wirklich sein, dass in der westlichen Philosophie \u00fcber Jahrhunderte oder gar Jahrtausende die Sexualorgane nicht als Sinne mitgemacht wurden?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entdecke die Bedeutung der f\u00fcnf Sinne und lerne, wie die Propriozeption als m\u00f6glicher sechster Sinn eine Revolution darstellt. Tauche ein in die Welt der Wahrnehmung und Bewusstsein. #Philosophie<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2683,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_editorskit_title_hidden":false,"_editorskit_reading_time":0,"_editorskit_is_block_options_detached":false,"_editorskit_block_options_position":"{}","footnotes":""},"categories":[371,2,375,376],"tags":[28,35,33,44,366,13,347],"class_list":["post-2594","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aurobindo","category-bewusstsein","category-philosophie","category-upanischaden","tag-denken","tag-ich","tag-kant","tag-leben","tag-sinne","tag-theorie","tag-veden"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2594","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2594"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2594\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5227,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2594\/revisions\/5227"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2683"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2594"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2594"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2594"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}