{"id":2579,"date":"2022-11-28T20:49:20","date_gmt":"2022-11-28T16:49:20","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=2579"},"modified":"2025-08-10T16:26:49","modified_gmt":"2025-08-10T10:56:49","slug":"labyrinth-prozesseasthetik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/labyrinth-prozesseasthetik\/","title":{"rendered":"Labyrinth &#8211; Prozess\u00e4sthetik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">\u201cthe eye thinks even more than it listens\u201d (Deleuze)<\/p>\n<p>Ich erinnere mich nun, dass ich, bevor ich anfing, Deleuze zu lesen, mich an einer Prozess\u00e4sthetik abgearbeitet hatte. Ich habe ein 100-Seiten-Manuskript gebastelt, mit Notizen, Zitaten, Strukturskizzen. Ich wollte weg von der Idee, dass Kunst aus Objekten besteht, die in einer besonderen Form wahrgenommen werden, denn daraus ergeben sich zwei wesentliche Str\u00e4nge von \u00dcberlegungen: 1.) Was macht ein Objekt aus, das wir als Kunst bezeichnen, und 2.) wieso ist die Wahrnehmung von Kunst anders als allt\u00e4gliche Wahrnehmung? Es gibt unz\u00e4hlige Theorien zu beiden Str\u00e4ngen, manche verbinden sie, manche entscheiden sich f\u00fcr den einen, andere f\u00fcr den anderen.<\/p>\n<p>Mir war das aber irgendwie immer suspekt: die Relation <em>Kunstobjekt &lt;-&gt; wahrnehmendes Subjekt<\/em>. Da ist wieder dieser Dualismus, der von einigen radikal aufzul\u00f6sen versucht wurde, indem man sich f\u00fcr eine der beiden Seiten dieser Relation auf Kosten der anderen entscheidet. Ein Streit zwischen Idealismus, Materialismus und Empirismus. Die Philosophie, so schien mir, hatte sich da ganz ordentlich verzettelt. Das Feld der philosophischen \u00c4sthetik gilt ja nicht zu Unrecht als un\u00fcberschaubar, mitunter als weich und inkonsistent, etwas f\u00fcr Philosophen, die am Abenteuer des Denkens mehr Gefallen finden als an der Wahrheitssuche. Und darum geht es ja auch, um das Gefallen.<\/p>\n<h2>Kunst<\/h2>\n<p>Ich habe da einen Weg herausgesucht, ohne das \u00e4sthetische Denken verlassen zu m\u00fcssen. Mir schien, dass der einzige Weg, diesem Dualismus etwas entgegenzusetzen, eine andere Ontologie sei. Eine Ontologie des Prozesses. Ich las H. Bergson und N. Whitehead und suchte in der Kunstwelt nach Kunstwerken, die das thematisierten. Kunstwerke, die als Medium die Zeit hatten, boten sich an: Film und interaktive Installationen. Mir schien ein wesentlicher Aspekt dieser Kunst der \u00dcbergang von einem Zustand in einen anderen zu sein, von einem Bild zum n\u00e4chsten (&#8222;Film ist die Wahrheit &#8211; 24 Mal in der Sekunde&#8220;, Godard).<\/p>\n<p>Bzw. zwischen Buchstaben. Hier fand ich <a href=\"https:\/\/pauldemarinis.org\/\">Paul de Marinis<\/a> Messenger (1998) faszinierend und kontrastierte das mit Nancy Holt &amp; Richard Serras Boomerang&#8220; (1974). Beides sind Werke, die Sprache so weit dehnen, dass die Zwischenr\u00e4ume zwischen den Buchstaben und W\u00f6rtern wahrnehmbar werden. Ein tieferes Nachdenken hat dann f\u00fcr mich gezeigt, dass diese Zwischenr\u00e4ume eigentlich genauso bedeutungslos sind wie die Buchstaben und W\u00f6rter selbst. Bedeutung, Sinn, Aussage, Sch\u00f6nheit, Reflexion von &#8211; was genau? Sie verweisen auf den Prozess des Denkens und der Kommunikation selbst hin. F\u00fcr mich war dies der Zugang zu Kunst, die nicht auf einer wie auch immer gearteten Repr\u00e4sentation beruht. Denn auch hier in diesem fatalen Konzept Repr\u00e4sentation ist der S\u00fcndenfall des Dualismus.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201cThis is the dark thought I have had about representation for so long: we are immersed in it and it has become inseparable from our condition. It has created a world, a cosmos even, of false problems such that we have lost our true freedom: that of invention.\u201d (Dorothea Olkowski, p.91)<\/p>\n<p>Es war dieser Satz, der mir pl\u00f6tzlich eine T\u00fcr zu einem anderen Denken \u00f6ffnete. Ich wollte zur\u00fcck zum Ursprung, den Ursprung der Sprache und des Ausdrucks, nicht als etwas Streng Definiertem, sondern als Sch\u00f6pfungsakt.<\/p>\n<h2>Prozess\u00e4sthetik<\/h2>\n<p>Dieser kreative Akt ist ein Prozess, der immer Prozess bleibt, er bringt kein Objekt oder Subjekt hervor, sondern einen nicht endenden Prozess. Kunst schaffen, Kunst rezipieren, Kunst dokumentieren und aufbewahren sind alles nur Phasen eines Prozesses, innerhalb dessen das, was wir Kunst nennen, sich unterschiedlich manifestiert. Es gibt keine Kunst, nur einen \u00e4sthetischen Prozess, die Reflexion dar\u00fcber nannte ich Prozess\u00e4sthetik. Wie schon oben erw\u00e4hnt: Ich hatte mich da ganz ordentlich verheddert.<\/p>\n<p>Im Kern halte ich jedoch an der Denkrichtung fest, und fand eine Art Echo in den Gedanken Gilles Deleuze:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201cSomething in the world forces us to think. This something is not an object of recognition, but a fundamental encounter.\u201d Gilles Deleuze \u2013 Difference and repetition p. 139<\/p>\n<p>Diese Begegnung, was ist das? Auf einer Alltagsebene kennen wir das, wenn ein Kunstwerk irgendwie zu uns spricht, was auch immer das jetzt hei\u00dfen mag.<\/p>\n<p>Ich denke, dass mich das Nachdenken \u00fcber eine Prozess\u00e4sthetik und das Abenteuer von Deleuze nun zu den Upanischaden gef\u00fchrt haben. Hier, in einem zyklischen und wechselwirkenden Denken, begegnet sich das Selbst mit ich selbst. Es ist vielleicht auch genau jene Tautologie, die im Zentrum idealistischer Selbstbewusstseinstheorien wie bei Hegel steht.<\/p>\n<p>Das Ganze ist ein Prozess, der zu keiner Zeit eine wesentliche Bedeutung hat, er steht f\u00fcr nichts, er repr\u00e4sentiert nichts, er existiert lediglich, um sich selbst zu erfahren.<\/p>\n<p>Om Namah Shivaya<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Olkowski, Dorothea. <em>Gilles Deleuze and the Ruin of Representation<\/em>. Berkeley: University of California Press, 1999.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cthe eye thinks even more than it listens\u201d (Deleuze) Ich erinnere mich nun, dass ich, bevor ich anfing, Deleuze zu lesen, mich an einer Prozess\u00e4sthetik abgearbeitet hatte. Ich habe ein 100-Seiten-Manuskript gebastelt, mit Notizen, Zitaten, Strukturskizzen. 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