{"id":2267,"date":"2022-11-04T07:25:45","date_gmt":"2022-11-04T03:25:45","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=2267"},"modified":"2025-08-10T15:45:16","modified_gmt":"2025-08-10T10:15:16","slug":"leere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/leere\/","title":{"rendered":"Leere"},"content":{"rendered":"<p>Seit vielen Jahren schon ist mein Geist die meiste Zeit von Leer erf\u00fcllt. Auch mein Ged\u00e4chtnis ist nicht gut und oft wiederhole ich W\u00f6rter oder S\u00e4tze in meinem Geist, ohne zu wissen warum. Oftmals sind es einfach Erfahrung in einem Wort in einer Endlosschleife, gewisserma\u00dfen wie ein Mantra.<\/p>\n<p>Mich hat das lange Zeit sehr beunruhigt. Ich habe versucht, Entschuldigungen und Rechtfertigungen daf\u00fcr zu finden. Z.B., dass ich viel geistig gearbeitet habe und mein Geist einfach ersch\u00f6pft ist, bis hin zu einem Burn-out. Ich habe mir gesagt, dass mein Ged\u00e4chtnis nicht richtig oder anders funktioniert, weil ich in drei Sprachen lebe, denke, f\u00fchle, erfahre. Wie speichern wir Erfahrungen, Gedanke, Wissen in unseren Geist? Wenn ich etwas in einer Sprach erfahre, lerne, erkenne, kann ich es dann in einer anderen Sprache abrufen \u2013 ohne Unterschied? Und wenn mein Geist ein Wort wiederholt, 20, 30 mal, weil er quasi \u00fcber etwas stolpert, es nicht ganz einordnen oder begreifen kann, ist es dann, weil der Geist langsamer wird, verwirrt ist?<\/p>\n<p>Vor allem aber wusste ich nicht, wie ich die Leere in meinem Geist einordnen sollte. Ich dachte immer, es w\u00e4re erstrebenswert, wenn der Geist st\u00e4ndig aktiv w\u00e4re, produktiv, umtriebig. In die Welt zu schauen und sie als solche wahrzunehmen, erschien mir unproduktiv, faul. Ich habe das als Pausen gerechtfertigt, als Kr\u00e4fte sammeln und zur Ruhe kommen, um dann wieder produktiv zu sein. L\u00e4sst sich das irgendwie steigern, fragte ich mich.<\/p>\n<h2>Unbehagen<\/h2>\n<p>Ich f\u00fchle also seit vielen Jahren ein Unbehagen in meinem Geist. Diese Leere und das mantrahafte Wiederholen von W\u00f6rtern, das Suchen von Informationen im sprachverwirrten Ged\u00e4chtnis, all das scheint mir nun ein Hinweis gewesen zu sein, dass die gesellschaftlich geforderte Produktivit\u00e4t mir Unbehagen bereitet. Es ist, als ob sich in meinem Geist etwas regt, das sich diesem falschen Bewusstsein entzieht. Lange f\u00fchlte es sich wie eine Schw\u00e4che an, wie ein Versagen. Mein gesellschaftlich konditioniertes Selbst verurteile diese Momente. Etwas schien nicht auf Maximalperformance zu laufen.<\/p>\n<p>Jetzt wird mir klar, dass hier etwas zu Vorschein kommt, das sich nicht unterdr\u00fccken l\u00e4sst. Es ist ein anderes Bewusstsein. Ein Bewusstsein eines anderen Zusammenhangs, kontemplativ, meditativ, spirituell, sehend. Es ist ein Bewusstsein, das sich dem Alltag entzieht, das Selbst hinter sich l\u00e4sst, die konstruierte Biografie als solche abstreift. Es ist ganz nat\u00fcrlich, dass die Zugriffsmechanismen des Geistes auf die eigene Erinnerung dann nicht mehr funktioniert. Der Geist will ja genau dies nicht mehr tun, und wenn ich ihn zwingen will, str\u00e4ubt er sich und erm\u00fcdet. Dieses andere Bewusstsein, ein wacheres, selbstloses, sehendes m\u00f6chte in meinem Fall seit vielen Jahren nach Indien. Es m\u00f6chte nach Hause.<\/p>\n<h2>Heimweh<\/h2>\n<p>Etwas in mir hatte Heimweh. Nun es ist hier in Indien. Alles f\u00fchlt sich eigenartig vertraut an. Die Kl\u00e4nge und Ger\u00fcche an sich fremd, die Tatsache ihrer Existenz nicht. Die Menschen um mich herum (nicht die Touristen) tun, was sie tun m\u00fcssen, mit einer gro\u00dfen Gelassenheit, alles scheint sich in einem organischen Fluss zu befinden. Namaste.<\/p>\n<h2>Synthese<\/h2>\n<p>Ich habe lang gebraucht, diesen Schritt zu tun, mir all dies einzugestehen. Dies geschieht hier auf einer anderen Ebene, nicht durch eine intellektuelle kritische Haltung gegen\u00fcber der Gesellschaft \u2013 das habe ich Jahrzehnte lang kultiviert \u2013 sondern um eine geistig spirituelle Einsicht, um Heimkehr.<\/p>\n<p>Gestern habe ich ein Seminar besucht zur Rezitation und Interpretation von Rigveda Mantras. Vom Sanskrit Original ausgehend, wurden verschieden \u00dcbersetzungen von Sri Aurobindo verglichen. Ich hatte diese intellektuelle Strenge nicht erwartet, und es hat mir die Augen ge\u00f6ffnet, wie wichtig es ist, in die Quelltexte einzusteigen. Diese Mantras f\u00fchlen sich an, als ob ich sie vor sehr langer Zeit oft gesungen h\u00e4tte. Mir geht das bei einiger gregorianischer und byzantinischer Musik auch so, ebenso wie bei Ragas, j\u00fcdischen Chansons, und Simon and Garfunkel&#8230;<\/p>\n<h2>Blickrichtung<\/h2>\n<p>Ich frage mich nat\u00fcrlich, ob diese R\u00fcckschau wirklich die Antwort ist auf die globalen Herausforderungen. Ich denke in vielerlei Hinsicht schon. Wenn wir wirklich etwas \u00e4ndern wollen, so ist ein Nachdenken \u00fcber einen Status quo falsch. Klimaziele an einem Jahr in der Vergangenheit festzumachen ist falsch (obgleich das ein richtiger und pragmatischer erster Schritt ist), ebenso l\u00e4sst sich Frieden nicht am Aufrechterhalten von Landesgrenzen festmachen (wenngleich ein aggressiv \u00dcberschreiten nat\u00fcrlich falsch ist).<\/p>\n<p>Viel grundlegender, und eigentlich wichtiger, ist doch das warum. Wie sehen wir die Zukunft der Menschheit? Und das kann doch eigentlich nur hei\u00dfen, dass wir die Pluralit\u00e4t und Buntheit der Menschen sich entfalten lassen, im Einklang mit unserer Umwelt. Und diese Antriebskraft, die uns selbst entfalten l\u00e4sst, ist doch nicht ein Status quo, das kann kein Wohlstand sein und auch nicht das Kapital.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen weg von der materialistischen und \u00f6konomischen Denkweise, die wir seit der Aufkl\u00e4rung missverstehen. Ich habe Jahre damit verbracht, mir selbst beizubringen, dass mein Geist nicht existiert und nur ein illusorisches Nebenprodukt eines neurochemischen Prozesses ist, den ich nicht verstehe. Ich habe Jahrzehnte damit verbracht, Kunst als einen theoretischen Diskurs zu verstehen, der die Prinzipien der Wahrnehmung reflektiert, und ich habe viel Zeit damit verbracht, soziale Prozesse als System zu verstehen, das der Logik von Informationsprozessen folgt. Ich frage wirklich, warum ich das getan habe?<\/p>\n<p>Was war der Sinn und Zweck dahinter? Das einzige, was mir dazu einf\u00e4llt, ist der Fortschritt der Wissenschaft und der Aufstieg des Informationszeitalters. Wir haben auf diesen reduktionistischen Denkprinzipien eine Welt aufgebaut, deren Resultat wir nun sehen. Es hat eine globale Elite erzeugt, die sich jedem Genuss hingeben kann und einen Gro\u00dfteil der Weltbev\u00f6lkerung in bittere Armut gest\u00fcrzt hat. Bezahlt hat das alles die Natur, die auf dem letzten Loch pfeift. Ich denke wirklich nicht, dass Diskussionen \u00fcber Engeriespaarlampen uns hier herausbringen.<\/p>\n<h2>Globales Bewusstsein<\/h2>\n<p>Wir m\u00fcssen anfangen, dar\u00fcber nachzudenken, was wir hier tun. Es steht eine gewaltige Aufgabe vor uns, an einem globalen Bewusstsein zu arbeiten. Wir m\u00fcssen alle Ressourcen, die wir haben, daf\u00fcr aktivieren. Ich denke, das ist vielleicht ein Grund, warum fundamentalistische Positionen wieder erstarken. Sie werden reaktiviert, um ihren Kern zu verstehen. Dass dies von Macht missbraucht wird, \u00fcberrascht dabei nicht sehr. Wir k\u00f6nnen das aber nur durch Dialog synthetisieren. Mauern zu bauen, um einen Status quo zu festigen, ist der v\u00f6llig falsche Ansatz.<\/p>\n<p>Es ist die Leere im Geist, die Raum schafft dem anderen zu begegnen, wenn wir das Selbst hinter uns lassen, wird Vielfalt in Einheit m\u00f6glich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit vielen Jahren schon ist mein Geist die meiste Zeit von Leer erf\u00fcllt. Auch mein Ged\u00e4chtnis ist nicht gut und oft wiederhole ich W\u00f6rter oder S\u00e4tze in meinem Geist, ohne zu wissen warum. Oftmals sind es einfach Erfahrung in einem Wort in einer Endlosschleife, gewisserma\u00dfen wie ein Mantra. Mich hat das lange Zeit sehr beunruhigt. 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