{"id":2160,"date":"2022-10-28T16:39:00","date_gmt":"2022-10-28T12:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=2160"},"modified":"2022-10-28T18:33:57","modified_gmt":"2022-10-28T14:33:57","slug":"musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/musik\/","title":{"rendered":"Musik"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe ja nicht viel mit nach Indien mitgenommen, einen Rucksack voll, das meiste Kleider, B\u00fccher, Technik. Ich habe aber einen guten Kopfh\u00f6rer eingepackt und mir nun eine externe Handy Hifi Soundkarte von <a href=\"https:\/\/www.tempotec.net\/products\/tempotec-sonata-mhd\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tempotec<\/a> f\u00fcr den USB-C Ausgang gekauft, ganz billig war die nicht, sie ist aber hervorragend. Ich habe mich sehr gefreut, als sie heute angekommen ist und nat\u00fcrlich habe ich sie gleich ausprobiert. Was f\u00fcr ein zwiegespaltenes Erlebnis.<\/p>\n<p>Die Musik hat gleich Erinnerungen hervorgerufen, ich habe in der Musik geschwelgt. Ich dachte an Husserl, der sehr sch\u00f6n beschreibt, wie das Jetztbewusstsein immer aus der Erinnerung (Retention) und der Erwartung (Protention) besteht. Das macht f\u00fcr Musik auch sehr viel Sinn, es ist wichtig, sich zu erinnern, was die letzten Sekunden oder Minuten passiert ist und es ist wichtig zu antizipieren, dass es weitergeht, wenn auch vielleicht ganz anders. Sonst kann man einfach keine Musik h\u00f6ren. Dies ist aber scheinbar das genaue Gegenteil dessen, auf das es bei der Meditation ankommt.<\/p>\n<h2>H\u00f6ren<\/h2>\n<p>Damit ich mein kleines Ich abstreifen kann, muss ich mir gewahr werden, dass das Ich eigentlich gar nicht existiert, dass seine Sinne nicht ihm geh\u00f6ren, dass im Sehen nur das Sehen selbst ist, im H\u00f6ren nur das H\u00f6ren selbst. Der Geist hat Gedanken, die sind aber selbst nur Gedanken. Das Jetztbewusstsein, so wie Husserl es beschreibt, kann keinem Ich geh\u00f6ren. Wer h\u00f6rt da also? Das kleine Selbst, das sich selbst viel zu wichtig nimmt?<\/p>\n<p>Nur in der Aufgabe im Selbst \u2013 Brahman \u2013 kann das Bewusstsein wahrhaftig sein. In den alten und neuen Schriften hei\u00dft das Bliss. Musik h\u00f6ren im Zustand von Meditation, was kann das sein? Das Erkennen von Strukturen, Komposition, Erwartungen und Erinnerungen, all das sind ja eben jene Elemente des Bewusstseins, die es abzustreifen gilt. Ist das H\u00f6ren von Musik also ein Pfad, der von der Erkenntnis wegf\u00fchrt?<\/p>\n<p>Oder gibt es doch eine h\u00f6here Funktion im Musikh\u00f6ren. Ist das vertieft sein in Musik, der Zustand, in dem wir ganz Musik sind, mit ihr durch die Zeit gleiten, ohne zu denken, aber doch ganz und ganz in Musik sind, ein Zustand, der dem einer Meditation \u00e4hnelt? Ist dieses erf\u00fcllte H\u00f6ren von Musik Bliss? Freilich, es gelingt nur selten, sich so in Musik zu vertiefen. Manchmal kann das trance\u00e4hnliche Zust\u00e4nde annehmen, manchmal ein hoch konzentriertes Bewusstsein eines Weltzusammenhangs. Erzeugt wird es durch das Zusammenspiel der Komposition eines Komponisten oder einer \u00dcberlieferung, den Auff\u00fchrenden und der Zuh\u00f6rer. In der technischen Aufnahme ist das Verh\u00e4ltnis verzerrt, aber prinzipiell noch da. Musik ist semiotisch gesehen immer abstrakter Weltbezug und zugleich die direkteste aller Kommunikation \u2013 Vogelgezwitscher.<\/p>\n<h2>Wellen<\/h2>\n<p>Auf einer anderen Ebene haben wir es bei Musik mit Klangwellen zu tun (bei visueller Kunst mit Lichtwellen). Wir selbst sind wohl aus einem Atomgitter, das zu 99 % aus nichts besteht. Ein Ich, das etwas anderes wahrnimmt, gibt es da nicht. Es gibt nur die Ebene der Immanenz, reiner Existenz in der diese Kr\u00e4fte aufeinander wirken. Sch\u00f6n, dass sich dabei die Illusion eines Ichs ergibt. Mir gef\u00e4llt das, es ist aber ein Trugschluss, oder zumindest eine verk\u00fcrzte Sichtweise. Dieses Ich, das in diesen Kraftfeldern hervorscheint, ist ein Ich, das die Immanenz transzendiert, es kann Verbindungen mit weit Entferntem herstellen, \u00fcber Raum und Zeit hinweg. Das ist es vielleicht, was Deleuze die Deterritorialisierung und den Flug der Linie nennt. In diesem Netz also h\u00f6re Ich. Vielleicht ist Musik zu h\u00f6ren, sich seines selbst als selbstlos bewusst zu werden.<\/p>\n<h2>Atman<\/h2>\n<p>Ist es aber m\u00f6glich, mit Musik auf die Ebene des Brahman Bewusstsein zu gelangen? Ist der G\u00f6tterreigen, sind die himmlischen Kl\u00e4nge, das Requiem und Oratorium Zeuge eines g\u00f6ttlichen Bewusstseins? In der christlichen Kirchenmusik ist es wohl immer nur ein Klangraum des Jenseits, ein Raum, der erst nach dem Tod erreicht werden kann und von dem die Musik einen Vorgeschmack liefert. Das ist ein wenig traurig. Ich habe da das Bild von auf Wolken sitzenden, Harfe spielender Engel.<\/p>\n<p>Die Aufgabe von Atman in Brahman, die Erkenntnis, dass alles nur eins ist, ist da eine ganz andere. Indien ist laut, die Fanfaren in den Tempeln schreiend, die <a href=\"https:\/\/www.aurovilleradio.org\/author\/yogini\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ragas<\/a> hingegen kontemplativ meditativ. Ich habe da immer das Gef\u00fchl, dass es da nicht um eine\/n K\u00fcnstler:in geht, sondern dass hier etwas manifestiert wird. Ein wenig wie der OM Chor. Es ist die umgekehrte Wirkrichtung. Nicht der Mensch erzeugt einen Barocken Raum, in dem das G\u00f6ttliche besungen wird, sondern das g\u00f6ttliche Bewusstsein steigt durch die Auff\u00fchrung herunter. Oder anders formuliert, die Immanenz wird durchstr\u00f6mt, durchstr\u00f6mt sich selbst.<\/p>\n<p>P.s.: Ich schreibe dies w\u00e4hrend ich Schubert\u2019s Streichquintett in der Aufnahme mit dem <a href=\"https:\/\/www.quartettodicremona.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Quartetto di Cremona<\/a> h\u00f6re.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe ja nicht viel mit nach Indien mitgenommen, einen Rucksack voll, das meiste Kleider, B\u00fccher, Technik. Ich habe aber einen guten Kopfh\u00f6rer eingepackt und mir nun eine externe Handy Hifi Soundkarte von Tempotec f\u00fcr den USB-C Ausgang gekauft, ganz billig war die nicht, sie ist aber hervorragend. 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