{"id":2061,"date":"2022-10-05T16:04:07","date_gmt":"2022-10-05T12:04:07","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=2061"},"modified":"2025-08-10T15:31:40","modified_gmt":"2025-08-10T10:01:40","slug":"zusammenhang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/zusammenhang\/","title":{"rendered":"Zusammenhang"},"content":{"rendered":"<p>Schopenhauer, der ein gro\u00dfer Bewunderer der Upanischaden war, schrieb ein kleines Buch \u201e<a href=\"https:\/\/www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de\/Satz-vom-Grunde\/satz-vom-grunde.html\">Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde<\/a>\u201c (1847). Er identifiziert 4 Formen der Kausalit\u00e4t, z. B. kleine Ursache \u2013 gro\u00dfe Wirkung, oder gro\u00dfe Ursache \u2013 kleine Wirkung etc\u2026 Mich hat das fasziniert, weil es ein breiteres Verst\u00e4ndnis bietet als das rein naturwissenschaftliche Modell, das letztlich immer dem Energieerhaltungssatz folgt. Wenn z. B. jemand einen Krieg erkl\u00e4rt, so ist das ein relativ einfacher Akt (kleine Ursache) und eine riesige Wirkung. Ich frage mich, wie sich das zur Geschichtswissenschaft verh\u00e4lt. Auch hier gibt es ja die Vorstellung von kausalen Bez\u00fcgen. Dinge geschehen in der Geschichtswissenschaft immer aus einem Grund. Dieser Grund ist aber oft disproportional zur Wirkung.<\/p>\n<h2>Narrative<\/h2>\n<p>Wenn wir uns also von dem starren Modell der einfachen Kausalit\u00e4t abwenden, dann ist die Geschichte nicht mehr eine rational, kausal notwendige und eindeutige Abfolge von verketteten Ereignissen, sondern ein Netz von verschiedenen Elementen in einem Reiz-Reaktionsschema. Deleuze f\u00fchrte den Begriff des Rhizoms ein, der hier passt. Alles ist irgendwie mit allem \u00fcber verschiedene und unz\u00e4hlige Knotenpunkte miteinander verbunden. Der Reissack, der in China umf\u00e4llt und einen Schmetterlingseffekt hervorruft, ist ein anschauliches Beispiel.<\/p>\n<p>Wir sehen aber in den postmodernen und poststrukturalistischen Analysen von historischen Ereignissen Versuche, Ereignisse nicht kausal zu reduzieren, sondern auf ihr Beziehungsgeflecht hin zu untersuchen. M\u00f6gliche Narrative entstehen, von denen eines ebenso g\u00fcltig ist wie ein anderes, solange es sich an Fakten h\u00e4lt. Man sagt, dass alle Menschen im siebten Grad miteinander bekannt seien. Das ist Statistik, zeigt aber die Komplexit\u00e4t auf. Jemand inspirierte einen anderen, etwas zu schreiben, das von einer dritten Person gelesen und dann einem vierten vorgetragen wurde, der dann reagierte und bei einem f\u00fcnften eine Handlung ausl\u00f6ste, die als ein historisches Ereignis gilt. Das kann sehr arbitr\u00e4r sein und den linearen Narrativen der Geschichtsb\u00fccher schnell widersprechen. Dennoch muss es nicht falsch sein.<\/p>\n<p>Ein solches Weltverst\u00e4ndnis, in dem alles mit allem verbunden ist und eine monokausale Erkl\u00e4rung unm\u00f6glich ist, ist nicht blo\u00df eine Kritik am Rationalismus und der Strenge der Wissenschaften. Es ist letztlich ein Anerkennen eines Zusammenhangs, der das menschliche Fassungsverm\u00f6gen \u00fcberschreitet. Es ist eigentlich spirituell, denn es erkennt eine komplexe Kraft an. In den Upanischaden wird diese Kraft als das Selbst besungen. Bei den postmodernen Denkern l\u00e4uft das eher unter Immanenz, oder einem toleranten Materialismus, der letztlich nicht auf einen Atomismus reduziert ist, sondern eher als ein Gegensatz zum Dualismus zu denken ist. Alles ist Materie, d. h. alles ist eine Form des Seins \u2013 d. h. es gibt nur ein Selbst. Der Kreis schlie\u00dft sich.<\/p>\n<h2>Der Grund im Sein<\/h2>\n<p>Das Grund\u00fcbel war die \u00fcbertriebene \u00dcbersteigerung des Verstandes und der Vernunft und die Ignoranz der Intuition. In den ersten Upanischaden ist das mystische und das rationale Denken bisher nicht getrennt. Hier finden wir eine intuitive Schau des Selbst, eine Anerkennung von Wirkungskr\u00e4ften, die nicht irrational, aber eben auch nicht rein rational sind. Es ist ein holistisches Denken, das die Postmoderne in ihrer etwas verschrobenen materialistischen, marxistischen und psychoanalytischen Lesart intuitiv wiederbelebt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schopenhauer, der ein gro\u00dfer Bewunderer der Upanischaden war, schrieb ein kleines Buch \u201eUeber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde\u201c (1847). Er identifiziert 4 Formen der Kausalit\u00e4t, z. 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