{"id":1948,"date":"2022-09-25T10:12:02","date_gmt":"2022-09-25T10:12:02","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=1948"},"modified":"2025-08-10T15:24:58","modified_gmt":"2025-08-10T09:54:58","slug":"aufmerksamkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/aufmerksamkeit\/","title":{"rendered":"Aufmerksamkeit"},"content":{"rendered":"<p>Auf einem Boulevard in Paris, Caf\u00e9 und schlechte Musik, Sonne und viele Menschen. So viele Menschen m\u00f6chten gesehen werden. Sie zeigen sich gesch\u00e4ftig, sexy, cool, wissend, abenteuerlustig, sportlich, gebildet, kultiviert oder gleichg\u00fcltig. Viele m\u00f6chten, dass die anderen aufmerken. Sie sehen das als das, was sie sein wollen. Vielleicht leben sie ihr Leben auf eine bestimmte Art, gl\u00fccklich und zufrieden, oder fremdbestimmt und gelangweilt, ausgesto\u00dfen oder privilegiert. Das ist das Sch\u00f6ne an Paris und anderen gro\u00dfen St\u00e4dten, dass sich die Menschen zeigen, wie sie sein wollen, wie sie gesehen werden wollen.<\/p>\n<h2>Freir\u00e4ume<\/h2>\n<p>Hier zeigt sich nat\u00fcrlich auch irgendwie eine Entfremdung, eine Dissonanz. Die Freir\u00e4ume, die wir uns nehmen, kontrastieren die &#8211; meist gr\u00f6\u00dferen R\u00e4ume \u2013, in denen wir nicht sind wie wir sein wollen. Hieraus entsteht eine ganze Industrie. Du m\u00f6chtest anders sein? Probiere dies, f\u00fcr einen Preis. Dr\u00fccke deine Individualit\u00e4t aus, indem du etwas ganz Besonderes kaufst, das andere nicht gekauft haben. Das ist Kapitalismus und Konsumkritik. Das ist bekannt, und wir denken alle, dass wir dar\u00fcberstehen, und tun es nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p>Ich finde den Drang, sich zeigen zu wollen, wahrgenommen werden zu wollen, Aufmerksamkeit zu bekommen, viel spannender. Warum tun wir das? Wir suchen wahrscheinlich <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/begegnung\/\">Begegnungen<\/a>, wollen den anderen gr\u00fc\u00dfen &#8211; <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/namaste-das-licht-in-mir-gruesst-das-licht-in-dir\/\">Namaste<\/a>. Wahrscheinlich wollen wir eine Einsamkeit \u00fcberwinden, oder sie zumindest unterbrechen. Eigentlich wollen wir doch gar nicht am Kapitalismus teilnehmen, wir wollen an dem Abenteuer Bewusstsein teilhaben, es mit anderen feiern, teilen. Und wir wollen uns darin aufl\u00f6sen &#8211; im Rausch und in der Ekstase, dionysisch. Wir wollen die Logik des Systems, das Funktionieren, die Effizienz zur Diskussion stellen. Nietzsche l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen, aber auch Bataille.<\/p>\n<p>Ich sitze also in einem Caf\u00e9 in Paris, den Rucksack gepackt, heute Abend fliege ich nach Auroville. Und nat\u00fcrlich frage ich mich, warum ich das jetzt in einen Blog schreiben muss. Und warum ich auf die andere Seite der Welt fliegen muss. Check your privilege. Und warum schreibe ich so viel in der ersten Person?<\/p>\n<h2>Goodbye<\/h2>\n<p>Ich meine das anscheinend ernst. Vor vielen Jahren sagte ich allen, die es h\u00f6ren wollten, ich sei mit dem Kapitalismus fertig. Genauso wie ich mich seit noch l\u00e4ngerer Zeit aus dem Gedankenkreis des Christentums verabschiedet habe. Doch das bedeutete f\u00fcr mich ein Leben im Falschen, denn mir gelang es nicht, eine echte Alternative f\u00fcr mich zu entwickeln. Es gibt auch nicht viele Orte auf unserem Planeten, wo dies versucht wird. Mir gen\u00fcgt es nicht (mehr), eine kritische Haltung zu haben, und ich finde es f\u00fcr mich auch nicht akzeptabel, innerhalb des Systems Ressourcen zu sammeln, um sie individuell umzuverteilen. Auch Trost zu spenden, ist nicht meine Art.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen doch handeln, so kann das nicht weitergehen. Es ist schlecht f\u00fcr die Umwelt, aber auch schlecht f\u00fcr uns. Das wird in der heutigen Debatte so oft verschwiegen. Es geht nicht nur darum, den Planeten zu retten, sondern uns selbst. Wir brauchen nicht nur neue Ideen von Ingenieuren, sondern auch von Philosophen und spirituellen Denkern und Sehern. Vielleicht brauchen wir auch gar keine neuen Ideen, sondern k\u00f6nnten uns an alte Ideen erinnern und dar\u00fcber nachdenken, wie wir sie adaptieren k\u00f6nnen in einer zunehmend komplexen Zivilisation. Wie s\u00e4he eine Welt aus, ohne Kapitalismus und ohne Kolonialismus und Kreuzz\u00fcge? Wieso denken so wenig Menschen ernsthaft dar\u00fcber nach?<\/p>\n<p>Ich habe keine Ahnung, was mich auf der n\u00e4chsten Etappe erwartet. On verra, we will see. Aurobindo besang das Feuer, es ist wesentlich f\u00fcr das Sehen. Ich hoffe, dass ich nicht als Ph\u00f6nix aus der Asche wiederentstehen, als das Gleiche wie zuvor. Das w\u00e4re wirklich eine Trag\u00f6die. Vielmehr m\u00f6chte ich selbst Feuer werden, mich daran erinnern, dass wir aus geschmolzenen Sternen gemacht sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf einem Boulevard in Paris, Caf\u00e9 und schlechte Musik, Sonne und viele Menschen. So viele Menschen m\u00f6chten gesehen werden. Sie zeigen sich gesch\u00e4ftig, sexy, cool, wissend, abenteuerlustig, sportlich, gebildet, kultiviert oder gleichg\u00fcltig. Viele m\u00f6chten, dass die anderen aufmerken. Sie sehen das als das, was sie sein wollen. 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