{"id":1877,"date":"2022-09-18T05:15:38","date_gmt":"2022-09-18T05:15:38","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=1877"},"modified":"2025-08-10T15:20:36","modified_gmt":"2025-08-10T09:50:36","slug":"wissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/wissen\/","title":{"rendered":"Wissen"},"content":{"rendered":"<p>Es gab eine Zeit in Europa, in der man davon sprach, dass es Universalgelehrte gab. In Deutschland w\u00e4re das Alexander von Humboldt, oder Goethe, in Frankreich ein Aufkl\u00e4rer, in Italien der Renaissance-Mann Leonardo da Vinci. In der Antike Aristoteles, sicherlich gibt es in vielen Kulturen und Epochen weise Menschen, von denen die Geschichte erz\u00e4hlt, sie h\u00e4tten alles gewusst, was man seinerzeit h\u00e4tte wissen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich Quatsch. Dieses Narrativ bedient aber eine Sehnsucht. Wir wollen alles wissen, haben aber das Gef\u00fchl &#8211; zu Recht &#8211; nicht alles wissen zu k\u00f6nnen, und haben eine romantische Sehnsucht nach einer Zeit, in der dies scheinbar noch m\u00f6glich war. Es st\u00f6rt uns nicht, dass das Wissen selbst begrenzt war &#8211; dort und dann. Es beruhigt uns aber, dass es scheinbar m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, alles zu wissen. Der Olymp k\u00f6nnte bestiegen werden, der Berg erklommen, auf dem die Gesetzestafeln empfangen w\u00fcrden. Dabei gibt es ja schon die Geschichte vom Turmbau zu Babel.<\/p>\n<h2>Turmbau zu Babel<\/h2>\n<p>In Babel wollten die Menschen alles wissen, sie bauten einen Turm, der alles Wissen beinhalten sollte. Das Resultat war eine Sprachverwirrung. Das Wissen zerfiel in viele Sprachen. Niemand spricht sie alle. In der Bibel ist das als Strafe Gottes dargestellt. Warnend sei die Arroganz bestraft worden, und der Mensch in seine Grenzen gewiesen worden. W\u00e4ren wir aber nicht angeblich von Gott gestraft worden, k\u00f6nnten wir dann nicht vielleicht doch alles wissen? Dies ist die zentrale Frage. W\u00e4re es prinzipiell m\u00f6glich gewesen? Oder wird es in der Zukunft durch die Singularit\u00e4t m\u00f6glich sein?<\/p>\n<p>In der Philosophie stellt sich die Frage nach dem Anfang des Wissens. Auf welchem Fundament k\u00f6nnen wir das Wissen aufbauen? Logik, Ethik, \u00c4sthetik? In der Wissenschaft geht es um die gro\u00dfe vereinheitlichende Theorie, die den Mikrokosmos und Makrokosmos zusammenbringt. Bei der Frage nach der Natur des Menschen wird es dann schon recht un\u00fcbersichtlich. Wollen wir das religi\u00f6s oder spirituell angehen, oder vielleicht doch darwinistisch oder informationstechnisch, kann uns die Geschichte hier Aufschluss geben? G\u00e4nzlich verloren sind wir, wenn es um unser \u00e4sthetisches Denken geht. Die Pluralit\u00e4t und der mediale Overkill bieten eine reine Reiz\u00fcberflutung, die wir zu genie\u00dfen scheinen. Ignorance is bliss.<\/p>\n<h2>Antriebskraft<\/h2>\n<p>Es scheint doch so klar, dass wir nicht alles wissen k\u00f6nnen. Wieso versuchen wir es dann immer weiter? Was treibt uns an? Eine Sehnsucht? Wurden wir wirklich aus dem Paradies vertrieben und suchen den Weg zur\u00fcck? Oder sind wir evolution\u00e4r so gestrickt, dass wir nicht anders k\u00f6nnen? Gibt uns das Gef\u00fchl, viel zu wissen, Befriedigung, Macht oder Ruhe? Wie kommen wir darauf, dass unser kleines Gehirn von etwas \u00fcber 1 Kilogramm, und im Vergleich zu Elefanten (4 Kilogramm) oder Pottwalen (9 Kilogramm) doch recht bescheiden ist, das Universum entschl\u00fcsseln kann? Befinden wir uns vielleicht tats\u00e4chlich in einer Simulation und die Realit\u00e4t ist gar nicht das, was wir denken. Die verschiedenen Spielarten des Skeptizismus bieten hier sch\u00f6ne Gedankenexperimente. Vielleicht werden meine Sinne von au\u00dfen manipuliert, vielleicht bin ich allein im Universum, vielleicht bin ich noch gar nicht erwacht und warte in einem Vorzimmer auf den n\u00e4chsten Level&#8230;<\/p>\n<p>Wir folgen einem Leistungswahn. Wenn ein Mensch etwas hervorgebracht hat, das neu ist, so wird er oder sie von der Gesellschaft gefeiert. Das treibt uns an. Wir sind fasziniert von H\u00f6chstleistungen. Wir beten sie an, oder gehen in einen Wettstreit. Nur wenige sind demgegen\u00fcber gleichg\u00fcltig. Vielleicht ist es das, was uns von unseren intelligenten Mitbewohnern auf dem Planeten unterscheidet.<\/p>\n<p>Wir erzeugen Bed\u00fcrfnisse, um sie zu befriedigen: Wissen, Kultur, Genuss, Sinnlichkeit, Soziales, Macht&#8230; Wir streben nach mehr. Der Buddhismus sieht hier die Wurzel des Leidens. Die einzige M\u00f6glichkeit, dieses Leid zu beenden, ist das Wollen, Streben, Verlangen zur Ruhe zu bringen.<\/p>\n<p>Deleuze stellt dem das Werden gegen\u00fcber. Anstatt die Welt weiter zu systematisieren, und unseren Pathologien freien Lauf zu lassen, k\u00f6nnen wir darauf achten, was wir alles werden k\u00f6nnen, anders werden, Sein statt Haben. Wir sind flexibel, fl\u00fcssig, feucht.<\/p>\n<p>Ich habe das Gef\u00fchl, dass die Upanischaden hier noch viel bereithalten. Alles wissen zu wollen, enth\u00e4lt ja auch eine Sehnsucht nach Einheit. Im 20. Jahrhundert haben wir erlebt, dass dieser Einheit etwas sehr Totalit\u00e4res innewohnt. Wann wurde diese Einheit zerbrochen? Wann wurden wir aus dem Paradies vertrieben? L\u00e4sst sich das historisch festmachen? Ist das eine absurde Frage? L\u00e4sst sich der S\u00fcndenfall umkehren oder aufl\u00f6sen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gab eine Zeit in Europa, in der man davon sprach, dass es Universalgelehrte gab. 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