{"id":1859,"date":"2022-09-16T06:59:11","date_gmt":"2022-09-16T06:59:11","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=1859"},"modified":"2025-08-10T15:21:23","modified_gmt":"2025-08-10T09:51:23","slug":"begegnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/begegnung\/","title":{"rendered":"Begegnung"},"content":{"rendered":"<p>Seit einiger Zeit warte ich. Eigentlich warte ich gerne. Warten ist ein Raum und eine Zeit, in der es nichts anderes zu tun gibt, als darauf zu warten, dass die Zeit vergeht. In der Regel kann man nicht viel anderes machen au\u00dfer lesen oder sich unterhalten, oder nachzudenken. Wartezeiten sind f\u00fcr mich daher immer Freir\u00e4ume. Am liebsten warte ich z. B. in B\u00fcrgerzentren, hier sind alle Menschen gleich. Gemeinsam mit anderen bin ich in einem Raum, in dem es nichts zu tun gibt, als darauf zu warten, dass die Zeit vergeht. Dieses gemeinsame Warten erlaubt wirkliche Begegnungen.<\/p>\n<p>Eine Begegnung hat ja immer etwas Erstaunliches. Eine Begegnung findet statt, wenn es ein Gegen\u00fcber gibt, das diese erwidert. Dabei ist die sch\u00f6nste Art der Begegnung die, die v\u00f6llig frei ist von Zielsetzungen, oder Erwartungen. Deleuze spricht in dem Zusammenhang auch von der Begegnung mit Kunst. Das hat mich zuerst erstaunt. Denn eine Begegnung, so dachte ich immer, ist intersubjektiv. Zwei Fragen stellen sich nun: Kann Kunst intersubjektiv sein, und sind Kunstr\u00e4ume wie Museen vielleicht auch Wartehallen?<\/p>\n<h2>Ein neues Leben<\/h2>\n<p>Mein Warten im Moment ist ein langes Warten. Seit einigen Wochen warte ich darauf, ein neues Leben anzufangen. Das Warten wird bestimmt durch das Beantragen eines Visums. Dieser Prozess der Visavergabe \u2013 Botschaften und Konsulate sowie andere staatliche Stellen \u2013 befindet sich ohnehin in einer anderen zeitlichen Dimension. Er hat etwas Kafkaeskes, seine eigene Logik, die sich von den Abl\u00e4ufen der Au\u00dfenwelt ein ganzes St\u00fcck entkoppelt hat.<\/p>\n<p>Dieses lange Warten also erm\u00f6glicht Begegnungen, aber wiederum ganz anders, als ich dachte. Menschen reagieren auf mein Warten sehr stark. Viele empfinden meinen Schritt, ein neues Leben zu wagen, als Herausforderung. Sie reflektieren ihre eigene Situation, oder haben das Gef\u00fchl, dass sie mir nun Dinge erz\u00e4hlen k\u00f6nnen, die sie vielleicht sonst nicht erz\u00e4hlen w\u00fcrden, da ich ja sowieso ihre Lebenswelt verlasse. Vielleicht haben sie aber auch die Hoffnung, durch mich eine andere Perspektive kennenzulernen. Wie dem auch sei, ich habe recht intensive Begegnungen. Ich sch\u00fctte mein Herz aus, und andere \u00f6ffnen sich.<\/p>\n<h2>Eine Begegnung, sich begegnen, teilnehmen<\/h2>\n<p>Mir scheint ein wichtiges Element der Begegnung die Teilnahme zu sein. Um der oder dem anderen zu begegnen, ist diese Offenheit wichtig, sich selbst zu verlassen (Deleuze spricht manchmal von einer De-territorialisierung) und etwas anderes zu werden (<a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/metamorphose\/\">Metamorphose<\/a>). Wenn ich z. B. im Zug reise, oder auf einem Konzert um mich rumschaue, auf einer Parkbank sitze oder im Caf\u00e9, sehe ich oft Menschen, die auch um sich schauen. Viele suchen eine Begegnung. Oft sind wir zu sch\u00fcchtern, uns tats\u00e4chlich auszutauschen, die erste Begegnung fand aber schon statt: Sich \u00f6ffnen f\u00fcr das andere, und die Wahrnehmung des anderen.<\/p>\n<p>Mir scheint, dass wir verlernt haben, wirklich teilzunehmen. Ein L\u00e4cheln oder kurzes Wort, ein bisschen Anteilnahme. In Indien sagen die Menschen <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/namaste-das-licht-in-mir-gruesst-das-licht-in-dir\/\">Namaste<\/a>, in dieser Begr\u00fc\u00dfung dr\u00fcckt die Begegnung sich aus. Es geht nicht darum, sich einen sch\u00f6nen Tag zu w\u00fcnschen, oder Gott zu gr\u00fc\u00dfen, sondern zu sehen, dass im Anderen auch Teil dessen ist, was auch mich ausmacht.<\/p>\n<p>Was hat das mit Kunst zu tun? Alles.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einiger Zeit warte ich. Eigentlich warte ich gerne. Warten ist ein Raum und eine Zeit, in der es nichts anderes zu tun gibt, als darauf zu warten, dass die Zeit vergeht. In der Regel kann man nicht viel anderes machen au\u00dfer lesen oder sich unterhalten, oder nachzudenken. Wartezeiten sind f\u00fcr mich daher immer Freir\u00e4ume. 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