{"id":1844,"date":"2022-09-12T10:30:58","date_gmt":"2022-09-12T10:30:58","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=1844"},"modified":"2022-09-12T10:30:58","modified_gmt":"2022-09-12T10:30:58","slug":"autobahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/autobahn\/","title":{"rendered":"Autobahn"},"content":{"rendered":"<p>Autobahnen sind immer besondere Orte f\u00fcr mich gewesen. Meistens war ich nicht unter Zeitdruck, selten musste ich in einer bestimmten Zeit von A nach B. Vielmehr sind Autobahnen Reiserouten. Ich befinde mich dort in Zwischenzust\u00e4nden, eine Art Niemandsland mit unendlich vielen M\u00f6glichkeiten. Das er\u00f6ffnet Denkr\u00e4ume. Oft sind die einfach leer. Das Gehirn ist damit besch\u00e4ftigt, sich sicher im Verkehr zu bewegen. Es ist eine angenehme Art der Besch\u00e4ftigung, das Bewusstsein ist ausgelastet und wachsam, ein Fehler w\u00e4re t\u00f6dlich. Wenn ich unterfordert bin oder m\u00fcde werde, dann fahre ich ebenen etwas schneller, oder langsamer, oder mache eine Pause. Das erzeugt eine Art Equilibrium.<\/p>\n<p>In diesem Equilibrium k\u00f6nnen andere Gedanken unbemerkt sich sortieren und fortspinnen. Nur gelegentlich h\u00e4lt mein Bewusstsein an einem Gedanken fest. So k\u00f6nnen Gedanken ihren Weg finden, ohne sofort den \u00fcblichen Gedankenfiltern zu begegnen. Ich lerne mich auf der Autobahn immer wieder ein wenig neu kennen, oder erinnere mich an ein fr\u00fcheres Selbst.<\/p>\n<p>Hinzu kommt der physikalische Raum. Dieser ist entweder bekannt und l\u00f6st daher Assoziationen aus, die quasi von au\u00dfen angesto\u00dfen werden. Oder es ist ein neuer Raum, der einl\u00e4dt zum Tr\u00e4umen und die Neugierde weckt. Ich pers\u00f6nlich empfinde das immer positiv. Angst oder unangenehme Gef\u00fchle kenne ich auf der Autobahn eigentlich nicht, wenngleich ich nat\u00fcrlich auch manchmal \u00fcber Unangenehmes nachdenke, das ist klar.<\/p>\n<p>Dieser Raum der Bewegung, des Reisens, der Assoziation, der sanften Stimulation und Wachheit, bringt mich fast immer irgendwann dazu \u00fcber meine Kindheit nachzudenken. Ich bin ja auch in einem Land aufgewachsen, wo viel Auto gefahren wird. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn sich das bald \u00e4ndert, und ich selbst versuche auch weniger Auto zu fahren. Zeitgem\u00e4\u00df ist das ja nicht mehr, und eigentlich auch ein bisschen verantwortungslos.<\/p>\n<p>Dieser Raum also ist ein gegebener Raum. Er ist nicht kreativ, oder frei. Es ist ein Raum mit starken Bedingungen. Ich tauche gerne in diesen Raum ein, um zu sehen, aus welchen anderen R\u00e4umen ich mich eigentlich befreien m\u00f6chte. Wahrscheinlich geht es vielen Menschen so, dass wir beim Autofahren unseren Gedanken nachh\u00e4ngen und unser Leben irgendwie ver\u00e4ndert wollen.<\/p>\n<p>Ich bin gerne auf der Autobahn. Das Reisen auf der Autobahn ist ein metaphorischer Ort, ein physikalisch metaphorischer Ort &#8211; eine physikalische Metapher. Ich habe fr\u00fcher\u00a0 viel \u00fcber Theorien von sprachlichen Metaphern nachgedacht. Was bedeuten sie, was ist ihre sprachliche Referenz, wie funktionieren sie&#8230; vor allem in der Kunst und Literatur. Metaphern sind Worte, die in einem bestimmten Kontext etwas anderes bedeuten, als sie normalerweise bedeuten. Das ist spannend!<\/p>\n<p>Reisen auf der Autobahn ist das Gegenteil von einer Simulation, und doch funktionieren diese R\u00e4ume \u00e4hnlich: Simulationsr\u00e4ume und Reiserouten. Beide R\u00e4ume bedeuten etwas, was sie eigentlich gar nicht sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autobahnen sind immer besondere Orte f\u00fcr mich gewesen. Meistens war ich nicht unter Zeitdruck, selten musste ich in einer bestimmten Zeit von A nach B. Vielmehr sind Autobahnen Reiserouten. Ich befinde mich dort in Zwischenzust\u00e4nden, eine Art Niemandsland mit unendlich vielen M\u00f6glichkeiten. Das er\u00f6ffnet Denkr\u00e4ume. Oft sind die einfach leer. 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