{"id":1754,"date":"2022-08-27T08:24:20","date_gmt":"2022-08-27T08:24:20","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=1754"},"modified":"2025-08-10T15:16:08","modified_gmt":"2025-08-10T09:46:08","slug":"von-gefuehlen-getragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/von-gefuehlen-getragen\/","title":{"rendered":"Von Gef\u00fchlen getragen"},"content":{"rendered":"<p>Ich lebe in einer hyperkomplexen Gesellschaft. Das merke ich schon an politischen und gesellschaftlichen Themen, die eigentlich niemand mehr so wirklich in ihrer Komplexit\u00e4t erfassen kann. Wir k\u00f6nnen uns an Prinzipien festhalten, z. B. Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit, R\u00fccksicht, Nachhaltigkeit etc.. Im Konkreten wird es dann aber auch schon schwierig. Soll ich mich in einem Konflikt auf die eine oder andere Seite schlagen, oder gibt es eine dritte M\u00f6glichkeit? Welche meiner eigenen Handlungsweisen soll ich \u00e4ndern, und wie radikal soll ich das tun, welche Konsequenzen hat das? Oder wie soll ich mein Leben ausrichten? Welche Verantwortung habe ich, welche Verpflichtung und Erwartung, welche Ziele? All das ist verwoben mit sozialen und \u00f6konomischen Rahmenbedingungen, die von politischen Rahmenbedingungen gepr\u00e4gt sind. Wie sollen wir da echte Entscheidungen treffen?<\/p>\n<p>Mir scheint, dass wir oft in einem komplexen Netz irgendwie gefangen sind. Wenn wir etwas \u00e4ndern wollen, dann zieht es hier und da, und in der Regel pendelt es sich dann irgendwie so ein, dass wir nicht allzu viel ver\u00e4ndern wollen oder k\u00f6nnen. Diskutieren mit Freunden hilft, auch mit Spezialisten, je nachdem, um was es geht.<\/p>\n<h2>Zuh\u00f6ren<\/h2>\n<p>Ich h\u00f6re viel zu, und in der Regel wollen Menschen, die reden, auch gar nicht wirklich eine Antwort, sie wollen die Gedanken einfach mal laut sortieren. Das ist auch v\u00f6llig o.k. Wenn man aufmerksam zuh\u00f6rt, findet das Gegen\u00fcber die Antworten selbst viel schneller. Auf die eigene Intuition zu h\u00f6ren, das Grundgef\u00fchl zu erkunden, das ist oft das Schwierigste. Hier ist es am schwierigsten, Kompromisse zu machen.\u00a0 Deshalb schauen Menschen dort auch am seltensten hin.<\/p>\n<p>Neulich war ich bei einer Gruppe von sehr unterschiedlichen Menschen. In dem Abschlussplenum wurde ausgesprochen, dass diese Gruppe von einem Gef\u00fchl getragen war. Mir geht diese Phrase nicht mehr aus dem Kopf: &#8218;von einem Gef\u00fchl getragen zu sein&#8216;. Sicher ist dies nicht ein Impuls, oder eine spontane Reaktion, auch kein tiefer Konflikt oder Schmerz oder Trauma, auch kein Gef\u00fchl des Begehrens, oder Euphorie&#8230;\u00a0 Es ist etwas Existenzielles.<\/p>\n<h2>Heideggers Angst<\/h2>\n<p>Ich habe w\u00e4hrend meines Studiums Heidegger gelesen, seine Sprachmystik hat mich verf\u00fchrt. Mir war das unheimlich, aber auch unwiderstehlich. Die Frage, was Metaphysik sei, beantwortete er mit einem Gef\u00fchl, nat\u00fcrlich hoch reflektiert. Nach langen Ausf\u00fchrungen fragt er irgendwann: Wo erfahren wir das Nichts? Das, so Heidegger, k\u00f6nnen wir schon rein logisch nicht positiv beantworten. Wir k\u00f6nnen das nur in einem Gef\u00fchl erfahren, das nicht reaktiv ist, sondern existenziell. Heidegger sagt: in der Angst. Warum Angst? Warum das Nichts? Warum diese Fixierung auf den Tod? Ich habe lange gebraucht, das wieder zu vergessen. Das Vergessen ist eine schwierige Kunst. Was ich aber f\u00fcr mich behalten habe, ist die Einsicht, dass es o.k. ist, bestimmte Fragen nicht rational zu beantworten. Das war f\u00fcr mich eine Offenbarung.<\/p>\n<h2>Mystik<\/h2>\n<p>Mir ist das mystische Denken oft sehr fremd: Die Grundannahmen (Axiomatik) sind oft alles andere als transparent, die Argumentationsform irrational oder rhetorisch, die Einsichten intuitiv, der Geltungsanspruch ausgreifend. Es gibt nat\u00fcrlich unz\u00e4hlige Arten mystischen Denkens. Im Kern geht es aber doch darum, die Grenzen des Wissens &#8211; und die gibt es &#8211; zu \u00fcberschreiten. Da wo Wissen aufh\u00f6rt, f\u00e4ngt Theologie und Mystik an. Da sind wir von Gef\u00fchlen getragen. Deshalb sprechen diese Denksysteme so viel von Liebe und Tod, von Grenzerfahrungen. In der kapitalistisch gepr\u00e4gten &#8218;westlichen Kultur&#8216; ist das ein Tabu geworden. Bzw. wir haben das einfach verlernt.<\/p>\n<p>Sri Aurobindos Savitri&#8216; ist ein Opus Magnum, das diese Grenze \u00fcberschritten hat. Sein philosophisches Werk &#8218;Das g\u00f6ttliche Leben&#8216; versucht, auf existenzielle Fragen rational zu antworten, in Savitri antwortet er mystisch. Mir ist, au\u00dfer Spinoza vielleicht, kein Autor bekannt, der das so radikal zweifach versucht hat. Die Schriften seiner Lebensgef\u00e4hrtin Mirra Alfassa erg\u00e4nzen das.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich lebe in einer hyperkomplexen Gesellschaft. Das merke ich schon an politischen und gesellschaftlichen Themen, die eigentlich niemand mehr so wirklich in ihrer Komplexit\u00e4t erfassen kann. Wir k\u00f6nnen uns an Prinzipien festhalten, z. B. Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit, R\u00fccksicht, Nachhaltigkeit etc.. Im Konkreten wird es dann aber auch schon schwierig. 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