{"id":1734,"date":"2022-08-26T09:12:27","date_gmt":"2022-08-26T09:12:27","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=1734"},"modified":"2025-08-10T15:14:56","modified_gmt":"2025-08-10T09:44:56","slug":"kinematograf-bilder-des-denkes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/kinematograf-bilder-des-denkes\/","title":{"rendered":"Kinematograf &#8211; Bilder des Denkens"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend der Meditation schaue ich oft meinem Denken zu, lasse die Gedanken kommen und gehen und versuche, das Denken zu entschleunigen. Gedanken kommen und gehen, und oft verstehe ich nicht, woher sie kommen, und warum sie irgendwann von einem ganz anderen Gedanken abgel\u00f6st werden. Welche Assoziationskette ist da am Werk? Diese Gedankenketten scheinen zuf\u00e4llig zu sein, angesto\u00dfen von Erlebnissen, die noch nachklingen und weiterverarbeitet werden.<\/p>\n<p>Mich erinnert das an einen philosophischen Gedanken. Es f\u00e4ngt mit einer Beobachtung von Henri Bergson an. Er beschreibt den Kinematografen, einen Apparat aus dem sp\u00e4ten 19. Jahrhundert, der sowohl Filme aufnimmt, als auch abspielen kann. Der Kinematograf nimmt viele Bilder pro Sekunde auf. In der Filmtheorie spricht man von 25 Frames per Second, nehmen wir ruhig diese Zahl. Also 25 Bilder pro Sekunde. Wenn so viele Bilder hintereinander projiziert werden, haben wir die Illusion von Bewegung, das ist die Magie des Kinos. Nat\u00fcrlich, die Bewegung ist lediglich in den Zahnr\u00e4dern des Kinematografen, die wahrgenommene Bewegung der Gegenst\u00e4nde auf der Leinwand ist eine L\u00fcge. Bergson ist da sehr deutlich. Das Kino k\u00f6nne nicht das Leben einfangen. Der <a href=\"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/elan-vital-lebensschwung\/\">Elan Vital<\/a> findet sich nicht im Kino. Das leuchtet erstmal ein.<\/p>\n<h2>Walter Benjamin<\/h2>\n<p>Walter Benjamin war da etwas optimistischer. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit besch\u00e4ftigt sich damit. Die Fotografie bedroht die Malerei, vielleicht&#8230; ich bin mir da nicht so sicher. Die Aura ginge verloren im technisch reproduzierten Bild, ja wahrscheinlich&#8230; hier h\u00f6rt die Rezeption von Benjamin dann aber oft schon auf. Interessant wird es bei Benjamin aber danach, wenn er \u00fcber das Kino spricht. Die 25 Bilder pro Sekunde befreien die Schauspieler von dem Zwang der B\u00fchne, durch den Schnitt k\u00f6nnen andere Narrative entstehen, der Raum, die Zeit werden zum Objekt k\u00fcnstlerischer Gestaltung. Die Kunst nutzt die M\u00f6glichkeiten des Kinematografen kreativ.<\/p>\n<h2>Gilles Deleuze<\/h2>\n<p>Gilles Deleuze treibt das quasi auf die Spitze. Seine B\u00fccher \u00fcber das Kino sind legend\u00e4r unverst\u00e4ndlich. Er f\u00e4ngt mit der Diskussion von Bergsons Kinematografen an. Deleuze teilt Bergsons Analyse, Bergsons Fehler sei aber, den Gedanken nicht zu Ende gedacht zu haben. Die Einzelbilder, die die Bewegung nur als Illusion erzeugen k\u00f6nnen, haben gar nicht die Aufgabe, Realit\u00e4t zu kopieren, lebendig zu sein. Sie sind, so Deleuze, Gedanken auf Celluloid. Kino ist reine Philosophie, der Filmstreifen fixiertes Denken. Nirgendwo sonst ist das Denken so real festgehalten wie im Kino. \u00dcber Kino nachzudenken, ist deshalb Philosophie zu betreiben. Deshalb sind Deleuze Analysen von Filmen so unverst\u00e4ndlich. Wenn wir die Geschichte hinter dem Film suchen, dann sind wir bei Deleuze v\u00f6llig falsch. Wenn wir aber Film als philosophisches Medium begreifen, dann hat Deleuze die Latte sehr hoch geh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Wenn ich meditiere, so schaue ich manchmal meinen Gedanken zu. Das erinnert mich an Deleuze &#8218;Filmtheorie&#8216; (er h\u00e4tte das wohl nie so genannt). Bei Deleuze gibt es keine Theorie, f\u00fcr ihn gibt es nur das Denken selbst. Er hat da einiges beigetragen, und wie er selbst in seinem ABCDaire sagt, kann man sich schon sehr gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, wenn man in seinem Leben eine Handvoll neuer Ideen gefunden hat. Die Bewegung des Denkens ist ein Abenteuer, Philosophie ist seine reinste Form. Theorie: Ihr Tod. Deleuze lesen hei\u00dft, ihn anders zu denken. Ihn zu referieren, w\u00e4re vielleicht gar eine Beleidigung.<\/p>\n<p>2016 bin ich zum ersten Mal nach Indien, ich habe die Reise ReadingDeleuzeinIndia2016 genannt, ich habe das Jahr entfernt, und es ist der Titel dieses Blogs geworden. Warum in Indien? Weil Deleuze Art zu denken letztlich zutiefst spirituell ist. Er w\u00fcrde da nicht zustimmen, aber vielleicht w\u00fcrde es ihn freuen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend der Meditation schaue ich oft meinem Denken zu, lasse die Gedanken kommen und gehen und versuche, das Denken zu entschleunigen. Gedanken kommen und gehen, und oft verstehe ich nicht, woher sie kommen, und warum sie irgendwann von einem ganz anderen Gedanken abgel\u00f6st werden. Welche Assoziationskette ist da am Werk? 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