{"id":1587,"date":"2022-08-23T17:19:39","date_gmt":"2022-08-23T17:19:39","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=1587"},"modified":"2025-08-10T15:11:37","modified_gmt":"2025-08-10T09:41:37","slug":"ideengeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/ideengeschichte\/","title":{"rendered":"Ideengeschichte"},"content":{"rendered":"<p>Ich liebe die Komplexit\u00e4t, manchmal aber auch die radikale Vereinfachung \u2013 um etwas Klarheit zu bekommen. Z. B. die Ideengeschichte in der bildenden Kunst. In Europa, nach der gro\u00dfen V\u00f6lkerwanderung, l\u00e4sst sich die Kunstgeschichte als Ideengeschichte holzschnittartig skizzieren:<\/p>\n<ul>\n<li>In der mittelalterlichen Kunst wurden Geschichten visuell erz\u00e4hlt &#8211; haupts\u00e4chlich die Geschichten der Bibel. Die meisten Menschen konnten ja nicht lesen, schon gar nicht Latein, oder Griechisch. Die Holztafelmalerei der Alt\u00e4re ist also eine Art Comic, und ebenso frei in der r\u00e4umlichen Ordnung, Perspektive, Relation der Objekte.<\/li>\n<li>In der Renaissance wurden Konstruktionsprinzipien des Verstandes angewendet: Zentralperspektive, Farbtheorie, visuelle Effekte wie Sfumato etc&#8230; Es ging darum, zu zeigen, dass K\u00fcnstler eine Illusion konstruieren k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Im Barock wurde der Raum gefasst. Der Kirchenraum wurde gefaltet, die Sinne stimuliert, die Malerei verf\u00fchrte, die (Kunst-)Gegenst\u00e4nde standen f\u00fcr sich selbst.<\/li>\n<li>Im Rokoko wurde der Adel belustigt. Teils sehr schlechter Geschmack und Innenarchitektur dienten als Spektakel &#8211; h\u00f6fisch, dekadent.<\/li>\n<li>Der Klassizismus war eine ethische Korrektur. Die klassischen Werte und Prinzipien der Antike wurden wieder heraufbeschworen.<\/li>\n<li>Im Realismus ging es nun zum ersten Mal wirklich darum, die Welt, wie wir denken, dass sie sei, k\u00fcnstlerisch zu fassen. H\u00fcbsch und h\u00e4sslich, banal und erhebend&#8230;<\/li>\n<li>Im Impressionismus dann die philosophische Reflexion auf den eigenen Wahrnehmungsapparat. Wir k\u00f6nnen ja nur das darstellen, was wir wahrnehmen. Die Realit\u00e4t jenseits unserer Sinne entzieht sich der Darstellung.<\/li>\n<li>In der Abstraktion, die eigentlich gar keine ist, geht es um innere Formen des Geistes.<\/li>\n<li>&#8230;<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es lie\u00dfe sich eine beliebig lange Liste solcher radikalen Vereinfachungen anfertigen. Sch\u00f6n ist aber zu sehen, dass es hier eine dialektische Bewegung gibt. Etwas Neues wird ausprobiert, bis erkannt wird, dass eine Grenze erreicht wurde. Die Gestaltungsprinzipien verkehren sich ins Gegenteil. Dies ist Fortschritt, sagen wir. Die &#8218;europ\u00e4ische Elite&#8216; wird immer &#8218;besser&#8216;. Es mag etwas dran sein an dieser Ideengeschichte, aber was wird hier sichtbar? Was kann zu bestimmten Zeiten warum nicht formuliert werden? Sind Delacroix\u2019 Zeichnungen nicht reiner Impressionismus? Ist Gr\u00fcnewalds Portr\u00e4tkunst nicht reiner Realismus? Und ist die Formensprache mittelalterlicher Kunst nicht reine, konkrete Kunst?<\/p>\n<h2>Kunst Theorien<\/h2>\n<p>Wer hat diese Geschichte erz\u00e4hlt? Vasari, Gombrich, Panofsky? Warum wurde sie so erz\u00e4hlt? Und wer hatte zuvor gesammelt und aussortiert in den Wunderkammern und Kuriosit\u00e4tenkabinetten, den Privatsammlungen von Schlossherren und den Priestern der Kirchenr\u00e4ume? Und was wurde in den Revolutionen verbrannt, das wir danach nie mehr zu Gesicht bekommen haben?<\/p>\n<p>Ich habe immer ein philosophisches Interesse an den Medien der Kunst gehabt. Selten habe ich die K\u00fcnstlerbiografien angeschaut. Die philosophische Kunstkritik eines Roland Barthes z. B. fand ich immer spannender, oder philosophische Theorie von Danto, Deleuze oder Foucault. Auch hier lie\u00dfe sich eine lange Liste erzeugen, auch hier geht es nicht um die einzelnen Details. Die Perspektive ist wichtig. Kunst entsteht im Betrachter. Kunst ist neben \u00e4sthetischer Erfahrung f\u00fcr mich auch immer Denkarbeit\u00a0 &#8211; gewesen. Das hat sich f\u00fcr mich nun ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Die Geschichte des Fortschritts oder der Reflexion, des Expertentums und der Kontextualisierung, die philosophische Medienanalyse und jede Art von Wertsch\u00f6pfung, ideologischem \u00dcberbau und Machtstruktur verlieren zunehmend mein Interesse. Die Kunst ist tot, lang lebe die Kunst. Das war nicht nur zur Zeit der Avantgarde ein beliebtes Motto. Es dr\u00fcckt aus, wie eine Gesellschaft mit Kunst umgeht. Sie ist ein Objekt, ein sehr interessantes Objekt, jedoch ein Objekt. Das Geistige in der Kunst, wie Kandinsky z. B. es sah, geht in der Ideengeschichte unter. Die Museen als s\u00e4kulare Kunsttempel, und die Galerien als kapitalistische, ideologische Verst\u00e4rker treiben der Kunst das Geistige aus. Wenn die Kunst im Betrachter liegt, dann ist sie \u00fcberall, am wenigsten jedoch in den Museen, Galerien, Kirchen und Sammlungen.<\/p>\n<h2>Erwartungen<\/h2>\n<p>Vielleicht ist aber meine Erwartung einfach zu hoch. Kunst ist doch in unserer Kultur das h\u00f6chste Gut, so lernte ich es. In ihr treffen die menschliche Erfahrung, das Wissen und die Bildung, die Perfektion, der Genuss und die Reflexion aufeinander. Kunst ist die h\u00f6chste Kunst. Ihr geb\u00fchrt Respekt, sie ist Inspiration, im Genie vollkommen und f\u00fcr Normalb\u00fcrger unfassbar.<\/p>\n<p>Vielleicht sollten wir die Kunst wieder von diesem Podest nehmen und als Kunsthandwerk sich in Beliebigkeit verlieren lassen. Vielleicht sollten wir aber auch die Kunst als das enttarnen, was sie ist, immer auch eine L\u00fcge. Einen gemalten Apfel kann ich schlie\u00dflich nicht essen. Kunst ist f\u00fcr mich aber vor allem eins: Gegenstand von Meditation. Kunst ist Konzentration und Offenheit. Kunst verlangt nach Interpretation durch Anschauung. Nur so ist sie lebendig. Ich kann sie \u00fcberall finden, auch in Museen, Galerien, Kirchen und Sammlungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich liebe die Komplexit\u00e4t, manchmal aber auch die radikale Vereinfachung \u2013 um etwas Klarheit zu bekommen. Z. B. die Ideengeschichte in der bildenden Kunst. In Europa, nach der gro\u00dfen V\u00f6lkerwanderung, l\u00e4sst sich die Kunstgeschichte als Ideengeschichte holzschnittartig skizzieren: In der mittelalterlichen Kunst wurden Geschichten visuell erz\u00e4hlt &#8211; haupts\u00e4chlich die Geschichten der Bibel. 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